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Texte. Themen. Typen. Das bin ich.

Verena Carl, Journalistin, Autorin von Sachbüchern, Romanen und Hörspielen, Moderatorin.

Gesellschaft, Psychologie und Familie – für diese Themen stehe ich, in diesen Themen kenne ich mich aus. Am liebsten schlage ich die Brücke zwischen Zahlen, Daten, Fakten und der persönlichen Geschichte. Ob ich Texte für online-Medien wie zeit.de oder Printmagazine wie die Brigitte schreibe, ob bei einem Buchprojekt für die Bertelsmann-Stiftung oder den Beltz-Verlag, als Teilnehmerin eines Podiums auf einer Journalismuskonferenz oder selbst als Moderatorin einer Lesung, ob in einen fiktionalen Roman oder einem Sachbuch: Ich suche nach Geschichten, gehe gern ganz nah ran, um im Kleinen das große Ganze wiederzufinden.

Geboren bin ich 1969 in Freiburg, und lebe heute mit meiner Familie in Hamburg. Ich habe ein Diplom in BWL, mein Volontariat führte mich zum Burda Verlag und an die Deutschen Journalistenschule. Danach habe ich zehn Jahre Berufserfahrung als Redakteurin bei verschiedenen Magazinen gesammelt. Seit 2004 bin ich selbständig mit dem Büro für Schöne Worte.

Gerne werde ich auch für Sie und Ihre Organisation tätig, sei es aus dem klassischen Medienbetrieb, aus dem Unternehmensbereich oder etwa für Stiftungen, NGOs oder staatliche Stellen: Ob als Autorin, als Speakerin, oder für redaktionelle Konzepte und Texte im Corporate-Bereich. Bei Bedarf kann ich auf ein Netzwerk an Kreativen zurückgreifen, die Design und Optik liefern können, Podcasts produzieren oder Video-Inhalte – ganz nach Ihren Wünschen.

Wenn Sie mit mir in Kontakt treten möchten, erreichen Sie mich am besten per E-Mail.

Ältere Semester – das Spätstudiumsblog, Teil 4

Von Käse und Korrelationskoeffizienten: Warum ein Studium mit 50+ lang vergessene Wissensschnipsel überraschende Volten schlagen lässt

Damals, in der WG, haben wir uns mal etwa drei Monate fast ausschließlich von Gorgonzolanudeln ernährt.

Nicht, weil wir so scharf darauf waren, sondern wegen des Überangebots im Kühlschrank. Und das wiederum hatte mit meinem Studentenjob zu tun.

Ich arbeitete tageweise für ein Marktforschungsinstitut, das Leute in sein Studio am Sendlinger Tor in München zerrte, um sie dort Lebensmittel testen zu lassen, bevorzugt Milchprodukte, also Joghurt, Quark, Käse Co. Die Leute bekamen dann zum Beispiel zwei Sorten Fruchtquark und ein kleines Löffelchen hingelegt und mussten auf einer Skala von eins bis zehn angeben, wie leicht, frisch oder gesund sie die Probierhäppchen einschätzten. Ob der Salzgehalt zu niedrig, zu hoch oder gerade richtig war, und ob sie das Produkt „auch Kindern geben“ würden (aus irgend einem Grund die Lieblingsfrage des Instituts, sie kam immer, außer bei Sekt).

Das trugen wir dann in Fragebögen ein, zusammen mit den soziodemographischen Angaben, und da wurde es regelmäßig interessant. Denn wichtig an unserem Job, das schärfte uns die Chefin ständig ein, waren die korrekten Quoten der Testpersonen. Also etwa: Frauen, Männer, Altersgruppen, Bildungshintergrund.

30 Jahre später: 30. Geburtstag einer Mitstudentin, Reeperbahn, 2024

Waren junge Frauen gefragt, war es ganz einfach. Dann schickten wir einen Kollegen zum „Baggern“ auf die Straße, einen extrem gut aussehenden Typen mit iranischen Wurzeln, der eigentlich gar nichts tun musste außer Lächeln. Dann waren Frauen gleich welchen Alters und Bildungsabschlusses in der Regel bereit, mit ins Studio zu kommen und auch die absurdesten Fragen zur Leichtigkeit von Dessertcremes zu beantworten.

Fehlten hingegen Männer über 60 mit mittlerem Schulabschluss, war unsere Wunderwaffe wirkungslos. Die winkten meist ab und murmelten etwas unverständliches auf bayerisch. Wenn alles nichts half, behalfen wir uns mit fiesen Tricks: Wir erfanden Testpersonen und füllten die Fragebogen einfach selbst aus.

Und damit das nicht auffiel, mussten halt auch die zu testenden Lebensmittel verschwinden. So waren die Kühlschränke unserer WGs regelmäßig randvoll mit Milchprodukten aller Art. Besonders lustig war das Fragebogen-Selbstausfüllen, glaube ich, beim Sekt-Test – da haben wir uns gleich zwei, drei Fläschchen aufgemacht, um unsere Kreativität anzuregen.

Wir waren der Relotius unter den Marktforschungs-Jobber:innen.

Warum mir neulich diese fast vergessene (und legal mit Sicherheit verjährte) Anekdote aus den frühen Neunzigern einfiel? Nun: Studierendenjobs brauche ich in meinem neuen Masterstudium an der HMS keine mehr, ist ja berufsbegleitend. Aber beim letzten Seminar zum Thema quantitative Sozialforschung (oben und unten im Bild: unsere Dozentin Anna Freytag) stellt ich erstaunt fest, was alles so auf meinem mentalen Dachboden herumlag und eigentlich noch gut war. Skalierte Fragen? Da war doch was? Ja, klar, so sollten doch früher schon die Testpersonen die Leichtigkeit von Fruchtquark einschätzen.

Und mein erstes Studium, was mit BWL? Offenbar auch nicht ganz umsonst: Da habe ich mal Statistik gelernt. Ich hatte von daher zumindest eine vage Ahnung von Normalverteilung, Standardabweichungen und Korrelationskoeffizienten, stellte ich fest. Nicht mehr ganz frisch, aber als Begriff auch nicht ganz neu. Immerhin: Das hieß 1991 schon so, auch vor Erfindung der digitalen Welt für alle.

Akku voll! Nachladen mit Sozialforschungsexpertin Anna Freytag (c) Verena Carl

Je länger ich dabei bin, desto mehr stelle ich fest: Auch wenn ich in vieler Hinsicht – vor allem digitale Tools – anderen Studierenden hinterherhinke, immer wieder fügen sich alte und neue Puzzleteilchen zusammen wie beim Tetrisspielen. Ein gutes Gefühl. Die Teilchen setzen sich aus vielen verschiedenen Töpfen zusammen: Vor allem fast 30 Jahre Berufserfahrung, aber auch vergessen geglaubtes Wissen aus allen möglichen Bereichen – etwa diesem absurden Produkttester-Nebenjob, mit dem ich mir 1991 das absurd teure Münchner Nachtleben finanzierte.

Man ist vielleicht nicht mehr so richtig nah dran an Theorien, Tools und Lernmethoden wie diejenigen, die gerade erst ihr Bachelor-Studium hinter sich gebracht haben. Aber dafür sitzt man in einer gut gefüllten mentalen Vorratskammer und bringt manchmal erstaunliche Assoziationsketten zum Leuchten.

Oder, wie es mir in einem Interview einmal die Bildungsforscherin Elsbeth Stern so schön auf den Punkt gebracht hat: Alles Lernen ist Verknüpfen! Da ist es manchmal gar nicht verkehrt, ein paar Knotenpunkte mehr zu haben. Der Spruch „Nichts im Leben passiert ohne Grund“ bekommt nochmal eine ganz andere Bedeutung. 

Und was gut ist, kommt wieder. Ich kann mittlerweile sogar wieder Nudeln mit Gorgonzolasauce sehen, ohne dass mir schlecht wird. Es hat aber ungefähr 20 Jahre gedauert.

Vielleicht kann ich sie sogar irgendwann wieder essen.

Anders wird gut: als Autorin für die Bertelsmann-Stiftung unterwegs

Was ist das eigentlich: gesellschaftlicher Zusammenhalt? Was zahlt darauf ein, was gefährdet ihn, und leben wir in einer „gespaltenen Gesellschaft“, so wie es oft den Eindruck macht, wenn man die Bruchlinien zwischen Einkommensgruppen, politischen Haltungen, Wählerschichten, Identitäten, Herkünften betrachtet?

Die Bertelsmann Stiftung hat dazu über zehn Jahre lang intensiv geforscht, Stimmungsbarometer und Studien veröffentlicht, den Forschungsstand verglichen. Was sind eigentlich die Faktoren für sozialen Zusammenhalt: Unsere sozialen Netze? Identifikation mit einem Ort? Politisches und gesellschaftliches Engagement? Gerechtigkeitsempfinden?

Daraus entstand der Wunsch nach einem Buch, das beides verbindet: Empirie und Praxis.

Im abgelaufenen Jahr durfte ich im Auftrag der Stiftung durch Deutschland reisen, um eben dieser Frage auf den Grund zu gehen, und habe für neun Reportagekapitel ganz unterschiedliche Menschen an sehr verschiedenen Orten gesucht, gefunden und getroffen. Gelingendes wie Gescheitertes protokolliert, und gemeinsam mit meinen Auftraggeber und Mit-Autoren überlegt, was daraus folgt.

Zum Beispiel:

Eine Gruppe von engagierten Frauen, die auf einem sächsischen Dorf ein nicht-kommerzielles Dorfcafé gegründet haben, und täglich darum ringen, wie man trotz politischer Gräben beim gemeinsamen Tun noch einen Gesprächskanal offen hält (im Bild: Klezmerkonzert in Sohland am Rotstein).

Zwei Männer in einer niedersächsischen Kleinstadt, die sich aus ganz unterschiedlichen Gründen mit dem Ort identifizieren: der eine, weil er als Schützenkönig eine Uniform trägt, wie sie schon sein Urgroßvater aus demselben Ort trug, der andere, weil er Teil eines Bio-Bauprojektes ist, in dem Menschen mit alternativen Lebensentwürfen zusammenkommen.

Einen frustrierten Feuerwehrmann im Münchner Speckgürtel, der an der Bürokratie verzweifelt und neue Formen des Engagements sucht – und eine Frau aus München, die von ihren Erfahrungen als Spontan-Helferin für eine ukrainische Familie erzählt.

Einen Künstler aus Bremen, der mit Hilfe von Kunst einen angstbesetzten Fußgängertunnel in einem Wohlfühlort verwandelt hat – allerdings einen, der nicht jedem/jeder gefällt (im Bild: Ausschnitt aus dem teilweise zerstörten Kunsttunnel, gestaltet von Johann Büsen).

Die Mutter eines der Opfer des rechtsextremistischen Anschlages in Hanau vom 19. Februar 2020, die heute eine Bildungsinitiative gegen Rassismus leitet und sagt: Ohne Vertrauen in meinen Mitmenschen könnte ich diese Arbeit gar nicht machen.

Die Leiterin eines Instituts der Hamburger Polizei, das sich die interkulturelle Zusammenarbeit auf die Fahnen geschrieben hat und den Zusammenhalt stärken will, auch das Institutionenvertrauen, in einer Stadt, in der jedes zweite Kind migrantisch ist.

Eine Gruppe von engagierte LGBTQIA+-Aktivist:innen in Ulm, die gemeinsam mit der Stadtverwaltung darum ringen, dass queeres Leben in Ulm sichtbar sein darf und angstfrei möglich (im Bild: Ulmer Münster mit Regenbogenflagge, und ich unterwegs)

Einen jungen Politiker aus Berlin, der sich für eine Reform der Erbschaftssteuer einsetzt, und eine junge Mutter, die von ihren Erfahrungen im Modellversuch zum bedingungslosen Grundeinkommen berichtet.

Last but not least eine Gruppe aus Ludwigsfelde, die sich dem Experiment eines Bürger:innenrates gestellt haben: Was gibt es für neue Formen für niedrigschwelliges, politisches Engagement, und wie muss das aussehen, damit hinterher nicht Frustration auf allen Seiten herrscht?

Anfang Dezember 2023 wurde „Anders wird gut – Berichte aus der Zukunft des gesellschaftlichen Zusammenhalts“ in Berlin vorgestellt, zu bestellen gibt es das Buch hier. Einen Podcast mit Kai Unzicker (mein Auftraggeber und Mitautor) und mir gibt es hier zu hören. (Im Bild: Buchvorstellung – leider auf meiner Seite nur digital, weil ich an dem Tag krank war).

Für mich war das Projekt nicht nur beruflich beglückend, sondern hat mir auch persönlich Mut und Zuversicht gegeben: Ja, wir stehen vor riesigen Herausforderungen, vor gewaltigen Transformationen, aber wir sind auch umgeben von jeder Menge guter Ideen, wie es weitergehen könnte, wie das Andere gut werden kann.

Ich würde mich freuen, wenn sich daraus weitere interessante Projekte ergeben, bei denen es darum geht, Menschen hinter der Statistik zu finden, Wissenschaft und Journalismus zusammenzubringen.

Ihnen und euch allen ein gutes, kraftvolles, mutmachendes und erfüllendes 2024!

Ältere Semester – das Spätstudiumsblog, Teil 3

Toolissimo!, oder: warum ich immer noch im Grundkurs fürs Sägenschärfen abhänge

Vor einiger Zeit postete ein geschätzter Kollege irgendwo im Social-Media-Kosmos eine kurze, gleichnishafte Geschichte, die mich ins Grübeln brachte. 

Ein Mann läuft durch den Wald und trifft dabei einen Waldarbeiter, der dabei ist, einen Baum zu fällen. Der Waldarbeiter müht sich redlich ab, es geht schwer voran, und als der Spaziergänger näherkommt, fällt ihm auf: Die Säge müsste dringend mal geschärft werden. Das sagt er ihm dann auch, ein Tipp unter Freunden. Doch der Waldarbeiter winkt ab, müde, wütend, genervt: „Keine Zeit! Ich muss arbeiten!“

Ich fühlte mich zutiefst getroffen. Story of my life.

Es gibt viele Gründe, warum ich mich mit über 50 nochmal für ein Masterstudium entschieden habe. Nicht, um meine berufliche Grundorientierung zu verändern, sondern um in meinem Beruf als Journalistin noch lange Zeit weiterarbeiten zu können. Einer der Gründe ist diese Geschichte: Ich nehme mir jetzt endlich Zeit, meine Säge zu schärfen.

Meine erste Powerpoint, Slide 1: Sogar Audio- und Videobeispiele eingefügt!

Und, um im Bild zu bleiben: Ich setze meinen gesamten Werkzeugkasten neu auf. Was dem einen sein samstäglicher Baumarktbesuch, ist mir mein zwei- bis dreiwöchentliches Wochenendseminar an der HMS. Drei Jahrzehnte bin ich ausgekommen mit einem Werkzeugkasten, in dem nicht viel mehr drin war als ein Hammer, ein Korkenzieher und ein ausgeleierter Zollstock – jetzt muss es alles auf einmal sein, der Akkubohrer, die Wasserwaage, der Phasenprüfer und so weiter und so fort.

Als ich in den Neunziger Jahren als Magazinjournalistin anfing, war die größte Neuerung WYSIWIG – what you see is what you get, sprich: Man sah auf dem Monitor jetzt tatsächlich das Layout der Magazinseite und konnte die entsprechenden Textkästen befüllen, vorher war das der Grafik vorbehalten. Und dann kam dieses Internet, was praktisch war, weil man jetzt nicht mehr bis abends um 22 Uhr in der Redaktion sitzen musste, um jemanden am Vormittag an der amerikanischen Westküste zu erreichen, sondern eine E-Mail schreiben konnte. Irgendwann kamen Suchmaschinen: Yahoo und Altavista.

Natürlich bin ich auf diesem Stand nicht stehen geblieben, wie auch. Aber trotzdem bin ich mit dieser Grundausstattung – Word, E-Mail (und andere Kommunikationsmedien), Google, später noch ein bisschen WordPress und Social Media – ziemlich weit gekommen. Neue Tools dazu lernen? Geht nicht, keine Zeit, siehe oben. War auch nie wirklich notwendig beim Text- und Bücherschreiben.

Steht ja auch so ähnlich in meinem LinkedIn-Profil: Eier, Wolle, Milch. Kann nur schreiben, das aber über fast alles.

Ein trotziger Stolz, den ich mir lange genug bewahrt habe. 

Meine erste Powerpoint, Slide 2: Jawoll, interaktive Elemente gab es auch (analoge Gesprächsaufforderung!)

Jetzt auf einmal sitze ich in einer Gruppe von Endzwanzigern, die mit der gleichen Selbstverständlichkeit Powerpoint, Audacity, iMovie, Photoshop und irgendwelche coolen kleinen Effektgeschichten nutzen, mit der ich einen Herd anschalte, eine Waschmaschine in Gang bringe oder Auto fahre (übrigens mit einem Kleinwagen, der in puncto elektronischer Schnickschnack ebenfalls direkt aus den Neunzigern stammen könnte).

Und ich muss mich nach der Decke strecken. Also nicht nur meine Säge schärfen, auch meine Bohraufsätze polieren, die Wasserwaage justieren und die Dübelsammlung aussortieren. Wachstumsschmerzen? Unvermeidlich.

Dazu kommt noch eine Kleinigkeit. Mein erstes Studium mit Diplomabschluss ist nämlich noch länger her als mein Berufsstart, und damals suchte man noch in Bibliotheken nach Büchern mit Hilfe von Zettelkästen oder Mikrofiche (fragt nicht, Kinder, diese Technik ist zurecht vergessen). Heute gibt’s Volltextzugang und automatischen Literaturverwaltungs- und Zitiersoftware, und die Frage „Zotero oder Citavi“ scheint so existenziell wie früher „Pelikan oder Geha“, „Nike oder Puma“, „Blur oder Oasis“. 

Meine erste Powerpoint, der Titel: ganz weit vorn in Sachen symbolische Bebilderung, Frau Carl!

Alles in allem würde ich meine Situation drei Monate nach Studienstart also etwa so beschreiben: Ich bin freiwillig ins kalte Wasser gesprungen, ohne mich vorher auch noch nach Fließgeschwindigkeit und Stromschnellen zu erkundigen.

Wird schon irgendwie.

Und bastle mir jetzt auf der Fahrt in Richtung der Niagarafälle ein Floß, während ich versuche, den Kopf bei 50 km/h oben zu behalten. 

Das Erstaunliche ist: es scheint zu funktionieren. Bisher bin ich nicht gekentert, und meine ersten Noten (die ersten seit 1994) sehen auch nicht so aus, als wäre ich akut gefährdet.

Ob ich diesen Wahnsinnsritt neben dem üblichen Arbeitspensum plus Mental Load angetreten wäre, hätte ich genau gewusst, auf was ich mich da einlasse? Möglicherweise nicht.

Manchmal ist es ganz gut, nicht so exakt zu wissen, was einem bevorsteht, sonst würde man eine Menge im Leben verpassen. 

Das gilt für Bergwanderungen, Mutterschaft und späte Masterstudiengänge (hier bitte ergänzen). 

Ich freu mich jedenfalls schon sehr auf meine scharfe Säge.

Ältere Semester – das Spätstudiumsblog, Teil 2

Messenger statt Rauchzeichen, Digi-Fernleihe statt Zettelkasten: Wie ich mich an mein neues Studentenleben gewöhne und seit wann ich wieder 27 bin

Seit vier Wochen bin ich Studentin der Hamburg Media School, zwei Seminare sind geschafft.

Tür auf, los geht’s: noch mal studieren mit 50+

Mein Grundgefühl: wie Ötzi im MacStore.

Denn wenn ich bisher dachte, dass ich relativ gut unterwegs bin in meinem Job – hey, ich kann steile Thesen aufstellen, interessante Leute finden, gut schreiben, läuft! – zeigt mit die Begegnung mit den mitstudierenden Kolleg:innen: Es ist, sagen wir, kompliziert.

Und das liegt am wenigsten daran, dass ich auf der Teilnehmendenliste mit meinem Ehenachnachnamen geführt werde und nicht mit meinem Autorinnen-Namen (das habe ich mir selbst so kompliziert eingerichtet und es ist okay).

Sondern an meiner optimistischen Selbsteinschätzung.

Auch Ötzi wird sich damals gedacht haben: Hey, ich habe feste Schneeschuhe, einen Speer, weiß, welche Beeren essbar sind und welche Tiere, und kann mich irgendwie mit Handzeichen verständigen, wenn ich auf meinem Weg über vereiste Pässe einen anderem Fellhändler begegne – ich bin voll auf der Höhe!

Und dann verirrt sich Ötzi in den MacStore in Bozen und wird gefragt: Welches iPhone hätten’s denn gern? Sie können ihre bisherigen Daten einfach aus der Cloud ziehen, und…wie…Sie HATTEN noch nie ein Smartphone? Nicht mal ein FESTNETZGERÄT?

Ein Smartphone habe ich natürlich. Und ich nutzte Social-Kanäle, und ich habe ein Blog (hier!), habe eine Ahnung von Foto und Video und eine Powerpoint, doch, hab ich auch schon gemacht, wenn auch selten.

Jetzt aber sitze ich in Übungen mit Leuten zusammen, die innerhalb von wenigen Stunden aus Rohmaterial eine fast perfekte Multimediastory bauen.

Oder eine animierte Präsentation für eine Multi-Channel-Strategie.

Oder einen Teaser für einen Podcast bauen und schneiden, inklusive Jingle und Sound-Effects, just like that.

Nein, tut es gar nicht! Man muss bloß den Bildschirm ein bisschen nach rechts kippen.

Nicht falsch verstehen: Das ist lang nicht so depriminierend, wie es klingt.

Es ist im Gegenteil vor allem inspririerend!

Hallo, wach! Die HMS hat sogar eigenen Kaffee, allerdings ohne Schaum.

Ja, ich bin ganz schön herausgefordert, sowohl von den technischen Skills, die fast alle hier schon mitbringen, als auch von den Vorgaben fürs wissenschaftliche Arbeiten.

Das letzte Mal, das ich eine Hochschule von innen gesehen habe, war vor dem Siegeszug des www, und man suchte nach Buchtiteln im Zettelkasten oder auf Mikrofiche (fragen Sie nicht, diese Technik ist mit Recht in Vergessenheit geraten.)

Aber ich bin gleichzeitig auch auf eine Weise geflasht, wie ich es lange nicht mehr erlebt habe. Als hätte jemand die Tür meiner kleinen Elfenbeinturm-Schreibstube aufgestoßen, durchgelüftet und gesagt:

Ey, ganz hübsch hier mit all deinen Büchern und dem vielen Text und den tollen Geschichten – aber du weißt schon, dass da draußen eine Party tobt? Willst du nicht mitspielen?

Und so lustig es ist, in der Eröffnungsrede als „junges Talent“ mit angesprochen zu werden: Ich fühle mich auch gerade sehr siebenundzwanzigjährig.

Dürfen die aufs Handy starren, wenn die Dozentin vorn die Aufgabe erklärt??

Was natürlich sehr subjektiv ist. Aber glücklicherweise bin ich von so vielen großartigen 27jährigen umgeben (manche sind auch eher 35), die bereit sind, einer alten Frau über die Straße zu helfen.

Die mir geduldig Techniken erklären und „Präsis“ zum Laufen bringen, während ich noch nach dem Overheadprojektor und den Folienstiften suche (just kidding).

Und anders herum denke ich: Hey, was soll’s, ich muss mich auch nicht verstecken – ich bin schnell mit inhaltlichen Konzepten und Ideen.

Weil ich merke, das, worum es geht – Storytelling – ist im Kern genau dasselbe, das ich seit Jahrzehnten mache, nur eben auf anderen Kanälen.

Mein Ziel: vom Transformationsopfer zur Transformationstäterin.

Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen. Ich habe noch eine Hausarbeit zu schreiben und muss dafür noch ein Word-Plugin installieren, eine Zitat-Software, Sie wissen schon.

Fühlt sich wahnsinnig erwachsen an, so was zu schreiben.

Gnihihi.

Ältere Semester – das Spätstudiumsblog, Teil 1

Mit über 50 starte ich demnächst eine neue Hochschulrunde. Ziel des berufsbegleitenden Studiums: Master Digitaler Journalismus. Ein Studium, das definitiv ganz anders wird als mein erstes in den Neunzigern: Mehr Website-Blog als Collegeblock, mehr After Work als Ersti-Party, mehr Ich-koch-noch-schnell-den-Kindern-was als Mensa. Was mich da erwartet? Mal sehen. Was euch, was Sie da erwartet? Ein monatliches Studientagebuch über ein neues Kapitel in meinem Leben. Hier kommt schon der Einstieg: Warum ich trotz zweier mauer Studien-Starts diesmal so richtig voller Vorfreude auf den dritten bin, was Stricknadeln damit zu tun haben und warum manche Happy Ends nur von Dauer sind, wenn man ihnen neues Futter gibt

Vor langer, langer Zeit, in einer weit entfernten Galaxis, begann ich ein Studium.
Und das gleich zwei Mal.
1989, Uni München. 1990, FH München.

Schön war keines meiner ersten Male.

Bald geht es wieder los. Zum dritten Mal im Leben.
Studienfach: Digitaler Journalismus.
Hochschule: Hamburg Media School.
Studienort (logisch!): Hamburg.

Dazwischen liegen mehr als drei Jahrzehnte. Liegen Erfolge und Misserfolge, Aufstiege und Sackgassen. Liegen Artikel, Bücher, Hörspiele, ein Blog. Und eine unermüdliche Liebe zu dem, was ich tun darf. Auch wenn sie nicht immer erwidert wurde.

Ich weiß noch nicht, wie mein dritter erster Tag als Studentin wird. Aber ich bin überzeugt: Er kann nur besser werden als die ersten beiden. Viel, viel besser.

Was mich zu diesem Schritt treibt, mit über 50, und was heute so anders ist als damals?

Dazu muss ich ein klein wenig ausholen.

***

Nach dem Abitur schrieb ich mich für Germanistik und Romanistik ein, mehr Verzweiflungstat als bewusste Entscheidung. Den Platz auf der Deutschen Journalistenschule, um den ich mich beworben hatte, hatte ich nicht bekommen. Obwohl ich mir solche Mühe gegeben hatte mit meiner Bewerbungsreportage, mich sogar hatte beraten lassen von einem Bekannten einer Bekannten, der dort angenommen worden war – ich schaffte es nicht einmal in die zweite Auswahlrunde.

Meine erste WG: München, Implerstraße, Herbst 1990

Seitdem rannte ich kopflos und ohne Lebensplan durch die Gegend, weil ich das Scheitern beim ersten Versuch für eine Art Gottesurteil hielt: Journalistin? Du? Das glaubst du ja wohl selbst nicht, dass das was wird!

Ich hatte noch die vage Hoffnung, dass es vielleicht auch ohne Journalistenschule klappen könnte. Dann, in den ersten Veranstaltungen des ersten Unisemesters, verlor ich die letzten Illusionen. Wir waren zu viele, da nützte auch keine gute Abinote. Im Einführungsseminar für Neue Deutsche Literatur saßen wir, allesamt Grenzboomer der letzten geburtenstarken Jahrgänge, in zwei konzentrischen Kreisen um den runden Tisch herum, überbelegt und mutlos, alle mit ähnlichen Berufswünsche (Medien! Verlage!) und der bangen Befürchtung, dass es für uns einfach zu eng werden würde mit dem Traumjob. 

Ein Informationsnachmittag unter dem Titel „Student und Arbeitsmarkt“ (selbstverständlich ungegendert) gab mir den Rest: Da hockten mehrere mittelalte Männer auf dem Podium und verständigten sich darüber, dass Geisteswissenschaften zwar brotlos seien, aber gerade die weiblichen Studierenden durchaus die Chance hätten, später als Assistentin der Geschäftsführung irgendwo in der freien Wirtschaft zu landen.

Jedenfalls für die paar Jahre, bis sie Kinder bekamen und dann ohnehin verloren sein würden für die Arbeitswelt. 

Das verleitete mich zu einer nicht minder kopflosen Trotzreaktion: Ich brach das Uni-Studium nach dem zweiten Semester ab und schrieb mich für BWL mit Schwerpunkt Touristik an der Fachhochschule ein. Immerhin eine Wachstumsbranche, in der ich die Chance hatte, mehr zu werden als eine überqualifizierte Schreibkraft für irgendeinen Günther oder Wolfgang (die Chefs hießen damals noch nicht Thomas oder Michael, das kam später).

Studium weitermachen? Studium abbrechen? Günthers Assistentin werden? Starnberger See 1990

Nächstes Jahr, nächste Einschreibung, nächste Ernüchterung. Ich erinnere mich an eine Art Willkommensveranstaltung für Erstsemester an der FH München, auf der sich der Dekan am Ende seiner belanglosen Begrüßungsrede dezidiert an die anwesenden Damen wandte: Wir sollten doch bitte bedenken, dass das laute Klappern von Nadeln in Lehrveranstaltungen störe, und deshalb das Stricken in den Vorlesungen sein lassen. 

Das war insofern besonders bizarr, als dass Stricken 1990 die uncoolste Tätigkeit der Welt war, ungefähr auf einem Level wie „Hängeschränke auswischen“, nicht mehr lässig-alternativ wie 1975 und noch lang kein Selfcare-Instrument wie 20 Jahre später. Aber es war ein Vorgeschmack auf eine Welt, die ich als gleich nochmal unangenehmer in Erinnerung habe als die Uni: extrem unpersönlich, noch überfüllter (weil das Audimax kurze Zeit später wegen Asbestfunden geschlossen wurde, waren wir für ein Jahr behelfsmäßig in den Räumen einer Berufsschule untergebracht, wo wir nicht selten zu hundertzwanzigst in einem Klassenzimmer saßen), mit einer enormen Fülle an Lernstoff bei gleichzeitig jeder Abwesenheit von Reflexion. 

Denn anders als ich es aus der Schule und erst recht aus den paar Univeranstaltungen gewohnt war, ging es hier nicht um Diskussionen, um steile Thesen, um Argumente, sondern einzig um Formeln, in die sich die Welt pressen ließ. Statistische Normalverteilungen und Zinssätze, Kosten- und Leistungsrechnung, Buchungssätze, Grundlagen von Unternehmens- und Prozessorganisation.

Reinfressen von Stoff, wiedergeben von Stoff, Repeat.

Die Prüfungen bestanden bis zum Vordiplom ausschließlich aus Multiple Choice, die richtigen Antwortmöglichkeiten waren in länglichen Kästchen mit einem harten Bleistiftstrich zu markieren, so waren die Klausuren maschinenlesbar und automatisch auswertbar. Am Ende spuckte ein Großrechner irgendeine Note zur Matrikelnummer aus, mit dem Nadeldrucker auf Endlospapier, kaum zu lesen auf den Aushängen in den Hochschulfluren hinter spiegelnden Glasscheiben.

Die männlichen Professoren machten zum größten Teil sexistische Witze. Aber, okay: Das hatten auch einige an der Uni gemacht.

Wahrscheinlich lag es auch nicht an denen, dass ich dort nicht glücklich war. Es lag an mir.

Ich wusste vom ersten Tag an, dass ich dort falsch war, verloren, auf dem Holzweg, zog aber durch bis zum Diplom, und freute mich über die wenigen Highlights. Ich erinnere mich an eine tolle Lehrbeauftragte, eine Freizeitforscherin; eine Handvoll wirklich angenehme Mitstudierende; ein Praktikum bei einem leicht durchgeknallten Typen, der Fernreisen nach Südamerika veranstaltete und eine Dachterrasse im Glockenbachviertel besaß. Aber hatte ich einen Traum, oder wenigstens eine Perspektive, ein Ziel, etwas, auf das ich mit Leidenschaft hinarbeitete? Fehlanzeige. Gleichzeitig wäre mir nicht eingefallen, erneut ein Studium abzubrechen – das konnte ja nicht ewig so weitergehen, und was hätten meine Eltern wohl dazu gesagt, die mich nach Kräften unterstützten?

Nicht, dass ich überhaupt keinen Spaß gehabt hätte von 1990 bis 1994.

Das vorläufige Happy End meiner ziellosen Suche kam dann buchstäblich zur rechten Zeit, in Form eines Aushangs in meinem letzten Semester: Eben jene Deutsche Journalistenschule, bei der ich Jahre zuvor vergeblich angeklopft hatte, schrieb eine Bewerbung aus. Kombinierte Ausbildung, Schule plus Volontariat bei einem großen Münchner Verlag, für Menschen mit abgeschlossenem Studium. Das stand bei mir ja kurz bevor. Das Bewerbungsprocedere kannte ich auch, es war dasselbe wie 1989.

Konnte es doch noch was werden mit dem, was ich für mich als unerreichbar abgeschrieben hatte? Sollte ich eine zweite Chance bekommen? Ich sollte. Diesmal, oh Wunder, ergatterte ich einen der begehrten Ausbildungsplätze. Eine späte Genugtuung, die ich selbst kaum glauben konnte.

Ich sehe mich noch im heißen August unter der Dachschräge der Schulungsräume in der Münchner Innenstadt schwitzen, nur zwei Wochen nach der Diplomfeier an der FH, mit dem seligen Gefühl, endlich angekommen zu sein. 

Ich war an dem Platz, an dem ich gehörte, bei den Menschen, zu denen ich gehörte, ich durfte endlich tun, was ich mir immer gewünscht hatte: recherchieren, Interviews führen, Texte schreiben. Das wog alles auf, auch die Tatsache, dass alle meine ehemaligen BWL-Mitstudierenden sich erstmal für eine längere Auszeit an irgendwelche schönen Plätzchen der Welt zurückgezogen hatten, um sich vom Prüfungs- und Diplomarbeitsstress zu erholen.

Wir schrieben das Jahr 1994. Die Digitalisierung schritt unaufhaltsam fort. Es gab jetzt sogar etwas, das hieß CD-ROM und konnte Filmchen abspielen.

Ein paar Monate später sah ich zum ersten Mal einen Text mit Hyperlinks. 

Der heiße Scheiß.

Ein Jahr später bekam ich meine erste Mailadresse. Ich wollte die gar nicht haben. Was sollte ich damit? Ich kannte ja sonst niemanden, der so etwas nutzte.

Nun ja: Das änderte sich bald.

Der Verlag, bei dem ich lernte, war digital ganz weit vorn. Bei der Präsentation zu Beginn unseres Volontariats hatten wir uns zwar über den CEO lustig gemacht, der in einem Imagefilm ständig mit leicht badischem Akzent vom „Information Super Highway“ sprach, untermalt von einer aufgeregten, blinkenden und sich bewegenden Grafik. Aber irgendwie war schon was dran an dem, was er sagte.

Dass es unsere Berufswelt in den darauf folgenden Jahren bis zu Unkenntlichkeit umkrempeln würde, mit allen Vor- und Nachteilen – das schien uns undenkbar.

Was uns denkbar schien: Mit einem wirklich tollen Job auch noch ziemlich gut verdienen. So wie alle, die wir in unseren Lehrredaktionen erlebten. Nicht nur die Chef:innen, auch die einfachen Redakteur:innen und alle Stufen dazwischen.

Ich glaube, Geld war für keinen von uns der wichtigste Antreiber. Aber wir hätten auch nichts dagegen gehabt.

***

Fast forward. Wir schreiben das Jahr 2023.

Den großen Münchner Verlag gibt es immer noch, aber ähnlich wie die meisten großen Medienhäuser macht er sein Hauptgeschäft im Digitalen. 

Für Journalist:innen, insbesondere für Freie, ist das Geschäft zunehmend härter geworden. Ob digital oder Print – die Honorare sind wie festgefroren auf einem Niveau von vor 15 Jahren oder mehr, die Liste der Zusatzaufgaben ist umgekehrt extrem gewachsen.

Der Magazinmarkt ist dünn geworden, zuletzt durch den Kahlschlag bei RTl/Gruner & Jahr.

Gesellschaftlich schlägt Medienschaffenden ein rauer Wind ins Gesicht – von teils gerechtfertigter Kritik bis zu grundlegenden Schmähungen und Misstrauen.

Nun gibt es zwei Möglichkeiten, damit umzugehen, ganz persönlich.

Man kann sich fragen: Was soll ich da noch? Sollte ich nicht lieber dem Beispiel all derer folgen, die sich eine Exit-Strategie aus dem Journalismus ausgedacht haben und jetzt als Lehrerin, Cafébesitzer, Fachreferentin, Beerdigungsrednerin, Content-Marketing-Spezialist, Coachin, Startup-Gründern arbeiten?

Ja: das könnte ich. Irgend etwas würde mir schon einfallen. Andere schaffen das ja auch. Die Beispiele sind nicht ausgedacht, ich kenne diese Menschen und freue mich für sie, für ihren Mut zum neuen Kurs.

Aber das wäre irgendwie sehr 1991. Jedenfalls für mich.

Was ich tue, was ich liebe, habe ich mir hart erkämpft. Ich möchte immer noch mit dem Geld verdienen, das ich am besten kann: Geschichten suchen, Geschichten finden, Menschen eine Stimme geben, ungewöhnliche Zusammenhänge erkennen, mir die Welt erklären lassen und anderen die Welt erklären. Oder jedenfalls die paar Bereiche, in denen ich mich wirklich gut auskenne. Familie, Gesellschaft, Psychologie, vor allem die Schnittstellen dazwischen.

Natürlich kann ich das auch in anderer Form als in journalistischen Geschichten. Ich kann moderieren und Vorträge halten, ich kann Bücher schreiben. 

Aber da war ja noch was. Und das würde ich gern nutzen.

Die digitale Transformation hat wie in vielen anderen Bereichen auch sowohl viele alte Gewissheiten abgeräumt wie neue Räume aufgemacht. Mit neuen Gestaltungsmöglichkeiten, einer größeren Varianz von Erzählformen, der Möglichkeit, kanalübergreifend zu arbeiten. Und an diesem aufregenden Tanz habe ich bisher, wenn überhaupt, noch zu wenig teilgenommen. 

Das wird jetzt anders.

Denn ich will das lernen. Und zwar gründlich. Nicht mit einer Fortbildung hier und da, auch nicht mit YouTube-Tutorials. Sondern mit Brief und Siegel und Masterstudium. 

Das mit dem Studienplatz hat schon mal geklappt. Ein Anfang. Danke.

Mit diesem Blog möchte ich künftig ein wenig aus dieser neuen Welt berichten – und früher oder später auch zeigen, was ich gelernt habe. Bisher bin ich blutige Anfängerin und kann digital noch nicht sehr viel mehr, als Text und Bild zu kombinieren. So wie in diesem Beitrag.

Aber mein zweijähriges Studium beginnt ja auch erst. Zur Einführungsveranstaltung soll es einen Impulsvortrag einer Medienexpertin geben, danach ein Get-Together.

Die Menschen, mit denen ich bisher zu tun hatte, sind ausnahmslos freundlich, persönlich, zugewandt, geben den Studierenden das Gefühl, willkommen zu sein.

Das ist schon mal eine ganz andere Nummer als 1989. Und als 1990.

Ich freue mich auf meinen ersten Tag.

„Queere Kinder“ – ein persönliches Vorwort

Ungefähr anderthalb Jahre hat es gedauert von der ersten Idee über die Recherche und die Zusammenarbeit mit meiner Mit-Autorin Christiane Kolb und dem Beltz Verlag, bis unser neuestes Buch erschienen ist: Report, Ratgeber, persönliche Reise aus verschiedenen Blickwinkeln zu der Frage, warum Jugendliche und junge Erwachsene heute anders mit dem Thema sexuelle und geschlechtliche Vielfalt umgehen als wir, die „Generation X“. Und was Eltern wie ich (mittelalt, hetero, cisgeschlechtlich) am besten tun, wenn eines ihrer Kinder sich als queer outet, früher oder später, vehementer oder auch spielerischer. Das Buch soll aufklären und Empathie wecken, soll Verständnis für Jugendliche ebenso wie latent überforderte Eltern wecken, soll den Stand der Wissenschaft abbilden und ganz viel von den Menschen erzählen, die am besten wissen, wie sich Queersein anfühlt, nämlich Mitgliedern dieser Community. Der folgende Text ist ein Auszug aus dem Eingangskapitel, in dem ich meine persönlichen Beweggründe schildere, dieses Buch zu machen.

Als meine Tochter etwa acht, neun Jahre alt war, hatten sie und ich einen gemeinsamen Lieblingsfilm. „Yentl“, eine Tragikomödie aus den Achtziger Jahren, erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts in einem jüdischen „Schtetl“ in ländlichen Osteuropa lebt und davon träumt, auf die Thoraschule zu gehen und zu lernen. Das Hausfrauen- und Mutterdasein, das ihr vorherbestimmt ist, erscheint ihr eng, dumpf und geistlos. Schließlich gibt sie sich in ihrer Verzweiflung als Mann aus und wird als Student aufgenommen, was erwartungsgemäß zu einer Reihe von Irrungen und Wirrungen führt.

Heute weiß ich: Obwohl wir die DVD unzählige Male gemeinsam sahen, an denselben Stellen lachten und diskutierten, haben wir zwei verschiedene Filme gesehen. Ich sah die Emanzipationsgeschichte einer Frau, die alles haben will, sowohl ein geistiges, intellektuelles Leben als auch eines als sinnliche Frau. Mein Kind sah die Geschichte eines Menschen, der relativ mühelos zwischen den Geschlechtern hin- und herwechselte, sich in einen Mann verliebte, aber auch erotische Spannung zu einer Frau spürte (auch wenn das nur sehr subtil angedeutet wird). Man kann den ganzen Film auch als Parabel lesen auf uneingestandene homosexuelle Liebe und Coming out.

Möglicherweise hätte ich da schon merken müssen, welche Saite (und Seite) das in ihr zum Klingen brachte. Stattdessen klopfte ich mir innerlich auf die Schulter, dass ich so cool mit diesem Thema umging und so selbstverständlich mit meinem Grundschulkind darüber sprach, dass Frauen alles erreichen können, und dass es neben Vater-Mutter-Kind-Modell viele Wege des Liebens gab: Männer, die Männer liebten, Frauen, die Frauen liebten, sogar Menschen, die sich keinem der mir bekannten Geschlechter zugehörig fühlten. Hätte man mich damals gefragt, ob es ein Problem für mich wäre, wenn eines meiner Kinder selbst zu einer dieser Gruppen gehören würde, ich hätte empört verneint. Aber die ganze Wahrheit ist: Als sich ebendiese Tochter einige Jahre später die die Haare abschnitt, nur noch Jungskleidung trug, sich erst als bisexuell outete und wenig später erklärte, dass sie sich zwischen den Geschlechtern fühlte, war ich doch nicht ganz so mit vollem Herzen dabei, wie ich es von mir erwartet hätte.

Ehe ich im nächsten Kapitel näher darauf eingehen werde, was es mit diesen Outings auf sich hatte (und wie und warum so viele Familien gerade ähnliche Erfahrungen machen), will ich einmal kurz erzählen, wo ich innerlich herkomme. Nicht, weil mein Leben so originell wäre, sondern im Gegenteil gerade deshalb, weil ich denke, dass viele Eltern aus der Generation der heute 40-, 50jährigen in derselben Gedankenwelt aufgewachsen sind. Denn das macht auch verständlich, warum es uns trotz äußerlich behaupteter Liberalität manchmal schwerfällt, aus unserer Haut zu kommen.

Eine kurze Zeitreise: Als ich so alt war wie meine Tochter heute, also 17, war es Mitte der Achtziger Jahre. Im Strafgesetzbuch der BRD stand noch immer der Paragraf 175, auch wenn schwuler Sex nicht mehr grundsätzlich strafbar war, sondern nur, wenn einer der Beteiligten unter 18 Jahre alt war. Und erst wenige Jahre danach, 1990, sollte Homosexualität aus dem Diagnosekatalog psychischer Krankheiten der Weltgesundheitsorganisation WHO gestrichen werden.  Es scheint aus heutiger Sicht kaum vorstellbar, aber ich selbst hatte erst durch die homophoben Schlagzeilen über Aids („Die Schwulenseuche!“) wenige Jahre zuvor überhaupt realisiert, dass manche Menschen anders liebten, Männer wie Frauen. 

In meiner Kindheit war das schlicht kein Thema gewesen, obwohl ich nicht in einem besonders konservativen oder verklemmten Haushalt groß geworden bin. Später, im Sexualkundeunterricht, war es, wenn überhaupt, Anlass für geschmacklose Witze und angeekelte Gesichter, bei Lehrer*innen genau so wie bei uns Schüler*innen. Dass auch unter uns jemand hätte sein können, der auf diese Weise begehrte, darauf kam ich gar nicht (und schäme mich heute, weil ich später auf diversen Abiturstreffen herausfand, dass es genau so war). Wenn das Thema in den Medien stattfand, die wir als Teenager im Prä-Tiktok-Zeitalter konsumierten, dann immer mit dem Dreh: Macht euch keine Sorgen, wenn ihr so fühlt, das geht vorbei. Egal, ob „Bravo“ oder „Mädchen“, homosexuelles Begehren war etwas, das auf keinen Fall mehr zu sein hatte als eine „Phase“. Meine Freundinnen und ich versicherten einander: Bei uns ist das nicht so, wir kennen auch niemanden, dem es so geht, aber falls wir je so jemanden treffen, werden wir tolerant sein. Sind ja auch nur Menschen.

Natürlich kannte ich damals Personen, die anders liebten, ich wusste nur nichts davon, weil viele damals ihre Neigung verheimlichten, oft sogar vor sich selbst. Einen von ihnen kannte ich sogar gut, und mehr als das. Denn es war der Junge, mit dem ich als Teenager jahrelang eine feste Beziehung führte. Als ich 20 war, 1990, outete er sich, etwa ein dreiviertel Jahr, nachdem ich zum Studium fast 500 Kilometer weit weggezogen war, damals hatten wir einvernehmlich Schluss gemacht. Ich war eine der ersten, der er sich endlich offenbarte. Er reiste dazu sogar eigens an, um sich mir nach vielen hektisch gerauchten Zigaretten und Rotwein an meinem WG-Küchentisch anzuvertrauen. Er hatte Angst, ich würde ihn anschreien oder weinend zusammenbrechen; stattdessen umarmte ich ihn spontan, weil ich so erleichtert war. Denn das erklärte im Nachhinein vieles.

In den Neunzigern wurde schwullesbisches Leben – das war damals noch die übliche Sammelbezeichnung – für mich wahrnehmbarer und selbstverständlicher. Auf den WG-Klos lagen Ralf-König-Comics, egal, wer da wohnte. Der erste Männer-Filmkuss im Vorabendprogramm, 1991 in der „Lindenstraße“, mochte die Nation noch in Wallung bringen, im Münchner Glockenbachviertel sah man Menschen gleichen Geschlechts schon recht unbekümmert Händchen halten, jedenfalls im Nachtleben. Ein einziges Mal habe ich eine Frau geküsst, nachts angeschickert auf einem Balkon, merkte, dass mir das nichts gab und beließ es dabei. 

In den Nuller Jahren lernte ich meinen späteren Mann kennen, der als Hetero in Hamburg mitten im regenbogenbunten St. Georg wohnte, ein paar Jahre später wurden wir Eltern. Erst eine Tochter, zweieinhalb Jahre später ein Sohn. Aus meiner Mainstream-Perspektive hatte ich damals den Eindruck: alle gesellschaftlichen Probleme sind mehr oder weniger gelöst, jede*r kann lieben und leben, wie er oder sie möchte. Ich fand es gut, dass zur Faschingszeit ein Junge in der Kita unserer Kinder ein pinkfarbenes Prinzessinnenkleid als Kostüm wählte. Auch wenn ich zugeben muss, dass ich ganz froh war, dass es nicht mein Junge war, unser zweites Kind. Das ging genderkonform als Pirat und fiel damit natürlich weniger auf. Dafür fand er Glitzernagellack genau so toll wie seine große Schwester und ihre Freundinnen, und so verpasste ich der ganzen Bande immer wieder einen frischen Anstrich, den sie danach gemeinschaftlich auf dem Spielplatz ruinierten.

Als meine Tochter mit acht schüchtern gestand, dass sie für ihren älteren Cousin schwärmte, war da ein Moment der Rührung und des Wiedererkennens. Ältere, weit entfernt lebende Cousins sind ideal als erste Objekte platonischer Verliebtheitsgefühle, ich hatte gleich zwei davon. Ich muss zugeben, ich war auch ein bisschen beruhigt. Denn an anderer Stelle war sie deutlich weniger mädchenhaft, trug nur noch blau, grau und schwarz, wollte die Haare am liebsten kurz (wir einigten uns auf eine Art Longbob) und Kleider wenn, dann nur zu hohen Feiertagen. 

Ein paar Jahre später, als sie immer mehr zu dem stand, was sie war und ist, als sie ihre Role Models fand und die richtigen Worte für sich selbst, musste ich mir eingestehen: Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich hatte vielleicht nicht von einem Mini-Me geträumt, das mich kopierte vom Kleidungsstil bis zum Gefühlshaushalt, aber ich hatte mit mehr Nähe gerechnet, mehr Momenten des Wiedererkennens. Stattdessen stand hier ein Mensch, der sagte: Bei mir ist das alles ganz, ganz anders. Und nein, das ist keine Phase, keine pubertäre Rebellion. Ich meine das ernst.

Gleichzeitig merkte ich, dass ich mit meiner Mischung aus Bewunderung, Irritation und Sorge um mein Kind – wird sie in ihrem Leben anecken, sich um Chancen bringen, oder sogar Opfer von Diskriminierung und Gewalt werden? – sowie Stolz auf ihr Selbstbewusstsein nicht allein war. Denn fast egal, wem ich davon erzählte – die Leute waren weit weniger verwundert, als ich angenommen hatte. Viele Eltern hatten ähnliches zu berichten, mal von den eigenen Kindern, mal aus der Familie oder dem Freundeskreis: von Teenagern und jungen Erwachsenen, die gleichgeschlechtlich liebten (oder auch nur mit der Idee flirteten), die nicht oder nicht immer mit ihrem Geburtsgeschlecht konform gingen. Mal wirkte es eher spielerisch, wie ein Kostümball mit verschiedenen Identitätsangeboten. Manchmal war auch viel Leidensdruck dabei, vor allem bei Jugendlichen, die sich dauerhaft mit einem anderen als ihrem bei der Geburt zugeordneten Geschlecht identifizieren. 

Gleichzeitig wird immer sichtbarer, wie breit das Spektrum ist, sowohl für sexuelle Orientierung als auch für Geschlechtsidentität: trans Personen sind gefragte Teilnehmende von Castingshows, von Plakatwänden lachen Menschen fluider Identität, werben für E-Zigaretten, Kaufhausketten, und als ich vor drei Jahren nach der Feier zum 30jährigen Abi-Jubiläum mit ein paar ehemaligen Mitschüler:innen in der letzten geöffneten Bar versackte, war auch eine frisch von ihrem Mann geschiedene Frau dabei, die hingebungsvoll ihre neue Partnerin küsste. Also alles bunt und gut? Jein. Denn die Eltern, mit denen ich sprach, waren sehr unterschiedlich in ihrer Einordnung. Manche richtiggehend begeistert von der neuen Freiheit jenseits rigider Zuschreibungen bei den Themen Sexualität und Geschlecht, andere ablehnend. „Die spinnen, aber sie kriegen sich schon wieder ein!“ Wieder andere waren voller Zweifel, wie sie richtig reagieren sollen. Also haben Christiane und ich uns aufgemacht, ein wenig aufzuräumen im Dickicht von Halbwissen, Vorurteilen, Befürchtungen und Ideologie. 

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Stadt, Land, Plus

Arsch der Heide? Von wegen: Jenseits überteuerter Großstädte finden Pionier*innen neue Freiräume für Kreativität und spinnen inspirierende Netzwerke. Und oft haben dabei Frauen die Nase vorn. Wie in Luckau und Perleberg, wo ich im Frühjahr 2023 für die BRIGITTE recherchiert habe

„Da muss jetzt mal was vorangehen“, sagt Katja Klugewitz, 53. An einem kalten Morgen steht sie mit ihrer Bauingenieurin im Flur eines fast 300 Jahren alten Stadthauses in Luckau, 10.000 Einwohner, knapp 100 Kilometer südöstlich von Berlin, und gleicht Pläne ab: Der Tischler muss noch seinen Termin bestätigen, der Elektriker ein Angebot machen. Denn wo jetzt noch rohes Mauerwerk ist, grob abgeschliffene Holztüren und eine Freitreppe unter einer dicken Schicht Baustaub, soll nach der Kernsanierung eine Mischung aus Wohnhaus und Kulturzentrum entstehen. „Kommen Sie mit, ich zeig’s Ihnen!“ Der Rundgang ist ein kurzer Ritt durch die Geschichte: Im 18. Jahrhundert wurden in den beiden Hinterhäusern Teppiche geknüpft und Zigarren gedreht, im Vorderhaus gingen im 19. Jahrhundert „Kolonialwaren“ über die Ladentheke. Nach dem Mauerfall stand das Haus zwischen Marktplatz und Altstadtgraben für 30 Jahre leer, bis es vor zwei Jahren eine neue Besitzerin fand.

Wobei, was heißt schon leer. „Das war wie eine Zeitkapsel“, erinnert Katja Klugewitz sich, „beim Ausräumen haben wir noch alle möglichen DDR-Produkte gefunden, etwa eine Kiste Cola mit der Aufschrift ‚VEB Getränke Drehna‘.“ Und weil sich die energische Frau nicht nur für ihren Beruf als Ärztin begeistert, Fachbereich Innere Medizin, sondern auch fürs Fotografieren, war im Herbst 2022 rasch die erste Idee für eine Popup-Ausstellung im Rohbau geboren, zur „Altstadtnacht Luckau“. Mit Fotos der Zufallsfunde, dazu Zeichnungen einer örtlichen Künstlerin und Musik von einem Jazzgitarristen. Unplugged, denn Strom gab es noch keinen, dafür Solarlaternen und Kerzenlicht. „Eine Wahnsinnsstimmung“, erinnert sie sich, „die Leute tanzten im Schaufenster, auf der Straße, kamen und gingen bis spät in die Nacht. Mich hat das an die Atmosphäre im Berlin der 90er erinnert, wo ich studiert habe: ständig gab es neue Kneipen und Clubs in Wohnungen oder leerstehenden Gebäuden, man erfuhr durch Mundpropaganda davon. Ich mag dieses Unfertige, Raue.“

Katja Klugewitz gehört zu einer wachsenden Anzahl von Menschen, die nach Orten suchen, an denen sowas geht: Kulturprojekte, oder neue Formen des Zusammenlebens, oder Startups. Raum für Ideen, die angesichts der Immobilienpreise und der Wohnungsnot in Großstädten kaum noch finanzierbar sind. Denn in Berlin, Hamburg, Leipzig, in West wie Ost sind die Freiräume abhandengekommen, fast jedes ehemals alternative Viertel durchgentrifiziert. Gleichzeitig macht es die Digitalisierung möglich, in mehreren Welten zugleich zu leben.

Das bringt Aufwind für Gegenden wie den Landkreis Dahme-Spree, die Prignitz zwischen Berlin und Hamburg, das Dreieck Görlitz-Zittau in der Lausitz, aber auch für das niedersächsische Emsland westlich von Bremen. Alles Entdecker-Ecken, an denen es brodelt. Teils ganz von selbst, teils angelockt von Zuzugs- und Rückkehrer*innen und ihre Initiativen wie elblandwerker.de oder raumpioniere-oberlausitz.de. Orte, an denen man bei der Suche nach Wohn- und Büroräumen nicht zuerst den Immobilienmakler anruft, sondern die Leerstandsmanagerin.

Wer hierher kommt, sucht meist nicht nur Ruhe, Platz für die eigenen Tomatenstauden und bezahlbaren Wohnraum. Sondern will sich auch einbringen, manchmal nur für eine Weile, manchmal dauerhaft. Die Schönheiten abseits der Ballungszentren aus dem Dornröschenschlaf küssen. Es mag Zufall sein, dass die wichtigsten Personen bei Katja Klugewitz‘ Sanierung alle weiblich sind, eine Bauingenieurin, eine Statikerin eine Vermessungsingenieurin. Aber es ist ein sprechender Zufall. Dabei geht es auch um ganz Handfestes. Klugewitz, die in Lüneburg aufwuchs, hat Ideen, wie man Nachwuchsmediziner*innen anlocken könnte. „In Zukunft wird es nicht mehr nötig sein, ständig in einer Praxis präsent zu sein“, glaubt sie. Dann könnte man pendeln, mal Luckau, mal Homeoffice mit Videocall-Sprechstunde in Berlin, Magedeburg, Dresden. Und alle hätten etwas davon.

Nächste Station: Perleberg, auf halbem Weg zwischen Berlin und Hamburg. Fährt man auf der B 5 hinein in die 13.000-Seelen-Stadt, fühlt man sich erstmal wie in einem Juli-Zeh-Roman – die Windräder, der Landhandel, das Gasthaus namens „Kuhstall“, Tagesangebot: Currywurst. Schließlich werden die Kirchtürme der Altstadt sichtbar. Außer dem Griechen am Marktplatz hat Sonntag mittags kein Café geöffnet, kaum jemand lässt sich draußen zwischen den Fachwerkhäusern blicken. Und hier soll ein Nest von Menschen sein, die vor Ideen sprühen? Doch, jede Menge, hat man mir bei der Initiative Elblandwerker versichert: „Du solltest als erstes die beiden Marias fragen.“

Auftritt Maria Pegelow, 46, Landschaftsarchitektin, die das Coworking-Space am Marktplatz organisiert, die „Perle“. Das Büro in einem ehemaligen Ladengeschäft mit seinen Tapeziertischen, den Kaffeetassen vom Trödel und dem Konferenzraum, in dem ein Fahrrad lehnt, könnte genauso auch in Hamburg-Ottensen oder Köln-Ehrenfeld stehen. Inklusive denen, die hier tageweise arbeiten: eine Journalistin, ein israelisch-isländisches Paar, er Musiker, sie Therapeutin, und den Macher*innen einer Biolandwirtschaftskooperative mit dem schönen Namen „Gemüslichkeit“. Plus Maria, angestellt bei der brandenburgischen Architektenkammer, Dienstort: remote. 

Eine Corona-Fluchtgeschichte mit Happy End: Im zweiten Pandemiesommer mieteten sie und ihr damaliger Partner für schmales Geld ein besonderes Gebäude, einen mittelalterlichen Wehrturm mit vier Stockwerken, um ihn als Wochenend- und Ferienhaus zu nutzen oder dort im Homeoffice zu arbeiten. Mit Blick auf die Enten auf dem Flüsschen Stepenitz, als Kontrast zu ihrer Berliner Hinterhofwohnung. Die Liebe ist mittlerweile Geschichte, Maria immer noch da. 

Für immer – oder jedenfalls fürs erste. „Ich bin ein ungebundener Typ, habe keine Kinder, keine Verpflichtungen. Ich reise gern mit leichtem Gepäck“, sagt die Frau mit dem lässigen Haarknoten. Dennoch hat sie hier eine Art von Verbindung und Freundschaft gefunden, die sie in Berlin vermisst hat, beinahe, ohne es zu merken. „Perleberg zieht Gleichgesinnte an, Träumer, Sehnsüchtige, die sich noch austoben wollen“, so beschreibt sie den Spirit. „Ich habe in meiner ganzen Zeit in Berlin nicht halb so viele interessante und witzige Menschen getroffen wir hier.“ 

Längst ist sie Teil der Gemeinschaft und Anlaufstelle nicht nur für die Coworking-Räume, die die Stadt gratis zur Verfügung stellt. Eine Gruppe von zugezogenen Südtiroler*innen renoviert ein leerstehendes Gebäude und eröffnet darin den „Knödelclub“, mit Alpenküche und einem Hinterhofbiergarten im Shabby Chic? Maria steht aushilfsweise hinter dem Tresen. Die Stadt überlegt, was man aus den aufgelassenen Kasernen aus der Kaiserzeit machen könnte? Maria berät mit Architektur-Knowhow. Jemand sucht nach Investoren, die das frühere „Hoffmanns Hotel“ neben dem ehemaligen Postamt sanieren? Maria plant eine Aktion, bei der Anwohner Luftballons mit Wunschzetteln in den Himmel steigen lassen, Projektname „Hoffnungshotel.“

Der Investor fehlt noch, aber Teile des Areals sind bereits zu neuem Leben erwacht – dank Maria Nummer zwei, Nachname Kwaschik. Die 36-jährige Musiktheaterregisseurin aus Potsdam lebt seit knapp drei Jahren in Perleberg, eigentlich, weil sie nach einem Ort suchte, wo ihr kleiner Sohn unbeschwert aufwachsen kann. Und für sich selbst als Ruhepol zwischen ihren Reisen von Regieprojekt zu Regieprojekt. Auch sie kam, sah und blieb, angezogen vom Charme des Unfertigen, und weil sie spürte, dass sie hier etwas bewegen konnte: „Als Regisseurin bespiele ich gern unübliche Orte: ein Foyer, ein privates Wohnzimmer, ein ehemaliges Kühlhaus. Als ich von diesem alten Hotel erfuhr und den Hof sah, dachte ich sofort: Daraus könnte man einen Veranstaltungsort machen!“ 

So entstand das „Kulturkombinat“, bestehend aus Hof, Remise und Ausschank in einem Seitenflügel der Ruine. Und Maria Kwaschik lernte ganz nebenbei, wie man Pflaster verlegt, eine Bühne baut, Decken herausreißt und freiwillige Helfer*innen bei Laune hält („hinterher grillen, und gute Musik!“). In der schönen Jahreszeit  finden Open-air-Veranstaltungsabende statt – Konzert, Kino, Gesprächspodien. Und weil das Kulturkombinat ein Ort für alle sein soll, laden die Betreiber*innen auch zum Fußball-Public Viewing oder zum Flohmarkt.

Denn das ist wohl entscheidend dafür, dass es läuft zwischen Alteingesessenen und Neuzuzügler*innen, auch wenn das Tempo manchmal unterschiedlich ist, die Mentalität. Gesten, die zeigen: Wir, die Neuen, betrachten eure Stadt nicht als unseren Spielplatz, wollen uns nicht in unserer eigenen Blase abschotten. Kwaschik ist seit Kurzem auch „Innenstadtagentin“, vermittelt zwischen Stadt, Bürger*innen, Vereinen und Investoren. Etwa, wenn es um die neue Nutzung leerstehender Häuser geht. Geben statt nehmen – so wie Maria Pegelow das Coworking-Büro managt. Oder Katja Klugewitz in Luckau: Sie singt dort nicht nur im Chor, sondern stellte nach dem Hauskauf erstmal gemeinsam mit dem Bürgermeister („ein quirliger, lebendiger, offener Typ“) eine Corona-Impfaktion im Rathaus auf die Beine.

Wunschlos glücklich ist keine der Neu-Kleinstädterinnen, noch nicht. Die Wunschlisten gleichen sich: Ein paar mehr Cafés, mit Tischen zum Draußensitzen, für einen Kaffee im Vorbeigehen, das wäre schön. Ein paar Läden, ein Kino, das mehr zeigt als zwei Blockbuster. Radwege, ein Bus, der nicht nur alle zwei Stunden fährt. Aber dafür haben sie hier alle etwas gefunden, das ihnen mehr wert ist. Maria Pegelow sagt es so: „In Berlin ist vieles Show, man kann einander eine Menge vorgaukeln. Das Leben hier fühlt sich echter an. Purer. Zum ersten Mal habe ich das Gefühl, ich kann so sein, wie ich bin.“ 

Alles bunt und gut?

Wenn sich das eigene Kind als queer outet, ist das heute keine große Sache mehr. Oder? Das dachte auch ich, ehe ich selbst als Mutter erlebte: Ganz so einfach ist es nicht. Das liegt an der eigenen Prägung – und an einer aufgeheizten gesellschaftlichen Debatte. Mein Beitrag für die BRIGITTE, August 2023

Als meine beiden Kinder klein waren, vor zehn, fünfzehn Jahren, hatte ich einen Plan. Ich wollte sie zu maximal offenen und toleranten Menschen erziehen. Frauen, die Frauen liebten, Männer, die Männer liebten, all das sollte für sie so selbstverständlich sein wie die Tatsache, dass Menschen einen anderen Hautton haben als sie oder Rollstuhl fahren, statt zu Fuß zu gehen. Ich erwähnte auch, dass es Menschen gab, deren Geschlechtsempfinden nicht zu ihren körperlichen Merkmalen passte. Damit fühlte ich mich ganz weit vorn. Als ich selbst Kind war, habe ich kein Wort zu sexueller und geschlechtlicher Vielfalt gehört. Ich war geschockt, als ich mit zehn oder elf zum ersten Mal von schwulen Männern erfuhr. So etwas gibt es?

Ich dichtete also in Vorlesebüchern manchmal ein Vater-Mutter-Kind-Trio zu einer Regenbogenfamilie um, feierte einen kleinen Jungen, der als Prinzessin zum Kita-Fasching kam und klopfte mir innerlich auf die Schulter. Super, Mama, alles richtig gemacht. Nur eine Möglichkeit hatte ich nicht bedacht: Dass queere Menschen nicht „die anderen“ sein könnten. Sondern ein Teil unserer Familie, von Anfang an. Auch wenn ich es lange übersah. Vielleicht übersehen wollte, aus Unsicherheit, Berührungsangst, Konformitätsdruck. Bis es nicht mehr anders ging.

Meine Tochter war acht, als sie sämtliche mädchenhafte Kleidung aus ihrem Schrank verbannte und bei Schulhof-Rollenspielen am liebsten die Jungsrolle übernahm. Zwölf, als sie sich die Haare raspelkurz schneiden ließ. Mit 13 verliebte sie sich – wenngleich unerwidert – in ein Mädchen und outete sich: Mama, Papa, ich bin bi. Mit 14 gab sie auf Instagram ihre Pronomen mit sie/er/they an. In allen Geschlechtern zu Hause. Wir bestärkten sie: Du weißt selbst am besten, wer und was du bist. 

Meinem Mann fiel das erstaunlich leicht, seine Liebe zu seinem Kind kam mir bedingungsloser vor als meine eigene. Ich tat mich schwerer, auch wenn ich es vor ihr zu verbergen versuchte. Ich erkannte mein kleines Mädchen nicht wieder, das ging tiefer als pubertäre Entfremdung. Aber Moment mal: War sie das überhaupt jemals gewesen, mein kleines Mädchen? „Ich bin genderfluid“, erklärte sie schließlich, „ich fühle mich manchmal weiblich, manchmal männlich, manchmal weder noch.“ Jedenfalls völlig anders als ich, und auch ganz anders, als ich mir eine heranwachsende Tochter vorgestellt hatte. Das musste ich erst einmal schlucken.

Mit diesen Wachstumsschmerzen bin ich nicht allein. In der Generation der Millennials finden sich deutlich mehr Menschen unter dem LGBTQI+-Label als in der Generation X. Laut dem „Global Survey“ des Markt- und Meinungsforschungsinstituts Ipsos von 2021 mit 20.000 Befragten definieren sich weltweit 18 Prozent der heute 18- bis 25jährigen als homo- oder bisexuell, das sind doppelt so viele wie unter den heute 50jährigen. Und vier Prozent der Jüngeren ordnen sich nicht dem binären Männlein-oder-Weiblein-Schema zu, oder nicht dem Geschlecht, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurden. Vier Mal mehr als in der Elterngeneration. 

Andere Studien kommen zu anderen Zahlen, teils etwas niedrigeren, aber die Tendenz ist dieselbe: Sowohl die sexuelle Orientierung, also die Richtung von Lust und Liebe, also auch die geschlechtliche Identität werden heute stärker hinterfragt, Varianten offener gelebt. Das heißt im Umkehrschluss nicht, dass es mehr junge Schwule, Lesben oder trans Menschen gibt als früher. Nur, dass zumindest in der westlichen Welt heute vielerorts leichter möglich ist, dazu zu stehen. Gerade dann, wenn sich Menschen – wie meine Tochter – irgendwo in der Mitte verorten: Nicht lesbisch, nicht hetero, weder trans Mann noch „ganz Frau“. 

Diese Uneindeutigkeit zu akzeptieren, war eine Herausforderung. Nicht nur für mein Kind, auch für mich. Lange dachte ich, dass dieses Pendel irgendwann zum Stillstand kommen würde. Dass es sich um eine „Phase“ handeln würde, so wie das Thema in den Teeniezeitschriften meiner Achtziger-Jahre-Jugend abgehandelt wurde. Aber so wie es aussieht, gehört das zu ihr. Genauso wie der kleine Leberfleck neben ihrer Nase oder ihre Füße mit den knubbeligen Zehen, die genau so aussehen wie meine. Ich musste mich von einer Vorstellung lösen, die wohl tiefer saß als erahnt: Hier wir, die „Normalen“, dort „die anderen.“ Erst 1990 hat die Weltgesundheitsorganisation WHO die Homosexualität aus der Liste psychischer Krankheiten entfernt, erst 2018 Transidentität als normale Variante der geschlechtlichen Entwicklung anerkannt.

Ich habe sie einmal gefragt, wie sie sich wohl definiert hätte vor 30, 40 Jahren, als ein Begriff wie „genderfluid“ noch nicht im Umlauf war. „Wahrscheinlich hätte ich als Frau gelebt und auch heterosexuelle Beziehungen gehabt“, hat sie überlegt, „aber immer das Gefühl gehabt, das etwas nicht ganz stimmt.“ Das hat mich berührt. „Sei du selbst, finde deinen Platz in der Welt“ – ist es nicht das, was man seinen Kindern mit auf den Weg gibt? Oder will man Konformität um jeden Preis? So wie die kleine Mehrjungfrau im Märchen, die ihre Stimme opfert, um Teil der Menschenwelt zu werden? 

Irgendwann habe ich auch überlegt, ob meine frühen Toleranz-Lektionen meine Tochter zu der Person gemacht haben, die sie ist. Und gleichzeitig geahnt, dass der Gedanke absurd ist. So wichtig, so mächtig sind Eltern nicht. Woher genau sexuelle Orientierung und Geschlechtsempfinden kommen, das kann die Wissenschaft Stand heute noch nicht eindeutig sagen. Vielleicht wird sie es nie können, es ist ein komplexes Puzzle aus Genetik und Prägung. Sicher ist nur: Man kann weder das eine noch das andere anerziehen. Aberziehen auch nicht – nur unterdrücken. Eine Studie des Deutschen Jugendinstituts (DJI) ergab: 28 Prozent aller trans Jugendlichen wussten „schon immer“ über ihre geschlechtliche Besonderheit Bescheid, bei weiteren 33 Prozent war die Findung mit dem 16. Geburtstag abgeschlossen. Darunter Personen, die eine hormonelle und operative Geschlechtsangleichung wünschten, aber auch Menschen wie meine Tochter, die sich jenseits der gängigen Geschlechtszuschreibungen eingerichtet hat. Bei homo- und bisexuellen Jugendlichen kommt die Selbsterkenntnis oft etwas später, aber auch unter ihnen wissen zwei Drittel gegen Ende der Pubertät, wo die Reise hingeht.

Einfach zu sich selbst stehen, offen und frei, das ist aber nicht für jede*n möglich. Leider. Denn noch etwas habe ich als Heterofrau gelernt: Es ist längst nicht alles so bunt und gut, wie ich dachte. Nur weil Konzerne ausgeklügelte Diversity-Strategien vorlegen und die Fußball-Nationalmannschaft in Katar beinahe so etwas wie eine „One-love“-Armbinde getragen hätte, ist Akzeptanz keinesfalls selbstverständlich. Auch nicht in unserem vermeintlich aufgeklärten Land. Jede*r zweite der Jugendlichen erlebt während seiner oder ihrer Schulzeit Mobbing und Diskriminierung. 

Claudia Krell, die früher am DJI geforscht hat und heute bei der Münchner Beratungsstelle LeTra arbeitet, sagt: „Ich höre immer wieder, dass Hetero-Menschen den Eindruck haben: Das Thema ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Damit wird aber suggeriert, Menschen dürften kein Problem mehr damit haben, wenn sie queer sind. Die Unsicherheit, der Stress wird ihnen abgesprochen.“ Und der kann riesig sein. Das Bundesinnenministerium registrierte 2021 zum ersten Mal mehr als 1000 queerfeindliche Straftaten. Hass und Gewalt. Und wenn die AfD ausgerechnet im Juni, dem traditionellen „Pride Month“ für queere Sichtbarkeit, einen „Stolzmonat“ ausruft, dann ist das eine verbale Kampfansage, kombiniert mit dem Slogan „schwarz rot gold ist bunt genug.“ Wenn ich so etwas lese und an meine Tochter und ihre Freund*innen denke, wird mir himmelangst. In ihrer Schule, der Verwandtschaft, unserem Großstadtviertel ist sie – bisher! – sicher. Aber es gibt Gegenden, auch in Deutschland, da sollte sie mit ihrer bunten Clique besser nicht zum Zelten fahren. 

Und weil Teile der Gesellschaft das Gegenteil von empowernd sind, ist es umso wichtiger, dass Eltern queeren Kindern den Rücken stärken. Manchmal sogar lebenswichtig, sagt Claudia Krell: „Eltern müssen nicht immer alles richtig machen. Sie dürfen sich ihre Zeit nehmen, mit der unerwarteten sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität ihres heranwachsenden Kindes klarzukommen. Aber wenn sie sagen: Ich stehe zu dir, wir schaffen das, geben sie einen unschätzbaren Rückhalt. Wir wissen aus Studien über Resilienz: Wenn es wenigstens eine Person gibt, an die sich Jugendliche vertrauensvoll wenden können, ist das Risiko für Suizid deutlich verringert.“ Das gilt ebenso für psychische Probleme wie Depressionen und Angststörungen. 

Klar, es gibt es auch Kinder und Jugendliche, die in einer Selbstfindungsphase ihre Sexualität oder ihr Geschlecht hinterfragen, als Erwachsene aber fühlen und lieben wie die Mehrheit. Aber Empathie, Zuhören, vielleicht professionelle Beratung suchen – das schadet nie. Nicht ernst nehmen, ignorieren, eigene Vorstellungen in das Kind projizieren – das schadet immer.

Nächstes Jahr macht meine Tochter Abitur und wird volljährig. Oder sollte ich lieber sagen: Tochter*, mit Gendersternchen? Menschen wie sie bringen nicht nur die Verhältnisse zum Tanzen, auch die Sprache. Sie ist ein schillernder Mensch, trägt mal Herrenhemd, mal Kleid, und ich bin sehr stolz auf sie. Auf ihre Klarheit, ihr oft hart erkämpftes Selbstbewusstsein. Ihren Weg, der so anders ist als der meines jüngeren Kindes, männlich, hetero, auf einer straighten Linie vom Jungen zum Mann. 

Einen Plan? Den habe ich schon lang nicht mehr. Nur einen Wunsch. Dass sie mich beide noch ein Stück mitnehmen auf ihren Wegen. Dass es ihnen gut ergehen möge. Und dass ich weiter an ihnen wachsen kann.

Queere Kinder – wenn die Gen Z über sexuelle und geschlechtliche Vielfalt nachdenkt

Wen wir lieben, mit welchem Geschlecht wir uns identifizieren – für Heranwachsende ist das heute vielfach ein selbstverständlicher Bestandteil der eigenen Identitätssuche. Sei es auf eher spielerische Weise, beim Ausloten der eigenen Sexualität mit der Pubertät, oder sei es als lebenslanger Bestandteil der eigenen Person, wie es bei Kindern auf dem trans Spektrum häufig früh im Leben der Fall ist. Doch wie gehen wir als Elterngeneration damit um, vor allem, wenn wir selbst hetero und cisgeschlechtlich sind? Wie können wir unsere Kinder gut unterstützen, ihnen bei der Suche nach ihrem geschlechtlichen und sexuellen Selbst liebevoll zur Seite stehen? Auf welchen dieser Wege brauchen sie uns, welche können sie allein gehen?

Mit diesem Thema, das viele Menschen unserer Altersgruppe betrifft, habe ich mich gemeinsam mit meiner Freundin und Kollegin Christiane in einer Mischung aus Ratgeber und Sachbuch auseinandergesetzt. Christiane arbeitet in der sexuellen Bildung und ist durch ihren Masterabschluss in Sexualwissenschaften auf dem neuesten Stand, ich als Mutter einer queeren Tochter* habe mich vor allem auf den Weg gemacht, die Menschen hinter den Geschichten zu erleben: Wie geht eine Familie mit der Transition ihres Kindes um, wie reagiert ein Vater auf das lesbische Coming-out seiner Tochter? Welche Hürden werden queeren Kindern in Schule, Ausbildung, Freizeit in den Weg gelegt, wie kommen sie klar, wo ist die Gesellschaft gefragt? Und was erzählen erwachsene LGBTQIA+-Personen, wenn man sie fragt, was sie selbst als Jugendliche gebraucht hätten? Eine Deutschlandreise, und eine Reise zum Ursprung der eigenen Elterngefühle. Eine Brücke in einer hitzig und oft aggressiv geführten Debatte.

Christiane und ich stehen gern für Veranstaltungen zur Verfügung, gemeinsam oder einzeln, sowohl für Eltern-Workshops als auch zu Vorträgen bei Fachveranstaltungen oder für Firmen, die mehr über diesen Aspekt von Diversity erfahren möchten. Den Link zum Buch finden Sie hier.

Ein guter Rat: Führ dich!

Ich hab es beruflich super getroffen – als Selbständige bin ich Chefin und Angestellte in einer Person. Aber Ahnung, wie man sich selbst gut anleitet, habe ich nicht.
Kann man das lernen? Das habe ich mich im Sommer 2022 für die BARBARA gefragt.
Das Foto ist beim Shooting entstanden: „Verena, guck mal chefig!“

Meine Chefin so? Ich sag mal: tagesformabhängig. Sie hat schon ihre Momente. Zeichnet mir jeden Urlaubsantrag ab, teilt mir nichts zu, worauf ich so gar keinen Bock habe. Aber dann wieder knallt sie mir ohne Vorwarnung einen Stapel Papiere auf den Schreibtisch und kreischt etwas von Planänderung. Weil plötzlich etwas wichtiger ist als das, woran ich gerade sitze. Das versteht sie wohl unter agiler Führung. Sie geizt mit Lob und meckert viel. Ihre Idee von New Work ist auch nur halb ausgereift: Arbeit im Bett ist okay, aber einen Kicker habe ich noch immer nicht. Außerdem warte ich seit 2004 auf ein Gespräch über berufliche Entwicklungsmöglichkeiten. Dabei ist ein Termin eigentlich nicht schwer zu bekommen: Meine Chefin bin ich. 

Als freiberufliche Journalistin gehöre ich zu den zwei Millionen Soloselbständigen, die niemanden beschäftigen außer sich selbst. Die an niemanden berichten, außer wenn sie unter der Dusche Selbstgespräche führen. Die Vorteile sind klar, die Nachteile auch: Wenn ich mir das bisschen Leadership selbst machen muss, bleibt alles ziemlich handgestrickt, Motivation, Richtung, Struktur. Kann ich mir irgendwo eine Schulung abholen? Und hilft mir das vielleicht sogar in meinem Zweitjob, als Mutter zügelloser Teenager? 

ALS SCHREIBENDER MENSCH ist mein erster Impuls: etwas zum Thema lesen. In der Buchhandlung scanne ich anderthalb Regalmeter „Führung und Management“. Die eine Hälfte hört sich an wie ein Youtube-Motivationsvideo, schon im Titel: 
Do Epic Stuff!The Mind of the Leader! In der anderen spricht man deutsch („Die ersten hundert Tage in der Führungsrolle“), und auf den Titelfotos beugen sich Männer mit offenem Hemdkragen über Frauen in weißen Blusen, als suchten sie gerade ihr nächstes MeToo-Opfer. Diese Art Ratgeber haben auf mich eine schwer sedierende Wirkung. Beim Anblick endloser Checklisten für Zielvereinbarungen und Konfliktgespräche sehne ich mich nach tiefem ungestörten Büroschlaf. Die mit den englischen Titeln machen dagegen hibbelig wie Koks auf dem Konzernklo: Bei so viel disruptiven, game-changing Ansätzen bekomme ich schon beim Blättern Bluthochdruck. Aber wie ich als Chefin mehr aus mir heraushole und gleichzeitig wertschätzender mit mir umgehe, sagt mir keiner. Auch nicht, wie ich meinen 13-Jährigen effektiv dazu bewege, seine Socken im Wäschekorb zu deponieren. Statt unter seinem Bett. 

Auf dem Heimweg vom Buchladen bin ich nervös: Wird mich meine Chefin wegen Zeitverschwendung abmahnen? Da erreicht mich ein Anruf von Kollegin Bea, Autorin wie ich. Seit neuestem verbringt sie drei Nachmittage pro Woche auf dem Land bei ihrem neuen Freund. Ein Spanier namens Dio, gut gebaut, elegant und blutjung. Der Vierjährige steht in einem Reitstall 50 Kilometer nördlich von Hamburg, und gemeinsam mit Trainerin Franzi bringt sie ihm bei, wie Tier und Mensch gut zusammenarbeiten. Vielleicht kann ich mir da etwas abgucken. 

„Soso, Führung“, sagt Pferdeflüsterin Franzi, während sie Dio an die Longe nimmt, „was verstehst du denn darunter?“ Ich stammle etwas von Respekt verschaffen, Durchsetzen, klaren Ansagen. „Aha“, gibt sie zurück und verzieht keine Miene, „und ich dachte, wir hätten dieses autoritäre Denken endlich hinter uns gelassen.“ Es ist klar, dass sie nicht nur von Reiterhöfen spricht. Peinlich berührt trotte ich hinterher und beobachte, wie sie Dio seine Aufwärmrunden laufen lässt, ihn lobt, ihn schon durch das zarte Anheben ihrer Longierpeitsche dazu bringt, einen Zahn zuzulegen. Mehr Zwiegespräch als Zwang. „Ich habe immer eine Vorstellung, wie ich das Bewusstsein meines Gegenübers anheben kann“, erklärt sie, „und im besten Fall ist das Gegenüber daran interessiert.“

Das klingt etwas esoterisch, hat aber einen handfesten Kern. Ich verstehe: Auch mir würde im Selbstgespräch mehr Schulterklopfen und Ansporn guttun. Dann könnte ich mir mehr zutrauen, die Latte etwas höher legen. Das wichtigste an der Führung, sagt Franzi, ist Freude. „Ich gebe nicht nur ein Ziel vor, ich möchte vor allem, dass der Funke überspringt.“ Auf mich bezogen heißt das: Mehr „Wow, wo willst du heute hin?“, weniger „Na, Frau Carl, kommen wir heute noch mal in die Hufe?“  

Das Pferd ist jetzt warm. Longe ab, Bea in den Sattel. Sie wechselt wie von Zauberhand Gangarten, Tempo, Richtung, ohne Drohen, Schimpfen oder Schreien. Wäre ich nicht selbst ein Ex-Pferdemädchen, würde ich nicht mal erkennen, wie sie das macht: leichter Schenkeldruck hier, minimaler Zügelzug da. Die beste Führung ist unsichtbar. Invisible Leadership. Hey: Das wäre mal ein guter Titel für ein Buch! Oder für einen Podcast. Gleich notieren. Später, während Bea Dio in den Stall führt, erzählt sie, dass pferdegestütztes Training für Manager seit Jahren gut gebucht ist. Dabei sollen Leute, die sonst Umsatzvorgaben erarbeiten oder Zielmärkte erschließen, beispielsweise einen Parcours in der Reithalle aufbauen. Und begreifen dabei, warum die Stimmung in ihrem Büro so mies ist. Wer zu viel Druck ausübt oder seine Wünsche nicht klar zum Ausdruck bringt, macht nicht nur sein Team wuschig, sondern bringt auch kein Pferd dazu, über Balken zu steigen und um Tonnen herumzugehen

Bald schon kann ich das Learning anwenden, in meinem kleinen, gelegentlich erfolgreichen Familienunternehmen. Die Challenge: eine aufgelöste 16-Jährige, die versucht, innerhalb von zwei Stunden für eine Klassenarbeit nachzuholen, was sie in zwei Monaten verschlafen hat. Normalerweise sind mein Liebster und ich eine gute Doppelspitze, aber heute ist Papa mit seinen Skills am Ende: Weder Negativ-Feed-back („Habe ich dir nicht schon vor drei Tagen gesagt …“) noch der Verweis auf digitale Organisationstools („Ich richte dir jetzt ein Trello-Board ein“) helfen weiter. Dafür komme jetzt ich, mit der richtigen Mischung aus Liebe und Struktur, wie bei jungen Pferden. Aufs Wesentliche konzentrieren, aufhören, ehe nichts mehr geht. Töchterchen und ich einigen uns auf eine niedrigschwellige Zielvorgabe. Eine Vier ist gut genug, eine Fünf lässt sich ausgleichen. Ich muss daran denken, was meine Freundin Jasmin, Co-Chefin einer mittelständischen Pharmafirma, einmal gesagt hat: „Führung heißt nicht, Kontrolle ausüben, sondern Kontrolle abgeben. Vertrauen. Zügel lang lassen.“ Weil ich gerade so 
einen Lauf habe, plane ich abends eine Teambuilding-Maßnahme, beim Familienessen: Der warme Stuhl. Jeder sagt den anderen, was er toll an ihnen findet. Den Tipp habe ich von einer Lehrerin. Die habe ich auch gefragt, wie sie mit Problemschülern, Störern, Saboteuren umgeht. Ganz ähnlich: Loben, bis der Arzt kommt. Jedes noch so kleinste Fitzelchen erwähnen, das gut läuft, statt über den Berg Bockmist daneben zu schimpfen. Das probiere ich gleich bei meinem Sohn aus: „Oh, super, unter dem Kopfende liegt nur ein einziges Bonbonpapierchen“ statt „Was ist mit den sieben Socken unter dem Fußende – und ist das daneben etwa dein verlorenes Biobuch?!“ Das irritiert ihn so, dass er später freiwillig die Spülmaschine ausräumt. 

WENN MITARBEITER ETWAS GUT MACHEN, bekommen sie je nach Gehaltsklasse eine kleine Prämie oder die Champions-of-the-year-Golfreise nach Malle spendiert. Ich finde, ich habe auch einen Bonus verdient und schenke mir zum Abschluss Konzertkarten, inklusive Schaumwein in der Pause. Der Dirigent ist ein attraktiv ergrauter Finne, und was er am Pult macht, ist mehr Ausdruckstanz als Einsatzplanung. Es sieht aus, als wäre das gesamte Orchester, die Hornistinnen, Geigerinnen, Paukisten, seine Klaviatur, auf der er virtuos spielt. Am Ende applaudieren sich die Bläser gegenseitig, die Streicher wedeln mit ihren Bögen, das Publikum flippt auf hanseatische Art aus. Und ich merke: Dasselbe passiert an guten Tagen in meinem Kopf. Wenn plötzlich alle inneren Stimmen harmonisch zusammenklingen, dann komme ich am weitesten, egal, ob beim Arbeiten oder mit meinen Kindern. Ich habe ja jetzt ein paar Ideen gesammelt, wie ich mir mehr solche Momente schaffen kann. Nur meiner Chefin muss ich noch Bescheid sagen.