Relotius und ich

Die Affäre um gefälschte Reportagen beim „Spiegel“ treibt mich um. Ich bin wütend, weil ein solches Verhalten das ohnehin schwer angeknackste Vertrauen in klassische Medien weiter untergräbt, ich bin aber auch aus ganz persönlichen Gründen wütend. Um es im „Spiegel“-Pathos zu sagen: Ich fühle mich in meiner Berufsehre gekränkt, und das gilt auch für viele meiner KollegInnen. Heruntergezogen von einem, der mit hohem Einsatz ein schmutziges Spiel gespielt hat. Ich fürchte mich vor steigendem Misstrauen, vor einer weiteren Entfremdung zwischen Journalisten und Lesern. Was ich dagegentun kann? Genau dasselbe, das der „Spiegel“ tut, nur mit meinen eigenen Mitteln: Ich habe aufgeschrieben, wie ich arbeite. Wie ich Protagonisten suche, wie mühsam das sein kann und wie enorm beglückend. Auch wenn mein Maßstab, meine Ansprüche andere sind. Warum es mich ärgert, wenn man meinen Auftraggebern, Frauen- und Familienmagazinen, so oft Unredlichkeit vorwirft. Und wo ich den entthronten Kollegen sogar zähneknirschend verstehen kann.

1.) Der „Geile-Geschichte“-Reflex: Wo ich ähnlich ticke wie Claas Relotius

Jede Journalistin, jeder Journalist braucht ein Quäntchen Reporterglück. Auch ich hatte und habe in meinem Berufsleben immer wieder diese Momente, in denen ich denke: Das ist jetzt zu schön, zu perfekt oder schlicht zu passend, um wahr zu sein. Solche Momente gibt es immer und überall. Sehr nah: Als mir eine Mutter in der Kita-Garderobe von ihrer Hebamme erzählte, die Hunderte von Geburten begleitet hat und gerade mit 42 zum ersten Mal ein Baby erwartet. Sehr fern: Als ich in einem Klamottenladen in einem südindischen Dorf von einer Frau mit blonden Rastalocken und norddeutschem Slang begrüßt wurde, die es der Liebe wegen dort hin verschlagen hatte. Als ich im spanischen Cadaqués den alten Schreiner kennen lernte, der Salvador Dalí ein Bett gebaut hat. Oder im digitalen Raum: als ich für ein Themenheft „Sport“ einfach mal googelte,  ob ich für ein Porträt eine Sporttrainerin mit Behinderung finde und auf der Seite einer Zumba-Lehrerin mit Querschnittslähmung landete. Das sind Geschichten, die berühren, neugierig machen, die gelesen und geschrieben werden wollen.

Manchmal entdeckt man die Nadel im Heuhaufen nach langer Fahndung, und manchmal findet man etwas im Heu, das man gar nicht gesucht hat. So ähnlich höre ich es von vielen Kolleginnen, die ein ähnliches Themenfeld beackern, wir sind in der Regel kollegial und helfen uns häufig gegenseitig mit Kontakten und Tipps aus. Zugegeben: Das ist nicht die Liga „Ich finde den einzigen Abtreibungsarzt von Missouri/ den Jungen, der den Syrienkrieg ausgelöst hat/ den größten Hillbilly im Mittleren Westen.“ Aber die bescheidenen Beispiele aus meinem Berufsumfeld haben einen gewissen Charme: Sie sind nicht erfunden. Anders als eine ganze Reihe von besonders spektakulären Protagonisten in den Texten von Claas Relotius.

 Menschen interessieren sich für Menschen – dieser Grundsatz gilt immer und überall. Geschichten, Texte, Themen werden anschaulicher, wenn es jemanden gibt, der sie verkörpert. Manchmal ist die Biographie allein auch schon Thema genug, steht für etwas Größeres. Seit 25 Jahren arbeite ich als Journalistin, und ich habe es immer als einen besonders schönen, herausfordernden, aber manchmal auch mühseligen Teil meiner Arbeit gesehen, solche Menschen zu finden. Als ich in den Neunzigern anfing, lief das noch per Telefonkette – kennst du jemanden, der jemanden kennt, der…? – , später über Mails („gerne weiterleiten“), seit einigen Jahren hilft ein gut gepflegtes Social Media-Netzwerk bei der Kontaktanbahnung. Und noch immer gibt es die gute alte Reporter-Methode: rausgehen, mit Leuten ins Gespräch kommen, Vertrauen gewinnen. Manchmal nicht locker lassen. Manchmal auch loslassen.

Lange nicht jeder Mensch, der eine interessante Geschichte zu erzählen hat, möchte sie öffentlich machen, völlig berechtigt. Und es hat auch Themen gegeben, die mich an den Rand der Verzweiflung gebracht haben. Vor allem, wenn die Vorgabe der Redaktion ist, dass die Interviewpartner mit Namen genannt werden und für Fotos zur Verfügung stehen müssen. Oft war ich dabei verblüfft, wie viele Menschen davon ausgehen, dass gerade in Frauen- und Familienmagazinen ein Großteil dieser Geschichten „fake“ sei – „Die denkt ihr euch doch aus!“ Nein, tun wir nicht, jedenfalls weder ich noch die Kollegen und Kolleginnen, mit denen ich zusammenarbeite, bei „Brigitte“ und „Barbara“, „Eltern“, „Myself“ und wie sie alle heißen.

Um mit einem weiteren Vorurteil aufzuräumen: Es gibt – jedenfalls in meinem Arbeitsumfeld – keine Gagen dafür, wenn sich jemand interviewen und/oder fotografieren lässt. Allenfalls eine kleine Aufwandsentschädigung, wenn Menschen beispielsweise von weiter weg extra für eine Fotoproduktion im Studio anreisen. Die monetäre Ausbeute ist jedenfalls mager und dürfte in den seltensten Fällen der Grund sein, mit einer Journalistin/einem Journalisten zu sprechen.

Ob es nicht doch auch in meinem Umfeld schwarze Schafe gibt, die erfinden, umschreiben, faken? Möglich. Wahrscheinlich. Auch wenn ich es nicht erlebt habe. Nochmal zu Claas Relotius: Ich kann schon nachvollziehen, wie man der Versuchung erliegen kann, sich einfach den perfekten Protagonisten zu stricken, wenn keiner hinschaut. Weil das betroffene Land so weit weg ist, weil dort ohnehin kaum einer den „Spiegel“ auf deutsch liest. Trotzdem erstaunlich, dass jemand in einer so klein gewordenen Welt glaubt, er käme damit auf die Dauer durch. Vielleicht ist das so, vielleicht hält man sich für unverwundbar, wenn man mit Anfang 30 als Shooting-Star der Reporterszene gehandelt wird. Ich weiß es nicht, ich war nie annähernd in der gleichen Situation.

2.) Der schmale Grat zwischen Distanz, Respekt und Mitgefühl

Von vielen schier unglaublichen Fälschungen, die dem Reporter bislang nachgewiesen worden sind, hat mich eine besonders unangenehm berührt: die von Fergus Falls. Eine Kleinstadt in den USA, in der sich Relotius für einige Zeit eingemietet hatte, um dort dem Zeitgeist der Trump-Ära nachzuspüren. Er hat dort tatsächlich mit Menschen gesprochen und sie auch namentlich zitiert – er hat dabei aber, so schreiben es die Bewohner von Fergus Falls in einer ausführlichen Stellungnahme, realen Personen schier unglaubliche Attribute angehängt, so diffamierend wie unwahr. Ein junger Mann, der „noch nie eine Frau hatte“ und„noch nie den Ozean gesehen hat“, wird in diesem sehr lesenswerten Beitrag gezeigt – mit seiner Freundin, am, haha: Strand.

Nun wäre es sicherlich blauäugig, jede dieser Gegendarstellungen ihrerseits kritiklos und ungeprüft einfach so hinzunehmen. Und natürlich setzen sich Leute zur Wehr, wenn sie sich ungerecht dargestellt sehen. Worauf ich hinaus will: Es ist immer wieder eine Herausforderung, Gesprächspartner nicht nur ernst zu nehmen, sondern die richtige Mischung zu finden aus „mein Gesprächspartner hat die Kontrolle, was von ihm veröffentlicht wird und was nicht“ und „ich habe die Deutungshoheit und bestimme die Dramaturgie eines Textes.“ Ja: Interviewpartner müssen damit leben, dass wir Journalisten auswählen, kuratieren, zusammenstellen und auch werten. Journalisten sind keine Pressesprecher und keine Ghostwriter. Wir dürfen aber beispielsweise nicht Zitate unzulässig zuspitzenoder gar aus dem Zusammenhang reißen, wie es uns gefällt. Dass wir nicht einfach erfinden und behaupten dürfen – nun, das wird nicht in der Journalistenschule gelehrt, schlicht, weil es so selbstverständlich ist.

 Gerade bei wenig medienerfahrenen Menschen empfinde ich es in meinem Berufsalltag auch als meine Aufgabe, gemeinsam auszuwählen. Notfalls auch mal einen Gesprächspartner vor sich selbst zu schützen, der mir private Dinge erzählt und vielleicht nicht die Konsequenzen überblickt, wenn das so in die Welt gelangt. Ich erlebe es häufig als ein gemeinsames Ringen um Wahrheit, wenn ich Protagonisten ihre Protokolle oder Zitate nochmal zuschicke und beide Seiten um Formulierungen kämpfen. Die deutsche Sprache? Google Translate ist mittlerweile immerhin weit genug, dass auch englischsprachige Gesprächspartner, die ich gelegentlich habe, meine deutschen Interviews bzw. Passagen aus Texten gegenlesen können.

Einen weiteren schmalen Grat möchte ich nur kurz miterwähnen: den zwischen Gesehenem, Erlebtem und Gehörtem. Mancher wird sich an eine Diskussion erinnern, die ebenfalls beim „Spiegel“ stattfand und in der es um eine Modelleisenbahn in Horst Seehofers Keller ging. Der Autor wusste vom Hörensagen, dass es sie gab, beschrieb sie aber, als sei er persönlich mit in den Keller gestiegen, um Seehofer beim Weichenstellen zuzusehen. Das kostete ihn einen Journalistenpreis. Schwieriges Thema. Ich erinnere mich an eine eigene Reportage über eine Extrem-Fallschirmspringerin, in der ich – natürlich – während des Sprungs aus 10.000 m Höhe nicht dabei war, mir aber im Nachhinein minutiös habe erzählen lassen, wie sie sich gefühlt hat, was sie gesehen, gerochen, gehört hat, und das dann realitätsnah aufgeschrieben habe. Ich habe dabei aber nicht bewusst klar gemacht: Achtung, das habe ich nicht mit eigenen Augen gesehen. Ich war eher stolz darauf, wie plastisch die Textpassage trotzdem wurde. Sicherlich ein Punkt, bei dem ich nochmal mein eigenes Tun reflektieren sollte.

3.) Die Kontrollmechanismen: ein Netz mit (zu) weiten Maschen

Kontrollieren mich meine Auftraggeber, ob meine Interviewpartner real sind, ob die Fakten stimmen? Nicht direkt, es gibt auch in den meisten Häusern nicht mehr die minutiöse Dokumentation, die sich der „Spiegel“ noch leistet, meist gar keine mehr. Keine Redakteurin, kein Redakteur hätte in personell extrem eng besetzten Teams heute überhaupt die Muße, auch nur Stichproben zu machen à la: Lass mich auch mal mit dem telefonieren. Das ist in den meisten Fällen allerdings schon von daher nicht nötig, als dass die Protagonisten meiner Geschichten meistens (a) fotografiert werden – dann geht eine Mail mit ihren Kontaktdaten an die Fotoredaktion -, oder (b) aufgefordert werden, eigene Fotos zu schicken, und/oder (c) ihre Textpassagen nochmals von mir zur Abnahme bekommen. Weshalb es immer nochmal eine Korrekturschleife gibt, bei mir gottlob meistens mit einem Mail-Betreff wie „Mini-Änderungen xy“.

Generell stellt sich aber nach der Causa Relotius eine Grundsatzfrage: Müssen die Redaktionen wirklich misstrauischer sein gegenüber Festen wie Freien? Stichproben machen? Nicht mehr gutgläubig erwarten, dass ihnen verdiente Mitarbeiter keine haarsträubenden Lügengebäude auftischen, aus Ruhmsucht, aus der Versuchung, schnell mit wenig Aufwand ein wenig Kohle zu machen? Oder stimmt vielleicht im Gesamtsystem was nicht?

4.) Drinnen und draußen: wozu die ökonomischen Rahmenbedingungen uns treiben

Es gibt ein wunderbares Netz-Video meines geschätzten Kollegen Jakob Vicari von den Freischreibern, das vor einigen Jahren gedreht wurde, um auf die oft miserablen Arbeitsbedingungen freier Journalisten hinzuweisen. Darin fährt er auf einem klapperigen Herrenrad am Elbdeich entlang und sucht nach Al-Qaida.

Es ist irre lustig und zum Heulen. Denn: Ja, es gibt leider gute Gründe, warum die Situation so ist wie ist – den Verlagen geht es schlecht, die Printmedienkrise trifft alle, und wenn man das Pech hat, in einem sehr teuren Land auf Reportage geschickt zu werden, wird das magere Honorar oft fast von den Lebenshaltungskosten aufgefressen, ganz wörtlich. Denn Verpflegungsspesen gibt’s für Freie schon lang keine mehr, jedenfalls mehrheitlich.

Ich schreibe diese altbekannte Tatsache hier nochmal so ausführlich auf, denn wenn ich von den Arbeitsbedingungen der fest angestellten „Spiegel“-Kollegen lese, dann, ich gestehe: packt mich spontan der Sozialneid. Wochenlang vor Ort recherchieren dürfen und notfalls auch mal nach Hause kommen und sagen: sorry, war nix, gab keine Geschichte? Könnte man sich, so schreibt es jedenfalls Chefredakteur Ullrich Fichtner, auch mal leisten, ohne danach Ärger zu bekommen. Okay: Mal abgesehen vom Verlust von Ruhm und Ehre, und dass man sich dann möglicherweise eine Weile mit einem Schlappschwanz-Image herumschlägt. Aber immerhin: Es wäre kein Kündigungsgrund.

Bei uns da draußen, auf dem freien Markt, sieht das anders aus: Kein Text heißt kein Honorar (vielleicht auch keine Folgeaufträge), keine Protagonisten heißt kein Honorar (dito!), und wenn der Redaktion die vorgeschlagenen Protagonisten nicht gefallen, dann heißt es eben neu suchen, für, na? genau: kein zusätzliches Honorar.

Das ist schon in Ordnung, dazu sind wir Freiberufler, wir tragen unser Risiko selbst, wenn auch nicht alle von uns freiwillig (ich schon). Aber da kommt wieder der Moment, in dem sich die Systemfrage stellt, und zwar in mehrere Richtungen. Zum einen in Sachen Selbstverständnis: Müsste nicht neben dem Reporter-Ehrgeiz auch der Mut gefördert werden, eine Niederlage einzugestehen? Statt eine dünne Faktenlage so aufzublasen, dass doch noch was draus wird? Auf der anderen Seite: Sägen nicht viele durchaus seriöse Blätter an dem Ast auf dem sie sitzen, wenn sie Freie bei der Qualität genau auf denselben Mindeststandard drücken, auf dem die Bezahlung angekommen ist? Ja, ich finde auch: Viele Geschichten – inklusive manche meiner eigenen – könnte man besser machen, mit einer zusätzlichen Umdrehung Recherche, mit einer noch intensiveren Fallsuche, mit mehr Gegenchecks und Hintergrundgesprächen. Allein, es hängt, woran es so oft hängt: am Geld. Money, Macht und Eitelkeit – danach sollten wir fragen. Jede und jeder für sich, aber auch in den Redaktionen.

Neues aus meinem Kopf, Teil 1: Von fiesen Zwergen und dicken Riesen

Am Anfang war das Wort? Von wegen: Am Anfang war der Selbstzweifel. Warum wir Schreiber alle so einen Quälgeist mit uns herumschleppen, was gegen ihn hilft, und warum Männer ihn anders nennen als Frauen

Ich habe eine gute Freundin, die hat einen eigenen Zwerg. Ja, »hat« ist hier das richtige Wort, denn sie besitzt ihn nicht, eher besitzt er sie, jedenfalls gelegentlich. Manchmal bleibt er über Wochen und Monate weg, wo er sich dann rumtreibt, ist unklar, aber kaum lässt sie ihren Rechner hochfahren, um an ihrem Romanprojekt weiterzuschreiben, ist er in Nullkommanix zur Stelle. Er steht so rum und guckt, und sie weiß schon, was kommt, ehe er den Mund aufmacht.

»So«, hämt er schließlich drauf los, »wir wollen wohl Schriftstellerin werden, wenn wir groß sind, was? Wir glauben wohl allen Ernstes, die Welt hätte auf uns gewartet und wir was zu sagen, was? Wir halten uns wohl für total gelungen, was?« Manchmal hält sie sich dann die Ohren zu, manchmal pampt sie zurück, wahrscheinlich singt sie manchmal lautstark vier Strophen vom »Hamburger Veermaster« auf Plattdeutsch, um sein Gestänker nicht mehr hören zu müssen. Aber es nützt nichts, allein sein Anblick macht jedes Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zunichte. Wenn’s gut läuft. Wenn’s schlecht läuft, fängt sie gar nicht erst an zu schreiben.

Ich habe auch so einen Zwerg, auch wenn er sich bei mir selten in dieser Daseinsform materialisiert. Sondern abstrakter. Eine giftgrüne Brille, die ich manchmal aufhabe, wenn ich zwei, drei Tage später lese, was ich zuletzt geschrieben habe. Und die ich einfach nicht absetzen kann. Durch sie sehe ich einen Friedhof schiefer Bilder, eine Ansammlungen von Sätzen, die mangelnde Substanz durch Schwatzhaftigkeit wettmachen, Dialoge, die weder kunstvoll sind noch realistisch. Und zwar ausnahmslos. Dann denke ich: Kein Wunder, dass die Anzahl der absoluten Nichtleser in Deutschland bei mittlerweile 25 Prozent liegt. Warum sollten die ein Buch in die Hand nehmen, oder gar meins?

Früher hatte ich einen Trick, aus solchen Talentkrisen unbeschadet rauszukommen: Ich bin in eine Buchhandlung gegangen und habe aufs Geratewohl zwei Titel vom Stapel gezogen, maximal drei, vier, und beim Reinlesen immer die gleiche Erfahrung gemacht. Ein Teil davon war so, dass ich wusste, unter dieser Latte konnte ich erhobenen Hauptes durchmarschieren, denn die würde ich niemals überspringen. Ein anderer aber auch so, dass ich mich ernsthaft wunderte: Weshalb hat jemand gerade diesen Wörtern in gerade dieser Reihenfolge ein Zuhause zwischen Buchdeckeln gegeben? Danach ging’s mir besser. Aber im Lauf der Jahre hat sich das abgenutzt, und gleichzeitig sind meine Ansprüche an mich selbst gewachsen.

Was ich mich manchmal frage: Geht’ s eigentlich den männlichen Kollegen ähnlich, oder ist das mal wieder so ein mieses fieses Frauending? Die Selbstzweifel weiblicher Autorinnen, selbst derer, die darüber wirklich erhaben sein sollten, sind fast ein eigenes literarisches Genre. Ingeborg Bachmann, zum Beispiel, soll wie ein Tier gelitten haben, wenn sie Tag für Tag die gleichmäßigen Tastenanschläge aus Max Frisch’ Arbeitszimmer hörte, ratt-tatt-tatt, während sie sich an einem Gedicht abarbeitete, das einfach nicht zur Welt kommen wollte. Und die Autorin Inger-Maria Mahlke, immerhin gerade auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises, erzählte letzte Woche einem Spiegel-Reporter, dass sie jeden Morgen eine Stunde weinend am Schreibtisch sitzt, ehe sie sich überwindet und weiterschreibt.

Nun kann man sich fragen, ob das nicht ein wenig larmoyante Selbststilisierung ist – hallo, ich bin die Heilige Schmerzensmutter der Literatur! –, aber es fällt schon auf: von den männlichen Kollegen hört man in dieser Hinsicht nichts. Beziehungsweise: Man hört schon was, aber das heißt dann markig »Schreibblockade«. Das klingt nach einer ernstzunehmenden Diagnose und zugleich nach höherer Gewalt – kann man nix machen, da hilft auch kein Orthopäde, tut aber sauweh. In anderen Berufsständen kennt man das nicht so. Schon mal von einem Klempner mit Rohrverlegungsblockade, oder einer Erzieherin mit Erziehungsblockade gehört?

Ich war schon am Überlegen, ob ich mir vielleicht auch so eine handliche Schreibblockade zulege, quasi als Profi-Äquivalent zur grünen Missgunstbrille. Und meiner Freundin gleich eine mitbesorge, die gibt es vielleicht günstiger im Doppelpack. Bis uns dann eine weitere, schreibende Bekannte auf eine viel bessere Idee brachte. Die erzählte, dass sie auch so einen Quengelzwerg hat. Und dass sie sich deshalb dazu so einen großen, dicken, gemütlichen und wortkargen Obelix angeschafft hat, der beim Schreiben hinter ihr steht. Taucht der Zwerg auf, hört sich Obelix sein Gezeter eine Weile an, klopft sich dann – tock-tock-tock – an die Stirn und gibt dem Zwerg wortlos einen auf die Rübe. Das hat er beim Römerverhauen geübt. So einen will ich  auch.

Er dürfte nicht schwer zu bekommen sein: Alles was wir brauchen, erfinden wir uns einfach. Wir sind Schriftstellerinnen. Wir dürfen das.

»Lesen und Schreiben« – mein neues Blogprojekt

Und was machen Sie so beruflich? Auf diese Smalltalkfrage antworte ich gerne mit »Lesen und Schreiben«, auch wenn das natürlich nicht ganz richtig ist – man telefoniert ja auch mal oder spricht persönlich mit Interviewpartnern, einer Lektorin oder Redakteurin. Es ist aber auch ein treffendes Motto für mein neues Blogprojekt: Wie fast alle Autorinnen und Autoren bin ich gleichzeitig passionierte Leserin. »Writers are readers who have spilled over« lautet ein Bonmot, dessen Urheber ich nie habe ermitteln können (wenn’s jemand weiß, bitte Bescheid sagen!), und genau darüber möchte ich künftig bloggen: Leseerlebnisse, die Umstände meines eigenen Schreibens, und was das eine mit dem anderen zu tun hat. Ab Herbst 2018 in losen Abständen hier auf meiner Website.

„Menschen werden immer füreinander einstehen“

Für das Corporate-Magazin „Enkelfähig“ habe ich im April 2018 eine Gesprächsrunde moderiert zum Thema „Zukunft der Familie“. Eine spannende, auch kontroverse Diskussion!

 

Die Diskussionsteilnehmer:

Ines Imdahl, 51, ist Diplompsychologin und Gründerin des „Rheingold Salon“, eines Unternehmens mit dem Schwerpunkt Kultur- und Frauenforschung. Mit ihrem Mann hat sie vier Kinder und lebt in Köln.

Sarah Diehl, 39, ist Aktivistin und Schriftstellerin. Sie setzt sich mit der Organisation Ciocia Basia für ungewollt schwangere Frauen in Ländern ein, in denen Abbrüche gesetzlich verboten sind; 2015 veröffentlichte sie das Sachbuch „Die Uhr, die nicht tickt – kinderlos glücklich“ (Arche). Sarah Diehl lebt in Berlin in einer WG.

Andreas Rödder, 51, ist Professor für neueste deutsche Geschichte an der Uni Mainz. Seine Bücher (zuletzt: „21.0 – eine kurze Geschichte der Gegenwart“, C.H. Beck) richten sich an ein breiteres Publikum. Er ist Mitglied der CDU, verheiratet und Vater dreier Töchter.

Verena Carl: Ehe für alle, Patchwork, Regenbogen-Paare – historisch gesehen scheinen Familienformen immer bunter und vielfältiger zu werden. Oder, Herr Rödder?

Rödder: Ja und nein. Gerade für die alte Bundesrepublik haben wir ein Modell im Kopf, das wir für eine Art Normalnull halten: die Fünfziger und Sechziger Jahre, mit der klassischen Familie aus Vater, Mutter, Kindern, wie im Rama-Werbespot. Dabei ist das die historische Ausnahme. Familie ist zwar eine Konstante, schon immer haben Menschen ihr Leben miteinander geteilt. Aber die Form wandelt sich ständig: etwa von der ländlich-agrarischen Großfamilie zur bürgerlichen Kleinfamilie. Verwitwete, Wiederverheiratete, Alleinerziehende, das gab es immer. Neu ist die Pluralität von Lebensformen im Sinne von Wahlfreiheit.

Diehl: Ich frage mich dabei immer: Warum haben wir solche Angst, uns innerlich vom klassischen Konzept der Familie freizumachen?

Mann und Frau verlieben sich, bekommen Nachwuchs – was stört Sie daran?

Diehl: Nichts, das soll jeder halten wie er will! Was mich stört, sind diese pseudo-biologischen Argumente – was ist vermeintlich „natürlich“, was ist „weiblich“? Gehört ein Kinderwunsch zum Frausein? Ich denke, dass das Mutterideal eine geschlechtliche Arbeitsteilung zementieren soll, damit Frauen unbezahlte Fürsorgearbeit machen, unsere ganze Ökonomie basiert darauf. Gleichberechtigung ist nicht erreicht, nur weil Frauen in die Männerbereiche wie Lohnarbeit vorgedrungen sind.

Sie haben sich gegen leibliche Kinder entschieden und leben in einer Gemeinschaft mit Freunden. Müssen Sie sich dafür rechtfertigen?

Diehl: Nicht in meinem Umfeld, das habe ich mir ja selbst gesucht. Aber dennoch begegnet mir die Unterstellung, meine innere Uhr müsse ticken. Häufiger von Männern als von Frauen. Darüber kann ich nur noch lachen.

Imdahl: Mit Ihrer Lebensplanung sind Sie die Ausnahme. Der Trend geht in eine andere Richtung. Wir haben für den Rheingold-Salon gerade 19- bis 29jährige nach Kinderwunsch und Familienplanung befragt. Auch wenn sie noch so tolerant sind gegenüber anderen Lebensentwürfen, 80 Prozent der Befragten wünschen sich eine klassische Familie. Frauen wie Männer. In der Werteskala steht die Familie sogar über der Liebe zu Partner, übrigens auch die Freundschaft. Ein echter „Game Change“, den ich in 25 Jahren als Psychologin nicht erlebt habe.

Obwohl sicherlich viele dieser jungen Leute aus eigener Erfahrung wissen, dass Familien zerbrechen können….

Imdahl: Gerade deshalb! Die Sehnsucht nach Stabilität erwächst aus Kontrollverlusten. Nicht nur die Herkunftsfamilie kann sich als brüchig erweisen, auch die Gesellschaft gibt keinen oder wenig Halt. In den letzten 15 Jahren haben Kinder so sprechen gelernt: Mama, Papa, Krise. Ob Migration oder Finanzmärkte, immer tun sich neue Unsicherheiten auf. Darauf reagieren junge Menschen mit dem Versuch, die Kontrolle zurück zu gewinnen: Sie gehen extrem diszipliniert mit dem eigenen Körper um, kleiden sich konservativ, tun alles dafür, dass die eigene Familie heil bleibt.

Klingt nach ziemlich viel Druck.

Imdahl: Mehr Freiheit bedeutet immer auch mehr Druck. Studieren, eine Familie gründen, dabei auch noch gut aussehen – das sind ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr Optionen, sondern Pflichten. Dann kommen die Fragen: Wieso hast du kein Kind? Du brauchst doch keinen Mann dafür, geht doch heute auch anders. Oder nach einer Geburt: Wieso ist der Bauch nicht weg nach drei Monaten?

Rödder: Diese Zunahme an Maximen und Imperativen ist typisch für die Moderne! Die bürgerliche Familie ist ihr Produkt, ihr Spiegel, und gleichzeitig ihr Gegenentwurf. Denn die industrielle Gesellschaft ist geprägt von Markt, Arbeitswelt, Mobilität. Die Familie ist der Ort der Emotion, der Geborgenheit, Zugehörigkeit, jedenfalls in ihrer idealen Ausprägung. Und die Frage ist immer, was man wie bewertet. Bis in die Fünfziger galt es als Privileg, wenn Mutti kein Geld mehr verdienen musste. Dann hatte die Arbeiterfamilie es geschafft. Heute nehmen wir das im Zusammenhang mit patriarchalischen Geschlechterverhältnissen wahr.

Diehl: Ich habe den Eindruck, Mutterschaft ist Teil der Leistungsgesellschaft geworden. Frauen machen einander Konkurrenz, weil sie immer noch mehr Anerkennung im Privatleben bekommen als im Beruf: Wer gibt sich selbst am stärksten auf in der Erziehung? Wer macht sein Kind am besten fit für die moderne Arbeitswelt?

Imdahl: …und Männer haben sich da elegant rausgehalten. Die neue Norm bei jungen Familien ist: Er 40 Stunden, sie Zuverdienerin. Hausarbeit und Kinderbetreuung bleiben zum Großteil an ihr hängen.

Diehl: Gleichberechtigung kann aber nur funktionieren, wenn Männer auch die Arbeit machen, die von Frauen erwartet wird.

Aber haben sich familiäre Rollen nicht doch nachdrücklich verändert, wenn heute vermehrt junge Väter Auszeiten nehmen und sich Babys im Tragetuch vor die Brust binden?

Rödder: Ganz offenkundig. Sowohl die Beziehungen zwischen Partnern als auch zwischen Eltern und Kindern sind ganz andere als bis in die Sechziger, als Kinder eher Befehlsempfänger waren als gleichwertige Familienmitglieder. Gleichzeitig sind die Verantwortlichkeiten für Lebensbereiche doch sehr konstant geblieben.

Imdahl: Ich bin ja dafür, dass Frauen wie Männer sich frei entscheiden können, wie sie ihr Leben gestalten. Aber wenn eine Mutter freiwillig zu Hause bleibt, führt das zu negativen Konsequenzen für Unterhaltsansprüche, Altersabsicherung und so fort.

Rödder: Es hat oft ungeahnte Folgen, wenn man einen Entwurf aufwertet – so wie die Politik der letzten 15 Jahre den der berufstätigen Mutter – und dagegen einen anderen abwertet. Setzen wir einseitig Anreize für eine paritätische Aufgabenverteilung zwischen Müttern und Vätern, und übergehen damit individuelle Entscheidungen? Das ist die Gratwanderung einer liberalen Gesellschaft.

Könnte das auch der Grund sein für jene erzkonservative Gegenbewegung, die sich in Gruppierungen wie der AfD oder den „Besorgten Eltern“ formiert?

 Rödder: Ja, es kommt zu einer Polarisierung von Leitbildern. Wenn die Familienministerin keine Partei mehr für die Vollzeitmutter ergreift, dann ist diese vielleicht froh, wenn eine konservative Publizistin wie Birgit Kelle das tut. Weil sonst ihre Erfahrung in der öffentlichen Wahrnehmung kaum noch vorkommt.

Frau Diehl, bei einer freiwillig kinderlosen Frau wie Ihnen denken sicherlich viele Menschen: Beruf und Karriere waren ihr wohl wichtiger.

 Diehl: Ein Vorurteil. Auch von Frauen, die ich für mein Buch interviewt habe, habe ich gehört: Wenn ich mich diesem Mutterideal ausliefere, dann muss ich mich immer daran abarbeiten. Das will ich nicht. Ein weiteres Vorurteil ist: Kinderlose sind egoistisch. Dabei kann ich mich viel stärker gesellschaftlich engagieren, wenn ich nicht in der Kleinfamilie eingebunden bin. Ich bin eine heiße Verfechterin von sozialer Elternschaft und würde gern Familie nicht nur biologisch definieren, sondern als Netzwerk von Menschen, die aus freien Stücken verbunden sind und sich umeinander kümmern.

Aber wie belastbar ist das – in Krisenzeiten und Notsituationen?

Diehl: Gegenfrage: Wie belastbar sind Ehen? Ich glaube eher, in der typischen Konstellation sind tendenziell viele überfordert. In Kanada gibt es seit vier Jahren das „Social Guardianship“-Gesetz, da können bis zu vier Personen mit den gleichen Rechten und Pflichten für ein Kind da sein. Zum Beispiel ein alleinerziehender Elternteil, der kinderlose Freunde mit hineinnimmt in die Verantwortung. Das finde ich zukunftsweisend.

Ist es überhaupt nötig, dass der moderne Staat neuen Beziehungsformen einen rechtlichen Rahmen gibt?

Rödder: Im Grunde könnte man sagen: alles Privatsache. Ich halte den staatlichen Eingriff aber aus zwei Gründen für gerechtfertigt: Zum einen das Kindeswohl, weil ein Kind sich nicht schützen kann; zum anderen das Gemeinwohl, im Sinne der Bereitschaft, füreinander einzustehen. Das müsste aber nicht auf Ehe oder biologischer Elternschaft beruhen.

Diehl: Sage ich doch! Deshalb halte ich es auch für eine Sackgasse, dass wir so sehr an der Idee leiblicher Elternschaft hängen. Etwa wenn ich daran denke, was Frauen sich und einander antun, um auf medizinischem Wege ein Kind zu bekommen. Ich finde es recht tragisch, wenn Menschen glauben, dass sie ihr Bedürfnis nach Liebe und Gemeinschaft nur über biologische Nachkommenschaft herstellen können und damit ziemlich gewaltsame Strukturen etablieren. Leihmutterschaft und Eizellenspende sind zu einem brutalen Millionengeschäft geworden. In der dritten Welt wird die ökonomische Not ausgebeutet, in den westlichen Ländern unterziehen sich Frauen quälenden Hormonbehandlungen und medizinischen Eingriffen.

… weil sie sich nun einmal sehnlichst ein Kind wünschen.

Diehl: Das kritisiere ich nicht, auch nicht die Technologie an sich. Ich würde nur die Frage stellen: Warum müssen es die eigenen Gene sein? Was ist daran so wichtig?

Imdahl: Der medizinische Fortschritt führt dazu, dass wir uns nicht mehr damit abfinden müssen, wie wir geboren sind – ob unsere Nase schief ist oder unsere Fruchtbarkeit eingeschränkt. Was die Ausbeutung angeht, bin ich ganz bei Ihnen, Frau Diehl. Aber die neuen Technologien schaffen auch Freiheitsgrade. Junge Frauen sagen: Wenn der Traumprinz nicht kommt, dann lasse ich meine Eizellen einfrieren. Oder ich fahre nach Holland und lasse mich künstlich befruchten. Und parallel suche ich mir online jede Woche einen neuen Sexpartner.

Rödder: Im Grunde sehen wir auch hier, wie sich die moderne Gesellschaft immer weiter ausdifferenziert: Sexualität und Reproduktion werden voneinander abgekoppelt. In die eine Richtung gibt es das schon lange, durch sichere Schwangerschaftsverhütung. Dass umgekehrt Fortpflanzung ohne Sexualität möglich ist, das ist historisch neu.

Ist das ein Gewinn oder eine Bedrohung?

 Rödder: Das lässt sich nicht seriös beantworten. Allerdings: Häufig stellt sich erst mit großer Verzögerung heraus, welche Folgen Entwicklungen haben. Denken Sie daran, dass Teile der Grünen in den Achtzigern Sex mit Minderjährigen legalisieren wollten….

Imdahl: Die katholische Kirche hat es leider Jahrhunderte lang im Verborgenen gemacht!

Rödder: Schlimm genug. Ich frage mich dennoch, von welchen aktuellen Entwicklungen Psychologen in 25 Jahren sagen werden: Was habt ihr den Kindern angetan? Beim Thema Kindeswohl bin ich besonders konservativ. Auch, wenn es um die „Ehe für alle“ geht: So lange erwachsene Partner sich dazu entscheiden, kein Einwand, wenn Kinder involviert sind, wäre ich viel vorsichtiger.

Schwierige psychische Umstände gibt es doch gerade auch in der klassischen Kernfamilie – bis zu Gewalt und Missbrauch. Während nach Studienlage Kinder in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften geborgen aufwachsen können.

Rödder: Alles richtig. Ich habe ja nicht behauptet, man müsste alles beim Alten belassen. Ich würde eine solche Gesetzesentscheidung nur nicht übers Knie brechen.

Diehl: Mit diesem Argument kann man jede progressive Idee im Keim ersticken. Das wichtigste ist doch, dass Kinder stabile Bezugspersonen haben. Warum nicht zwei Männer, zwei Frauen oder eben mehrere Erwachsene? Mir hat auf einer Lesung einmal eine ältere Frau erzählt, dass sie auf dem Bauernhof aufgewachsen ist und ihre Kindheit sehr schön empfand, weil es viele verschiedene Leute gab, die sich um sie kümmerten. Die Isolierung in der Kleinfamilie empfand sie als historischen Unfall.

Blicken wir noch nach vorne: Wie sehen Familien in 20 Jahren aus? Und welchen Anteil haben die Themen unserer Gegenwart daran?

Imdahl: Digitalisierung verändert, wie Menschen zusammen finden. Man spricht ja heute schon von Tinder-Babys und Tinder-Hochzeiten, nach dem Namen einer Dating-App. Das ist ähnlich beim Thema medizinische Eingriffe, das wird so schnell voranschreiten, dass Gesetzgebung, gesellschaftliche Regeln und Normen kaum hinterher kommen. Neue Technologien sind ein mächtiger Treiber für gesellschaftliche Veränderungen.

Ein weiterer Aspekt: Wird sich Deutschland verändern, wenn Migranten ihre eigenen Vorstellungen von Familie und Geschlechterbeziehungen mitbringen?

Imdahl: Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Ich bin meilenweit von AfD-Positionen entfernt und sehe das individuelle Leid von Flüchtlingen. Ich denke aber schon, dass das Familienbild einiger weniger uns gesellschaftlich zurückwerfen kann. Ich möchte hier keine Männer haben, die Frauen begrabschen, schlagen, ihnen das Rad- und Autofahren verbieten oder ihren achtjährigen Töchtern ein Kopftuch vorschreiben.

Diehl: Ich will diese Ängste nicht wegwischen, Frau Imdahl. Aber liegt das nicht auch am schweren Stand der Migranten? Wird die vermeintliche Ehre der Frau nicht auch deshalb so hochgehalten, weil sie das Einzige ist, an dem sie sozialen Status darstellen können? Ich finde die AfD bedrohlicher für meine Freiheit als Frau.

Rödder: Wir erleben eine zweifache Doppelmoral: Auf der einen Seite geben sich Menschen plötzlich als Frauenrechtler, die damit nur ihre eigene Islamophobie ummänteln. Auf der anderen sind jene, die einer biodeutschen Vollzeitmutter ihr Lebensmodell absprechen, aber bei einer vollverschleierten, nicht erwerbstätigen Muslima sagen: Das ist kulturelle Diversität. Da stimme ich Frau Imdahl zu, die Schwierigkeiten würde ich nicht unterschätzen. Als Historiker ist mir eines wichtig: Offenheit im Blick auf die Zukunft. Sowohl für Risiken als auch für Chancen.

Und die wären?

Rödder: Meine Prognose ist: Punkt a, die Zukunft wird anders als die Gegenwart. Punkt b, sie wird auch anders, als wir sie uns vorstellen. Weil zu allen Zeiten unvorhergesehene Ereignisse den Gang der Geschichte verändern. Aber eines wird wohl nicht verschwinden: dass Menschen, in welcher Form auch immer, gemeinsam leben und füreinander einstehen. Familie wandelt sich permanent ­– und bleibt.

 

Mehrere kurze Videoclips der Teilnehmer gibt’s in der Online-Version des Magazins hier zu sehen.

 

 

 

 

 

Tanzen auf Rädern

Conny Runge (40) trägt gern neonfarbene Shirts, hat eine imposante Tattoo-Sammlung und arbeitet neben ihrem Job auch als Zumba-Trainerin. War da noch was? Ach ja: Sie sitzt dabei im Rollstuhl. Das hat mich beeindruckt und ich habe mich gefreut, dass ich ein Porträt über sie für die BARBARA schreiben durfte – veröffentlicht im Mai 2018

Es gibt Orte, an denen ist man sofort per du. Dort, wo das Leben zu leicht ist für Förmlichkeit: Ferienclub, Fitnessstudio. Oder dort, wo es zu schwer ist, um Distanz zu wahren: Selbsthilfegruppe, Notaufnahme. In der Zumba-Stunde der Rehaklinik „Godeshöhe“ in Bonn gilt beides.

Ein Donnerstag im Frühling, 11.15 Uhr. „Geht’s euch allen gut?“, ruft Trainerin Conny Runge. Blonder Zopf zum neonfarbenen Shirt, breites Lächeln, leicht sächsischer Zungenschlag. Der Hallenboden ist grün, durch die Fenster dringt blasses Licht ins Souterrain. Salsa-Bläsersätze plärren aus dem Lautsprecher. Hände bewegen sich durch die Luft, mal zaghaft, mal gekonnt. Schultern rotieren rhythmisch. Als könnten die Teilnehmer jeden Moment aufspringen und tanzen. Aber das wird nicht geschehen. Die fünf Männer und die drei Frauen werden ihre Beine wohl nie wieder bewegen können. Sie sitzen im Rollstuhl. Genau wie ihre Trainerin.

„Man behauptet ja gern mal unbedacht: Wenn ich querschnittsgelähmt wäre, ich würde mich umbringen.“ Conny schüttelt amüsiert den Kopf, wenn sie an ihr eigenes, früheres Ich denkt. 19 war sie, schwang im Karnevalsverein ihrer Lausitzer Heimat als „Funkemariechen“ die Beine, studierte Sport, war zum ersten Mal ernsthaft verliebt. Ein Leben in Bewegung, bis zur Vollbremsung: eine Party, das Fenster offen, sie auf dem Sims, ein Bekannter, der sie erschreckte, so dass sie das Gleichgewicht verlor. Vier Meter tiefer prallte sie mit dem Rückgrat auf einen Betonpfeiler, in Höhe des siebten Brustwirbels. Als ihre Freunde gelaufen kamen, bat sie: Nehmt mal meine Beine auf den Boden, die stehen so komisch hoch. Die anderen sahen sie entsetzt an: Conny, die sind doch unten! „Da wusste ich instinktiv: Ich werde nie wieder laufen.“

Aber, ernsthaft: sich umbringen? Keine Frage für die Tochter eines Sportlehrerpaars. „Ich hab von meinem Vater den Kampfgeist, von meiner Mutter das Gefühlvolle. Ich wollte einfach nur leben.“ Auch wenn sie sich von vielem verabschieden musste: bauchfreie Shirts, 15 Kilo an Beinmuskulatur, sogar von ihrer ersten großen Liebe: „Ich habe ihn regelrecht weggestoßen, habe gesagt: Schau mich an, was willst du noch mit mir?“ Die Grenzen ihrer Welt verliefen jetzt anders. Zwischen „Rollis“ und „Fußgängern“. Zwischen vorher und nachher.

Nun steht wieder alles auf Anfang. Conny sattelt um auf ein Maschinenbaustudium, besorgt sich ein Auto mit Handgas, lässt sich von ihren Freunden zu Party und Picknick schieben, trainiert ihr neues Leben, als wär’s eine olympische Disziplin. Und noch etwas treibt sie an: der Sport. Sie fährt einen Liegebike-Marathon auf Lanzarote mit, singt beim Kundalini-Yoga Mantras, spielt Basketball. Spaß macht ihr vieles, ganz das Richtige ist es nie. Das Bike braucht zu viel Platz, vom Basketball tun ihr Schultern und Handgelenk weh. Yoga? Nichts für eine quirlige Frau, die spricht und gestikuliert, als käme sie aus Palermo statt aus Sachsen. Dann freundet sie sich mit der Physiotherapeutin Jacqueline an, die Zumba-Kurse für Neurologie-Patienten gibt. Und Conny dazu einlädt. Bämm – Volltreffer. „Die Musik, die Lebensfreude, und dann noch ein Sport, den man immer und überall machen kann – ich war sofort angefixt. Sofort habe ich mir eigene Choreographien ausgedacht, für die man nur Arme und Schultern braucht.“

Es bleibt nicht beim Mitmachen. Conny möchte selbst Kurse leiten, neben ihrem Job bei einer Firma für Rehatechnik. Aber in Deutschland hat alles seine Ordnung, sogar Fitness-Funsport. Wer als Zumba-Trainerin arbeiten will, braucht einen Schein. Und so steht sie an einem Spätsommertag vor zwei Jahren mit ihrem Rollstuhl vor einer Trainingshalle. Davor ein paar Stufen, aber keine Rampe. „Ich da unten, und 40 Fußgänger, die auf mich herunterschauten. Alle die gleiche Frage im Blick: Was macht die hier? Das habe ich mich in dem Moment auch gefragt.“ Aber wenn man Conny Runge heißt, scheitert man nicht so schnell. Schon gar nicht an einer Treppe. Zwei Tage darauf hat sie ihr Zertifikat, kurz darauf veranstaltet sie mit Freundin Jacqueline die erste Zumba-Inklusions-Party Deutschlands: Tanzschritte für die Fußgänger, Arm-Choreographie für die Rollifahrer, brasilianische Cocktails und Käsebällchen für alle.

11.45 Uhr. Conny ballt die Fäuste, boxt im Rhythmus der Musik in die Luft: „Ja, lasst es raus! Gegen alles, das wütend macht!“ Dass oft die alltäglichsten Wünsche unerfüllbar sind, zum Beispiel. Ein Tag ohne Blasenkatheter, ein Nachmittag am Strand, das Handtuch ausbreiten, in die Wellen laufen. Wenn sie den linken Arm hoch wirft, sieht man unter ihrer Achsel ein Vogelkopf-Tattoo. Ein Phönix, der aus der Asche steil nach oben steigt. Den hat eine andere Freundin entworfen, Grafikdesignerin, ebenfalls Rollstuhlfahrerin. Boxt Conny mit rechts, entblößt sie dabei das Bild eines Speers aus dem Film „Avatar“. Die Heldengeschichte eines gelähmten Ex-Soldaten, der in einer Parallelwelt Abenteuer besteht. Starke Message, starke Bilder – und ganz schön sexy. Das findet auch ihr Freund Rainer. Mit ihm macht sie Witze über ihre „Schlenkerbeine“, ihre „Trommelstöcke“, denn sie weiß: Er liebt sie von Kopf bis Fuß. Als ganze Frau. Kann sie Sex genießen? Und wie: „Nacken, Hals, Brust, der ganze Oberkörper wird zur erogenen Zone. Und ist nicht das wichtigste Körperteil dabei sowieso der Kopf?“

Auf die „Godeshöhe“ kam Conny Runge ursprünglich als Patientin, ein paar Monate ist das her. Und sie ging als Trainerin. Während eines Kur-Aufenthaltes brachte sie den Therapeuten ihre Lieblings-Fitness näher. Genau das, was die suchten: Neue, coole Sportangebote, die nicht nur den Körper, sondern auch der Seele in Schwung bringen. Bewegung ist wichtig für die Reha-Patienten, weil sie den Kreislauf und die Verdauung anregt, Druckstellen auf der Haut vorbeugt, Verspannungen abbaut. Vor allem aber ist sie das beste Anti-Depressivum. Chemiefrei und ohne Nebenwirkungen. Das kennen Gesunde ja auch. Dem Liebeskummer davon joggen, den Job-Frust an einem Boxsack auslassen. „Beim Zumba ist es manchmal für Momente, als würde ich meine Beine wieder spüren. Ich merke richtig die Nervenimpulse“, erklärt Conny. Wenn fehlende Gliedmaßen weh zu tun scheinen, spricht man von Phantomschmerz – vielleicht gibt es ja auch das Gegenteil. Phantomfreude.

Krankheit ist ein großer Gleichmacher, Sport auch. Die 40-something-Frau mit den pinken Schnürsenkeln, die junge Muslima mit Kopftuch, der ältere Herr mit Seidenschal und pastellfarbenem V-Ausschnitt-Pulli – Körper, die sich gemeinsam zurück ins Leben kämpfen, mal mehr, mal weniger geschickt. Da spielt es keine Rolle, was einer verdient, an was einer glaubt, was auf seiner Visitenkarte steht. Gleichzeitig empfindet Conny ihr Schicksal als etwas Besonderes. Als Aufgabe, aber auch als Chance. „Ohne meinen Unfall hätte ich weiter Sport studiert und wäre jetzt vielleicht eine von vielen. So bin ich die Frau, die den Rollstuhl-Zumba nach Deutschland gebracht hat.“ Und das ist ja erst der Anfang: Warum nicht auch Stunden für Kinder und Jugendliche anbieten? Trainer im Ausland ausbilden?

12 Uhr, Cooldown. „Das war besser als acht Wochen Reha“, sagt eine Frau mit graublonden Strähnen. „What a wonderful world“ , steht auf ihrem T-Shirt. Aus den Boxen klingen noch immer fröhliche Posaunen, Trompeten und Bongos. Aber wenn man auf den spanischen Text hört, sind die Worte tieftraurig: „Ach, lass mich diesen Schmerz vergessen, der mich zum Weinen bringt!“ Das Leichte und das Schwere – sie passen nicht nur in der Musik gut zusammen. Sondern auch im Leben.

Ich muss gar nichts!

„Ich muss gar nichts“ hieß das Dossier, das die BRIGITTE im Juli 2018 veröffentlichte. Das fand ich gut, da hatte ich auch etwas beizutragen: Warum bei einem Rennen mitlaufen, das man ohnehin nicht gewinnen kann? Hier ist mein Beitrag, den die BRIGITTE in einer leicht gekürzten Version veröffentlichte.

Mein Gesicht kann etwas Neues. Letzte Woche habe ich es entdeckt, vor dem Badezimmerspiegel im Büro: Wenn ich lache, wirft die Haut unter meiner Nase eine Querfalte. Die war da vorher nicht. Mein Mann amüsiert sich: Schau lieber zu Hause in den Spiegel, der ist schlechter beleuchtet! Dabei macht die Falte mich eher neugierig: Körper, alter Freund, was hast du noch für Tricks auf Lager? Nächstes Jahr werde ich 50, da feiern mein Körper und ich goldene Hochzeit. Eine Zweckverbindung – wir können nun mal nicht ohne einander leben -, aber liebevoller denn je. Das ist eine schlechte Nachricht für den Fachverband der ästhetisch-plastischen-Chirurgie und für die Entwickler von „zehn Kilo in drei Tagen“-Apps. Für mich ist es eine gute.

Ich war mal jünger, dünner und faltenfreier, klar. Aber ausgerechnet damals war das anders. Da blickte ich in den Spiegel, als stände ich vor dem Türsteher eines hippen Clubs. Bin ich schön? Mein innerer Berghain-Mannes rollte ironisch mit den Augen: Ernsthaft? Du glaubst doch nicht, dass ich dich hier reinlasse! Ich dachte damals, ich muss mich nur genügend bemühen, dann geht irgendwann die Tür auf. Und dahinter spielt das wahre Leben. Weil schönere Menschen das Anrecht haben auf größere Gefühle, Leidenschaft, Drama. Weil sie sogar dann besser aussehen, wenn sie am Küchentisch weinen. Dafür strampelte ich mich ab, in jeder Hinsicht: mit Sport, der mir keinen Spaß machte, Fastenkuren, die mich langsam im Kopf machten, Frisuren, für die ich morgens eine Stunde früher aufstehen musste. Das fraß so viel Energie, dass ich ansonsten auf kleinerer Flamme kochte: ein Leben mit handlichen Gefühlen, erreichbaren Träumen, lauwarmen Beziehungen.

Aber Beauty ist ein Biest, Schönheit ist relativ. Egal wie man sich bemüht, irgendwo ist immer jemand mit einem strafferen Bauch und längeren Beinen, mit mehr Haar und größeren Augen. Daneben ich: Mittelgroß, mittelschlank, mittelblond. Hübscher Mund, hässliche Füße. So weit, so normal. Keine Frau, die Blicke auf sich zieht, wenn sie den Raum betritt. Ein Rennen, das ich nicht gewinnen konnte. Irgendwann dachte ich mir: Was für eine gigantische Verschwendung. Ich hatte vergeblich versucht, mich fremden Bildern anzupassen. Von da an machte ich mir die Bilder passend. Ließ meine Haare an der Luft trocknen, verlangte von Klamotten, dass sie mich auch in Größe 40/42 gut aussehen ließen, ging nur noch zum Sport, wenn ich Lust hatte. Sah meinen Körper nicht mehr als ewigen Low-Performer, sondern als prima Wohnung für mich und meine Gedanken. Plötzlich, zack, ging die Tür auf und machte Platz für das, was mir wichtig war. Bücher schreiben, eine Zeitlang im Ausland leben, große Liebesgeschichten, eine eigene Familie. Mein Schminktäschchen behielt ich. Aber das angestrengte Schaulaufen anderer betrachtete ich künftig, wie ich heute manchmal Model-Castingshows sehe: als seltsames Spiel, bei dem ich weder mitspielen muss noch will.

Manchmal kommt das Gute, wenn man aufhört, zu warten. Pickel bis Mitte 20, dafür vergleichsweise glatte Gesichtshaut mit Ende 40. Feine Haare, die früher nicht für Big Hair-Frisuren taugten, aber heute noch kaum grau sind. Danke, nettes Geschenk, aber wäre nicht nötig gewesen. Ich bin ja raus aus dem Rennen. Dagegen beobachte ich, wie Freundinnen und Kolleginnen an die Startblöcke gehen: plötzlich nur noch Low-Carb oder Clean Eating, antrainieren gegen die Schwerkraft, oder sogar anoperieren. Ist ja heute alles minimalinvasiv und unblutig: Fadenlifting, Mikrodermabrasion, Mikroneedling. Kann man machen. Tut mir aber Leid. Dieser verzweifelte Versuch, an einem Oldtimer herumzuschrauben, bis er fast aussieht wie ein Sportflitzer. Aber eben nur fast. Letztlich sind wir doch alle gleich, egal, welches Los uns die Gen-Lotterie zuteilt, ob wir eher früher oder eher später die Nase vorn haben: Wir enden als alte Frauen, mit dünnem Haar und hängender Haut. Das Rennen kann keine gewinnen. Irgendwann ist die längste Partynacht vorbei und der Club zu. Wäre es nicht schön, wenn wir dann in der Morgensonne lachend am Kantstein sitzen, Nasenfalten vergleichen und dann so richtig einen losmachen? Platz dafür ist ja genug.

 

 

Delphine, Mittelalter, Safari, Fußball: neues von den Schlauen Vier

Wie holen Delfinbabys nach der Geburt Luft? Konnten Mädchen auch Ritter werden? Warum haben Zebras Streifen, und wie hat einer der größten Fußballer aller Zeiten trainiert, als er noch zu arm war, um sich einen richtigen Ball zu leisten? Die neuesten Abenteuer der Schlauen Vier, seit 2018 im Handel. Mehr Info zu unserer Hörspielserie gibt’s hier.

„Wir sitzen im gleichen Boot und merken es nicht!“

Eltern und Kinderlose sind sich oft nicht grün – ob es um Lautstärke im Café geht oder um die nächste Gehaltsrunde. Susanne Garsoffky und Britta Sembach haben sich mit den tieferen Gründen für diese Spaltung beschäftigt: soziale Kälte, weniger Solidarität und politisches Versagen. Für ELTERN family habe ich im November 2017 mit Susanne Garsoffky gesprochen

 ELTERN FAMILY: Das Eingangskapitel Ihres neuen Buches trägt die Überschrift: Warum Kinder nicht glücklich machen und Kinderlosigkeit nicht frei. Das klingt nach: Wie man’s macht, ist’s falsch….

Susanne Garsoffky: Eine Frau im gebärfähigen Alter kann es niemandem recht machen, das stimmt. Mütter werden gefragt: Warum nur ein Kind? Warum so viele? Warum so spät im Leben oder so früh? Zusätzlich unterstellt man ihnen, dass sie ihre Kinder wahlweise zu viel oder zu wenig behüten. Kinderlose Frauen werden von Wildfremden nach ihren Motiven gefragt, das ist nicht minder übergriffig.

Sie und Ihre Ko-Autorin Britta Sembach sind beide Mütter. Stehen Sie in der Diskussion um Lebensentwürfe damit nicht automatisch auf Seite der Eltern?

Wir respektieren jeden und jede, und wir wollten weder ein Angriffsbuch auf Kinderlose schreiben, noch uns fürs Elternsein rechtfertigen. Es geht uns auch nicht darum, jemanden zum Kinderkriegen zu motivieren. Sondern um die Frage: Wie könnte man ein System schaffen, das für alle gerechter ist, wenn weniger Kinder geboren werden?

Sie schreiben, Politik und Wirtschaft würden Eltern und Kinderlose gegeneinander ausspielen. Das klingt, mit Verlaub, ein wenig nach Verschwörungstheorie….

Nein, es ist höchstens zugespitzt. Seit Ende der Neunziger erleben wir eine politische Neoliberalisierung. Unser Politik- und Wirtschaftssystem richtet sich in erster Linie nach den Bedürfnissen von Arbeitgebern und Unternehmern, und das treibt Menschen mit und ohne Sorgeverpflichtung in Konkurrenz. Die Blaupause für einen idealen Arbeitnehmer ist der von Sorgeverpflichtungen befreite, Vollzeit arbeitende Mann. Wer nicht in dieses Muster passt, wird zwar geduldet, aber eine Karriere ist so kaum möglich.

Und die machen dann Kinderlose auf dem Rücken der Eltern?

So einfach ist es nicht. Denn die Gewinne der letzten Jahre erzielen große Unternehmen in erster Linie durch Personalabbau. Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist aber im Gegenteil sehr personalintensiv. Denn einer muss ja auffangen, wenn Eltern Auszeiten nehmen oder kurzfristig ausfallen. Und diese Arbeit wird gleichzeitig auf immer weniger Schultern verteilt. Das trifft besonders die Kinderlosen.

Aber bemühen sich nicht Arbeitgeber in den letzten Jahren vermehrt um mehr Flexibilität für alle? Mit innovativen Arbeitszeitmodellen, Betriebs-Kitas…

In den meisten Fällen ist das nicht mehr als ein schönes Aushängeschild. Unternehmen geben sich modern und aufgeschlossen, aber gleichzeitig wird Angestellten das Gefühl vermittelt: Kinder haben, wunderbar – aber bitte möglichst geräuschlos und so, dass es unseren Betriebsablauf nicht stört. Diese Haltung bekommen übrigens auch Kinderlose zu spüren, etwa, wen sie alternde Eltern zu pflegen haben.

Wenn alle gleichzeitig Verlierer sind – warum begehren sie dann nicht gemeinsam gegen diesen Druck auf?

Der schleichende Verlust von Solidarität betrifft ja die Gesellschaft als Ganzes. Arbeitskämpfe gibt es kaum noch, Gewerkschaften verlieren laufend Mitglieder, weil wir das neoliberale Modell so verinnerlicht haben: Jeder ist nur für sich selbst und seinen Erfolg verantwortlich. Ganz im Interesse der Unternehmerseite. Denn Einzelne sind leichter zu handeln als eine Gruppe, die Forderungen stellt. Man speist Mitarbeiter mit Anti-Stress-Programmen ab, statt Arbeit gerechter zu verteilen.

Aber die Konflikte kochen öffentlich eher hoch, wenn es um Kinderwagenverbote in Cafés geht oder Fahrradanhänger, die den Bürgersteig versperren…

Das ist Symptom, nicht Ursache. Da entlädt sich eine gereizte Stimmung, weil alle ahnen, dass es noch schärfere Verteilungskämpfe geben wird – wenn die heute 50-jährigen in den Ruhestand gehen, wird ein Arbeitnehmer für einen Rentner zahlen müssen!

Es wäre Aufgabe des Gesetzgebers, für mehr Gerechtigkeit zu sorgen. Aber Sie sagen: Auch die Politik befeuert die Konkurrenz zwischen beiden Gruppen.

2003 prägte die damalige Familienministerin Renate Schmidt den Begriff der „nachhaltigen Familienpolitik“. Seither steht „Vereinbarkeit“ als politisches Ziel auf der Agenda, quer durch die Parteienlandschaft. Das bedeutete in der Praxis vor allem: Ausbau der Krippenbetreuung, um beide Elternteile möglichst schnell wieder in Arbeit zu bekommen. Aber das ist weder flächendeckend passiert, noch ist die Betreuung durchgehend von guter Qualität. Von Unternehmen hat die Politik viel zu wenige Zugeständnisse gefordert.

Ist das nicht Schwarzmalerei angesichts jährlich 130 Milliarden familienpolitischer Leistungen?

Das Geld wird nach Gießkannenprinzip verteilt und wiegt nicht auf, was Eltern investieren. Der Sozialrichter Jürgen Borchert hat es so formuliert: „Wir treiben den Familien die Sau vom Hof und geben ihnen nur die Koteletts zurück.“ Allein, wenn man die Energiekosten betrachtet und die Verbrauchssteuern: 19 Prozent Mehrwertsteuer auf Windeln, dafür nur sieben Prozent auf Tiernahrung! Familiengründung ist ein finanzielles Risiko, nicht nur für Alleinerziehende – wegen des Reallohnverlustes der letzten Jahre können selbst Doppelverdiener in manchen Großstädten kaum noch den Unterhalt für eine Familie aufbringen.

Dagegen argumentieren Kinderlose: Wir halten mit unseren höheren Steuerabgaben das System am Laufen.

Aber Familien sind ja nicht nur Leistungsempfänger, sie sind selbst Steuerzahler! Sie werden also doppelt zur Kasse gebeten.

Und dazu leisten sie gratis, was neudeutsch „Care-Arbeit“ genannt wird – Schulbrote schmieren, Anschwung geben beim Schaukeln. Trotzdem haben viele das Gefühl: Diese Tätigkeiten werden nicht gewürdigt, eher belächelt.

Richtig. Nachrichtenmagazine schreiben süffisant über die „Rückkehr der Hausfrau“ und bezeichnen es als Zeitverschwendung, wenn eine Mutter mit ihrem Baby auf dem Teppich spielt – eine Mutter, wohlgemerkt, die wöchentlich 20 Stunden arbeitet. Fürsorglichkeit ist doch ein Teil der menschlichen Existenz!

Auf der Suche nach den Ursachen für diese soziale Kälte werfen Sie auch einen Blick auf den Feminismus und zitieren die amerikanische Politikwissenschaftlerin Nancy Fraser: „Der Feminismus ist der Steigbügelhalter der neoliberalen Gesellschaftsordnung.“ Würden Sie denn lieber in den Fünfziger Jahren leben, als pudding-kochende Hausfrau?

Bloß nicht! Meine Ko-Autorin und ich sind wie alle Frauen unseres Alters geprägt durch die zweite Welle des Feminismus in den Sechziger, Siebziger Jahren. Da ging es um Selbstbestimmung, um gesellschaftliche Teilhabe durch Berufstätigkeit. Völlig richtige Forderungen in einer Zeit, in der Frauen um Erlaubnis fragen mussten, wenn sie einen Job annehmen wollten, und Vergewaltigung in der Ehe straflos blieb. Nur: Die Blaupause der Emanzipation war ein männlicher Lebensentwurf. Von Fürsorgepflichten befreit, unabhängig und erfolgreich. Müsste es heute nicht eher darum gehen, dass Frauen wie Männer beide Seiten leben dürfen, die erfolgsorientierte wie die fürsorgliche?

Das passiert ja, jedenfalls ist die heutige Vätergeneration deutlich engagierter als frühere. Trotzdem habe ich den Eindruck, dass sich Männer mit und ohne Kinder weniger als Konkurrenten fühlen. Sind die einfach entspannter als wir Frauen?

Ich würde eher sagen: Sie ducken sich ein bisschen weg. Das Leben der meisten Männer verändert sich doch deutlich weniger, wenn sie Vater werden – anders als bei Frauen. Oder sie schieben die Entscheidung für eine Familie endlos auf. Wenn Frauen nicht Mütter werden, liegt das ja oft auch an der fehlenden Bereitschaft des Partners, Verantwortung und Pflichten zu übernehmen. Das wird gerne übersehen. Stattdessen werden fast ausschließlich Frauen für sinkende Geburtenraten verantwortlich gemacht.

Sie haben zu Anfang von einem System gesprochen, das für Eltern und Kinderlose gleichermaßen gerecht ist. Wie müsste das aussehen?

Zum einen müsste das Modell der umlagefinanzierten Rente familiengerecht umgebaut werden, denn Eltern zahlen doppelt – als Arbeitnehmer für die jetzige Rentnergeneration sowie als Eltern für die Rentenzahler von morgen. Je nach Anzahl der Kinder sollte es eine deutliche Entlastung geben.

Wäre das bezahlbar?

Die gesetzliche Rente müsste stärker steuerfinanziert sein als heute, und man müsste mehr Menschen ins System mit aufnehmen. Auch Beamte und Freiberufler.

Gibt es dafür Mehrheiten, und wenn ja, in welcher Partei?

Die Gerechtigkeitslücke zwischen Menschen mit und ohne Kindern wird durchaus parteiübergreifend gesehen – aber keiner traut sich an das heiße Eisen heran. Weil man Angst hat, Kinderlose könnten das als Schikane erleben. Vor allem diejenigen, die sich nicht freiwillig für diese Lebensform entschieden haben.

Verständlich. Aber auch nicht besonders weitsichtig.

Das Problem der Politik ist, dass sie von älteren für ältere Menschen gemacht wird – schon allein, weil es mehr ältere Wähler gibt als jüngere. Die Lebenswirklichkeit von Familien wird in einer alternden Gesellschaft immer weniger berücksichtigt. Die Herabsetzung des Wahlalters wäre ein Schritt, um dem zumindest etwas entgegenzusetzen.

Und was wäre die Aufgabe der Wirtschaft? Einfach wieder Personal aufstocken klingt zwar schön, aber manches Unternehmen würde damit die eigene Existenzgrundlage gefährden.

Ich würde mir zumindest Ehrlichkeit wünschen. Dass Unternehmen offen zugeben: Wir bieten eigentlich keine Vereinbarkeit. Wer bei uns arbeiten will, muss die und die Bedingungen erfüllen. Dann wären zumindest die Spielregeln klar. Zweitens, und hilfreicher: Arbeitszeitmodelle, die verschiedene Lebensphasen berücksichtigen.

Würden Arbeitszeitkonten nicht einseitig Eltern bevorzugen?

Wenn man Kinder bekommt heißt das ja nicht, dass man die nächsten 40 Jahre nicht mehr belastbar ist. Personalpolitik müsste langfristiger denken: Man ermöglicht Mitarbeitern, zwischendrin Vollgas in der Familie zu geben, denn man weiß: Dann wird er oder sie leistungsbereiter, loyaler und zufriedener zurückkehren. Prioritäten verschieben sich ja laufend, wenn Kinder größer werden. Auch Menschen ohne Sorgeverpflichtung sind ja nicht ihr ganzes Leben lang gleichermaßen leistungsfähig. Vielleicht erwischt sie in der Lebensmitte eine Krise und sie brauchen eine Auszeit, um sich neu zu orientieren. Oder sie rutschen ins Burnout. Eine Personalpolitik, die das berücksichtigt, käme allen zugute. Eltern und Kinderlosen, Arbeitnehmern und Arbeitgebern.

Ziemlich beste Freunde – verstehen sich die Generationen ein bisschen zu gut?

Mein Text aus einem BRIGITTE-Dossier, Oktober 2017

Harmonie zwischen den Generationen macht Loslassen für beide Seiten schwer. Wenn 20-somethings noch zu Hause wohnen und erwachsene Mutter-Tochter-Duos Klamotten tauschen – Grund zur Freude oder Grund zur Sorge?

Es ist Sonntag, ein strahlender Tag in Berlin, als die Nachricht ihrer Tochter auf dem Handy aufpoppt: „Hey Mama, Lust auf einen Bummel im Schlosspark?“ Mama nimmt das Telefon und beginnt zu tippen: „Sorry, Schatz, ich kann nicht, ich hab ein Date.“ Und fragt sich gleichzeitig: Ist das nun rührend oder auch befremdlich, wenn sich ihre 22jährige an einem solchen Tag nichts Schöneres vorstellen kann, als mit Mama spazieren zu gehen? Marie wiederum ist gerade mit einer Freundin unterwegs, die ganz neidisch aufs Display schielt: „Du hast es gut, ich wünschte, meine Mom wäre auch so unabhängig.“

Maries coole Mom heißt Gerlinde Unverzagt, Autorin, alleinerziehend, vier Kinder in den Zwanzigern. Als Marie, die Zweitjüngste, nach einem Auslandsaufenthalt ganz selbstverständlich wieder ihr altes Kinderzimmer bezog, fing Unverzagt an, sich Gedanken zu machen über das Verhältnis zwischen Jüngeren und Älteren. Länger zusammen wohnen, häufiger zusammen feiern, sich gegenseitig T-Shirts leihen – ist das nur die logische Fortsetzung einer liebevollen Kindheit? Oder ist doch irgendetwas faul an dieser Harmonie? In ihrem aktuellen Buch („Generation ziemlich beste Freunde – warum es heute so schwierig ist, die erwachsenen Kindern loszulassen“, Beltz, 16,95 €) hat sie Fragen und Antworten zusammengetragen, Tochter Marie einige Kapitel aus ihrer Sicht ergänzt.

Sicher ist: Erwachsene Kinder und ihre Eltern stehen sich heute näher denn je – und das auf vielen Ebenen. Zum einen räumlich: War 1970 jeder Zweite im Alter von 20 Jahren zu Hause ausgezogen, lebt heute jeder Dritte in der Altersgruppe 25 bis 34 immer noch oder wieder im Elternhaus – zwei Drittel davon Männer. Das hat zum Teil praktische Gründe: Warum explodierende Großstadt-Mieten für WG-Zimmer oder Appartement auf sich nehmen, wenn man’s zu Hause billiger haben kann, inklusive Wäsche-Service und Catering made by Mama? Dazu kommen gestiegene Ansprüche. Unverzagt erinnert sich: „Ich habe mit Anfang 20 in einem besetzten Haus gewohnt, mit Apfelsinenkisten als Möbeln. Meine Kinder erwarten zum Auszug Power-Shopping bei Ikea!“

Das passt zum Befund der aktuellen Shell-Jugendstudie, die jungen Erwachsenen das Label „pragmatische Generation“ verpasst – aber es geht nicht nur um nüchterne Kosten-Nutzen-Abwägung. 90 Prozent aller Jugendlichen geben an, sie hätten ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern. Eine Mehrheit wie auf DDR-Parteitagen. Fast drei Viertel würden ihre eigenen Kinder so erziehen, wie sie es selbst erlebt haben, ein Wert, der seit Anfang der Nuller Jahre stetig gestiegen ist. Andere Sozialwissenschaftler kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Laut einer Untersuchung der TU Chemnitz bespricht jede zweite junge Frau regelmäßig persönliche Dinge mit ihrer Mutter.

Wer den nackten Zahlen misstraut, muss nur mal bei einer beliebigen TV-Casting-Show einschalten: Kaum etwas wird so tränenreich inszeniert, wie wenn Mama und Papa im Model- oder Musiktrainingscamp zu Besuch kommen. Ein verwunderliches Ritual für alle, die in den Achtzigern und Neunzigern jung waren: Da wäre man eher im Boden versunken, als vor laufender Kamera den Alten um den Hals zu fallen. Aber damals wäre Eltern auch weder auf die Idee gekommen, Zehnjährige auf dem Schulweg zu begleiten und Erstsemester-Studenten zur Studienberatung – beides heute gang und gäbe.

Möglicherweise ist die neue Nähe auch Ausdruck des Zeitgeistes, der Renaissance des Wir-Gefühls. Ob „Public Viewing“, „Sharing Economy“ oder skandinavische „Hygge“-Gemütlichkeit: Anders als in früheren, mega-individualistischen Zeiten sehnen wir uns in der wackligen Welt von heute generationenübergreifend nach Zusammengehörigkeit, Berechenbarkeit, Beschaulichkeit. Es mag Zufall sein oder auch nicht, dass die Anzahl der erwachsenen Kinderzimmer-Bewohner seit den frühen Nuller Jahren rasant angestiegen ist – dem Zeitpunkt, als das Nine-Eleven-Attentat eine Zeitenwende markierte, von der Spaßgesellschaft zum neuen Bedrohungsgefühl. Unverzagt findet das Zusammenrücken nachvollziehbar, sieht es aber trotzdem kritisch: „Das Wort ‚Familie’ hat heute einen unangenehmen Pathos bekommen. Da schlagen konservative Werte mit voller Wucht zurück.“

Überhaupt gibt es einiges an der aktuellen Entwicklung, das Gerlinde Unverzagt Bauchschmerzen bereitet. Nicht mal so sehr die Bequemlichkeit der Jüngeren, mehr noch die Bedürftigkeit der Älteren. „Kinder haben ist für viele Menschen heute ein zutiefst narzisstisches Projekt geworden“, glaubt Unverzagt. Sie selbst sei als Kind eher „so mitgelaufen“, während Kinder und Jugendliche heute gewissenhaft gefördert würden – vom Zwergen-Musikkurs bis zum „Gap Year“ in Südostasien nach dem Abitur. Eine Investition, von deren Früchten man dann auch profitieren möchte. Das muss gar nicht so weit gehen wie bei den Society-Müttern der New Yorker East Side, die von ihren Ehemännern finanzielle Boni für Schulnoten der Teenager erhalten. Als wäre das Kind ein Investment-Fonds und sein Erfolg eine mütterliche Management-Aufgabe. Auch ganz durchschnittliche Mittelklasse-Teilzeitjob-Mütter in Deutschland seien nicht immun gegen diese Schräglage, glaubt Unverzagt: „Obwohl die weibliche Berufstätigkeit heute viel verbreiteter ist als noch vor einer Generation, betrachten Frauen vor allem ihre Kinder als sinn- und identitätsstiftend – und ertragen es dann nicht, wenn an diesem zentralen Punkt eine Leere entsteht.“

Denn dann müsste man sich ja unangenehmen Fragen stellen: Wie steht’s um meine Partnerschaft? Was macht mein Leben sonst noch aus? Oder, verschärft noch bei Alleinerziehenden: Wie gehe ich mit dem Gefühl des Verlassenseins um? Des sichtbaren Älterwerdens? Die Alternative ist verlockend: erwachsenen Kindern zu Hause alle Annehmlichkeiten bereiten, inklusive gemeinsamer Partys und Fernsehabende plus launiger WhatsApps zwischendurch, und daraus die Gewissheit ziehen: Hey, ich bin vielleicht 30 Jahre älter, aber innerlich genau so jung und cool! Der Satz einer Single-Mutter aus einer TV-Doku ist Unverzagt besonders unangenehm im Gedächtnis geblieben: „Mein Sohn ist der Mann meines Lebens – eine solche Aussage grenzt für mich an emotionalen Missbrauch!“

Die Psychotherapeutin und Entwicklungspsychologin Christiane Wempe aus Ludwigshafen sieht die Dinge ähnlich wie Unverzagt – allerdings weniger dramatisch. „Dies Nicht-Loslassen-Können, diese Rollenumkehr, das betrifft eher ein bestimmtes, großstädtisches Bildungsmilieu, nicht die Gesellschaft als ganzes. Generell kann man aber sagen: Ablösungsprozesse sind heute etwas stärker gepuffert, nicht mehr so radikal.“ Das hat zum einen mit modernen Medien zu tun: Wenn man vor 20 Jahren halbherzig versprach, auf Interrail-Tour einmal die Woche eine Telefonzelle aufzusuchen, sind heute Eltern per Messenger-Dienst täglich im Bilde, was Mäuschen in Jakarta oder Hanoi gefrühstückt hat. Die Mütter genauso wie die Väter, die heute oft sehr viel mehr Anteil nehmen am Alltag ihrer Kinder. Aber auch Lebensläufe sind weniger planbar. Abi mit 19, Zivildienst, Studium plus WG-Zimmer – das ist total Neunziger. Moderne Geschichten klingen eher so: Abschluss mit 17, ein Jahr Work-and-Travel, mit 18 erstmal wieder zurück nach Hause und um einen Studienplatz bewerben. Die Wohnsituation allein ist für Christiane Wempe kein Gradmesser für Autonomie: „Wir haben in einer Studie über den Auszug aus dem Elternhaus sowohl Befragte gehabt, die bei ihren Eltern wohnen, aber selbständig ihre Angelegenheiten regeln, als auch solche mit eigener Wohnung, deren Mütter dort wöchentlich zum Putzen vorbeikamen und andere Dinge regelten. Wer von denen ist erwachsener?“

Einig sind sich alle Experten: Innere und äußere Unabhängigkeit sind ein wichtiger Entwicklungsschritt für die Jüngeren – genau so wie das Loslassen für die Älteren. Dass das ein schmerzhafter Prozess sein kann, so wie jede Veränderung, bestreitet keiner. Oft sind es kleine Rituale, die den Übergang erleichtern. „Als mein ältester Sohn auszog, hatten wir im ersten halben Jahr eine Verabredung: Ein Mal pro Woche kommen alle gemeinsam zum Essen.“, erinnert sich Unverzagt. Vor allem aber empfiehlt sie Eltern, sich beizeiten mit dem auseinander zu setzen, was unabwendbar vor ihnen liegt: „Dort, wo Kinder sich aus dem eigenen Leben zurückziehen, die Freiräume mit eigenem aufzufüllen – das ist eine gute Vorübung.“ Fängt an beim ersten Kneipenbummel nach Ende der Baby-Stillzeit, geht weiter mit dem ersten Urlaub ohne Kinder, wenn die lieber auf Partytour nach Spanien wollen als auf Kulturreise ins Baltikum. Eine Leere, ja – aber eine, die Platz bietet für neue Inhalte: wieder Zeit haben für den Partner, Gas geben im Job, Freiräume für Freundschaft, Hobbys, Reisen. Schließlich sei es etwas fundamental anderes, ob eine Liebesbeziehung zerbricht oder ein erwachsenes Kind flügge wird, findet Unverzagt: „Die Tochter, der Sohn geht – und liebt uns trotzdem weiter.“

Marie, übrigens, bewirbt sich gerade um einen Studienplatz. Die Fachrichtung ist klar, der Studienort noch nicht. Mit einer Ausnahme: Berlin, findet Marie, geht gar nicht.

 

Was auf die Ohren, Volume II: Schlau wie Vier jetzt in Ägypten und auf dem Mars!

Wie lebten eigentlich die Menschen im Alten Ägypten? Wie fühlt es sich an, mit neun Jahren zum Pharao gekrönt zu werden? Warum bezeichnen wir den Mars als den Roten Planeten, und was passiert, wenn man im Raumanzug zu hüpfen beginnt? In den beiden neuesten Folgen unserer Hörspielserie Schlau wie Vier, ausgedacht und getextet von meiner Co-Autorin Alex Frank vom Kindermedienbüro und mir, beantworten wir mit Hilfe zweier spannender Geschichten – und natürlich mit Hilfe unserer Helden Pia, Lisa, Tobi und Samir! – wieder jede Menge Kinderfragen zu Themen, die Kinder im Grundschulalter wirklich interessieren. Aufgepasst, jetzt kommen wir – und wir sind schlau wie Vier! Erschienen sind die neuen Folgen (als CD und MP3-Download) im September 2017. Und natürlich geht’s auch 2018 weiter mit der klugen Clique: Geplant und teils auch schon produziert sind Folgen zum Thema Delfine, Mittelalter und zu weiteren spannenden Wissensgebieten.