„Krieg ist immer ein Backlash für die Sache der Frauen“

Aber ihre Rolle wird auch unterschätzt, sagt die Historikerin Hedwig Richter. Denn Frauen spielen eine Schlüsselrolle, wenn es um das Voranbringen der Demokratie geht – auch in der Ukraine. Für die BRIGITTE habe ich mit ihr gesprochen.

Seit Beginn von Putins Angriffen fühlt man sich oft wie um 100 Jahre zurückversetzt: Auf der einen Seite die männlichen Helden, die in Kiew kämpfen, während Mütter und Kinder verzweifelt fliehen – und in deutschen Talkshows sitzen Generäle. Ein gesellschaftlicher Backlash?

Hedwig Richter: Krieg und Gewalt sind entsetzlich und immer ein Rückschlag für den Feminismus, oft auf allen Seiten. Ich bin allerdings zuversichtlich, dass wir Freiheit und Gleichheit auf Dauer nicht zurückdrehen werden. Wir sind nicht blind einem Schicksal ausgeliefert, sondern haben vieles selbst in der Hand.

Inwiefern?

Das wird beim Blick auf die Geschlechterordnung deutlich, die sich immer nur mit großen Mühen ändern lässt. Nach dem Ende des Kaiserreichs 1918 bekamen Frauen das Wahlrecht, um das sie Jahrzehnte lang gekämpft hatten plus besseren Zugang zu Bildung und Berufsleben. Das war fortschrittlich. Die Nationalsozialisten sorgten für Rückkehr zu einer martialischen Männlichkeit, Frauen wurden aus dem öffentlichen Leben verdrängt. Und nachdem sie im Krieg und in der direkten Nachkriegszeit fast alle Aufgaben der Männer selbst übernommen hatten, kamen die fünfziger Jahre mit ihrem Idealbild der Hausfrauenehe. Doch Stück um Stück ist die Offenheit unserer Gesellschaft gewachsen, die Demokratie hat an Stärke gewonnen. Putin greift genau diese Friedensordnung an: Freiheit, Gleichheit, Vielfalt. Und damit wächst auch das Bewusstsein, dass es sich lohnt, diese Werte zu verteidigen.

Notfalls auch gewaltsam? In der Ukraine kämpfen ja auch ein paar Frauen.

Eine Diskussion, die so alt ist wie der Feminismus selbst. Die eine Strömung sagt: Gleiche Rechte, gleiche Pflichten, also auch zur Waffe greifen wie die Männer. Die andere Strömung argumentiert: Frauen sind, aus welchen Gründen auch immer, die friedlicheren Menschen und brauchen deshalb mehr Macht, um auf unblutige Weise Lösungen zu finden. Ich habe selbst keine einfache Antwort auf diese Frage. Was man aber sagen kann: Frauen waren schon immer ein Motor friedlicher Transformation.

Woran machen Sie das fest?

Studien zeigen an vielen Beispielen: Wenn sich eine Gesellschaft demokratisiert, ist das nachhaltiger und dauerhafter, wenn es aus der Zivilgesellschaft kommt und nicht von einer kleinen Gruppe, die ihre Ziele gewaltsam durchsetzt. Und an friedlichen Übergängen sind immer mehr Frauen beteiligt als an gewaltsamen. Ihre Rolle wird immer unterschätzt, weil sie nicht so heroisch inszeniert und gewaltsam sind. Nehmen Sie die 68er-Bewegung – dominierend sind Bilder der Steine werfenden Männer, während die Frauen wenig glorios gesellschaftliche Veränderungen durchgesetzt haben, mehr Gleichheit, gewaltfreie Erziehung, Selbstbestimmungsrechte. Auch international ist demokratischer Wandel oft weiblich getrieben, etwa in Belarus oder in Afghanistan. Selbst wenn die Lage derzeit furchtbar ist, denke ich, auf Dauer wird sich das nicht unterdrücken lassen.

Was ist mit den Frauen auf der russischen Seite?

Ich bin keine Russlandexpertin. Aber auch hier sehen wir viele Frauen, die an den Protesten beteiligt sind. Autoritäre Regime wie in Syrien, Belarus und jetzt in Russland sind misogyn und homophob. Und sie schlagen mit voller Härte zu, weil sie wissen, dass ihre Stunde geschlagen hat. Weil die Demokratie, Menschenwürde für alle so attraktiv ist, geistig und materiell, hat sie eine große Anziehungskraft auf Bevölkerung in diesen Ländern. Vieles spricht dafür, dass sich diese Lebensweise am Ende durchsetzt. Und das werden wir ganz stark den Frauen zu verdanken haben.
Darf man sich angesichts des ganzen Leidens überhaupt so etwas wie Geschlechterfragen stellen? 

Unbedingt! Hier wird deutlich, dass unsere zivilen Reflexe funktionieren, und dass wir unsere Friedenslektion gelernt haben. Frauenrechte und Emanzipation, berühren den Kern demokratischer Werte: Freiheit und Gleichheit.

„Jede Mutter hält ihr Kind für ein unschuldiges Lamm – keine fragt sich, ob es der Wolf ist“

Was ist schlimmer für Eltern: Wenn das eigene Kind zum Opfer wird oder zum Täter? Und macht Liebe blind für die Schattenseiten derer, die uns nahe stehen? Die israelische Psychotherapeutin und Schriftstellerin Ayelet Gundar-Goshen stellt unbequeme Fragenich durfte sie für ZEIT online interviewen

Alle Eltern kennen die Angst, jemand könnte ihrem Kind etwas antun – von Ausgrenzung in der Schule bis zu Gewaltverbrechen. Für die Hauptfigur Ihres neuen Romans, eine israelische Mutter in Kalifornien, kippt diese Angst ins Gegenteil, als sie sich fragen muss, ob ihr Teenagersohn einen Mitschüler getötet hat. Was hat Sie an diesem Setting gereizt?

Als Autorin und Psychologin habe ich die Möglichkeit, Abgründe auszuloten, vor denen meine Figuren zurückscheuen. Aber auch persönliche Schlüsselmomente haben mich auf das Thema gebracht. Am ersten Kindergartentag meiner kleinen Tochter habe ich mich nervös gefragt: Was tun die anderen Kinder ihr möglicherweise an, wenn ich sie nicht mehr den ganzen Tag beschützen kann? Bis mir klar wurde: Mit mir stehen hier noch 20 andere Mütter, besorgt und mit Herzklopfen, in der Überzeugung, dass ihre eigenen Kinder unschuldige Lämmer sind, die in einen Wald voller Wölfe geschickt werden. Und keine fragt sich: Moment – könnte es sein, dass mein Kind selbst der Wolf ist? 

Aber brauchen Kinder nicht auch diesen verklärten Blick, das Gefühl, bedingungslos geliebt zu werden?

Klar. Als Eltern sehen wir unsere Kinder im besten Licht, das ist unser Job. Wir nehmen an, dass niemand sie so lieben kann wie wir, mit Recht. Aber das bedeutet auch, dass wir blind sind für manche ihrer Seiten. Auch, weil es unser Selbstbild stört.

Das Kind als kostbarer Besitz, als Objekt elterlicher Allmachtsphantasien?

Manche präsentieren ihre Kinder wir einen Leistungsnachweis: das Beste, das mir je gelungen ist! Mich macht das misstrauisch. Wenn eine Mutter sagt: „Mein Kind würde nie etwas Böses tun“, dann ist das wichtigste Wort in diesem Satz das Possessivpronomen: „mein“. Etwas, das aus mir entstanden ist, ist über jeden Zweifel erhaben. Dieser Narzissmus bringt ein bestimmtes Selbstverständnis mit sich: ich mache mich zur Anwältin meines Kindes in seiner Auseinandersetzung mit der Welt, unabhängig davon, wer im Recht ist, egal, ob es um Schulnoten geht oder um Konflikte mit anderen Kindern.

Als die Mutter in Ihrem Roman herausfindet, dass ihr Sohn ein Verbrechen begangen haben könnte, will sie es nicht wahrhaben, verdrängt es, hat Angst, ihn zu konfrontieren. Mord ist natürlich ein extremes Beispiel, aber vielleicht verhalten sich die eigenen Kinder aggressiv, verbal oder körperlich. Was wäre Ihr Rat als Psychotherapeutin: Wie können wir mit unseren Kindern ins Gespräch kommen, damit sie lernen, besser mit solchen Impulsen umzugehen?

Mein Rat wäre: Nicht wegsehen, nicht kleinreden, sondern versuchen, die Motivation des Kindes zu verstehen. Verstehen heißt aber nicht akzeptieren. Wir müssen ganz klar machen, dass sein Verhalten falsch war, dass es bessere Wege der Konfliktlösung gibt, sollten aber Kinder nicht für ihr Verhalten bestrafen. Denn Strafe führt nur zu Groll und Wut, und wir möchten ja ein zarteres Gefühl auslösen – Bedauern. Deshalb sollten wir dem Kind vor allem vermitteln: Ich glaube, dass du es beim nächsten Mal besser machen kannst. Du bist nicht böse, du hast etwas Böses getan, und du kannst es ändern.

Wahrscheinlich kommen viele Eltern gar nicht an diesen Punkt, weil sie so mit ihrer Angst beschäftigt sind, ihr Kind könnte selbst unter anderen leiden. Sie sagen, bei der Recherche für Ihren Roman haben ihnen einige erzählt: Wenn ich mich entscheiden müsste, ob mein Kind gemobbt wird oder andere mobbt, dann lieber zweiteres. Können Sie das nachvollziehen?

Ich hatte diese Diskussion sogar mit meinem eigenen Partner. Wie viele andere Eltern hat er gesagt: Natürlich möchte ich weder das eine noch das andere, aber im Zweifelsfall wünsche ich mir vor allem, dass mein Kind möglichst wenige Narben davonträgt, psychisch wie körperlich. Wenn es aggressiv ist gegen andere, kann ich es dazu bringen, sein Verhalten zu ändern, und es kann bereuen, was es getan hat – aber Opfer bleibt man ein Leben lang.

Ist das vielleicht eine spezifisch israelisch-jüdischen Erfahrung, eine Urangst: Alles, nur nie wieder Opfer sein?

Das dachte ich auch, als ich mich zuerst mit dem Thema beschäftigte. Der Holocaust ist unser kollektives Trauma, die Angst, wie Lämmer zur Schlachtbank geführt zu werden. Ich kann mich gut erinnern, als ich ein kleines Mädchen war und wir im ersten Golfkrieg einen Angriff aus dem Irak befürchteten, dass mein Großvater verbittert sagte: Ich hätte niemals gedacht, dass ich noch einmal erlebe, wie jüdische Kinder Angst haben müssen vor Gas. Er wäre lieber in den Krieg gezogen und sogar gestorben, als passiv in einem Schutzraum zu sitzen und nichts tun zu können. Aus diesem unerträglichen Gefühl von Hilflosigkeit erwächst eine Art israelische Macho-Mentalität: Lieber jetzt Stärke zeigen und es später bereuen als umgekehrt. Aber auch in anderen Ländern reagierten Eltern ähnlich auf meine Frage nach ihren Kindern, etwa in Deutschland oder der Schweiz. Ich glaube, es hat mit wachsendem Individualismus zu tun. Mit der globalen Feelgood-Diktatur.

Was meinen Sie damit?

Zufriedenheit und Selbstwertgefühl des Einzelnen stehen ganz oben auf der Agenda, über allem anderen, in weiten Teilen der Welt. Googeln Sie mal Artikel zum Thema „Wie stärke ich das Selbstbewusstsein meines Kindes“ und zum Thema „Wie erziehe ich mein Kind zu einem guten Menschen“ – jede Wette, dass sie beim ersten Begriff deutlich mehr finden?

Dabei spricht ja erstmal nicht dagegen, zu sagen: Hauptsache, meinem Kind geht es gut und es ist glücklich.

Vor zwei, drei Generationen noch ging es Eltern weniger um Wohlbefinden als um Moral, um Sinn, ständig beurteilten sie das Benehmen ihres Kindes: Wird aus ihm ein guter Christ, ein guter Kibuzznik, ein guter Kommunist? Natürlich ist es ein Segen, dass diese starren Systeme heute nicht mehr in der Form existieren, dass gesellschaftliche Zwänge und Schuldgefühle uns nicht mehr die Luft abschnüren. Aber manchmal scheint mir, wir haben das Konzept von Schuld komplett über Bord geworfen, und das besorgt mich. Als Konsequenz daraus biegen wir als Eltern die Welt so zurecht, dass unser Kind sich nicht wehtun kann, und übersehen dabei andere.

Macht es das Leben nicht auch aus, dass es nicht immer diese klaren Fronten gibt, hier Täter, da Opfer?

Genau da wird es interessant. Denn wenn wir uns ein neugeborenes Kind anschauen, und zu welcher Grausamkeit Menschen später im Leben fähig sind, dann fragen wir uns doch: Was ist schiefgelaufen auf dem Weg dahin? Niemand wird als Mörder geboren, als Nazi, als Faschist. Wenn wir uns nicht nur fragen, was unserem Kind geschehen könnte, sondern auch, wozu es fähig sein könnte, dass es Potenzial in sich trägt zu Gutem wie zu Bösen, wäre das ein großer erster Schritt, um Gewalt zu verhindern. Persönlich, zwischen Kindern, in der Schule, aber auch Gewalt zwischen Gruppen oder Nationen. Ich weiß noch, wie ich nach der Geburt meiner Tochter ihre winzigen Fingerchen betrachtete, und plötzlich so einen Gedanken hatte: Was wird sie damit alles tun, vielleicht schreiben, vielleicht Klavier spielen – oder den Abzug einer Waffe betätigen? 

Aber warum ist es so schwer, sich den eigenen Abgründen zu stellen, und denen unserer Nächsten?

Weil uns die Vorstellung Sicherheit gibt: Das Böse ist irgendwo da draußen, hier drin, von mir und meiner Familie habe ich nichts zu befürchten. Wenn das Böse uns aber von außen bedroht, können wir es auch gemeinsam bekämpfen, können uns dabei auf der richtigen Seite fühlen, stark, wie in einem Thriller auf Netflix. Wenn wir merken, dass diese Sicherheit trügerisch ist, dann wird es dagegen unheimlich. Aber es wäre hilfreich, anzuerkennen: Das Monster ist nicht draußen, jenseits der Burgmauern, nicht hinter der Staatsgrenze, es ist nicht einmal in unserem Gegenüber, sondern in uns selbst. Deshalb ist es auch so wichtig, schon Kindern beizubringen, sich bei Konflikten in den anderen hineinzuversetzen: Wie würdest du dich fühlen, wenn das andere Kind dich ausgelacht oder gehauen hätte?

Heißt es auch, Verantwortung für unsere aggressiven Impulse zu übernehmen? 

Verantwortung ist ein wichtiges Stichwort. In der Psychologie neigen wir manchmal dazu, vor lauter Verständnis für den Aggressor seine Taten zu rechtfertigen. Auf einer persönlichen Ebene, aber auch auf einer gesellschaftlichen. Nehmen wir den ersten Mord der biblischen Geschichte: Kain tötet seinen Bruder Abel, weil er so eifersüchtig ist, dass Gottvater dessen Opfergabe seiner vorgezogen hat…

…und deshalb ist Gott der wahre Schuldige in der Geschichte?

Eben nicht, das wäre zu einfach. Als Therapeutin würde ich zu Kain sagen: Ja, du hast ein Recht dazu, traurig und wütend zu sein, dich zu beklagen, weil Gott deinen Bruder vorzieht – aber das gibt dir noch nicht das Recht, ihn umzubringen. Und die Schuld dafür auf deinen Vater abzuwälzen. Das gilt genau so, wenn argumentiert wird: Oh, Hitler war so eine charismatische Persönlichkeit, klar, dass die Deutschen ihm gefolgt sind, sie konnten nicht anders. Diese Sichtweise ist fatalistisch, dann können wir auch gleich sagen: C’est la vie, das kulturelle Klima ist an allem Übel Schuld, das Bildungssystem, die Gesellschaft. Es ist wichtig, dass wir uns mit unseren eigenen negativen Gefühlen, Wut und Kränkungen auseinandersetzen, verstehen, woher sie kommen. Aber am Ende müssen wir uns an unseren Taten messen lassen.

Als israelische Mutter betrifft Sie unser Gesprächsthema auch ganz existenziell: Auch Ihr Sohn könnte eines Tages vor der Entscheidung stehen, entweder selbst zu töten oder getötet zu werden, in der Armee. Wie gehen Sie damit um?

Mein Sohn ist fünf, mit 18 wird er eingezogen, mir bleiben also nur noch 13 Jahre, in denen ich dazu beitragen kann, dass die Situation in Israel friedlicher wird. Damit sich keiner mehr entscheiden muss, Opfer oder Täter zu sein. Ich war immer sehr politisch engagiert, und Muttersein hat das noch verstärkt. Genauso hat mich meine Tochter noch mehr zur Feministin gemacht, weil ich alles durch diese Brille sehe: In was für eine Welt habe ich mein Mädchen gesetzt? Sie ist jetzt sieben, was kann ich tun, damit sie nicht später an der Uni oder im Arbeitsleben sexuell belästigt wird? Dass wir unsere Kinder als Erweiterung von uns selbst sehen, ist eben nicht nur narzisstisch, es hat auch eine positive Kraft. Man denkt intensiver über den Zustand der Welt nach und gibt sich nicht einfach mit dem Status Quo zufrieden. Im besten Fall dient das nicht nur den eigenen Kindern, sondern allen.

ZUR PERSON: Ayelet Gundar-Goshen, Jahrgang 1982, gehört zu den profiliertesten Stimmen in der jungen israelischen Literatur und gewann zahlreiche Preise. Sie lebt mit ihrer Familie in Tel Aviv, und arbeitet neben ihrer Tätigkeit als Schriftstellerin und Drehbuchautorin als Psychotherapeutin in einer Klinik. Ihr aktueller Roman „Wo der Wolf lauert“ erscheint in deutscher Übersetzung im Verlag Kein & Aber

„Nur in scharf geschnittener Kleidung kann man scharf denken“

Finden wir nach der Pandemie wieder aus Jogginghose und Schlabbershirt heraus? Sicher, sagt Modetheoretikerin Barbara Vinken, und hat mir für die BRIGITTE im Oktober 2021 ein Interview gegeben. Aber unser Styling wird ein anderes sein. Das sieht man jetzt schon (auch an meiner Herbstgarderobe oben)

BRIGITTE: Optisch war Corona, insbesondere im Lockdown, die Epoche der Jogginghose, des Hoodies und des Ganztagspyjamas. Auch für Sie?

BARBARA VINKEN: Nein, denn ich bin überzeugt: Nur in scharf geschnittener Kleidung kann man auch scharf denken.Damit meine ich nicht einengend, es gibt wunderbare Alternativen – mein Schrank enthält viel Kaschmir, weite, Marlene-Dietrich-artige Writers‘ Pants, und schwingende Röcke und Kleider im Lagenlook. 

Diese Wechselwirkung zwischen Outfit und Output haben im Homeoffice viele bemerkt. „Zieh dich richtig an, auch wenn dich keiner sieht“, habe ich selbst als Ratschlag verinnerlicht.

Unsere Geisteshaltung wird immer von unserer äußeren Haltung beeinflusst. Kleidung ist, linguistisch ausgedrückt, ein Sprechakt: Wir signalisieren damit, wer wir sind, selbst ohne dass jemand zusieht. Eine Jogginghose kann natürlich auch heißen: Pass auf, ich tue hier etwas so Ernsthaftes, ich habe keine Zeit für Oberflächlichkeiten. Auch das ist eine Form von Eitelkeit, ein Fetisch des Authentischen.

Sie glauben aber, man bringt darin trotzdem nichts Gutes zustande?

Jedenfalls ist man gleichzeitig sehr beschäftigt damit, nach außen zu signalisieren, wie unwichtig einem das Äußere ist. 

Als Romanistin haben Sie den Vergleich zwischen Deutschland und Frankreich: Hier das Land der Funktionsjacke, dort das Land des unangestrengten Alltags-Schick – hat sich das auch in der Pandemie modisch ausgewirkt?

Meinem Eindruck nach fühlten sich Menschen in Frankreich stärker eingesperrt und wahrten eher die Form, gerade wenn sonst alles Baden ging. Zogen sich zu Essen um, auch wenn sie nur zu zweit waren. Eigentlich ganz clever, es heißt ja nicht ohne Grund „There is always lipstick on a rainy day“. Lebensschönheit und Glück lassen sich manchmal auch über die äußere Form herstellen. 

Manche prophezeien, dass wir uns auch nach Corona weiter leger kleiden werden. Die New York Times zeigte kürzlich Fotos von der Wall Street: Vor zwei Jahren sah man hier fast nur dunkle Anzüge und edle Lederschuhe. Jetzt sind auffallend viele Banker*innen in Sneakers, Jeans und bunten Sommerkleidern unterwegs.  

Wie in vielen Lebensbereichen ist das Virus auch hier eher Beschleuniger, Katalysator, als Auslöser. Den Trend zu Streetwear, zur Abkehr von formellen Dresscodes, sehen wir seit mindestens zehn Jahren. Interessant ist, wie sich Frauen- und Männermode aufeinander zubewegt haben. Und die Frage, ob Corona die Richtung ändert.

Das müssen Sie erklären.

Die Frauenmode hat schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts eine gradlinige Entwicklung hinter sich, von der rein weiblich markierten Mode zur männlichen. Das Korsett fiel, der Bubikopf kam, die Hose setzte sich durch. Seit den 80er-Jahren schwankt Frauenmode zwischen zwei Polen. Mal eine fast aggressive Weiblichkeit mit Highheels und engen Röcken, die signalisiert: Jungs, passt mal auf, hier kommt eine Frau. Und mal einem Unisex-Stil, der eher signalisiert: Jungs, ich bin wie ihr. Die Männermode hat sich viel weniger geändert, doch in den letzten Jahren vor der Pandemie hat sich die Einbahnstraße zum ersten Mal umgekehrt. Auf den Laufstegen gab es auch Männer-Looks, die mit Durchsichtigkeit spielten, Ausschnitten, Rüschen, Codes für Weiblichkeit. Corona hat dieser zaghaften Fluidität fürs Erste ein Ende gemacht. Vielleicht, weil alle das Gefühl haben: Wir leben in ernsten Zeiten, da sind seriöse, kühle Macher gefragt.

Zumindest für Frauen sind die aktuellen Herbst- und Wintertrends wieder exaltiert und sexy – teilweise aber auch das Gegenteil: Minis, Lack und Metallic neben gefütterten Overalls, die fast wirken wie Labor-Schutzanzüge. Hat das auch noch mit der Pandemie zu tun?

Mode hat immer auch eine schützende Funktion, fast wie eine Rüstung. Nicht nur vor der Kälte, auch vor den Blicken der anderen. Ich denke, dieses Cocooning-Gefühl aus der Corona-Zeit wird bleiben, der Rückzug in warme, weiche Kleider, in die wir uns tröstlich einkuscheln könnten. Die andere Seite ist kein Widerspruch, das gehört dazu: Der Wunsch, den öffentlichen Raum zurückzuerobern, die Straßen, die Restaurants, und das Leben zu feiern, mit festlichen Stoffen und lauten Farben. So war es historisch gesehen fast immer nach Phasen von Seuchen, Kriegen, Katastrophen. Nach der Spanischen Grippe kamen in den 1920-ern Kleider mit Federn, Pailletten und Fransen, auf den Zweiten Weltkrieg folgte der „New Look“ mit schwingenden Röcken.

Das freut sicher die Modeindustrie, die hohe Verluste gemacht hat – laut einer McKinsey-Studie brachen die Umsätze 2020 um 15 bis 30 Prozent ein. Die höchsten Rückgänge gab es im Niedrigpreisbereich, stärker als in den gehobenen Segmenten. Geht der Trend auch langfristig weg von noch schneller, noch billiger?

Ja, und ich habe den Eindruck, viele in der Branche begrüßen das. Nach allem was ich höre, haben manche Modemacher das als Atempause gesehen, und sich gefragt: Brauchen wir ernsthaft sieben Kollektionen im Jahr, wollen wir wirklich weitermachen mit der massiven Ausbeutung von Umwelt und Arbeitskräften, mit Fast Fashion? Ich bin optimistisch, dass Corona unser Verhältnis zur Mode bewusster und nachhaltiger macht. Das aktuelle It-Piece ist auf jeden Fall ein Lieblingsstück, das vielleicht etwas teurer ist, aber gemeinsam mit uns älter wird, wie ein wertvoller Kunstgegenstand. Ich habe im Sommer ein Seidenkleid wiederentdeckt, sicher schon zehn Jahre alt, aber mit seinem Lagenlook wieder völlig passend zur Saison. Voilà!

Barbara Vinken, 61, ist Professorin für Romanistik an der Münchner LMU und macht immer wieder mit klugen Kommentaren zu ganz unterschiedlichen Themen von sich reden – sei es zur Mode, zum deutschen Mutterbild oder als Literaturkritikerin im Fernsehen.

Ich Mogelpackung!

„Irgendwann finden sie‘s raus!“: Viele Menschen treibt die Angst, als Niete enttarnt zu werden. Oft gerade die, die ihre Sache außergewöhnlich gut machen – im Job wie im Privatleben. Kürzlich habe ich für die „Barbara“ Vera Strauch, Führungskräftetrainerin und Podcasterin, interview. Hier erklärt sie: Woher kommt das „Impostor-Syndrom“, und wie wird man es los?

BARBARA: Als Journalistin sitzt man ständig Leuten gegenüber, die mehr vom Thema verstehen als man selbst, und soll denen kluge Fragen stellen. Weniger Ahnung haben, aber auf dicke Hose machen – da kann man schon mal an sich zweifeln.

Vera Strauch: Und, tun Sie’s?

Nee, zumindest nicht übermäßig.

Dann leiden Sie wohl nicht am Impostor-Syndrom.

Impostor-was?

„Impostor-“, also „Hochstapler-Syndrom“. Besonders in leistungsorientierten Bereichen findet man Leute, die nachts schweißgebadet aufwachen und sich fragen, wann sie auffliegen – obwohl sie völlig zurecht an ihrem Platz sind und mit Erfolgen glänzen.

Also die mit den Turbo-Karrieren?

Das muss sich nicht immer auf den Job beziehen, sondern auch auf andere Bereiche, die uns wichtig sind, über die wir uns definieren. Das kann auch das Äußere sein, der Körper, die Kleidergröße, oder die Frage, wer den besten Kindergeburtstag organisiert. 

Das ist eher ein Frauending, oder? Sich die Latte so hoch legen, dass man nie den eigenen Ansprüchen genügt?

Tatsächlich dachte man das früher, in den Siebzigern und Achtzigern, und sprach vom „Female Impostor-Syndrom“. Aber die neuere Sozialforschung hat das widerlegt. Auch Männer sind betroffen, vor allem Führungskräfte. Meistens in Umfeldern, die sehr auf Wettbewerb angelegt sind. Das Phänomen ist nicht neu, aber das Thema kocht gerade wieder hoch.

Wie macht sich das bemerkbar?

Immer wieder haben mich Leute aus meinem beruflichen Umfeld darauf angesprochen und mich gebeten, dazu etwas zu veröffentlichen. Mich hat das überrascht, weil ich es von mir selbst nicht so kenne, aber es betrifft wirklich viele. Gerade solche, von denen man es nicht denkt.

Merkt man denen ihre Unsicherheit denn an?

Nein, das ist es ja. Sie wirken vielleicht sogar etwas arrogant, gerade, weil sie im Kern so wenig Selbstbewusstsein haben und deshalb viel Energie aufwenden, die Fassade aufrecht zu erhalten. Der Bereich spielt keine Rolle. Ich kann eine international anerkannte Hirnchirurgin sein, und trotzdem glauben: Die anderen haben nur noch nicht gemerkt, dass ich eigentlich eine Versagerin bin, weil sie weniger davon verstehen – wie gut, dass der Kopf wieder zugenäht ist! Das Impostor-Syndrom ist im Grunde ein Symptom einer gesellschaftlichen Schieflage.

Wie jetzt?

Weil unsere Gesellschaft so einseitig auf Leistung und Output schaut.

Und dazu kommt ja noch unsere Selbstdarstellungskultur, die glänzende Fassade belohnt. Leute, die auf ihren Social Media-Kanälen ständig ihre Erfolge vorzeigen, ihre Halbmarathons, die schmeichelhaftestes Selfies, Jobprojekte – sind die im Grunde ihres Herzens auch so unsicher, dass sie ständig nach Aufmerksamkeit gieren und trotzdem an sich zweifeln?

Kann schon sein, auch wenn so eine Ferndiagnose natürlich schwierig ist. Aber ich glaube, auch in der Offline-Welt sind wir sehr herausgefordert, sollen ständig den vielfältigsten Ansprüchen genügen. Lebenslang lernen, uns in unserer Beziehung engagieren, unsere eigene Ernährungsphilosophie entwickeln….da kann man schon mal das Gefühl haben: Egal, wie sehr ich mich anstrenge, ich bin nie gut genug.

Warum lassen sich denn manche mehr unter Druck setzen als andere?

Im Grunde ist es eine Frage von grundlegendem Selbstwert. Die Sozialforschung sagt: Das Impostor-Syndrom entsteht entweder, wenn ich als Kind gelernt habe, dass ich Leistung bringen muss, um Liebe und Aufmerksamkeit zu bekommen. Oder, im Gegenteil: Weil meine Eltern mir ständig vermittelt haben, wie perfekt und einzigartig ich bin. Egal, was ich tue. Dadurch fehlt mir die Erfahrung: Es ist okay, auch mal etwas nicht zu wissen, zu scheitern, etwas weniger gut zu können als andere.

Es gibt aber ja Situationen, da gilt die Spruchweisheit: Klappern gehört zum Handwerk. Von Coaches hört man Tipps wie: Kauf dir für dein nächstes Vorstellungsgespräch eine Bluse, die du dir eigentlich nicht leisten kannst. Oder ein Paar Schuhe fürs selbstbewusstere Auftreten.

Da würde ich nach der Motivation fragen. Ein paar Schuhe, eine Bluse können eine tolle Investition sein, im Sinne von: Ich bin mir selbst was wert, und ich zeige euch damit meinen Respekt. Jedenfalls mehr als in Sneakers und Jogginghose. Aber wenn ich mich in ein teures Kostüm zwänge, in dem ich mich verkleidet fühle, sollte ich überlegen: Willst du wirklich einen Job, in dem du dich verstellen musst?

Wie war das bei Ihnen: Sie haben mit noch nicht mal 30 ein Bauunternehmen mit 100 Mitarbeitern gemanagt, fast alles Männer, fast alle älter. Muss man da nicht ein bisschen auf den Putz hauen, um ernst genommen zu werden?

Es gibt zwei Möglichkeiten, sich Respekt zu verschaffen. Zum einen Status: Ich erzähle den Leuten, was ich für tolle Abschlüsse habe und wie viele Sprachen ich spreche, und sie müssen mir zuhören. Der Haken daran: Betritt jemand den Raum, der in der Hierarchie über mir steht, bin ich abgemeldet. Zum anderen Verbindung. Wenn ich zwischen berufserfahrenen Männern zwischen 40 und 50 stehe, als junge Frau, die zufällig auch noch blond ist, dann sage ich denen: Ihr wisst viel mehr darüber, wie man Betonwände herstellt oder Investitionsanträge rechnet, da kann ich von euch lernen. Aber was ich euch erzählen kann, ist, wie man Abläufe verändern kann, wie man Strukturen flexibel macht….schon schaffe ich Ehrlichkeit, die entwaffnend wirkt. 

Also nicht so tun, als wüsste man alles besser?

Bloß nicht! Es ist ein Merkmal von gut laufenden Systemen, dass nicht jeder alles können muss. Wenn ich tolle Torten backe und ein Café eröffne, muss ich nicht den Anspruch haben, auch noch meine Steuererklärung selbst zu machen – wie schön, dass es dafür andere gibt, die das gut und gerne tun! Oder ob ich mir von meinen Kindern helfen lasse, meinen Rechner neu aufzusetzen. Hilfe annehmen ist keine Schwäche, im Gegenteil.

Sorry, aber klingt fast zu gut, um wahr zu sein. Wenn ich einen Job im Haifischbecken habe, dann habe ich doch nur zwei Möglichkeiten: Entweder, ich steige aus und suche mir lieber einen Job im Streichelzoo, oder ich beiße selbst die anderen weg, um zu überleben. 

Wenn ich von Ehrlichkeit und Verletzlichkeit spreche, dann heißt nicht, dass ich meine privaten Probleme im Meeting ausbreite. Aber ich glaube schon, dass jede und jeder einzelne von innen heraus eine Kultur verändern kann, auch ein toughes Arbeitsklima. Es gibt ja nicht nur Schwarz oder Weiß, also nur entweder die totale Anpassung an ein System, in dem ich mich verbiegen muss, oder die totale Verweigerung. 

Und wie geht das, Veränderung von innen heraus?

Manchmal sind es kleine Dinge, die uns und anderen helfen, authentischer zu sein und weniger falsch. Etwa, wenn nicht mitmache, wenn über Abwesende schlecht geredet wird, oder mir andere Kontakte im Arbeitsumfeld suche, die unterstützender sind. 

Kann eigentlich der Zweifel an den eigenen Fähigkeiten auch ganz berechtigt sein? Ist ja möglich, dass mir eine Aufgabe wirklich zu groß ist.

Klar, nicht jede Unsicherheit ist ein Zeichen fürs Hochstaplersyndrom. Und dann kann es auch richtig und ehrlich sein, zuzugeben: Ich schaffe das nicht, ich bin hier falsch. Aber auch in dem Fall gibt es vielleicht einen dritten Weg.

Also: Fake it till you make it? 

Ich bin mal auf einen TED-Talk gestoßen, der hieß „Fake it till you become it“ – also: Tu so, bis du dazu wirst. Alles ist ständig in Bewegung, von unseren Zellen, die sich permanent teilen bis zur Arbeitswelt, die komplett im Umbruch sind. Wichtig ist, sich immer wieder aufs Neue Klarheit zu verschaffen: Was bin ich heute, und was will ich werden? Eine Führungskraft, eine Frau, die ein Haus mit Vorgarten hat und zwei Kinder? Etwas ganz anderes? Wenn ich wage, Träume zu haben, dann muss ich weder vortäuschen, was ich noch nicht bin, noch mich dafür schämen, wenn ich nicht alles erreiche. 

„Ein paar Wochen lang haben wir Utopie gespielt“

Barbara Bleisch, Buchautorin, Philosophin und TV-Moderatorin („Sternstunde Philosophie“), glaubt: Die Pandemie wird vieles dauerhaft verändern – von Arbeit bis Körperkontakt. Das ist aber nicht nur Grund zur Freude.

BRIGITTE: Als die Krise im Frühjahr Deutschland erreichte, war da neben Ängsten auch Aufbruchstimmung. Menschen träumten von Entschleunigung, neuer Solidarität, einer Chance für ökologischen Umbau … was ist daraus geworden?

Barbara Bleisch: Ja, es war ein Schrebergartenidyll: Kinder spielen auf der Straße, Flugzeuge bleiben am Boden, Angebote für Nachbarschaftshilfe hängen an jedem Laternenpfahl. Aber die Vision war nicht nachhaltig. Wir haben nur eine Zeitlang Utopie gespielt.

Die Pessimisten haben Recht behalten, nicht nur, was die zweite Welle betrifft?

Das lässt sich abschließend noch nicht sagen, denn die Krise ist noch immer zu frisch, und wir befinden uns nach wie vor in einer Schockstarre. Ich denke, sie hat gesellschaftlich viele Entwicklungen angestoßen, aber es ist noch nicht klar, wohin die Reise geht. Etwa in der Politik: Mich hat die Selbstwirksamkeit des politischen Systems hoffnungsvoll gestimmt, wie man klare Prioritäten für die Schwächeren gesetzt hat, gegen die Eigenlogik der Wirtschaft. Aber jetzt sieht man die Kehrseite: ein schleichendes Misstrauen der Bürger, wenn zu lang an den Parlamenten vorbei regiert wird, und die berechtigte Angst, autoritäre Regime könnten die Einschränkung der Freiheitsrechte für sich ausnutzen. Was auch klarer als zuvor geworden ist: Politik braucht den öffentlichen Raum, der virtuelle reicht nicht aus.

Aber durch die Erschütterungen ergeben sich ja auch Chancen. Etwa in der Arbeitswelt, weil vom Zwang zu flexibleren Modellen gerade Frauen und Familien profitieren.

Auch das ist zweischneidig. Klar helfen Homeoffice-Lösungen arbeitenden Eltern –aber Arbeitgeber entziehen sich auch ihrer Verantwortung, wenn sie diese Entwicklung nutzen, um zum Beispiel Bürofläche einzusparen. Außerdem sind Frauen auch in der Arbeitswelt überproportional gefährdet: Zum einen, weil in ökonomischen Krisen Teilzeitjobs meist als erstes abgebaut werden, zum anderen, weil viele in Care-Berufen arbeiten. Und ich fürchte, aus der erhofften Revolution in diesem Bereich, mit besserer Bezahlung und besseren Bedingungen, wird nichts – wenn die Wirtschaft weiter einbricht, wird das genau so wenig finanzierbar sein wie eine grüne Wende. Auf der Positivseite sehe ich, dass jetzt wieder intensiver über Modelle für ein Grundeinkommen diskutiert wird.

Die Coronakrise hat uns zwangsläufig häuslich gemacht. Wir sind auf unseren Wohnort zurückgeworfen, Nachtleben findet nicht mehr statt, Kultur kaum noch. Kommt ein neues Biedermeier – und ist das eher Bedrohung oder eher Sehnsuchtsort?

Wenn einige Entwicklungen korrigiert werden, die ausgeufert sind, ist das sicher gut – Stichwort Reisen und ökologischer Fußabdruck. Aber insgesamt macht es mir eher Sorgen, dass alles so eng wird, das Denken wie die geographischen Grenzen. Warum denken wir bei Schutzmaßnahmen und neuen Lockdowns zum Beispiel nicht in europäischen Regionen, sondern jeder Nationalstaat kocht sei eigenes Süppchen oder macht sogar Grenzen wieder dicht? Corona hat uns die Kehrseite der Globalisierung gezeigt, die Verwundbarkeit, die aus dem internationalen Zusammenrücken entsteht, und es ist noch offen, was das mit unserer Wahrnehmung macht: Fühlen und leiden wir eher mit weit entfernten Menschen mit, weil wir durch das Virus im selben Boot sitzen, oder schotten wir uns dauerhaft stärker ab?

Das gilt ja auch im Nahbereich, Stichwort Kontaktbeschränkungen.

Das stimmt mich besonders nachdenklich. Auch wenn wir Corona durch Impfstoffe und bessere Therapien in den Griff bekommen, der Blick auf unser Gegenüber als gefährlichen Virenhaufen könnte zum Dauerzustand werden. Covid 19 ist ja nur ein Virus von vielen. Aber wenn wir uns den Händedruck komplett abgewöhnen, oder Gesten, etwa, dass wir im Gespräch jemandem beruhigend die Hand auf den Arm legen, dann nehmen wir uns auch die Möglichkeit, Konflikte aus der Welt zu schaffen.

Sie als Philosophin: Empfinden Sie das Denken in Krisenzeiten eigentlich als Trost?

Eigentlich ist die Philosophie eher die Kunst des Zweifelns und des Fragestellens, also per se nicht unbedingt tröstlich. Dennoch ist etwas dran: Der Dichter Gottfried Benn hat vom „Gegengewicht Geist“ gesprochen, das heißt, durch Denken kann man Distanz schaffen, sich ins Verhältnis setzen zum Weltgeschehen, und wird dadurch weniger von Gefühlen überwältigt. Nicht umsonst ist gerade die Philosophie der antiken Stoiker wieder sehr im Kommen, inklusive Websites und Newslettern wie „Daily Stoic“.

Was hat denn eine über 2000 Jahre alte Denkrichtung zur Pandemie zu sagen?

Von Denkern wie Seneca und Marc Aurel können wir lernen, was man etwa auch aus der modernen Yogapraxis kennt: die eigenen Gefühle wahrnehmen und einordnen, ohne sich allzusehr mit ihnen zu identifizieren. Weniger zielorientiert zu denken, sondern mehr im Moment zu leben. Etwa: Sport machen, weil ich mich dabei gut fühle, nicht, um abzunehmen. Ein Instrument spielen, weil es Freude macht, nicht, um mich ständig zu verbessern. Diese Haltung hilft, Krisen zu bewältigen – nicht nur Corona.

„Liebe macht Kinder stark“

Gene oder Umwelt – diese Frage ist überholt, sagt die Bremer Neurobiologin, Psychologin und Autorin Nicole Strüber. In ihrem aktuellen Buch erklärt sie, wie ererbte Persönlichkeit und Beziehung zwischen Eltern und Kind sich ergänzen – und wie Mütter und Väter ausgleichen können, wenn der Start ins Leben nicht optimal war. Mein Interview mit ihr erschien in ELTERN 2/20

Alle Mütter und Väter wünschen sich, dass ihre Kinder später zu selbstbewussten, stabilen Menschen werden. Aber haben wir das als Eltern wirklich in der Hand – oder entscheiden darüber die Gene?

Nicole Strüber: Es gibt kein Entweder-Oder – das ist eine der wichtigsten, neueren Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften. Früher hat man versucht, in Zwillingsstudien herauszufinden, was mehr zählt, Umwelt oder Erbgut. Das Ergebnis war mal unentschieden, mal ergab sich ein knapper Vorsprung für die Gene. Heute wissen wir: Beide Seiten stehen in einer Wechselwirkung.

Wie muss ich mir das vorstellen?

Unser Erbgut bestimmt nicht nur offensichtliche Merkmale wie Haar- oder Augenfarbe, sondern auch, wie Hormone und Botenstoffe in unserem Körper wirken, etwa Serotonin und Oxytocin. Also jene Stoffe, die dafür zuständig sind, ob wir freudig, traurig, ängstlich sind. Wie die Moleküle transportiert werden, wie sie abgebaut werden, das hat einen Einfluss darauf, ob ein Mensch zum Beispiel zu Depressionen oder Ängsten neigt, schnell überfordert ist, oder ob er eher die Ruhe weg hat. Aber das ist nur die eine Seite der Medaille.

Und die andere ist das Umfeld – in den ersten Jahren wir Eltern?

Genau. Wenn ein Kind behütet und in einer sicheren Bindung aufwächst, einen feinfühligen Umgang erlebt, dann können Eltern ungünstige Voraussetzungen ausgleichen. Es gibt nun mal Babys und Kleinkinder, die mehr Trost, Nähe, Hilfe bei der Stressregulation brauchen als andere. Wenn sie die bekommen, spielt sich auch ihr Hormonhaushalt auf einem guten Level ein. Ist ein Kind dagegen genetisch vorbelastet und wächst zusätzlich mit unsicheren Bindungen und wenig Zuwendung auf, hat das einen negativen Einfluss auf sein Stresssystem.

Was heißt das, Stresssystem?

Immer, wenn wir mit hohen Anforderungen konfrontiert sind, werden im menschlichen Körper Hormone ausgeschüttet, die uns leistungsbereit machen, etwa Cortisol und Noradrenalin. Das ist ganz normal, das passiert jeden Tag – eine höhere Cortisolausschüttung am Morgen hilft uns zum Beispiel, wach zu werden und aufmerksam zu sein. Aber wie sich dieses Stresssystem einspielt, ob es für inneres Gleichgewicht sorgt oder ständig auf Hochtouren fährt wie ein kaputter Thermostat, das ist individuell ganz unterschiedlich.

Und dafür ist schon die Babyzeit entscheidend?

Nein, diese Prägung beginnt sogar noch früher, schon ab dem zweiten Drittel der Schwangerschaft, im Zusammenspiel mit dem Hormonsystem der Mutter.  Ist sie ausgeglichen und nicht chronisch gestresst, ist das von Vorteil – hat sie dagegen schwere Belastungen zu ertragen, wirkt sich das meist ungünstig auf das Kind aus.

Da fragen sich jetzt alle Schwangeren: Schade ich meinem Kind, wenn ich in der 20. Woche mit der Chefin streite?

Nein, keine Sorge! Bei normalem Alltagsstress oder beispielsweise Leistungssport verhindert ein Enzym, dass das Cortisol der Mutter den kindlichen Kreislauf erreicht. Wobei es immer hilfreich ist, auf genügend Ruhepausen zu achten und das eigene Wohlbefinden. Problematisch wird es bei anhaltenden, schwerwiegenden Ereignissen – etwa dramatische Partnerschaftskonflikte, Trauer um nahe Angehörige, oder auch wenn die Mutter unter Angststörungen leidet. Dann wird dieses Enzym quasi abgeschaltet und das kindliche Gehirn mit Hormonen überflutet. Körpereigene Regelkreise können dann außer Kontrolle geraten.

Das wären schon zwei Einflussfaktoren auf das Gefühlsleben eines Kindes – Gene und Schwangerschaft. Spielt auch die Geburt eine Rolle?

Definitiv. Bei einer spontanen, natürlichen Geburt ohne Komplikationen werden die Botenstoffe von Mutter und Kind, also etwa Oxytocin und Opioide, so aufeinander eingestellt, dass das Kennenlernen für beide Seiten glücklich verläuft – die erste Bindung, der Stillstart. Wird die Geburt eingeleitet oder kommt es zu einem Kaiserschnitt – was ja medizinisch manchmal nicht vermeidbar ist! – , sind diese Prozesse unter Umständen noch nicht abgeschlossen. Eine von vielen möglichen Folgen: das Neugeborene kommt sehr unruhig auf die Welt, weil sein Oxytocin-System nicht optimal funktioniert. Denn das braucht es, um Stress abzubauen.

Aber wie eine Geburt verläuft oder ob wir in der Schwangerschaft schwere Sorgen haben, das haben wir ja nur bedingt in der Hand. Heißt das, solche Kinder werden auch später zwangsläufig seelisch instabiler?

Nein! Zum einen bringen sie wie gesagt ihre eigenen Anlagen mit, die sie unterschiedlich empfindlich machen. Zum anderen ist für Eltern wichtig, zu verstehen: Wenn ein Kind reizbarer auf die Welt kommt als andere, dann ist das nicht ihre Schuld, sondern ein Ergebnis von Prägungen und bisherigen Erfahrungen. Aber frühe Verletzungen können heilen, auch wenn es manchmal viel Geduld erfordert. Dazu braucht es nicht viel: Körperkontakt, Nähe, Verständnis, all das hat Einfluss auf das Cortisol- und Oxytocin-System. Bloß nicht ein Baby schreien lassen aus Angst, es zu verwöhnen!

Weil dann im Hirn was passiert?

Eins vorweg: Kinder brauchen keine perfekte Umgebung. Keine Mutter, kein Vater kann immerzu feinfühlig und geduldig sein, manchmal ist der Alltag belastend, das können Kinder gut verdauen, wenn die Basis stimmt. Gefährlich wird es für Kinder, die konstant zu wenig Fürsorge bekommen. Der biologische Hintergrund ist kompliziert – Gene, die für Oxytocin- oder Cortisol-Bindungsstellen im Körper zuständig sind, werden quasi abgeschaltet. Das sichtbare Ergebnis ist traurig: Die Kinder zeigen ähnliche Symptome wie nach einem Trauma und sind später oft emotional wie taub. Je älter ein Kind ist, desto schwieriger lässt sich das noch ändern. Deshalb ist es in den ersten Monaten und Jahren auch so wichtig, dass wir die Gefühle unserer Kinder wahrnehmen und mit unserem Gesichtsausdruck spiegeln. In Worte fassen, wenn sie wütend, traurig, fröhlich sind, damit sie verstehen, was mit ihnen los ist.

Bei der Lektüre Ihres neuen Buches fällt auf: Sie schreiben sehr viel mehr über die Mutter- als über die Vaterbeziehung. Ist das nicht etwas rückwärtsgewandt?

Nein, selbstverständlich können Väter sich nicht minder gut auf Kinder einlassen – auch wenn sie oft anders mit ihnen umgehen. Die Vaterbeziehung ist allerdings nicht so gut erforscht. Im besten Fall bekommt ein Kind durch mehrere nahestehende Menschen eine Bandbreite von guten Einflüssen mit. Wichtig ist aber, dass es eine primäre Bezugsperson gibt, bei der es sich vollkommen sicher fühlt – wenn es dazu noch weitere nahestehende Menschen gibt, Großeltern, Eltern, in einer klassischen Familie oder einer homosexuellen Partnerschaft, umso besser.

Und Erzieher in der Kita? Es wird ja noch wie vor gestritten, was Fremdbetreuung mit Kleinkindern macht.

Schwierige Frage. Man hat bei Kindern in Krippenbetreuung oder Tageseltern mit vielen zu betreuenden Kindern einen untypischen Verlauf der Cortisol-Kurve gefunden: Statt im Lauf des Tages abzufallen, stieg der Level des Stresshormons an. Dieser Effekt war stärker, je jünger die Kinder waren und je schlechter der Betreuungsschlüssel, außerdem abhängig vom Temperament des Kindes. Wie stark das langfristig prägt, das ist jedoch umstritten. Man kann nicht sagen: Krippenbetreuung führt zu Depressionen oder Aufmerksamkeitsproblemen, das wäre zu einfach. Aber man sollte im Auge behalten, wie das Leben sonst aussieht: Wenn ein Kleinkind nach fünf Stunden von gut gelaunten Eltern abgeholt wird, die sich mit ihm auf den Spielplatz setzen, ist das sicherlich vorteilhafter für sein Stresssystem, als wenn es nach acht Stunden auf überlastete Eltern trifft, die nach einem harten Arbeitstag noch den Haushalt wuppen müssen.

Was sich ja manchmal auch nicht vermeiden lässt…

Ja, ich sehe da nicht nur bei den Einzelnen eine Verantwortung, auch bei der Gesellschaft. Wir sollten endlich die Grabenkämpfe, die Schuldzuweisungen zwischen Raben- und Gluckeneltern hinter uns lassen und uns fragen: Wenn das Kitasystem so schlecht ausgestattet ist wie derzeit, wäre es dann nicht besser, den Familien den Vortritt zu lassen, die wirtschaftlich dringend auf frühe Betreuung angewiesen sind? Es gibt sicherlich viele, die es finanziell möglich machen könnten, ein Kind auch zwei, drei Jahre zu Hause zu betreuen. Und die es nicht tun, weil sie fürchten, dass sie ihm etwas vorenthalten oder als Helikoptermütter diffamiert werden.

Wir haben jetzt viel über die Wichtigkeit stabiler Bindungen geredet. Aber was ist mit Eltern, die fürchten, sie könnten keine gute Mutter, kein guter Vater sein? Weil sie selbst unter schwierigen Umständen aufgewachsen sind?

Kommt darauf an, wie schwierig genau! Für manche Eltern mit ungünstigen Erfahrungen reicht es völlig, wenn sie in einer Gruppe lernen, die Signale ihres Babys besser zu deuten. Nehmen Sie etwa Babymassage: Wenn man sich jeden Tag 20, 30 Minuten intensiv mit dem Kind beschäftigst, wird auch bei Vater oder Mutter Oxytocin freigesetzt. Das wiederum hilft, das Schreien eines unruhigen Kindes besser auszuhalten, nicht so schnell selbst nervös zu werden, wenn es länger dauert, bis das Gleichgewicht wieder hergestellt ist. So entstehen Engels- statt Teufelskreise. Der nächste Schritt wäre, sich Hilfe zu holen: durch die Hebamme, bei Erziehungsberatungsstellen. Solche Angebote anzunehmen, darf kein Stigma sein sondern eher ein Signal: Was du für dich tust, für deine eigene Kompetenz als Mutter oder Vater, das tust du für dein Kind! Und wenn auch das nicht reicht, hilft auch eine Psychotherapie, die eigenen emotionalen Kompetenzen zu stärken und dadurch einen neuen Zugang zu den eigenen Kindern zu bekommen.

Wenn wir also unseren Kindern einen guten Start geben und bei schwierigen Veranlagungen gegensteuern – was haben sie dann später davon?

Menschen, die einen guten Zugang zu ihren eigenen Emotionen haben, schaffen es später im Leben auch besser, mit schwierigen Situationen umzugehen, sich Hilfe zu holen, sich auf andere zu verlassen und Belastendes zu überwinden. Weil sie als Kinder gelernt haben: Ich darf traurig sein, ich kann mir Hilfe holen. Nicht nur bei gewöhnlichen Alltagsärgernissen, auch in traumatischen Situationen sind die körperlichen Systeme optimal aufeinander eingestellt, Hormone, Regelkreise, Hirnstrukturen.

Und das ist mit dem Modewort „Resilienz“ gemeint?

Ja, als resilient bezeichnen wir Menschen, die Krisen stabil überwinden, die es schaffen, Schicksalsschläge in ihrem Leben zu integrieren und nach vorne zu schauen. Wir können unsere Kinder ja nicht auf Dauer vor Frustration und Unglück bewahren – aber wir können sie stark machen, damit sie besser mit Widrigkeiten klarkommen. Und das ist eines der wertvollsten Geschenke, die wir ihnen mitgeben können.

Buchtipp: „Risiko Kindheit – die Entwicklung des Gehirns verstehen und Resilienz fördern“ (Klett Cotta, 22 €) lautet der Titel von Nicole Strübers umfangreichem Wissenschafts-Schmöker – darin erläutert sie ausführlich und gut lesbar, wie das Zusammenspiel von Anlage und Umwelt den Charakter formt und erklärt dabei ganz nebenbei nicht nur, was schief gehen kann, sondern genauso, was weiterhilft

„Menschen werden immer füreinander einstehen“

Für das Corporate-Magazin „Enkelfähig“ habe ich im April 2018 eine Gesprächsrunde moderiert zum Thema „Zukunft der Familie“. Eine spannende, auch kontroverse Diskussion!

 

Die Diskussionsteilnehmer:

Ines Imdahl, 51, ist Diplompsychologin und Gründerin des „Rheingold Salon“, eines Unternehmens mit dem Schwerpunkt Kultur- und Frauenforschung. Mit ihrem Mann hat sie vier Kinder und lebt in Köln.

Sarah Diehl, 39, ist Aktivistin und Schriftstellerin. Sie setzt sich mit der Organisation Ciocia Basia für ungewollt schwangere Frauen in Ländern ein, in denen Abbrüche gesetzlich verboten sind; 2015 veröffentlichte sie das Sachbuch „Die Uhr, die nicht tickt – kinderlos glücklich“ (Arche). Sarah Diehl lebt in Berlin in einer WG.

Andreas Rödder, 51, ist Professor für neueste deutsche Geschichte an der Uni Mainz. Seine Bücher (zuletzt: „21.0 – eine kurze Geschichte der Gegenwart“, C.H. Beck) richten sich an ein breiteres Publikum. Er ist Mitglied der CDU, verheiratet und Vater dreier Töchter.

Verena Carl: Ehe für alle, Patchwork, Regenbogen-Paare – historisch gesehen scheinen Familienformen immer bunter und vielfältiger zu werden. Oder, Herr Rödder?

Rödder: Ja und nein. Gerade für die alte Bundesrepublik haben wir ein Modell im Kopf, das wir für eine Art Normalnull halten: die Fünfziger und Sechziger Jahre, mit der klassischen Familie aus Vater, Mutter, Kindern, wie im Rama-Werbespot. Dabei ist das die historische Ausnahme. Familie ist zwar eine Konstante, schon immer haben Menschen ihr Leben miteinander geteilt. Aber die Form wandelt sich ständig: etwa von der ländlich-agrarischen Großfamilie zur bürgerlichen Kleinfamilie. Verwitwete, Wiederverheiratete, Alleinerziehende, das gab es immer. Neu ist die Pluralität von Lebensformen im Sinne von Wahlfreiheit.

Diehl: Ich frage mich dabei immer: Warum haben wir solche Angst, uns innerlich vom klassischen Konzept der Familie freizumachen?

Mann und Frau verlieben sich, bekommen Nachwuchs – was stört Sie daran?

Diehl: Nichts, das soll jeder halten wie er will! Was mich stört, sind diese pseudo-biologischen Argumente – was ist vermeintlich „natürlich“, was ist „weiblich“? Gehört ein Kinderwunsch zum Frausein? Ich denke, dass das Mutterideal eine geschlechtliche Arbeitsteilung zementieren soll, damit Frauen unbezahlte Fürsorgearbeit machen, unsere ganze Ökonomie basiert darauf. Gleichberechtigung ist nicht erreicht, nur weil Frauen in die Männerbereiche wie Lohnarbeit vorgedrungen sind.

Sie haben sich gegen leibliche Kinder entschieden und leben in einer Gemeinschaft mit Freunden. Müssen Sie sich dafür rechtfertigen?

Diehl: Nicht in meinem Umfeld, das habe ich mir ja selbst gesucht. Aber dennoch begegnet mir die Unterstellung, meine innere Uhr müsse ticken. Häufiger von Männern als von Frauen. Darüber kann ich nur noch lachen.

Imdahl: Mit Ihrer Lebensplanung sind Sie die Ausnahme. Der Trend geht in eine andere Richtung. Wir haben für den Rheingold-Salon gerade 19- bis 29jährige nach Kinderwunsch und Familienplanung befragt. Auch wenn sie noch so tolerant sind gegenüber anderen Lebensentwürfen, 80 Prozent der Befragten wünschen sich eine klassische Familie. Frauen wie Männer. In der Werteskala steht die Familie sogar über der Liebe zu Partner, übrigens auch die Freundschaft. Ein echter „Game Change“, den ich in 25 Jahren als Psychologin nicht erlebt habe.

Obwohl sicherlich viele dieser jungen Leute aus eigener Erfahrung wissen, dass Familien zerbrechen können….

Imdahl: Gerade deshalb! Die Sehnsucht nach Stabilität erwächst aus Kontrollverlusten. Nicht nur die Herkunftsfamilie kann sich als brüchig erweisen, auch die Gesellschaft gibt keinen oder wenig Halt. In den letzten 15 Jahren haben Kinder so sprechen gelernt: Mama, Papa, Krise. Ob Migration oder Finanzmärkte, immer tun sich neue Unsicherheiten auf. Darauf reagieren junge Menschen mit dem Versuch, die Kontrolle zurück zu gewinnen: Sie gehen extrem diszipliniert mit dem eigenen Körper um, kleiden sich konservativ, tun alles dafür, dass die eigene Familie heil bleibt.

Klingt nach ziemlich viel Druck.

Imdahl: Mehr Freiheit bedeutet immer auch mehr Druck. Studieren, eine Familie gründen, dabei auch noch gut aussehen – das sind ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr Optionen, sondern Pflichten. Dann kommen die Fragen: Wieso hast du kein Kind? Du brauchst doch keinen Mann dafür, geht doch heute auch anders. Oder nach einer Geburt: Wieso ist der Bauch nicht weg nach drei Monaten?

Rödder: Diese Zunahme an Maximen und Imperativen ist typisch für die Moderne! Die bürgerliche Familie ist ihr Produkt, ihr Spiegel, und gleichzeitig ihr Gegenentwurf. Denn die industrielle Gesellschaft ist geprägt von Markt, Arbeitswelt, Mobilität. Die Familie ist der Ort der Emotion, der Geborgenheit, Zugehörigkeit, jedenfalls in ihrer idealen Ausprägung. Und die Frage ist immer, was man wie bewertet. Bis in die Fünfziger galt es als Privileg, wenn Mutti kein Geld mehr verdienen musste. Dann hatte die Arbeiterfamilie es geschafft. Heute nehmen wir das im Zusammenhang mit patriarchalischen Geschlechterverhältnissen wahr.

Diehl: Ich habe den Eindruck, Mutterschaft ist Teil der Leistungsgesellschaft geworden. Frauen machen einander Konkurrenz, weil sie immer noch mehr Anerkennung im Privatleben bekommen als im Beruf: Wer gibt sich selbst am stärksten auf in der Erziehung? Wer macht sein Kind am besten fit für die moderne Arbeitswelt?

Imdahl: …und Männer haben sich da elegant rausgehalten. Die neue Norm bei jungen Familien ist: Er 40 Stunden, sie Zuverdienerin. Hausarbeit und Kinderbetreuung bleiben zum Großteil an ihr hängen.

Diehl: Gleichberechtigung kann aber nur funktionieren, wenn Männer auch die Arbeit machen, die von Frauen erwartet wird.

Aber haben sich familiäre Rollen nicht doch nachdrücklich verändert, wenn heute vermehrt junge Väter Auszeiten nehmen und sich Babys im Tragetuch vor die Brust binden?

Rödder: Ganz offenkundig. Sowohl die Beziehungen zwischen Partnern als auch zwischen Eltern und Kindern sind ganz andere als bis in die Sechziger, als Kinder eher Befehlsempfänger waren als gleichwertige Familienmitglieder. Gleichzeitig sind die Verantwortlichkeiten für Lebensbereiche doch sehr konstant geblieben.

Imdahl: Ich bin ja dafür, dass Frauen wie Männer sich frei entscheiden können, wie sie ihr Leben gestalten. Aber wenn eine Mutter freiwillig zu Hause bleibt, führt das zu negativen Konsequenzen für Unterhaltsansprüche, Altersabsicherung und so fort.

Rödder: Es hat oft ungeahnte Folgen, wenn man einen Entwurf aufwertet – so wie die Politik der letzten 15 Jahre den der berufstätigen Mutter – und dagegen einen anderen abwertet. Setzen wir einseitig Anreize für eine paritätische Aufgabenverteilung zwischen Müttern und Vätern, und übergehen damit individuelle Entscheidungen? Das ist die Gratwanderung einer liberalen Gesellschaft.

Könnte das auch der Grund sein für jene erzkonservative Gegenbewegung, die sich in Gruppierungen wie der AfD oder den „Besorgten Eltern“ formiert?

 Rödder: Ja, es kommt zu einer Polarisierung von Leitbildern. Wenn die Familienministerin keine Partei mehr für die Vollzeitmutter ergreift, dann ist diese vielleicht froh, wenn eine konservative Publizistin wie Birgit Kelle das tut. Weil sonst ihre Erfahrung in der öffentlichen Wahrnehmung kaum noch vorkommt.

Frau Diehl, bei einer freiwillig kinderlosen Frau wie Ihnen denken sicherlich viele Menschen: Beruf und Karriere waren ihr wohl wichtiger.

 Diehl: Ein Vorurteil. Auch von Frauen, die ich für mein Buch interviewt habe, habe ich gehört: Wenn ich mich diesem Mutterideal ausliefere, dann muss ich mich immer daran abarbeiten. Das will ich nicht. Ein weiteres Vorurteil ist: Kinderlose sind egoistisch. Dabei kann ich mich viel stärker gesellschaftlich engagieren, wenn ich nicht in der Kleinfamilie eingebunden bin. Ich bin eine heiße Verfechterin von sozialer Elternschaft und würde gern Familie nicht nur biologisch definieren, sondern als Netzwerk von Menschen, die aus freien Stücken verbunden sind und sich umeinander kümmern.

Aber wie belastbar ist das – in Krisenzeiten und Notsituationen?

Diehl: Gegenfrage: Wie belastbar sind Ehen? Ich glaube eher, in der typischen Konstellation sind tendenziell viele überfordert. In Kanada gibt es seit vier Jahren das „Social Guardianship“-Gesetz, da können bis zu vier Personen mit den gleichen Rechten und Pflichten für ein Kind da sein. Zum Beispiel ein alleinerziehender Elternteil, der kinderlose Freunde mit hineinnimmt in die Verantwortung. Das finde ich zukunftsweisend.

Ist es überhaupt nötig, dass der moderne Staat neuen Beziehungsformen einen rechtlichen Rahmen gibt?

Rödder: Im Grunde könnte man sagen: alles Privatsache. Ich halte den staatlichen Eingriff aber aus zwei Gründen für gerechtfertigt: Zum einen das Kindeswohl, weil ein Kind sich nicht schützen kann; zum anderen das Gemeinwohl, im Sinne der Bereitschaft, füreinander einzustehen. Das müsste aber nicht auf Ehe oder biologischer Elternschaft beruhen.

Diehl: Sage ich doch! Deshalb halte ich es auch für eine Sackgasse, dass wir so sehr an der Idee leiblicher Elternschaft hängen. Etwa wenn ich daran denke, was Frauen sich und einander antun, um auf medizinischem Wege ein Kind zu bekommen. Ich finde es recht tragisch, wenn Menschen glauben, dass sie ihr Bedürfnis nach Liebe und Gemeinschaft nur über biologische Nachkommenschaft herstellen können und damit ziemlich gewaltsame Strukturen etablieren. Leihmutterschaft und Eizellenspende sind zu einem brutalen Millionengeschäft geworden. In der dritten Welt wird die ökonomische Not ausgebeutet, in den westlichen Ländern unterziehen sich Frauen quälenden Hormonbehandlungen und medizinischen Eingriffen.

… weil sie sich nun einmal sehnlichst ein Kind wünschen.

Diehl: Das kritisiere ich nicht, auch nicht die Technologie an sich. Ich würde nur die Frage stellen: Warum müssen es die eigenen Gene sein? Was ist daran so wichtig?

Imdahl: Der medizinische Fortschritt führt dazu, dass wir uns nicht mehr damit abfinden müssen, wie wir geboren sind – ob unsere Nase schief ist oder unsere Fruchtbarkeit eingeschränkt. Was die Ausbeutung angeht, bin ich ganz bei Ihnen, Frau Diehl. Aber die neuen Technologien schaffen auch Freiheitsgrade. Junge Frauen sagen: Wenn der Traumprinz nicht kommt, dann lasse ich meine Eizellen einfrieren. Oder ich fahre nach Holland und lasse mich künstlich befruchten. Und parallel suche ich mir online jede Woche einen neuen Sexpartner.

Rödder: Im Grunde sehen wir auch hier, wie sich die moderne Gesellschaft immer weiter ausdifferenziert: Sexualität und Reproduktion werden voneinander abgekoppelt. In die eine Richtung gibt es das schon lange, durch sichere Schwangerschaftsverhütung. Dass umgekehrt Fortpflanzung ohne Sexualität möglich ist, das ist historisch neu.

Ist das ein Gewinn oder eine Bedrohung?

 Rödder: Das lässt sich nicht seriös beantworten. Allerdings: Häufig stellt sich erst mit großer Verzögerung heraus, welche Folgen Entwicklungen haben. Denken Sie daran, dass Teile der Grünen in den Achtzigern Sex mit Minderjährigen legalisieren wollten….

Imdahl: Die katholische Kirche hat es leider Jahrhunderte lang im Verborgenen gemacht!

Rödder: Schlimm genug. Ich frage mich dennoch, von welchen aktuellen Entwicklungen Psychologen in 25 Jahren sagen werden: Was habt ihr den Kindern angetan? Beim Thema Kindeswohl bin ich besonders konservativ. Auch, wenn es um die „Ehe für alle“ geht: So lange erwachsene Partner sich dazu entscheiden, kein Einwand, wenn Kinder involviert sind, wäre ich viel vorsichtiger.

Schwierige psychische Umstände gibt es doch gerade auch in der klassischen Kernfamilie – bis zu Gewalt und Missbrauch. Während nach Studienlage Kinder in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften geborgen aufwachsen können.

Rödder: Alles richtig. Ich habe ja nicht behauptet, man müsste alles beim Alten belassen. Ich würde eine solche Gesetzesentscheidung nur nicht übers Knie brechen.

Diehl: Mit diesem Argument kann man jede progressive Idee im Keim ersticken. Das wichtigste ist doch, dass Kinder stabile Bezugspersonen haben. Warum nicht zwei Männer, zwei Frauen oder eben mehrere Erwachsene? Mir hat auf einer Lesung einmal eine ältere Frau erzählt, dass sie auf dem Bauernhof aufgewachsen ist und ihre Kindheit sehr schön empfand, weil es viele verschiedene Leute gab, die sich um sie kümmerten. Die Isolierung in der Kleinfamilie empfand sie als historischen Unfall.

Blicken wir noch nach vorne: Wie sehen Familien in 20 Jahren aus? Und welchen Anteil haben die Themen unserer Gegenwart daran?

Imdahl: Digitalisierung verändert, wie Menschen zusammen finden. Man spricht ja heute schon von Tinder-Babys und Tinder-Hochzeiten, nach dem Namen einer Dating-App. Das ist ähnlich beim Thema medizinische Eingriffe, das wird so schnell voranschreiten, dass Gesetzgebung, gesellschaftliche Regeln und Normen kaum hinterher kommen. Neue Technologien sind ein mächtiger Treiber für gesellschaftliche Veränderungen.

Ein weiterer Aspekt: Wird sich Deutschland verändern, wenn Migranten ihre eigenen Vorstellungen von Familie und Geschlechterbeziehungen mitbringen?

Imdahl: Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Ich bin meilenweit von AfD-Positionen entfernt und sehe das individuelle Leid von Flüchtlingen. Ich denke aber schon, dass das Familienbild einiger weniger uns gesellschaftlich zurückwerfen kann. Ich möchte hier keine Männer haben, die Frauen begrabschen, schlagen, ihnen das Rad- und Autofahren verbieten oder ihren achtjährigen Töchtern ein Kopftuch vorschreiben.

Diehl: Ich will diese Ängste nicht wegwischen, Frau Imdahl. Aber liegt das nicht auch am schweren Stand der Migranten? Wird die vermeintliche Ehre der Frau nicht auch deshalb so hochgehalten, weil sie das Einzige ist, an dem sie sozialen Status darstellen können? Ich finde die AfD bedrohlicher für meine Freiheit als Frau.

Rödder: Wir erleben eine zweifache Doppelmoral: Auf der einen Seite geben sich Menschen plötzlich als Frauenrechtler, die damit nur ihre eigene Islamophobie ummänteln. Auf der anderen sind jene, die einer biodeutschen Vollzeitmutter ihr Lebensmodell absprechen, aber bei einer vollverschleierten, nicht erwerbstätigen Muslima sagen: Das ist kulturelle Diversität. Da stimme ich Frau Imdahl zu, die Schwierigkeiten würde ich nicht unterschätzen. Als Historiker ist mir eines wichtig: Offenheit im Blick auf die Zukunft. Sowohl für Risiken als auch für Chancen.

Und die wären?

Rödder: Meine Prognose ist: Punkt a, die Zukunft wird anders als die Gegenwart. Punkt b, sie wird auch anders, als wir sie uns vorstellen. Weil zu allen Zeiten unvorhergesehene Ereignisse den Gang der Geschichte verändern. Aber eines wird wohl nicht verschwinden: dass Menschen, in welcher Form auch immer, gemeinsam leben und füreinander einstehen. Familie wandelt sich permanent ­– und bleibt.

 

Mehrere kurze Videoclips der Teilnehmer gibt’s in der Online-Version des Magazins hier zu sehen.

 

 

 

 

 

„Wir sitzen im gleichen Boot und merken es nicht!“

Eltern und Kinderlose sind sich oft nicht grün – ob es um Lautstärke im Café geht oder um die nächste Gehaltsrunde. Susanne Garsoffky und Britta Sembach haben sich mit den tieferen Gründen für diese Spaltung beschäftigt: soziale Kälte, weniger Solidarität und politisches Versagen. Für ELTERN family habe ich im November 2017 mit Susanne Garsoffky gesprochen

 ELTERN FAMILY: Das Eingangskapitel Ihres neuen Buches trägt die Überschrift: Warum Kinder nicht glücklich machen und Kinderlosigkeit nicht frei. Das klingt nach: Wie man’s macht, ist’s falsch….

Susanne Garsoffky: Eine Frau im gebärfähigen Alter kann es niemandem recht machen, das stimmt. Mütter werden gefragt: Warum nur ein Kind? Warum so viele? Warum so spät im Leben oder so früh? Zusätzlich unterstellt man ihnen, dass sie ihre Kinder wahlweise zu viel oder zu wenig behüten. Kinderlose Frauen werden von Wildfremden nach ihren Motiven gefragt, das ist nicht minder übergriffig.

Sie und Ihre Ko-Autorin Britta Sembach sind beide Mütter. Stehen Sie in der Diskussion um Lebensentwürfe damit nicht automatisch auf Seite der Eltern?

Wir respektieren jeden und jede, und wir wollten weder ein Angriffsbuch auf Kinderlose schreiben, noch uns fürs Elternsein rechtfertigen. Es geht uns auch nicht darum, jemanden zum Kinderkriegen zu motivieren. Sondern um die Frage: Wie könnte man ein System schaffen, das für alle gerechter ist, wenn weniger Kinder geboren werden?

Sie schreiben, Politik und Wirtschaft würden Eltern und Kinderlose gegeneinander ausspielen. Das klingt, mit Verlaub, ein wenig nach Verschwörungstheorie….

Nein, es ist höchstens zugespitzt. Seit Ende der Neunziger erleben wir eine politische Neoliberalisierung. Unser Politik- und Wirtschaftssystem richtet sich in erster Linie nach den Bedürfnissen von Arbeitgebern und Unternehmern, und das treibt Menschen mit und ohne Sorgeverpflichtung in Konkurrenz. Die Blaupause für einen idealen Arbeitnehmer ist der von Sorgeverpflichtungen befreite, Vollzeit arbeitende Mann. Wer nicht in dieses Muster passt, wird zwar geduldet, aber eine Karriere ist so kaum möglich.

Und die machen dann Kinderlose auf dem Rücken der Eltern?

So einfach ist es nicht. Denn die Gewinne der letzten Jahre erzielen große Unternehmen in erster Linie durch Personalabbau. Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist aber im Gegenteil sehr personalintensiv. Denn einer muss ja auffangen, wenn Eltern Auszeiten nehmen oder kurzfristig ausfallen. Und diese Arbeit wird gleichzeitig auf immer weniger Schultern verteilt. Das trifft besonders die Kinderlosen.

Aber bemühen sich nicht Arbeitgeber in den letzten Jahren vermehrt um mehr Flexibilität für alle? Mit innovativen Arbeitszeitmodellen, Betriebs-Kitas…

In den meisten Fällen ist das nicht mehr als ein schönes Aushängeschild. Unternehmen geben sich modern und aufgeschlossen, aber gleichzeitig wird Angestellten das Gefühl vermittelt: Kinder haben, wunderbar – aber bitte möglichst geräuschlos und so, dass es unseren Betriebsablauf nicht stört. Diese Haltung bekommen übrigens auch Kinderlose zu spüren, etwa, wen sie alternde Eltern zu pflegen haben.

Wenn alle gleichzeitig Verlierer sind – warum begehren sie dann nicht gemeinsam gegen diesen Druck auf?

Der schleichende Verlust von Solidarität betrifft ja die Gesellschaft als Ganzes. Arbeitskämpfe gibt es kaum noch, Gewerkschaften verlieren laufend Mitglieder, weil wir das neoliberale Modell so verinnerlicht haben: Jeder ist nur für sich selbst und seinen Erfolg verantwortlich. Ganz im Interesse der Unternehmerseite. Denn Einzelne sind leichter zu handeln als eine Gruppe, die Forderungen stellt. Man speist Mitarbeiter mit Anti-Stress-Programmen ab, statt Arbeit gerechter zu verteilen.

Aber die Konflikte kochen öffentlich eher hoch, wenn es um Kinderwagenverbote in Cafés geht oder Fahrradanhänger, die den Bürgersteig versperren…

Das ist Symptom, nicht Ursache. Da entlädt sich eine gereizte Stimmung, weil alle ahnen, dass es noch schärfere Verteilungskämpfe geben wird – wenn die heute 50-jährigen in den Ruhestand gehen, wird ein Arbeitnehmer für einen Rentner zahlen müssen!

Es wäre Aufgabe des Gesetzgebers, für mehr Gerechtigkeit zu sorgen. Aber Sie sagen: Auch die Politik befeuert die Konkurrenz zwischen beiden Gruppen.

2003 prägte die damalige Familienministerin Renate Schmidt den Begriff der „nachhaltigen Familienpolitik“. Seither steht „Vereinbarkeit“ als politisches Ziel auf der Agenda, quer durch die Parteienlandschaft. Das bedeutete in der Praxis vor allem: Ausbau der Krippenbetreuung, um beide Elternteile möglichst schnell wieder in Arbeit zu bekommen. Aber das ist weder flächendeckend passiert, noch ist die Betreuung durchgehend von guter Qualität. Von Unternehmen hat die Politik viel zu wenige Zugeständnisse gefordert.

Ist das nicht Schwarzmalerei angesichts jährlich 130 Milliarden familienpolitischer Leistungen?

Das Geld wird nach Gießkannenprinzip verteilt und wiegt nicht auf, was Eltern investieren. Der Sozialrichter Jürgen Borchert hat es so formuliert: „Wir treiben den Familien die Sau vom Hof und geben ihnen nur die Koteletts zurück.“ Allein, wenn man die Energiekosten betrachtet und die Verbrauchssteuern: 19 Prozent Mehrwertsteuer auf Windeln, dafür nur sieben Prozent auf Tiernahrung! Familiengründung ist ein finanzielles Risiko, nicht nur für Alleinerziehende – wegen des Reallohnverlustes der letzten Jahre können selbst Doppelverdiener in manchen Großstädten kaum noch den Unterhalt für eine Familie aufbringen.

Dagegen argumentieren Kinderlose: Wir halten mit unseren höheren Steuerabgaben das System am Laufen.

Aber Familien sind ja nicht nur Leistungsempfänger, sie sind selbst Steuerzahler! Sie werden also doppelt zur Kasse gebeten.

Und dazu leisten sie gratis, was neudeutsch „Care-Arbeit“ genannt wird – Schulbrote schmieren, Anschwung geben beim Schaukeln. Trotzdem haben viele das Gefühl: Diese Tätigkeiten werden nicht gewürdigt, eher belächelt.

Richtig. Nachrichtenmagazine schreiben süffisant über die „Rückkehr der Hausfrau“ und bezeichnen es als Zeitverschwendung, wenn eine Mutter mit ihrem Baby auf dem Teppich spielt – eine Mutter, wohlgemerkt, die wöchentlich 20 Stunden arbeitet. Fürsorglichkeit ist doch ein Teil der menschlichen Existenz!

Auf der Suche nach den Ursachen für diese soziale Kälte werfen Sie auch einen Blick auf den Feminismus und zitieren die amerikanische Politikwissenschaftlerin Nancy Fraser: „Der Feminismus ist der Steigbügelhalter der neoliberalen Gesellschaftsordnung.“ Würden Sie denn lieber in den Fünfziger Jahren leben, als pudding-kochende Hausfrau?

Bloß nicht! Meine Ko-Autorin und ich sind wie alle Frauen unseres Alters geprägt durch die zweite Welle des Feminismus in den Sechziger, Siebziger Jahren. Da ging es um Selbstbestimmung, um gesellschaftliche Teilhabe durch Berufstätigkeit. Völlig richtige Forderungen in einer Zeit, in der Frauen um Erlaubnis fragen mussten, wenn sie einen Job annehmen wollten, und Vergewaltigung in der Ehe straflos blieb. Nur: Die Blaupause der Emanzipation war ein männlicher Lebensentwurf. Von Fürsorgepflichten befreit, unabhängig und erfolgreich. Müsste es heute nicht eher darum gehen, dass Frauen wie Männer beide Seiten leben dürfen, die erfolgsorientierte wie die fürsorgliche?

Das passiert ja, jedenfalls ist die heutige Vätergeneration deutlich engagierter als frühere. Trotzdem habe ich den Eindruck, dass sich Männer mit und ohne Kinder weniger als Konkurrenten fühlen. Sind die einfach entspannter als wir Frauen?

Ich würde eher sagen: Sie ducken sich ein bisschen weg. Das Leben der meisten Männer verändert sich doch deutlich weniger, wenn sie Vater werden – anders als bei Frauen. Oder sie schieben die Entscheidung für eine Familie endlos auf. Wenn Frauen nicht Mütter werden, liegt das ja oft auch an der fehlenden Bereitschaft des Partners, Verantwortung und Pflichten zu übernehmen. Das wird gerne übersehen. Stattdessen werden fast ausschließlich Frauen für sinkende Geburtenraten verantwortlich gemacht.

Sie haben zu Anfang von einem System gesprochen, das für Eltern und Kinderlose gleichermaßen gerecht ist. Wie müsste das aussehen?

Zum einen müsste das Modell der umlagefinanzierten Rente familiengerecht umgebaut werden, denn Eltern zahlen doppelt – als Arbeitnehmer für die jetzige Rentnergeneration sowie als Eltern für die Rentenzahler von morgen. Je nach Anzahl der Kinder sollte es eine deutliche Entlastung geben.

Wäre das bezahlbar?

Die gesetzliche Rente müsste stärker steuerfinanziert sein als heute, und man müsste mehr Menschen ins System mit aufnehmen. Auch Beamte und Freiberufler.

Gibt es dafür Mehrheiten, und wenn ja, in welcher Partei?

Die Gerechtigkeitslücke zwischen Menschen mit und ohne Kindern wird durchaus parteiübergreifend gesehen – aber keiner traut sich an das heiße Eisen heran. Weil man Angst hat, Kinderlose könnten das als Schikane erleben. Vor allem diejenigen, die sich nicht freiwillig für diese Lebensform entschieden haben.

Verständlich. Aber auch nicht besonders weitsichtig.

Das Problem der Politik ist, dass sie von älteren für ältere Menschen gemacht wird – schon allein, weil es mehr ältere Wähler gibt als jüngere. Die Lebenswirklichkeit von Familien wird in einer alternden Gesellschaft immer weniger berücksichtigt. Die Herabsetzung des Wahlalters wäre ein Schritt, um dem zumindest etwas entgegenzusetzen.

Und was wäre die Aufgabe der Wirtschaft? Einfach wieder Personal aufstocken klingt zwar schön, aber manches Unternehmen würde damit die eigene Existenzgrundlage gefährden.

Ich würde mir zumindest Ehrlichkeit wünschen. Dass Unternehmen offen zugeben: Wir bieten eigentlich keine Vereinbarkeit. Wer bei uns arbeiten will, muss die und die Bedingungen erfüllen. Dann wären zumindest die Spielregeln klar. Zweitens, und hilfreicher: Arbeitszeitmodelle, die verschiedene Lebensphasen berücksichtigen.

Würden Arbeitszeitkonten nicht einseitig Eltern bevorzugen?

Wenn man Kinder bekommt heißt das ja nicht, dass man die nächsten 40 Jahre nicht mehr belastbar ist. Personalpolitik müsste langfristiger denken: Man ermöglicht Mitarbeitern, zwischendrin Vollgas in der Familie zu geben, denn man weiß: Dann wird er oder sie leistungsbereiter, loyaler und zufriedener zurückkehren. Prioritäten verschieben sich ja laufend, wenn Kinder größer werden. Auch Menschen ohne Sorgeverpflichtung sind ja nicht ihr ganzes Leben lang gleichermaßen leistungsfähig. Vielleicht erwischt sie in der Lebensmitte eine Krise und sie brauchen eine Auszeit, um sich neu zu orientieren. Oder sie rutschen ins Burnout. Eine Personalpolitik, die das berücksichtigt, käme allen zugute. Eltern und Kinderlosen, Arbeitnehmern und Arbeitgebern.

Elternrechte in den USA: ganz und gar nicht great

Zu wenig Elterngeld? Zu wenige Erzieher in der Krippe? Das sind Vereinbarkeitsprobleme, die Mütter und Väter in den USA gerne hätten. Elternzeit, Kündigungsschutz und bezahlbare Kitaplätze sind dort die große Ausnahme. Unter Präsident Trump könnte sich die Situation noch verschärfen. Im März 2017 habe ich fürs ELTERN-Magazin mit der Polit-Aktivistin, Autorin und Mutter Jessica Shortall darüber gesprochen

Ein Interview per Skype am Sonntag morgen um neun? Kein Problem. Denn erstens hat Jessica Shortall (38) zwei kleine Frühaufsteher zu Hause. Und zweitens kommt man dieser Tage ohnehin nicht zur Ruhe, wenn man in Amerika lebt und sich politisch engagiert. Kaum haben wir angefangen zu reden, flitzt Shortalls vierjährige Tochter Etta ins Arbeitszimmer und berichtet aufgeregt: „Mummy, Donald Trump ist gerade im Fernsehen!“ Auch unser Gespräch dreht sich immer wieder um den Mann in Orange – auch wenn wir eigentlich ein anderes Thema haben…

Wenn Sie den Mund aufmachen, hören Eltern gerne zu – nicht nur in Amerika. Ihr Vortrag über fehlenden Mutterschutz in den USA und Stillen im Job hat fast 50.000 Youtube-Hits, in ihrem aktuellen Buch* geben Sie Tipps, wie man Baby und Arbeit in Ihrem Heimatland einigermaßen jongliert. Persönliche Erfahrung?

Ursprünglich ja. Nach der Geburt meines Sohnes Otis vor sechs Jahren litt ich an einer postpartalen Angststörung, konnte nicht schlafen, machte mir übermäßige Sorgen um mein Kind. Ich tat mich sehr schwer mit der Rückkehr in den Job, obwohl ich nach amerikanischen Maßstäben das große Los gezogen hatte: Mein damaliger Arbeitgeber, ein Startup, gewährte mir acht Wochen bezahlten plus vier Wochen unbezahlten Mutterschutz. Ich konnte viel von Zuhause aus arbeiten und mir mit einer Nachbarin eine Nanny teilen. Aber es schien mir undenkbar, tagelang oder wochenlang allein auf Geschäftsreise zu gehen. Und das wäre erforderlich gewesen.

Zwölf Wochen Pause, das ist wirklich nicht viel….

Wissen Sie, die USA gehört zu einem kleinen, exklusiven Club industrialisierter Länder, in denen Auszeiten für frischgebackene Eltern fast ausschließlich eine freiwillige Leistung des Arbeitgebers sind. Die anderen Clubmitglieder sind im wesentlichen einige Südseeinseln – und gleich danach kommen wir, ein Land mit 320 Millionen Einwohnern. Fast 90 Prozent aller Mütter und Väter in den USA haben keinerlei Elternzeit.

Und die anderen zehn Prozent?

Entweder familienfreundliche Arbeitgeber, oder sie haben nach dem so genannten „Family and Medical Leave Act“ ein Anrecht auf bis zu drei Monate unbezahlte Auszeit. Die stehen Arbeitnehmern zu, wenn sie selbst ernsthaft krank werden, oder ein nahes Familienmitglied. Theoretisch auch nach einer Geburt. Aber das Gesetz greift nur in Firmen mit mindestens 50 Angestellten und gilt nur für Mitarbeiter mit mindestens einem Jahr Betriebszugehörigkeit. Vor allem muss man aber in der Zeit sowohl den eigenen Verdienstausfall überbrücken als auch den Arbeitgeberanteil zur Krankenversicherung mitbezahlen.

Schwer möglich, wenn man zu wenig verdient, um Rücklagen zu bilden.

Genau. Mütter sind die am schnellsten wachsende Gruppe von Arbeitnehmern in den USA, aber unter ihnen herrscht eine Zwei-Klassen-Gesellschaft. Natürlich wollen Arbeitgeber hochqualifizierte Mitarbeiterinnen nicht verlieren und machen ihnen deshalb die schnelle Rückkehr an den Arbeitsplatz schmackhaft. Nehmen wir den Konzern IBM: In der Stillzeit können weibliche Angestellte ihre Muttermilch von Geschäftsreisen kostenlos nach Hause schicken lassen. Ganz anders sieht es im unteren Spektrum des Arbeitsmarktes aus. Zwei Drittel aller Niedriglohnjobs sind in den Händen von Frauen, häufig Schwarze und Latinas, aber auch ärmere Weiße, die schlecht bezahlte Arbeit annehmen müssen, um sich und ihre Familie über Wasser zu halten. Viele als Haupt- oder Alleinverdienerinnen. Die Obama-Regierung hat wenigstens kleine Verbesserungen für bestimmte Berufsgruppen erreicht. Etwa, dass der Arbeitgeber stillenden Frauen Zeit geben muss, während der Arbeitszeit Milch abzupumpen. In einem angemessenen Raum, nicht im Auto auf dem Parkplatz. Aber das ist Teil des „Obamacare“-Paketes, und auch das will Präsident Trump ja wieder abschaffen.

Abgesehen vom Stillen, wie machen Frauen das denn überhaupt – direkt von der Entbindung zurück ins Büro oder an die Supermarktkasse?

Jede vierte geht spätestens zwei Wochen nach der Geburt wieder arbeiten – oft unter Schmerzen, körperlich wie seelisch. Ich habe mit einer Kellnerin gesprochen, die sechs Wochen nach einem Kaiserschnitt wieder schwer schleppte und stundenlang auf den Beinen war. Mit der Mitarbeiterin einer Haftanstalt, deren Kollegen sich über ihre „ausgedehnten Ferien“ lustig machten, weil sie acht Wochen weg war, und absichtlich die Toilettentür aufrissen, wenn sie dort mit der Milchpumpe hantierte. Eine der bittersten Geschichten erzählte die Mutter eines Frühchens. Ihr stand so wenig Elternzeit zu, dass sie sich entscheiden musste: Entweder eine Woche nach der Entbindung zurück an die Arbeit, um nach der Entlassung aus der Klinik Zeit für das Baby zu haben – oder bei ihrem Kind auf der Intensivstation sein, und es dann sofort nach der Entlassung in Tagesbetreuung geben. Davon rieten die Ärzte aber dringend ab. Das Immunsystem des Babys war so unausgereift, dass diese Umgebung es in Lebensgefahr gebracht hätte.

Hängen Mütter unter solchem Druck ihren Job eher ganz an den Nagel?

Genau, und mit weitreichenden Folgen: Sie machen sich abhängig vom Verdienst ihres Mannes, stehen im Fall einer Scheidung schlecht da, sind später bedroht von Altersarmut, weil sie nicht in die Rentenkasse einzahlen.

Gibt es denn vernünftige Kinderbetreuungsmöglichkeiten? Oder springt den arbeitenden Eltern eher die eigene Familie bei?

Wir sind eine sehr mobile Nation, wechseln häufig Wohnorte und Jobs – es ist ein seltenes Glück, wenn man Familie am gleichen Ort hat. Gute Kinderbetreuung ist deshalb auch wieder eine Frage des Geldbeutels: Kitas, von denen Kinder wirklich profitieren, kosten etwa zwischen 800 und 1500 Dollar monatlich pro Kind. Wer sich das nicht leisten kann, landet schnell bei Einrichtungen, in denen Kinder mehr schlecht als recht beaufsichtigt werden und die häufig nicht einmal wirklich kindersicher sind.

Die Rechte junger Eltern waren auch Thema im vergangenen Wahlkampf. Donald Trumps Tochter Ivanka hat sich dafür stark gemacht, sechs Wochen bezahlten Mutterschutz für alle einzuführen. Klingt ganz vernünftig, oder?

Ein Journalist hat Ivanka Trump einmal als „weaponized graciousness“ bezeichnet – Liebenswürdigkeit, die als Waffe eingesetzt wird. Trump benutzt seine Tochter, um sein Image aufzupolieren. Und selbst wenn das wirklich Ivankas Meinung entspricht: Der Vorschlag ist kurzsichtig, ich halte ihn sogar für einen Rückschritt!

Warum? Sechs Wochen wären ein Anfang.

Also, erstens diskriminiert der Vorschlag die Väter. Und auch den zweiten Elternteil in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften. Denn in dem Entwurf stehen die sechs Wochen ausschließlich der Frau zu, die das Kind geboren hat. Mir hat mal ein Vater erzählt, wie froh er war, dass sein Baby an einem Freitag zur Welt kam, damit er wenigstens das Wochenende mit Mutter und Kind verbringen konnte. Zwei Tage! Dabei weiß man doch, dass Erziehung partnerschaftlicher geteilt wird, wenn von Anfang an beide Elternteile involviert sind. Außerdem könnte diese Regelung auf die Frauen zurückfallen: Personalchefs könnten Bewerberinnen im gebärfähigen Alter benachteiligen, weil sie ein finanzielles Risiko für die Firma sind.

Weiß man denn, was aus dem Plan wird?

Keine Ahnung. Die Trump-Regierung hatte einen chaotischen Start und bleibt unberechenbar. Was mir Hoffnung macht, sind eher die Gesetze einzelner Staaten. Dort sind die Gesetzgeber oft wesentlich weiter als in Washington. In Kalifornien, New Jersey, Rhode Island und Connecticut gibt es gerade als Pilotprojekt ein solidarisches Versicherungsmodell, das bezahlte Elternzeit auch für kleinere Unternehmen finanziell möglich macht. Und zwar nicht nur für Mütter!

Was mir auffällt: Ihre Landsleute sind sehr kinderfreundlich, keine Politikerrede kommt ohne das Schlagwort „Familienwerte“ aus. Andererseits wird es jungen Eltern so schwer gemacht. Woher dieser Widerspruch?

Unsere Kultur ist zutiefst individualistisch. Von klein auf lernen wir: Wenn du nur hart genug arbeitest und dich anstrengst, kannst du alles schaffen. Im Umkehrschluss heißt das aber: Wenn es dir nicht gut geht, bist du selbst schuld, dann hast du nicht alles gegeben. Deshalb misstrauen hier so viele Leute Sozialleistungen, weil sie das Gefühl haben: Damit belohnt man Faulheit. Dabei rutschen gerade Mütter so eher in staatliche Abhängigkeit, als wenn man sie unterstützen würde. Und das ist nur einer von mehreren Widersprüchen. Auf der einen Seite extremer Individualismus, auf der anderen Seite der fast kindliche Glauben an den starken Mann, der sagt, wo’s langgeht.

Wie man jeden Tag in den Nachrichten sieht.

Ja, leider. Nur eines macht mir Hoffnung: Für viele Menschen in meiner Umgebung war die Wahl von Trump eine Art Weckruf, sie verstehen zum ersten Mal im Leben, dass es wichtig ist, ihr politisches Geschick selbst in die Hand zu nehmen. Meine Tochter hat mich heute morgen schon gefragt: Gehen wir heute wieder demonstrieren?

Und, gehen Sie?

Ausnahmsweise nicht. Ab und zu braucht man auch als Familie eine Auszeit.

 

Jessica Shortalls Plädoyer auf Youtube anschauen: https://www.youtube.com/watch?v=TdQ1eaZH-J8

 

„Kinder brauchen digitale Mischkost“ – ein Plädoyer für entspannten Medien-Umgang

Smartphones machen dumm und Computerspiele aggressiv – oder nicht? Der psychologische Psychotherapeut und Verhaltensbiologe Georg Milzner nahm im Frühjahr 2016 mit seinem Buch* pauschale Digital-Kritik aufs Korn und plädierte für einen entspannteren Umgang mit neuen Technologien. Für das Magazin ELTERN family habe ich mit ihm gesprochen

ELTERN family: Bei uns zu Hause gibt es klare Regeln – eigentlich: 30 Minuten „Fifa 15“ für meinen 7jährigen Sohn und „Minecraft“ für meine 10jährige Tochter sind pro Tag okay, danach werden elektronische Geräte weggelegt. Warum geht das nie ohne Diskussionen – weder bei uns, noch bei den meisten anderen?

Georg Milzner: Warum ist Ihnen die Zeitbeschränkung denn so wichtig?

Weil sonst anderes zu kurz kommt: lesen, sich bewegen, Lego bauen…

Erstmal ganz konkret: Diese Zeitbeschränkungen funktionieren nicht, weil Spiele nicht in Minuten aufgebaut sind, sondern in Aufgaben und Levels. Sie würden ja auch beim Vorlesen nicht per Stoppuhr mitten im Satz aufhören. Besser, Sie vereinbaren gemeinsam, was ein sinnvoller Zeitpunkt zum Schlussmachen ist. Ich würde auch einen Unterschied machen, ob ein Kind reglos vor dem Monitor sitzt oder sich davor austobt, zum Beispiel mit einer bewegungsgesteuerten Konsole. Bildschirm ist nicht gleich Bildschirm. Aber Ihre Skepsis, die Sie mit vielen Eltern teilen, hat sicher noch einen tiefer liegenden Grund.

Da bin ich aber gespannt.

Jeder Kulturwandel stößt erstmal auf Widerstand. Eltern früherer Generationen waren irritiert, wenn ihre Kinder Comics lasen, fernsahen oder Rockmusik hörten. Sogar das Lesen von Romanen galt im 19. Jahrhundert als schädliche Geistesverwirrung, vor allem für Jungen. Genau so befürchten heutige Eltern: Kinder werden durch Computerspiele dümmer, aggressiver, verlernen das phantasievolle Spielen, gehen nicht mehr raus….

Und Sie glauben das nicht?

Wenigstens nicht so pauschal. Eltern verklären rückblickend ihre eigene Kindheit, die ja noch wenig computerisiert war, jedenfalls bei Menschen ab 40, und kommen zum Schluss: Heute läuft da etwas falsch. Das führt zu einer merkwürdigen Spaltung: Einerseits möchte man den Umgang mit digitalen Medien fördern, um Kinder auf die spätere Arbeitswelt vorzubereiten, andererseits verteufelt man sie. Zu Hause wie in der Schule. Dabei findet ja jede Zeit und jede Kultur neue Formen, in denen Kindheit stattfindet. Auch weil Kinder heute tendenziell behüteter aufwachsen, weniger äußere Freiräume haben, erschließen sie sich neue Zonen – auch digitale.

Kinder haben die gleichen Bedürfnisse wie früher, leben sie nur anders aus?

Genau. Denken Sie an die Faszination von Märchen und Mythen: früher drei dicke Bände „Herr der Ringe“ lesen, heute eher „World of Warcraft“ spielen. Oder den Spaß an der Selbstdarstellung: früher nur auf der Schulbühne, heute mit Youtube-Filmchen. Manche Eltern projizieren sicherlich auch ihre eigenen Ängste vor dem technologischen Wandel auf ihre Kinder. Die haben eigentlich Angst, selbst nicht fit zu sein für die Welt von morgen, und sind vielleicht auch etwas neidisch auf die Leichtigkeit, mit der sich ihre Kinder darin bewegen.

Machen Sie es sich da nicht ein wenig einfach? Wenn ich sehe, wie manche Eltern sogar ihre Zwei- und Dreijährigen stundenlang mit Hilfe von Tablets ruhig stellen, frage ich mich schon, was Kinder sich dadurch für ein Bild von der Welt machen.

Bei so kleinen Kindern gebe ich Ihnen völlig recht, das hat fast etwas von unter Drogen setzen. Ein Tablet ist ein miserabler Babysitter, denn er macht kein Beziehungsangebot. Bei Kindern im Kita- und frühen Grundschulalter würde ich immer sagen: ruhig der kindlichen Neugier auf elektronische Spiele Raum geben, aber auch beizeiten ein Alternativangebot machen. Und sei es, in dem man das Bildschirm-Match mit echten Bällen nachspielt, oder das Flugzeug aus dem Spiel mit Lego nachbaut.

Das setzt wiederum voraus, dass Eltern immer ein Auge darauf haben, was die Kinder tun. Dabei ist es ja oft so praktisch, wenn der Nachwuchs beschäftigt ist, so dass man in Ruhe die Steuererklärung machen kann, oder ein Nickerchen…

Es hat ja auch keiner behauptet, dass Elternsein eine leichte Aufgabe ist! Je jünger das Kind, desto wichtiger, dass Sie es in der digitalen Welt nicht allein lassen, sondern immer wieder dabei sind. Zuschauen, darauf achten, dass das Kind nicht an Inhalte gerät, die es überfordern. Das Netz ist wie eine Buchhandlung, da finden Sie fast alles für fast jede Altersstufe, vom Trash bis zur Hochkultur.

Klar gibt es da nicht nur blutige Ego-Shooter und Youporn. In Ihrem Buch erwähnen Sie einige grafisch schön gemachte Rätselspiele, die ich mir selbst sofort herunterladen würde. Aber auch die sollten Siebenjährige wohl nicht stundenlang spielen

Auf einer langen Autofahrt kann das ein Segen sein! Aber davon abgesehen: Ihr Kind zeigt ihnen schon, wie viel digitales Spielen ihm bekommt, auch wenn es das selbst nicht spürt. Sie sehen ja, wie es sich danach benimmt, ob es extrem aufgekratzt ist oder abends schlecht schläft, wenn es zu spät am Computer war. Wenn meine Kinder vor dem Bildschirm zappelig wurden, als sie kleiner waren, habe ich ihnen zum Beispiel vorgeschlagen: „Ich sehe, dass deine Augen noch wollen, aber deine Beine was anderes brauchen – lass uns mal eine Runde Fußball spielen.“

Ich kann mir kaum vorstellen, dass sie auf Anhieb begeistert waren…

Sicher nicht immer, aber da muss man eben seine Funktion als Eltern wahrnehmen. Sie würden ja auch nicht zulassen, dass Ihr Kind ausschließlich Fischstäbchen mit Pommes isst. Ich bin für eine digitale Mischkost: Es spricht überhaupt nichts gegen Bildschirmspiele, wenn andere Lebensbereiche nicht zu kurz kommen. Übrigens frustriert es Kinder, wenn Eltern ihre digitalen Erfolge abwerten, weil sie die für minderwertig halten. Wir loben unser Kind für ein gelungenes Lego-Bauwerk, ein tolles Bild oder eine sportliche Leistung – Anerkennung hat es genau so verdient, wenn das Kind ein neues Level geschafft oder ein Rätsel geknackt hat.

Dennoch bleibt ein Problem: Digitale Spiele sprechen nicht alle Sinne an, und sie haben ein fest programmiertes Regelwerk – völlig anders, als wenn ich auf einen Baum klettere, oder mich mit meinen Freunden als Außerirdische verkleide….

Auch analoge Kinderspiele funktionieren nach Regeln. Egal ob „Fischer, wie tief ist das Wasser“ oder „Mensch ärgere dich nicht“! Aber es stimmt, der Spieloberfläche fehlt etwas, und das ist wiederum auch ganz gut so, weil die reale Welt dadurch für Kinder nicht an Reiz verliert. Ein digitales Kuscheltier kann ich nicht mit ins Bett mitnehmen, eine Banane aus Pixeln macht nicht satt. Das merken Kinder, deshalb verlieren sie nach einer Weile meistens ganz von allein die Lust. Sicher kann es Phasen geben, in denen der Computer das Leben sehr bestimmt, aber das finde ich nicht dramatisch. Das ist Leidenschaft, die ist ihrem Wesen nach radikal und exklusiv. Danach kommt vielleicht eine Phase, in der sich alles um Fußball oder Pferde dreht.

Viele Eltern sehen nicht gerne, wenn ihre Kinder am Bildschirm hängen, checken aber selbst im Minutentakt ihr Smartphone – auch ich ertappe mich manchmal dabei. Wie wichtig ist eigentlich unser elterliches Vorbild?

Sehr! Es gibt Wissenschaftler, die befürchten, Kinder lernten zu wenig Selbststeuerung, zu wenig Abwarten, weil viele Spiele einseitig die schnelle Reaktion trainieren – dabei sind es oft vor allem die Eltern, die ein Problem damit haben. Die hechten wie ein dressierter Affe zu ihrem Smartphone, sobald es ein Geräusch macht. Ich finde es wichtig, eine klare Hierarchie in der Kommunikation zu haben: Anwesende haben immer Vorrang, das heißt, mein Kind auf der Schaukel ist wichtiger als die Freundin, die gerade anruft. Noch besser, wenn man sich in der Familie auf bestimmte computer- und handyfreie Zeiten einigt, und die gelten dann für alle.

Zum Abschluss eine Prognose: Was glauben Sie, wie Computerspiele und Social-Media-Kommunikation unsere Kinder in ihrer Entwicklung beeinflussen werden?

Was sicherlich weniger wird ist die Fähigkeit, lange, komplexe Geschichten zu erzählen und zu erfassen. Dafür werden Menschen um so mehr in der Lage sein, komplexe Sachverhalte auf das Wesentlich herunterzubrechen, und ihre Problemlösungsfähigkeit, ihr strategisches Denken und ihre Reaktionsschnelligkeit werden hoch sein. Auch das räumliche Orientierungsvermögen und die visuelle Kreativität nehmen zu, außerdem die Fähigkeit zur Selbstdarstellung. Ich bin ganz zuversichtlich, dass Kinder dadurch ganz gut gerüstet sind für ihr zukünftiges Leben in der Digitalzeit.

 

*“Digitale Hysterie – warum Computer unsere Kinder weder dumm noch krank machen“, Georg Milzner, Beltz Verlag, 18,95 €