Zerreiß deine Pläne!

Im letzten Jahr hat Corona viele unserer Vorhaben durchkreuzt und uns aus unserem durchgetakteten Dasein gerissen. Aber: Den Umgang mit Ungewissheit und Kontrollverlust können auch die Verplantesten trainieren. Mit dem guten Gefühl, sich einfach mal nichts beweisen zu müssen

Erster Januar, Jahr zwei nach Corona. Seit Monaten haut uns ein Virus unsere Pläne um die Ohren, schneller, als man „Lockdown“ sagen kann. Von ärgerlich bis dramatisch: Partys und Urlaube gecancelt, Karriereschritte auf Eis gelegt, neue Lieben verhindert, Existenzen und Leben bedroht. Vor rund achtzig Jahren, in einer noch dunkleren Zeit, schrieb die Dichterin Mascha Kaléko: „Jag deine Ängste fort, und die Angst vor den Ängsten. Zerreiß deine Pläne, sei klug, halte dich an Wunder.“ Klingt wie ein Neujahrsvorsatz für 2021. Ein gutes Rezept?

Immerhin sind wir mit der gefühlten Machtlosigkeit nicht allein, sagt die Berliner Psychotherapeutin Eva Gjoni: „Menschen sind ohnehin auf unterschiedliche Weise belastet, und Corona hat allen noch eine Schippe draufgelegt.“ Und sei es nur, weil die Pandemie einen wichtigen Glaubenssatz über den Haufen wirft, wenigstens scheinbar: Du hast dein Schicksal selbst in der Hand. Psychotherapeut*innen sprechen von „Selbstwirksamkeit“, einem Begriff aus der kognitiven Psychologie, der in den letzten Jahren in Mode gekommen ist. Heißt grob übersetzt: Du kannst auch schwierige Situationen aus eigener Kraft bewältigen. Ist das jetzt erstmal passé und wann kommt es wieder?

Wir reagieren ganz unterschiedlich. Während sich die einen resigniert zurückziehen und die anderen ihrer Wut freien Lauf lassen – ob auf Twitter oder auf der Großdemo – , gibt es andere, die vergleichsweise gut durch die Krise kommen. Ihre Belastung in konsumierbare Häppchen aufteilen, einen Schritt nach dem anderen gehen. Ein Typus, der auf schwankendem Untergrund sicher steht, wie beim Stand-up-Paddling bei höheren Windstärken. Ein Balanceakt, der nicht nur gegen Corona-Angst hilft, sondern auch bei anderen Schicksalsschlägen, von Trennung bis Jobkrise. Was machen diese Menschen besser?

Anruf bei der Hamburger Fotografin Isadora Tast. Sie hat gerade einen Band mit Porträts von Schauspielerinnen und Schauspielern in L.A. veröffentlicht*, die alle etwas gemeinsam haben: Sie gehören nicht zur Oberliga, sind auch nicht krachend gescheitert, sondern mal mehr, mal weniger erfolgreich. Sie leben mit der ständigen Unplanbarkeit, Höhenflügen, Niederlagen – zur Zeit noch mehr als während der Entstehung des Buches. Was können wir von ihnen lernen? „Am zufriedensten sind die, die beides mitbringen: Demut und Dankbarkeit, gleichzeitig große innere Unabhängigkeit. Die Überzeugung: Ich kann etwas, ich bin etwas wert, unabhängig vom Ergebnis des Castings und der Anzahl der Jobs“, sagt Isadora Tast. Eine Haltung, die vor Kränkungen und Selbstzweifeln schützt. Übertragen auf unseren Alltag könnte das heißen: So bitter es ist, wenn Menschen wegen Corona ihren Job verlieren, auf staatliche Unterstützung angewiesen sind, insolvent gehen – sie kommen eher wieder auf die Beine und haben den Mut, sich neu zu orientieren, wenn sie im Inneren überzeugt sind von sich und ihren Fähigkeiten.

Dass die innere Einstellung entscheidender ist als die objektive Belastung, zeigt sich auch an einem völlig anderen Beispiel. Helen Heinemann, Expertin für Work-Life-Balance, erzählt aus einem Kurs für werdende Eltern: „Zwei Paare sind mir besonders in Erinnerung geblieben. Eines hatte sein Leben komplett im Griff: Verliebt, verheiratet, Haus gebaut, den Zeitpunkt für ein Kind abgepasst. Das andere war das genaue Gegenteil: Kannten sich kaum, einmal im Bett gelandet, sie sofort schwanger. Ein paar Jahre später traf ich beide Paare wieder. Die ersten waren getrennt, an den hochgesteckten Erwartungen gescheitert. Die zweiten glücklich miteinander.“ Hätte auch anders laufen können, aber darin steckt eine wichtige Lektion: Wer das Leben mehr auf sich zukommen lässt, tut sich oft auch auf holprigen Strecken leichter – wer bei jeder Abweichung vom Fünfjahresplan ins Schwitzen kommt, gerät schneller unter Stress.

Mehr noch. Wir scheinen sogar ein gewisses Bedürfnis zu haben nach Erfahrungen, die sich unserer Kontrolle entziehen, als Gegengewicht zu unserer durchgetakteten Existenz. Selbst wenn sie nicht nur positiv sind. Als die Corona-Krise Deutschland erreichte, wurde das besonders deutlich: Die plötzlichen Leerstellen im Kalender, die ungewohnte, wirklich freie Zeit empfanden manche nach dem ersten Schrecken auch als unerwarteten Reichtum. Der bekannte Soziologe Hartmut Rosa hat dieser Sehnsucht ein Buch gewidmet**, noch ehe Corona in aller Munde war. Seine These: Gerade das für uns Unplanbare, das „Unverfügbare“, schafft die Erfahrung von Resonanz und Tiefe. Momente, auf die wir keinen Einfluss haben, von den ersten Schneeflocken des Winters bis zu einer lebensverändernden Zufallsbegegnung.

Aber so herrlich romantisch es klingt, wenn es Menschen gelingt, sich auf das Unerwartete einzulassen: Ist es eine reine Typfrage und damit in Stein gemeißelt, wie wir auf Unerwartetes reagieren? Ist vergnügte Planlosigkeit nur sonnigen Optimist*innen gegeben? Oder lässt es sich lernen, lockerer in der Hüfte zu bleiben, egal, was uns widerfährt? Zweiteres, sagt die Therapeutin Eva Gjoni: „Es gibt nicht die geborene Krisenbewältigungspersönlichkeit, also den Optimisten oder den Extrovertierten. Zum Beispiel ist ein gewisses Maß an Pessimismus auch hilfreich, weil es hilft, Unveränderliches zu akzeptieren und sich nicht sinnlos dagegen aufzulehnen.“ Entscheidend ist etwas anderes: aus dem Gefühl der Hilflosigkeit ins aktive Handeln zu kommen. Indem wir unterscheiden lernen: Was habe ich tatsächlich nicht im Griff, und was schon? Denn wenn wir genau hinsehen, bleiben eine Menge Spielräume, sagt Gjoni. Am Beispiel Corona heißt das: „Wie strukturiere ich meinen Tag im Homeoffice sinnvoll? Wie nutze ich die Zeit, die ich mit meinem Partner zusätzlich verbringe? Suche ich aktiv nach Alternativen zu meinen Gewohnheiten, jogge ich bei Wind und Wetter los, wenn das Training im warmen Fitnessstudio ausfallen muss? Und wenn negative Gefühle hochkommen: Lasse ich mich davon herunterziehen, oder schaffe ich eine innere Distanz dazu, beobachte meine Gefühle, ohne mich überwältigen zu lassen?“ Verunsicherung und Angst seien kein Zeichen von Schwäche: „Sich selbst und anderen diese Gefühle einzugestehen, damit beginnt Resilienz!“ Eva Gjoni zitiert den Schriftsteller Alain de Botton: „Eine Sache, die uns in der Krise erspart bleibt, ist der Zwang, zufrieden zu sein.“ Sich nichts beweisen müssen. Auf Sicht fahren, auf sich selbst achten und Pläne eine Nummer kleiner zuschneiden.

Auch der Blick zurück kann helfen, wenn uns Unerwartetes trifft: Wie bin ich in vergangenen Lebensphasen mit Achterbahnfahrten umgegangen, was hat mir geholfen, mich wieder sicher zu fühlen? Heilsame Mechanismen zu kennen und die Gewissheit zu haben, dass auch tiefe Täler irgendwann durchschritten sind, kann wie eine psychische Schutzimpfung wirken. Daran hat unsere Gesellschaft großen Nachholbedarf, findet Petra-Alexandra Buhl, Autorin***und Coach aus Radolfzell: „Wir sind krisenentwöhnt, unsere Bewältigungsstrategien sind zu wenig ausgeprägt. Zu emotional, zu wenig selbst gesteuert.“ Sie selbst hat das als junge Frau auf die harte Tour lernen müssen, weil eine Krebserkrankung sie zu einer Vollbremsung zwang – heute engagiert sie sich für die psychosoziale Nachsorge von Krebspatienten und weiß, wie das Leben sich anfühlt, wenn eine ständige Restunsicherheit es begleitet.

Der entscheidende Schritt, egal ob es etwa um eine eigene Krankheit geht oder eine weltweite Gesundheitskrise: Raus aus der Opferrolle. Buhl: „Es ist Energieverschwendung, sich an der Frage nach dem Schuldigen abzuarbeiten. Oder wie ein trotziges Kind darauf zu beharren, dass alles wieder so werden soll wie früher.“ Wie Eva Gjoni spricht Buhl von einem Dreiklang: Akzeptanz, Begrenzung, Trost. „Innerhalb eines gegebenen Rahmens kann ich panikfreie Räume schaffen. Für eine gefährliche Diagnose bedeutet es: Ich denke einmal die Woche bewusst darüber nach, was eine Verschlechterung bedeuten könnte und wie ich mein Leben dann ändern müsste. Ansonsten umgebe ich mich all dem, das mir Kraft gibt – Dinge, Projekten, Menschen. Für Corona kann das heißen: mich nur einmal am Tag mit den Nachrichten beschäftigen, Menschen meiden, die mich mit ihrer Angst oder Wut herunterziehen, hilfreiche Kontakte pflegen. Die Kunst ist, Glück in glückfernen Zeiten zu finden.“

Eine Chance steckt auf jeden Fall in der Herausforderung durch das Virus: so wie vergangene Krisen uns stark machen können für das Heute, könnte die gemeinsame Krise uns bestenfalls widerstandsfähiger machen für die Zukunft. Aber auch offener für Veränderung. Vor allem für das Gute, auch wenn es aus einer unerwarteten Richtung kommt. Eine Chance zum beruflichen Quereinstieg, eine Liebe, wo man sie nicht vermutet hätte. Oder etwas ganz anderes, von dem wir noch gar nicht ahnen, dass es uns fehlt.

HILFE  in harten Zeiten Gemeinsam mit Kolleg*innen gründete Eva Gjoni eine bundesweite Hotline für qualifizierte, kostenlose psychologische Beratung – telefonisch oder videobasiert, mehrsprachig, auf Wunsch auch anonym, auf einer geschützten Plattform. Gedacht ist der Dienst vor allem für Menschen, die in der Corona-Krise an ihre psychischen Grenzen kommen, bei tiefergehenden Problemen helfen die Berater*innen bei der Suche nach einem passenden Therapieangebot. Montag bis Freitag 12 bis 15 Uhr unter htpps://bleibpsychischgesund.de

ZUM WEITERLESEN

*„Hollywood Calling“ heißt der Fotoband von Isadora Tast (Fotohof Edition, 39 €) – 60 internationale Schauspieler*innen in L.A. berichten von ihren wechselvollen Karrieren und dem Umgang mit der Unberechenbarkeit. Tolle Bilder, ehrliche Texte.

** „Unverfügbarkeit“ von Hartmut Rosa (gerade bei Suhrkamp als Taschenbuch erschienen, 10 €) ist ein Essay über den Zwiespalt zwischen Kontrollwunsch und Sehnsucht nach dem Fremden und Irritierenden. Anspruchsvolles Futter für den Kopf!

*** Mit „Heilung auf Widerruf“ (Petra-Alexandra Buhl, Klett Cotta, 17 €) hat die Autorin ein Mutmachbuch nicht nur für Krebspatient*innen verfasst: Neben medizinischen Kapiteln geht es auch um das Langzeit-Überleben und die Auseinandersetzung mit der Sterblichkeit als Reifungsaufgabe und Chance.

Alles fließt

Leben ist Veränderung – das gilt zunehmend auch für die Liebe. Immer mehr Menschen haben Beziehungen zu beiden Geschlechtern, ohne sich in eine Schublade stecken lassen zu wollen. Modeerscheinung – oder gar eine neue sexuelle Revolution?

Erstmals veröffentlicht in BRIGITTE LEBEN, Ausgabe 2, Frühjahr 2020

Manchmal schreibt das Leben Geschichten, die klingen wie fürs Kino erfunden. Ein bisschen crazy, ein bisschen irritierend, aber auch mutig und ehrlich. Zum Beispiel diese: Frau, Mitte 40, Ehemann, zwei Kinder, trifft eine andere Frau und verliebt sich Hals über Kopf. Hadert mit den überraschenden Gefühlen, hält erst sich selbst für verrückt und fürchtet dann, dass es alle anderen tun. Schließlich versteht sie: Das ist mein wahres Ich.

Sandra Schlegel*, 47, hat das tatsächlich getan: ihren Mann nach langer Ehe für ihre Lebensgefährtin Katrin verlassen. Aber wie im Kino hat es sich nicht angefühlt. „Es war eine Zeit der inneren Zerrissenheit, wie bei jeder Trennung. Aber sie hat mich nicht in meinem Selbstbild erschüttert“, sagt sie bei einem Cappuccino im Café, mitten im Szeneviertel einer großen Unistadt. „Mein Leben vorher hat für mich über lange Zeit total gestimmt. Ich wollte immer Kinder, das hat David und mich verbunden, aber es war nicht der einzige Grund, ihn zu heiraten.“ Doch Gefühle und Gewissheiten können sich ändern. „Als ich Katrin kennenlernte und mir irgendwann ehrlich eingestand, wie ich empfinde, konnte ich nicht einfach weiterleben wie bisher. Das wäre niemandem gegenüber fair gewesen – weder David noch mir selbst gegenüber.“

Plötzlich lesbisch? Oder immer schon bi? Weil Sandra Schlegel schon als junges Mädchen einen Blick für hübsche Mitschülerinnen hatte, weil sie sich mit Anfang 20 zwei, drei Mal in Party-Knutschereien mit weiblichen Bekanntschaften wiederfand? „Ich fange nichts mit diesen Labels an. Ich bin einfach ich.“ Bei ihrer Lebensgefährtin ist das ähnlich: Die hatte vorher mehrere lange Beziehungen, vor allem zu Frauen, aber auch zu Männern. Auch sie hat ein Kind. „Als wir offiziell ein Paar wurden, habe ich immer gesagt: Es spielt gar keine Rolle, dass Katrin eine Frau ist, es geht mir um den Menschen.“

So wie die beiden empfinden viele die gängigen Schubladen des Begehrens – homo, hetero, bi – als zu ungenau. Die Begriffe stammen aus der Psychiatrie des 19. Jahrhunderts. Der Sexualforscher Alfred Kinsey war in den 50-ern des 20. Jahrhunderts schon einen Schritt weiter: Seine Skala umfasste immerhin sieben Zwischentöne, die auf Wertungen wie  „richtig“ oder „falsch“ verzichtet. Heute gilt auch das zu holzschnittartig. Die US-amerikanische Psychologin und Wissenschaftlerin Lisa Diamond von der University of Utah hat vor einigen Jahren den Begriff „fluide Sexualität“ geprägt. Klingt ein wenig vage, ist aber treffend – anders als der Versuch, für jede Schattierung der Lust ein neues korrektes Mini-Label zu finden, konstatiert Diamond erstmal nur, dass Begehren in Bewegung ist.

Stefan Timmermanns, Professor für Sexualpädagogik und Diversität an der Frankfurt University of Applied Sciences, beschreibt Sexualität wie einen Regler mit Spielraum. „Bei den meisten Menschen ist die grundlegende Orientierung mit Abschluss der Pubertät, spätestens in den 20-ern zwar abgeschlossen. Aber das heißt nicht, dass sie unveränderbar ist. Und dass Menschen nicht auch einmal Sex entgegen ihrer sonstigen Gewohnheiten haben.“ Viktoria Märker, Fachärztin am Sexualforschungsinstitut des Hamburger UKE, bestätigt: „Sexuelle Orientierung, sexuelles Begehren ist ein Prozess und kein Zustand, den ich mit einem Etikett versehen kann und sagen: So ist und bleibt das jetzt.“

Manchmal betrifft der Spielraum nur die Liebe in Gedanken. Zum Beispiel Fantasien beim Solo-Sex. Oder die Tatsache, dass alle Frauen beim Anschauen erotischer Filme messbar körperlich erregt werden, egal, ob es vor der Kamera Frau und Mann, zwei Frauen oder zwei Männer miteinander treiben. Das ergab ein Experiment der US-amerikanischen Queen’s University. Aber auch Liebesbiografien wie die von Sandra Schlegel werden von der exotischen Randerscheinung zum Mainstream. Prominente Beispiele gibt es genug, etwa, wenn sich Model Cara Delevigne und Schauspielerin Kristen Stewart mal innig mit Männern und mal mit Frauen auf Glamour-Events und in Social Media-Posts zeigen. Ebenso die Schriftstellerin Elizabeth Gilbert („Eat, pray, love“), die 2016 mit 46 ihren zweiten Ehemann verließ, um ihre – mittlerweile verstorbene – Freundin Rayya Elias zu heiraten.

Sven Lewandowski, Soziologe an der Uni Bielefeld, findet: Die neue erotische Unberechenbarkeit passt zum Zeitgeist. „Unsere Identitäten sind heute wandelbarer als früher und voller Brüche – etwa im Berufsleben, oder wenn wir den Wohnort wechseln. Warum sollte ausgerechnet Sexualität davon ausgenommen sein?“ Er ist überzeugt: Anders als wir annehmen, ist sexuelle Lust nicht die natürlichste Sache der Welt. Sondern vor allem ein Kulturprodukt. Wen und was wir begehren, wird nicht nur bestimmt von Körperchemie und seelischer Prägung, sondern auch von unserer Umgebung. „Was erlaubt ist und was tabu, wer mit wem Beziehungen eingehen darf, ohne deshalb gesellschaftlich ausgeschlossen zu werden – das beruht auf ausgesprochenen oder unausgesprochenen Vereinbarungen innerhalb einer Gesellschaft.“ So wie wir nicht nur essen, um Kalorien aufzunehmen, dient auch das, was zwischen Menschen im Bett passiert, vielen Bedürfnissen. Fortpflanzung ist eher selten das vordringlichste.

„Identitäten geben Halt, aber sie können auch einengen wie ein Schraubstock. Der ist heute ein paar Umdrehungen lockerer“, sagt Lewandowski. Demnach ist es nicht verwunderlich, wenn in einer toleranten Umgebung Beziehungen wie die von Sandra Schlegel nicht nur denkbar sind, sondern auch eher gelebt werden als in Milieus und Kulturen mit traditionellen Moralvorstellungen. „In unserem Freundeskreis, unter Kolleginnen, in unserem Viertel haben Menschen zwar erstaunt reagiert, als wir unsere Beziehung öffentlich gemacht haben. Aber wir haben uns nie diskriminiert gefühlt“, sagt Sandra Schlegel. „Sogar meine 80-jährige Mutter hat nur gefragt: Diese Katrin, ist sie denn eine Nette?“ Sie fügt nachdenklich hinzu: „Wer weiß, ob ich mir diese Gefühle überhaupt eingestanden hätte, wenn ich ein paar Jahrzehnte früher gelebt hätte. Oder wenn ich in einem kleinen, katholischen Dorf wohnen würde. Es geht mir vor allem um Katrin als Person, aber zur Wahrheit gehört auch: Kein Mann kann so nachempfinden, was einer Frau Lust bereitet, wie eine andere Frau. Sex ist spielerischer, man biegt nicht so schnell auf die Zielgerade ein, sondern lässt sich länger treiben.“

Beziehungen und Begegnungen jenseits des Boy meets Girl-Schemas werden gerade unter den Jüngeren immer häufiger. Denn der Zeitgeist ermutigt jene, die flexibler sind in ihrer Lust. Dazu passt eine online-Umfrage unter 1000 Teenagern und Twenty-Somethings in den USA und Großbritannien: Eine Mehrheit von 57 Prozent bezeichnet sich als nicht rein heterosexuell. „Das heißt nicht zwingend, dass all diese Menschen das tatsächlich ausleben“, sagt Stefan Timmermanns, „aber es ist ein Ausdruck innerer Freiheit.“ Und noch etwas zeigt das Ergebnis: Es ist nahezu unmöglich, statistisch zu erfassen, wie Menschen sexuell ticken – denn die Zahlen sind immer das Ergebnis einer Selbstauskunft. Und damit auch Ausdruck dessen, was als sozial erwünscht gilt. In rigideren Zeiten outeten sich eher nur solche Frauen und Männer, die ausschließlich das eigene Geschlecht anziehend fanden. Umgekehrt: Wenn im Teenie-Freundeskreis alle die Regenbogenflagge auf dem Smartphone haben und die coolsten Socken bei Germany’s Next Topmodel transgender sind, klingt hetero schnell ein bisschen spießig und nach bravem Blümchensex.

Bei aller Offenheit bleibt allerdings ein Unterschied zwischen den Geschlechtern: Laut Studienlage sind es deutlich mehr Frauen als Männer, die ihre Freiheit auch nutzen. Oder sind sie einfach das fluidere Geschlecht? Sven Lewandowski glaubt: Das hat mehr mit der gesellschaftlichen Geschlechterordnung zu tun als mit Biologie. „Über Jahrhunderte hatte der heterosexuelle Mann gesellschaftlich das Sagen – wenn sich Kategorien auflösen, werden auch Machtverhältnisse in Frage gestellt.“ Heißt konkret: Männer bekommen es nicht nur mit der Angst zu tun, wenn Frauen mehr gesellschaftlichen Einfluss fordern. Sondern auch, wenn sie selbst in Kontakt mit ihren eigenen weiblichen Seiten kommen. Einige empfinden wohl durchaus fluide, leben die Lust auf ihresgleichen sogar manchmal aus. Aber sie gehen weniger offen damit um oder definieren solche Erlebnisse für sich eher als Ausrutscher: Ich und schwul? Never! Medizinerin Viktoria Märker vom UKE glaubt jedoch: Das könnte sich mit einer neuen Generation ändern. „Auch Männer stellen ihre Rolle ja zunehmend in Frage, sind mehr in Kontakt mit ihren Gefühlen und schaffen sich größere Freiräume.“

Bei manchen Menschen geht die Grenzüberschreitung noch einen Schritt weiter – nicht nur in der Sexualität, sondern auch beim biologischen Geschlecht. Vor allem junge Frauen scheinen vermehrt damit zu hadern. Immer mehr Mädchen stellen sich heute bei entsprechenden Stellen vor, weil sie sich als transgender empfinden – am britischen Tavistock Centre in London, einer Klinik, die auch Minderjährige Trans-Menschen behandelt, hat sich deren Zahl innerhalb der letzten zehn Jahre sogar verfünfzigfacht.

Je nach Sichtweise kann das entweder heißen: Hurra, endlich fällt ein Tabu, das früher zu leidvollen Existenzen geführt hat. Oder: Achtung, der Hype um sexuelle und geschlechtliche Vielfalt, kombiniert mit niedrigeren juristischen Hürden, hat auch fatale Folgen. Die Fälle   mehren sich,in denen junge Menschen ihre geschlechtsangleichende Operation bereuen und sie gern rückgängig machen würden. Was nur sehr schwer geht. In deutschen Beratungsstellen führt das zu einem Richtungsstreit: Während manche ihren minderjährigen Patient*innen pubertätsstoppende Hormone verschreiben, warten andere mit körperlichen Eingriffen bis zur Volljährigkeit.

Fragen, die sich Menschen wie Sandra Schlegel nicht stellen müssen. Sie fühlt sich nicht mehr oder weniger als Frau, je nachdem, mit wem sie das Bett teilt. „Ich liebe Katrin sehr. Trotzdem habe ich mich schon mal gefragt: Wenn unsere Beziehung scheitern würde, würde ich dann eher wieder nach Männern Ausschau halten? Im Moment finde ich Frauen sexier und schöner. Aber wer weiß, ob das immer so sein wird.“  

*Namen der Betroffenen auf deren Wunsch geändert

Der Code des neuen Jahrzehnts

Wohl kaum etwas wird unser Alltags- und Familienleben in den Zwanziger Jahren so sehr verändern wie die Digitalisierung – und Corona hat das Tempo noch erhöht. Wir haben schon mal gespickt: Wo wir aufpassen müssen, worauf wir uns freuen können, und warum wir Maschinen nicht das selbständige Denken überlassen sollten

Veröffentlicht als Dossier in ELTERN Family, Oktober 2020

Vor langer, langer Zeit, in einer weit, weit entfernten Redaktion, bekam ich meine erste E-Mail-Adresse. Ich war eher genervt als erfreut. E-wie? Mail-was? Niemand, den ich kannte, hatte so eine Klammeraffenkonstruktion, und wozu auch. Es gab ja Fax. Und Telefon. Handys auch. Aber die brauchten nur eitle Yuppies.

Das waren die mittleren Neunziger, und von da an ging alles ganz schnell, bei mir und weltweit. Die Geburten meiner Kinder verkündete ich noch per SMS auf einem nicht smarten Phone, ein paar Jahre später wurden ihre Geburtstagsgeschenke schon per WhatsApp koordiniert. In den Zehner Jahren fingen auch Autos, Kühlschränke und Putzgeräte an zu denken, und jetzt sind wir hier: Frisch in den Zwanzigern, durch die Corona-Pandemie noch eine digitale Umdrehung nach vorn katapultiert.

Eine rasante Entwicklung, die manchmal auch spaltet. In E-Einkaufszettelbenutzer und Analog-Biokistenbezieher, in Lernapp-Fans und Holzschnitz-Verteidiger, und gelegentlich geht der Riss mitten durch uns selbst. „Digitalisierung verspricht uns Zugriff auf die ganze Welt, echte Verbindung zu weit entfernten Menschen“, sagt Stephan Grünewald, Psychologe, Autor und Mitbegründer des Kölner Rheingold-Instituts. „Aber sie hält das Versprechen nicht immer. Stattdessen befinden wir uns oft in einer Zwischenwelt, in der wir Fake und Realität nicht unterscheiden können.“ Hat die Kollegin beim Bildschirmmeeting nur ihre Kamera ausgeschaltet, oder ist sie gar nicht mehr da? Diskutieren wir auf Twitter mit einem künstlichen Bot, ohne es zu merken? Und machen wir uns zu abhängig, wenn wir selbst die Auswahl eines Familienfilms Algorithmen überlassen? Psychologisch, sagt Grünewald, liegt das rechte Maß in der Mitte zwischen Euphorie und Verteuflung: Technik nutzen, ohne die Kontrolle über unser Leben aus der Hand zu geben. Wie viele Stunden Kita will ich für mein Kind, möchte ich mich beruflich verändern, und bin ich eigentlich glücklich in meiner Beziehung – solche Fragen kann uns kein Big Data-Spezialist beantworten.

Wagen wir also eine Bestandsaufnahme: Wo stehen wir, und wohin könnte die Reise uns Eltern und Kinder in den nächsten Jahren führen?

IM FAMILIENALLTAG: Kira weiß alles (besser)

Deutschland, 2030. Eine superintelligente Konfliktschlichterin, fahrerlose E-Autos und eine mitwachsende Wohnung machen Familie Alpha das Leben leichter. Familie Beta ist dagegen voll auf Retro-Trip. Eine Zeitreise in die nahe Zukunft

Montag morgen, viertel vor sieben: Hilfe, da sitzt eine Fremde auf dem Barhocker in der Küche! Ariane Alpha zuckt erschrocken zusammen, dann wird ihr klar: Es ist nur Kira, die dort auf sie wartet. Ein KI-Superrechner in der täuschend echten Gestalt einer freundlichen Großmutter. Seitdem Kira vor drei Jahren in ihren Haushalt gekommen ist, ist sie Life Coach, Paartherapeutin, Erziehungsberaterin und persönliche Assistentin in einem. Sie schneidet jedes Gespräch mit, das in der Wohnung geführt wird und moderiert Streit; sie bündelt alle Daten von Kontostand bis zum Termin der nächsten U-Untersuchung, empfiehlt Trainingsprogramme für Ariane, 35, und Anton. 38, fragt Adrian, 12, Chinesischvokabeln ab und singt Lieder für Alina, 2. Alles bezahlt von der Krankenkasse. Die hat 2027 festgestellt, dass Haushalte mit so einem eigenen Familien-Bot gesünder leben. Mehr Sport, weniger Alkohol, sogar häusliche Gewalt ist um 78 Prozent zurück gegangen. Die Alphas lieben ihre digitale Nanny fast wie einen echten Menschen. Auf jeden Fall mehr als ihre körperlosen Vorgängerinnen Siri und Alexa – da hat einfach der menschliche Faktor gefehlt.

Heute auf dem Kantinenplan: ein Steak aus dem 3-D-Drucker

„Guten Morgen, Ariane“, begrüßt Kira sie freundlich, „ich sehe, dein Blutdruck ist etwas niedrig. Möchtest du Tipps für ein Morning Workout, oder soll ich dir zuerst eine Empfehlung fürs Frühstück geben?“ „Danke“, antwortet Ariane, „ich schau heute selbst, worauf ich Lust habe.“ Schwingt in Kiras Schweigen ein leiser Vorwurf mit? Ariane steigt über den Putzroboter, öffnet den Kühlschrank, wie immer gut gefüllt, denn selbstverständlich schickt er selbsttätig Bestellungen an den Lieferservice. Früher waren sich Ariane und ihr Mann Anton oft nicht einig bei der Programmierung: Ariane lebt vegetarisch und Anton mag Fleisch. Aber das Problem ist gelöst, seit er im Büro auf seine Kosten kommt: Der 3-D-Drucker in der Kantine wirft zum Lunch auch Steaks aus. Aus laborgezüchteter Bio-Rohmasse, schadstofffrei, und ohne dass ein Tier sein Leben lassen musste. Kein Wunder, dass Anton seitdem immer seltener im Homeoffice arbeitet – obwohl er jederzeit könnte.

7 Uhr 20. Der Zwölfjährige schlurft in die Küche, Kira bemerkt ihn als erste. „Guten Morgen, Adrian. Du bist spät dran.“ „Schnauze“, sagt er, aber nicht unfreundlich. Pubertät eben. Früher hat sich Adrian oft Kira anvertraut, wenn es Ärger gab: „Kira, Mama, ist so doof!“ Und Kira hat ihm in die Augen geschaut, ihm erklärt, warum er vom vielen 3D-Gaming zappelig wird (Stresshormone!) und empfohlen, ein Glas Milch zu trinken.

Aber jetzt muss Adrian los, Schule! Und keine Lust aufs Fahrrad. Deshalb wird er in ein Fahrzeug der E-Flotte einsteigen, die seit letztem Jahr komplett fahrerlos und beinahe geräuschlos durch die Straßen rotieren. Zur Grundschule hat sein Vater ihn noch manchmal mit dem eigenen Auto gebracht, aber das haben sie 2026 abgeschafft – Mobilität on demand ist in der Stadt bequemer und billiger!

Platz da: Mit jedem Programm-Update wächst die Wohnung mit

„Mama, ich geh nach der Schule noch mit meinen Kumpels ein Eis essen!“ „Gut, was sagt dein Budget dazu?“ Adrian öffnet die nächste App, Ariane seufzt. Das Volksbegehren gegen die Abschaffung des Bargeldes ist vor vier Jahren mit einer knappen Niederlage ausgegangen. Gar nicht so einfach, Kindern den Umgang mit Finanzen beizubringen, wenn man keine Münzen und Scheine mehr zum Anfassen hat. Eine Zeitlang haben sie sich mit Klötzchentürmen beholfen: Für jeden Euro Taschengeld, den Adrian ausgab, verschwand eines, damit er verstand, dass sein Geld weniger wurde.

Aus dem Nebenzimmer quietscht Alina. Vergnügt sitzt Arianes kleine Tochter im Gästezimmer, wo sie mit ihrer Oma auf dem Sofa ein Bilderbuch anschaut. Oma hat von gestern auf heute hier geschlafen, während die Eltern auf einer Geburtstagsparty waren. Eigentlich bräuchte es keinen Babysitter, aber Oma findet es verantwortungslos, ein Kleinkind mit einer KI allein zu lassen. Typisch Schwiegermutter, denkt Ariane, aber sagt es nicht laut. Was will man von einer Baby-Boomerin erwarten, die ihre Diplomarbeit noch auf der elektrischen Schreibmaschine verfasst hat?

Dabei kann auch Oma Alpha der Digitalisierung einiges abgewinnen: Ihr eigenes Smart Home macht die Alltagsorganisation leichter, auch das modulare Wohnkonzept der Juniors kommt ihr entgegen. Die Wohnung im Neubau von 2025 kann Trennwände für ein Pop-Up-Gästezimmer ausfahren, reist Oma ab, wird daraus wieder eine Wohzimmerecke. Auch Updates sind im Mietvertrag geregelt: „Living Plus“ mit Schallisolierung für die Teenager-Wohnräume; „Silver Living“ macht aus dem Grundriss eine großzügige Loftwohnung, wenn eines Tages die Kinder aus dem Haus sind. „Da!“ ruft Alina und deutet auf ein Bild in ihrem Buch. Die Oma nickt. „Ja, da steht K-I-N-O. Da sind die Leute hingegangen, ehe es Streamingdienste gab.“

Handgeschriebene Briefe von der Retro-Freundin

17 Uhr. Ariane kommt nach ihrem Arbeitstag aus dem Biotech-Startup nach Hause. Beim Blick auf die Hausbriefkästen fällt ihr ein: Montags wird die Papierpost geliefert! Heute fischt sie tatsächlich einen Brief aus dem Kasten. Handgeschrieben. Die einzige Person, die so etwas tut, ist Bettina Beta. Ihre ehemals beste Freundin. Seitdem sie ihre Stelle als Personal Trainerin verloren hat, weil Bots wie Kira diesen Job besser und gratis machen,  lebt Bettina mit Familie auf dem platten Land, züchtet Hühner und baut Gemüse an. Nichtmal das 7G-Netz gibt es dort. Ariane ahnt schon, was in dem Brief steht: Ein Loblied auf das raue, angeblich echte Leben, mit echten Tieren, echten Landmaschinen mit Auspuff und Motorgeräusch, echten Beziehungskrächen. Jetzt schreibt Bettina auch noch, ihre Familie würde von tief fliegenden Kameradrohnen ausgespäht. Ist das noch Verbitterung oder schon Paranoia?

Als Ariane die Wohnungstür aufschließt, ist es ruhig. Fast zu ruhig. Dann hört sie gedämpftes Kichern aus der Küche. Dort sitzen sie, großer Bruder und kleine Schwester, neben ihnen Kira, die gar nicht gut aussieht. Irgendwie schlapp und unkonzentriert. „Was habt ihr mit ihr gemacht?“, fragt Ariane alarmiert. „Tut nich aufladen!“ strahlt Alina über das ganze Gesicht. Adrian feixt. „Zu blöd, Mama, aber ich glaube, ihr Akku ist leer.“ Ariane atmet auf. „Netter Versuch. Was du vielleicht nicht weißt: In diesem Fall geht Kira in den Ruhezustand und schaltet um auf Solarmodus.“ Ariane will gerade das Kabel wieder einstecken, da richtet Kira sich schon auf. „Hallo, meine Liebe. Dir würde eine Tasse Detox-Tee guttun. Und du, lieber Adrian, hast noch viel Arbeit vor dir. Dein Hausaufgaben-Soll liegt bei sechsundvierzig Prozent.“

Fiktiv, aber nicht unrealistisch: Zu diesem Zukunftsszenario hat die Zeitgeistforscherin Kirstine Fratz (zeitgeistforschung.com) ihr Knowhow beigesteuert

IM SPIEL: Vom Würfel bis zum Star-Avatar – 3350 Jahre Gaming

Schon in der Antike vertrieben sich Kinder spielend die Zeit, ganz ohne Konsole. Ein Rückblick mit Ausblick

1330 v. Chr: Das populärste Spiel im Ägypten zur Zeit des Pharaos Tut-Anch-Amun heißt Senet und folgte ähnlichen Regeln wie Mensch-Ärgere-Dich-Nicht. Ein Würfel entscheidet, ob eine Spielfigur auf Glücks- oder Pechfelder vorrückt

1200 n. Chr.: Zur Ausbildung des Ritter-Nachwuchses an europäischen Höfen gehören nicht nur Waffenkunde, Ringen, Tanzen und gute Manieren. Knappen im Alter von 13 bis 14 Jahren lernen auch die Regeln für Brettspiele, vor allem Schach

1718: Als der preußische Kronprinz sechs Jahre alt ist, befiehlt ihm der Vater, mit Spielzeugkanonen und Zinnsoldaten zu spielen, hinter seinem Rücken übt der musikalische Friedrich lieber heimlich Flöte. Sein späterer Beiname: der Große

1935: Ein anderer Friedrich mit Nachnamen Schleich gründet in Schwäbisch-Gmünd eine Firma für Spielzeugtiere. Später erweitert die Firma ihr Sortiment um Fantasy-Wesen – zu den Verkaufsschlagern seit den Nuller Jahren gehören Elfen und Einhörner.

1980 n. Chr: Japanische Entwickler stellen die erste Version von „Pac Man“ vor: Eine Figur frisst sich durch ein Labyrinth und wird von Gespenstern verfolgt. In den frühen Achtzigern findet Gaming noch vielfach an Automaten in Spielhallen statt. In der Kategorie „Solitärspiel“ gewinnt der „Zauberwürfel“ den Preis „Spiel des Jahres“ – sechs Jahre, nachdem ihn der ungarische Bauingenieur Ernö Rubik entwickelt hat.

1995: Das Brettspiel „Die Siedler von Catan“ kommt auf den Markt und gilt heute als zweiterfolgreichste Spiel-Marke nach dem 90 Jahre älteren „Monopoly“. Heute gibt es das Catan-Universum auf allen Plattformen: auch als Kartenspiel und in Online-Versionen.

1997: Das Tamagotchi schlüpft: ein virtuelles Küken, um das man sich kümmern muss wie um ein echtes Haustier. Damit ist das Spielzeug aus Japan Vorläufer von Spielen, die Elektronik und Realität verbinden – in den Nuller Jahren etwa Pokémon Go, das mit der größeren Verbreitung von Smartphones und Ortungs-Apps zum Hit wird.

2017: Das umstrittene Koop-Survivalspiel „Fortnite“ kommt auf den Markt, und auf dem Schulhof kommen die zugehörigen „Zahnseide“-Moves aus dem „Battle Royal“-Modus in Mode – auch unter Kindern, die Fortnite (noch) gar nicht spielen.

2020: Zu den populärsten Computergames gehört „Minecraft“ – als Strategiespiel oder im Actionmodus, allein oder mit anderen. Doch auch neue Offline-Spiele werden populärer: von Escape Rooms bis zum kostümierten „Life Action Role Play“

2030: Gaming-Blogger Lukas Mehling (gamerliebe.de) schätzt: Klassiker wie Minecraft und Super Mario werden auch die Zwanziger überdauern, im Kommen sind Hybride zwischen Film und Spiel. In manchen Games leihen bereits Schauspieler wie Keanu Reeves, Mads Mikkelsen oder Kristen Bell den Charakteren Körper und Gesicht

IN DER SCHULE: „Im Mittelpunkt steht der Mensch, nicht die Maschine“

Klaus Zierer ist Professor für Schulpädagogik an der Uni Augsburg. Er sagt: Ob Digitalisierung beim Lernen hilft, steht und fällt mit der Lehrperson

ELTERN FAMILY: Nach den Schulschließungen im Frühjahr gab es die Hoffnung, digitale Plattformen könnten einen Schub erhalten und Lernen moderner werden. Hat sich das aus Ihrer Sicht erfüllt?

Klaus Zierer: Nein, wir müssen hier bildungspolitische Defizite feststellen. Es gab keinen Masterplan, keine einheitlichen Konzepte, und wie gut das Fernlernen funktionierte, hing vor allem davon ab, wie engagiert die Lehrperson war. Das bestätigt zweitens: Im Mittelpunkt eines Lernprozesses steht nie die Maschine, sondern immer der Mensch. Eine gute Lehrperson setzt digitale Technik sinnvoll ein, lässt Schülerinnen und Schüler beispielsweise Filme drehen oder mit einer App vertiefend üben, aber behält immer selbst die Zügel in der Hand.

Aber ist die Technik dem menschlichen Hirn nicht auch in mancher Hinsicht überlegen – etwa, wenn ein Algorithmus genauer den Leistungsstand einschätzen kann und Schritt für Schritt das Niveau anpasst…

Die Lernforschung zeigt uns, dass solche Programme Grenzen haben: Sie eignen sich vor allem für standardisierte Formen, etwa das Vokabellernen, und eher für schwächere Schüler. An einem bestimmten Punkt, wenn es vom Lernen zur umfassenderen Bildung übergeht, braucht es aber menschliche Interaktion, den Austausch mit Peers, eine Lehrperson mit Vorbildcharakter, egal, in welchem Fach und in welchem Alter. Das kann keine Maschine ersetzen.

Und was ist mit Spaß? Es motiviert vielleicht stärker, wenn Erfolge nach Art von Computerspielen belohnt werden, wenn es Punkte zu gewinnen gibt….

Natürlich soll Lernen Freude bereiten, aber äußere Motive wie die genannte Belohnung wirken nicht lange. Wichtiger ist die Erkenntnis: Lernen ist mühsam, aber nur an eigenen Fehlern und Rückschlägen kann man wachsen. Anstrengung lohnt sich also: So werden beispielsweise Inhalte beim analogen Lesen besser im Hirn verankert, und beim Mitschreiben per Hand besser durchdacht als beim Eintippen.

Macht Digitalisierung das Lernen demokratischer – etwa, wenn sich schwächere Schüler Mathe-Tutorials im Netz anschauen, auch wenn die Eltern kein Geld für Nachhilfe haben?

Das ist leider die Ausnahme, die sozialen Gräben werden eher noch tiefer. Weil Kinder und Jugendliche aus bildungsnahen Milieus ganz andere Inhalte nutzen als solche aus bildungsfernen. Wir bräuchten dringend eine bessere Medienerziehung!

Das klingt pessimistisch. Wenn Sie sich wünschen könnten, wo die Reise im neuen Jahrzehnt hingeht: Was wäre das Ziel?

Bildung sollte zweckfrei bleibt, also nie nur nach Aspekten der Nützlichkeit betrachtet werden. Mein Idealbild bleibt eine humane Schule, bei der der Mensch und seine Eigenverantwortung im Mittelpunkt stehen. In der weiterführenden Schule haben digitale Lernformen ihren Platz als Teil eines größeren Ganzen. In der Grundschule sollten sie nur begleitend eingesetzt werden, und in der Kita haben sie nichts verloren.

Programmieren gehört also nicht so früh wie möglich auf den Lehrplan?

Ich finde: Nein. Eine umfassende Bildung ist wichtiger. Die beginnt mit sozialem Lernen, und damit der Erziehung zu selbstbestimmten und loyalen Menschen.

IN DER KOMMUNIKATION: digitales Doppelleben

Für die Kinder der Zwanziger Jahre ist die digitale Welt ein selbstverständlicher Teil des Lebensraums, mit allen Vorzügen und allen Gefahren: Etwa jeder dritte Achtjährige besitzt ein Smartphone, bei den Jugendlichen ab 12 sind es 98 Prozent. Spielen, Filme schauen, chatten – wie gehen Eltern damit um, und was raten Experten?

EINE MUTTER SAGT: „Das Schnitzhandy hat mich weich gemacht“

Vero, 42, ist PR-Journalistin, alleinerziehend, und wohnt mit Sohn Leo, 13, in Hamburg

„Ich war ein Waldorf-Kind und bin sehr naturnah aufgewachsen, Fernsehen war bei uns zu Hause tabu. Auch für Leo habe ich mir eine Kindheit mit wenig elektronischen Medien gewünscht. Aber als er dann zum Ende der Grundschulzeit mit rührenden Basteleien ankam, getöpferten und geschnitzten Smartphones, habe ich ihm seinen Herzenswunsch doch vor dem zehnten Geburtstag erfüllt. Allerdings habe ich die Zeit klar begrenzt: Anfangs nicht mehr als 30, 45 Minuten pro Tag, mittlerweile maximal zwei Stunden, und an Wochentagen erst ab sechs Uhr abends. Ich glaube, er hat dadurch ein Gefühl dafür bekommen, was ihm gut tut, nutzt den Klassenchat konstruktiv, und hat eher kreative Ideen, statt sich berieseln zu lassen: dreht Stop-Motion Filme mit Knetfiguren, interessiert sich für Robotik, und ist mittlerweile der IT-Beauftragte der Familie, weil er sich am besten auskennt.“

EIN VATER SAGT: „Die Inhalte zählen, nicht die Zeit“

Markus, 52, ist Jurist und hat mit seiner Frau Katrin drei Kinder: Sunny, 13, Mare, 11, und Mio, 9. Die Familie lebt in Berlin

„Unsere Kinder sind technisch gut ausgestattet: Als sie kleiner waren, haben sie auf dem iPod Hörspiele und Musik gehört, jetzt gehören Konsolen, Laptops, Tablets und Handys zum Haushalt. Die online-Zeiten der Kinder kontrollieren wir Eltern nicht, dafür die Inhalte: Spiele mit Suchtfaktor sind bei uns tabu, zum Beispiel Fortnite, das zu In-App-Käufen animiert und so konstruiert ist, dass man schwer ein Ende findet. In der Corona-Zeit hingen die drei viel an ihren Geräten, da haben wir ihnen immer wieder Alternativen geboten, wenn wir den Eindruck hatten, es wird zu einseitig: Komm, wir gehen raus, Radfahren, Wandern. Am schönsten ist es, wenn sie von selbst die Balance halten. Sunny stand eines Nachmittags mit dem Skateboard auf dem Flur und sagte: Ich hab genug gezockt, alle Filme gesehen, ich geh aufs Tempelhofer Feld. Der Kleinere hat Einradfahren gelernt, alle drei haben wieder mehr gelesen. Das bestätigt uns: Statt Kontrolle mit der Stechuhr setzen wir lieber auf unser Bauchgefühl und auf Vertrauen.“

EINE EXPERTIN SAGT: „Das Problem sitzt im Kopf, nicht im Prozessor“

Dr. Iren Schulz ist Kommunikationswissenschaftlerin und Mediencoach und arbeitet im Auftrag der öffentlich-privaten Initiative „Schau Hin!“ (schau-hin.info)

„Zu den größten Herausforderungen im Netz gehört das Cybermobbing – etwa die Hälfte aller Kinder und Jugendliche haben schon mit beleidigenden Kommentaren zu tun gehabt, quer durch Altersgruppen und soziale Schichten, und sie sind einfach verletzlicher als Erwachsene. Sicherlich hat es Mobbing auch in analogen Zeiten gegeben, aber eine Schulhofprügelei war eben nach zehn Minuten Geschichte – heute ist weniger körperliche Gewalt ein Problem als psychische. Und die ist eben mit dem Schulgong nicht vorbei, sondern geht auch nachmittags und am Wochenende weiter. Manchmal hilft es nicht einmal, die Schule zu wechseln.

Das Problem ist aber nicht die technische Entwicklung, das Problem ist im Kopf. Das Netz ist ein Spiegel unserer Gesellschaft, und die ist auf Leistung, Abgrenzung und Einzelkämpfertum aufgebaut. So lange sich in den Köpfen nichts ändert, so lange Schule und Elternhaus nicht gemeinsam Werte und Mitmenschlichkeit vermitteln, wird sich auch bei Mobbing und Hate Speech kaum etwas ändern.

Wir empfehlen Eltern, an den Handy-Aktivitäten ihrer Kinder dranzubleiben, ohne ihnen nachzuspionieren. Bei Kindern im Grundschulalter geht das zum Teil über technische Lösungen, in dem man die Voreinstellungen so sicher und privat wie möglich hält, sind die Jugendlichen älter, geht es vor allem darum, interessiert nachzufragen: Was machst du im Netz, mit wem chattest du, magst du mir mal etwas zeigen? Und dabei auch nicht blind sein für die Möglichkeit, dass das eigene Kind nicht nur Opfer, sondern auch Täter sein könnte. Von der Schule würde ich mir für das neue Jahrzehnt wünschen: sowohl mehr mit Medien lernen als auch mehr über Medien aufklären. Das Rad zurückzudrehen, ist weder sinnvoll noch möglich – aber wir dürfen den digitalen Entwicklungen nicht hilflos hinterherlaufen.“


Rolle rückwärts?

Zwischen Homeschooling, Herd und Home-Office: Die Corona-Pandemie dreht unser Leben auf links. Wohin führt das: zurück in die Fünfziger Jahre – oder vorwärts, zu einer gerechteren Aufteilung von Erwerbs- und Familienarbeit? Wer jetzt verliert, wer jetzt gewinnt, und wer jetzt gefragt ist: Politik, Arbeitgeber, und nicht zuletzt wir selbst!

Titelthema aus ELTERN, 7/2020

Phase eins: Luft anhalten, weiter atmen

Ganz am Anfang der Krise, ganz im Norden, zerrinnt einer Mutter die Lebensplanung zwischen ihren Fingern.

Sandra, 48, lebt mit Mann und sechsjähriger Tochter an der Küste in Mecklenburg-Vorpommern, hat viele Jahre in der Boombranche Tourismus gearbeitet und sich gerade selbständig gemacht, als Personalberaterin in der Kreuzfahrtindustrie. Zwei Wochen später branden die ersten Nachrichten von Covid-19-Infektionen in Europa an. „Innerhalb kürzester Zeit gingen meine Aufträge von 100 auf Null zurück. Beim Blick auf meine Kontoauszüge fragte ich mich jeden Tag: Wie lang können wir noch atmen?“ Schließlich verdient ihr ägyptischer Mann mit Hausmeisterjobs nur wenig. Zurück in eine Festanstellung? Jobangebote sind rar, wenn, dann in Vollzeit, und wer soll der Tochter beim Lesenlernen helfen, wenn der Vater kein Muttersprachler ist? Also beantragt Sandra Grundsicherung. Schreibt Protestbriefe an Ministerien, setzt eine Web-Idee um*, legt Gemüsebeete an, kauft zwei Meerschweinchen. „Unser Kind soll nicht unter der Situation leiden.“ Und sie selbst? „Ich bin vor allem wütend. So viel Arbeitskraft und Knowhow wird hier verbrannt!“

In der Mitte Deutschlands, in Köln, sitzt derweil Ines Imdahl, Diplom-Psychologin und Mitgründerin des Forschungsinstituts „Rheingold Salon“, und macht sich Sorgen. Seit mehreren Jahrzehnten nimmt sie mit ihrem Team die Befindlichkeiten, Sorgen und Wünsche von Frauen unter die Lupe. Schon im März, nach der TV-Ansprache der Bundeskanzlerin sagt sie: Vor allem Mütter werden den Preis für die Corona-Krise zahlen. Weil sie verinnerlicht haben: Klar darf ich mich um Karriere und persönliche Ziele kümmern – aber nur, wenn die Partnerschaft, die Kinder, am besten nicht einmal der Haushalt darunter leidet. Dieser Perfektionsdrang fällt ihnen jetzt auf die Füße, sagt Imdahl: „Es gibt Mittelschichtsmütter, die machen seit Beginn der Pandemie zwei Fulltime-Jobs.“ Weil sie neben Home Office den Anspruch haben, im Homeschooling zu performen wie die Lehrer. Besser: noch besser. Ihren Größeren Software zur Aufgabenorganisation aufs Laptop laden, den Kleineren die Bügelperlen plätten. 8,8 Millionen Schul- und Kitakinder sind zu diesem Zeitpunkt ohne Tagesbetreuung. Folge: „Die Mütter hecheln jetzt bei der Arbeit hinterher, während Kinderlose an ihren Karrieren schrauben – und auch jene Väter, denen die Frauen ganz nebenbei noch die Hemden bügeln.“ Kein Klischee, sondern Zahlen des sozioökonomischen Panels: Selbst bei Elternpaaren, die beide Vollzeit beschäftigt sind, kümmern sich Frauen im Schnitt fast zwei Stunden täglich mehr um Kinder und Haushalt als Männer; ist er Hauptverdiener und sie Zuverdienerin (trifft in Deutschland auf fast jede zweite Familie mit Kindern unter zwölf Jahren zu), erhöht sich die Differenz auf über fünf Stunden.

Weitere 450 Kilometer südlich, in einem Dorf bei Freiburg. Das Leben von Janis (38) erinnert an den Computerspiel-Klassiker „Tetris“: Dort geometrische Formen anordnen, die immer schneller über den Bildschirm gesaust kommen, hier den Alltag jonglieren. Als Pflegedienstleiterin in Teilzeit hat sie die Verantwortung für 50 Angestellte, ihr älterer Sohn Jannik, 8, braucht als Asperger-Autist ständige Schulbegleitung, ihr Mann geht als LKW-Fahrer früh aus dem Haus und kommt spät nach Hause. Der familiäre Zeitplan ist auf Kante genäht. Mit der Corona-Kurve steigt das Tempo nochmal um mehrere Level.

Janis ist jetzt offiziell Alltagsheldin, abends klatschen Menschen von Balkonen. Aber das ist ein schwacher Trost, wenn die Notbetreuung nicht greift, weil nur ein Elternteil einen Job hat mit dem Label „systemrelevant“. Wenn im Pflegeheim zusätzlich besorgte Angehörige Schlange stehen, die ihre Angehörigen nicht besuchen dürfen. Wenn nach den Osterferien jeder Sohn einen anderen Präsenztag in der Schule hat und Jannik täglich ausrastet, weil der Krisenmodus ihm feste Struktur nimmt – purer Stress für Kinder wie ihn. „Mein Mann hat größten Respekt dafür, was ich leiste“, sagt Janis. Aber mehr als ein Familientag pro Woche ist für ihn nicht drin. Ansage vom Chef. Wie kommt sie klar mit dem Druck? „Ich kann nur dafür sorgen, dass es mir gutgeht. Der wöchentliche Mädelsabend mit meinen Freundinnen ist mir heilig. Auch wenn dafür körbeweise Dreckwäsche auf dem Sofa liegen bleibt.“

Nicht nur Ines Imdahl warnt, dass Mütter zusammenklappen, abgehängt werden oder beides. Im April prognostiziert die Soziologin Jutta Allmendinger im Talk bei Anne Will, Frauen würden gerade um dreißig Jahre zurückgeworfen. CSU-Chef Markus Söder wischt solche Prognosen markig vom Tisch: „Es geht nicht um die Rückkehr zum Herd, sondern ums Home Office – das kann sogar gut sein für die Work-Life-Balance!“

Janis kann er damit nicht meinen, denn wie viele Mütter arbeitet sie in einem typischen Frauenjob: Pflege, Kitajobs und Co sind so anspruchsvoll wie schlecht bezahlt, und man kann sie weder mit nach Hause nehmen noch beschleunigen. Nur in 57 Prozent aller Paarfamilien ist zumindest für einen Elternteil Arbeit im Homeoffice möglich, bei Alleinerziehenden liegt der Anteil sogar nur bei 35 Prozent, findet das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) heraus. Im WZB-Forschungsinstitut kommt man zum Ergebnis: Die Lebens- und Arbeitszufriedenheit sinkt durch Corona stärker bei Familien als bei Kinderlosen, und bei Müttern deutlich stärker als bei Vätern. Die Folgen beziffert die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung: 27 Prozent aller Mütter von Kindern unter 14 haben seit Beginn der Corona-Krise ihre Stundenzahl im Job reduziert, aber nur 16 Prozent der Väter.

Phase zwei: Durchwursteln, neu finden

In den Szenevierteln Hamburgs füllen sich die Straßencafés wieder, an der Elbe schwitzen Jogger, und Alexandra (27) sagt: „Uns geht es ziemlich gut.“ Vor Corona sah das Leben mit ihrem Freund Finn (32) so aus: Gemeinsam um Tochter Nora (5) kümmern, jeder für sich beruflich ranklotzen. Alexandra für ihre Doktorarbeit in Physik, Finn in Teilzeit bei einer Bank, am Wochenende bei der Gründung eines eigenen Startups für Veranstaltungstechnik. Ausgerechnet. Virus plus Kitaschließung haben die Karten neu gemischt: Die Gründung liegt auf Eis, jeder hat genau zweieinhalb Arbeitstage, und am Wochenende ist plötzlich viel Zeit zu dritt. Ungewohnt für das Powerpaar. „Es ist wie eine Elternzeit, die wir nie richtig hatten.“ Ein ungebetenes Geschenk – selbst wenn es finanziell Abstriche bedeutet. Und Alexandra sich auch sorgt, ob sie ins Hintertreffen gerät. Weil Kollegen die Zeit ohne Kongresse und Unibetrieb zum Schreiben und Forschen nutzen, während sie mit ihrer Tochter spielt. „Es ärgert mich, dass die Politik sich zuerst um Autohäuser gekümmert hat und erst dann um Kitas.“ Das Positive? „Finn und ich sind ein super Team, wir können Krise.“

Einen Stadtteil weiter hat Martina (Name geändert), 53, weniger gute Erfahrungen gemacht. Sie und ihr Exmann sind seit acht Jahren getrennt, die Teenie-Kinder pendeln wochenweise. Mit Corona flog ihnen der Familienvertrag um die Ohren: „Weil ich als freiberufliche Mediatorin zu Hause arbeite, bleibt das Homeschooling an mir hängen – mein Ex geht in seiner Woche einfach ins Büro. Wenn nachmittags unser Zwölfjähriger vor der Tür steht, weil er mit den Aufgaben nicht weiterkommt – soll ich ihn wegschicken?“ Was sie betrübt: „Warum wird die Arbeit von Frauen so oft geringer geschätzt als die von Männern?“

Beispiele, die zeigen: Covid-19 ist kein Erdrutsch, der die Landschaft verändert – sondern zeigt wie unter einer Lupe bestehende Strukturen. Man könnte auch sagen: Von wegen „Retraditionalisierung“ – wir standen auch vor der Pandemie noch mit einem Bein in den Fünfzigern! Der Staat belohnt Familien mit hohen Einkommensdifferenzen, von der kostenlosen Mitversicherung in der Krankenkasse bis zum Steuerrecht. Trotz Kita-Ausbau, trotz Elterngeld Plus. Zahlen des Bundesfamilienministeriums von 2016 sprechen eine eindrückliche Sprache: Selbst wenn Eltern minderjähriger Kinder beide die gleiche Schulbildung und das gleiche Berufsbildungslevel vorweisen können, verdienen 19 Prozent der Mütter Null, 63 Prozent unter 1000 und nur sechs Prozent mehr als 2000 Euro monatlich. Auch die Abstands- und Kontaktregeln während der Lockdown-Phase offenbarten ein traditionelles Familienbild: Eltern, Kind, Hausgemeinschaft. Schwerer hatten es Single Moms (oder Dads), die sich sonst auf ein Unterstützer-Netzwerk verlassen; Eltern, die getrennt wohnen, aber gemeinsam erziehen; Patchwork-Familien.

Zur Wahrheit gehört aber auch: Das Selbstverständnis vieler Eltern hat sich geändert, vor allem das der Jüngeren und der Männer. So verbringen etwa Väter, die in Elternzeit gegangen sind, auch Jahre später mehr gemeinsame Stunden mit ihren Kindern. Und junge Paare, die sich bewusst für Fifty-Fifty entscheiden – so wie Alexandra und Finn – , lassen sich das so leicht nicht nehmen. Das beweist auch ein Blick zu unseren skandinavischen Nachbarn: Kein Zufall, dass etwa Dänemark schon den Restart von Schulen und Kitas probte, als Deutschland noch über Küchenstudios diskutierte. Denn zwischen Kopenhagen und Arhus fallen Mütter als stille Reserve schlicht aus: Dänische Mamas tragen laut OECD-Statistik im Schnitt 42 Prozent zum Familieneinkommen bei – deutsche nur 22 Prozent.

Phase drei: Umdenken, Chancen ergreifen

Eine Kleinstadt in Westfalen, großzügige Häuser, sommerlich gepflegte Gärten. Ute, 46, sitzt im Arbeitszimmer vor der Laptop-Kamera und sagt: „Die Backlash-Diskussion nervt mich, wir Frauen sollten uns nicht in die Opferrolle drängen lassen. Wir haben es doch selbst in der Hand, wie wir Arbeit und Familie organisieren!“ Klar, sie ist gut dran, und sie weiß es: Mit einem festen Job als „Innovation Manager“ bei einem Arbeitgeber, der Home Office schon lang im Gesamtpaket hat, und einem Mann, der als Lehrer nicht erst abends Zeit hat für Alexander (2. Klasse) und Felix (5. Klasse). Aber Chancen entstünden jetzt für viele: „Wenn sich dank Corona herumspricht, wie gut das selbstbestimmte, agile Arbeiten funktioniert, ist das doch ein Traum – gerade für Eltern.“ Besonders Mütter brächten Fähigkeiten mit, die nach der Krise gefragt sein könnten: Kommunikationstalent, Konflikt- und Feedbackfähigkeit. „Mit diesen Pfunden müssen wir wuchern. Neue Modelle sind greifbar wie nie!“

Mit ihrem Optimismus ist sie nicht allein. Auch Gerhard, 51, Unternehmensberater aus dem Rheinland und alleinerziehender Vater eines Zwölfjährigen, hat die Wochen mit Quarantäne und Homeschooling vor allem als bereichernd erlebt: „Als Vater und Sohn hat uns die Nähe gut getan, und ich merke, dass es mich freier macht, weniger zu planen und agiler zu denken.“ Auch was die Zukunft der Arbeit angeht, ist für ihn das Glas halbvoll: „Viele Bewegungen entstehen aus einer Krise heraus!“

Man kann diese Hoffnung sogar belegen. Das Marktforschungsinstitut Innofact hat nachgefragt: Führungskräfte stehen der Arbeit im Home Office und flexiblen Arbeitszeitmodellen nach den Erfahrungen im Corona-Modus positiver gegenüber als zuvor. Und eine Studie der Uni Mannheim kommt zum Schluss: Zwar gehören Frauen (besonders Mütter) kurzfristig zu den Verliererinnen der Krise, auch weil sie häufiger in gebeutelten Branchen wie Reise und Gastronomie beschäftigt sind. Längerfristig, schlussfolgert Studienleiterin und Ökonomin Michèle Tertilt, könnte sich der Effekt jedoch umkehren: Weil Mütter von der neuen Flexibilität der Arbeitswelt profitieren, aber eben auch, weil Väter derzeit mehr Routine bei der Kinderbetreuung bekommen. Davon hätten auch Frauen etwas, die ihre Arbeit nicht am heimischen Laptop erledigen können. Sondern im Einzelhandel, im Labor, im Fitnessstudio.

Und dann gibt es noch jene, die ihre Lebensentwürfe in diesem Sommer generell hinterfragen. Wie die Fotografin Sonya, 28, Mutter von Sophia, 4. Mit Freund Jens lebt sie in Hamburg zur Miete, seit März sind ihr fast alle Aufträge weggebrochen. Neulich, auf dem Rückweg vom Supermarkt, hat sie angefangen zu weinen. Aber nicht vor Verzweiflung. Sondern vor Glück. „Ich dachte immer, ich muss unbedingt mein eigenes Einkommen haben, darf mich bloß nicht abhängig machen von Jens und seinem Job als Chemiker. Geld ist ja ein Stück Freiheit. Und dann war ich plötzlich gezwungen, einen Gang herunter zu schalten, und habe gesehen: Sophia ist so glücklich, einfach mit mir in den Tag hinein zu leben. Vorher war sie täglich acht Stunden in der Kita, häufig müde und spielte zu Hause kaum noch. Ich merke erst jetzt richtig, wie sehr mich das Muttersein erfüllt.“ Ihre Berufstätigkeit will sie zwar wieder hochfahren, wenn die Regelungen es erlauben – aber behutsam. „Ich weiß jetzt, dass wir auf kleinerem Fuß besser leben. Weil Zeit bleibt für das Wesentliche.“

Was heißt das jetzt: Freiheit im Kopf statt Freiheit durch Geld? Oder eben doch der befürchtete Rückschritt um dreißig, fünfzig oder noch mehr Jahre? In die Epoche nach dem Zweiten Weltkrieg, als eine Generation von Frauen tatkräftig Trümmer wegräumte, das „Wirtschaftswunder“ danach jedoch den Männern überließ – so wie es Psychologin Ines Imdahl befürchtet?

Andreas Rödder, Professor für Neuere Deutsche Geschichte an der Uni Mainz und CDU-Mitglied, findet: Nein, das ist nicht vergleichbar. „In beiden Weltkriegen waren weiblich besetzte Arbeitsplätze eher eine Notlösung – die Männer waren an der Front, also brauchte man Frauen in der Industrie, vor allem in der Rüstung.“ Und das Ende der DDR, als der massive Abbau von Jobs stärker zu Lasten der Frauen ging? Auch das ist keine Blaupause für 2020, glaubt Rödder: „Frauen und Mütter sind heute ja nicht nur berufstätig, weil sie das Geld brauchen. Viel stärker geht es um Teilhabe, Erfüllung, Selbstbestimmung.“ Und dieses Bedürfnis verschwinde ja nicht einfach – genau so wie Diskussionen von Gender Pay Gap bis Gendersternchen. Mit einer konkreten Zukunftsprognose tut er sich dennoch schwer. „Ob und wie die Wirtschaftskrise unsere Rollenbilder beeinflusst, wird daran liegen, wie tief und lang anhaltend sie ist.“ Es gäbe aber Grund zum Optimismus: „Schaut man sich die demographische Entwicklung an, werden wir auch bei einem schwachen Arbeitsmarkt wohl keine Massenarbeitslosigkeit bekommen.“ Geschichten wie Sonyas machen ihm keine Sorgen: „Eine Gesellschaft muss sich fragen: Soll der Staat in unsere Lebensentscheidungen hineinfunken und Rollenbilder vorgeben wie das Vollzeit-Doppelverdienerpaar – oder einen Rahmen schaffen, der verschiedenen Wertvorstellungen und Absprachen Platz lässt?“

Eine rhetorische Frage, klar. Jede und jeder sollte die Freiheit haben, sich die Balance zwischen Job und Familie, Eigensinn und Gemeinsamkeit zurechtzuzimmern. Doch was hilft uns jetzt, Wege offen zu halten und Weichen so zu stellen, damit das auch morgen möglich ist – vielleicht sogar besser als gestern? Und wer ist dabei gefragt: Politik, Arbeitgeber, Wissenschaft – oder gar wir selbst? Wir hätten da ein paar Ideen….