Eltern sein, Paar bleiben

Und plötzlich soll die Liebe für drei reichen: Der Übergang vom Duo zur Elternschaft ist für viele Paare ebenso beglückend wie herausfordernd. Wie der Schritt gelingt, hat mit vielen Faktoren zu tun: der persönlichen Geschichte wie die der eigenen Partnerschaft, der Fähigkeit zu offener und zugleich einfühlsamer Kommunikation, aber auch den äußeren Umständen – wie wohnen wir, wie ist unser Kontostand, unsere berufliche Situation, und unterstützt uns unser Umfeld? Und während alle Elternpaare etwas gemeinsam haben – die Zuneigung zueinander und die zum Kind – , unterscheiden sie sich in anderer Hinsicht auch wieder sehr: Ob das Baby gesund ist oder mit einer Behinderung zur Welt kommt, ob Mutter und Vater ähnliche kulturelle Hintergründe haben oder nicht, ob eine*r von beiden bereits Kinder aus einer früheren Beziehung mitbringt, oder ob zwei Mütter bzw zwei Väter gemeinsam Eltern geworden sind. Von Kommunikation über Sex und Zeitmanagement bis zu Fragen der Arbeitsteilung und der Lebensplanung habe ich mit zahlreichen namhaften Expert*innen aus den Bereichen Psychologie, Kommunikation, Coaching, Gesundheit und Geburtshilfe gesprochen, der vielseitige Ratgeber ist im Februar 2021 bei Dorling Kindersley erschienen, in Kooperation mit dem Eltern-Magazin: https://www.dorlingkindersley.de/buch/verena-carl-eltern-ratgeber-eltern-sein-paar-bleiben-9783831041848

Mach mal halblang

Die BRIGITTE hat gerade ein Büchlein mit den schönsten „Geht das nur mir so?“-Kolumnen der letzten Jahre veröffentlicht, und ich freue mich, dabei zu sein. Hier nochmal meine Betrachtungen zum Thema Fürsorge und Selbstfürsorge zum Nachlesen.

Da saßen wir also im Café, sie und ich, und bestellten zwei Mal Apfel-Streusel mit Sahne. Ein Kellner kam und stellte uns die Teller hin, meine Mutter warf einen prüfenden Blick darauf. Ihr Stück hatte den schöneren Rand, meines war etwas bröselig. Wortlos tauschte sie die Teller aus. Mütter machen so was, nehmen sich lieber selbst das beschädigte Gebäck oder das angeknackste Frühstücksei. Offenbar hört dieser Reflex nicht einfach auf, bloß weil das Kind kurz vor seinem neunundvierzigsten Geburtstag steht. Aber plötzlich war ich gerührt, mehr, als es angemessen war. Und fragte mich: Wenn ich wegen eines heilen Kuchenstücks feuchte Augen bekomme – fehlt dann vielleicht etwas in meiner sonst so glatten, durchgeplanten Existenz?

Für den Gesetzgeber, den Arbeitsmarkt und das ganze globalisierte Drumherum bin ich eine Traumfrau: schon mein halbes Leben finanziell unabhängig, eine freiberufliche Ich-AG, die ganz nebenbei ihr demographisches Soll erfüllt hat. Zwei Kinder, Ehemann, Verdienst etwa Fifty-Fifty, ein Rentenbescheid, bei dem ich immerhin nicht in Tränen ausbrechen muss. Ich kann besser einparken als viele Männer, melde meine Tochter lieber zum Code- als zum Kochkurs an und wuppe mehrere Leben parallel. So, wie wir’s fast alle tun. Allerdings manchmal mit einer Härte gegen uns selbst, die wir unseren Kindern oder der besten Freundin niemals zumuten würden: Jetzt reiß dich mal zusammen! Eine Frau weint nicht! Glaubenssätze aus dem Handbuch der schwarzen Pädagogik. Bedürftigkeit sourcen wir lieber aus: Einjährige in die Kita, halblegale Helfer für pflegebedürftige Verwandte. Nur eines lässt sich ganz schwer outsourcen: dass wir selbst auch manchmal hilfsbedürftig sind und uns fallen lassen möchten, verwöhnt werden wollen und das bessere Kuchenstück. Um sich Schwäche zu erlauben, braucht es schon einen handfesten Grund: Burnout, Hörsturz, Migräne oder mindestens Wochenbett. Obwohl, war da was? Nennenswerte Babypausen habe ich jedenfalls keine gemacht. Bloß nicht den Anschluss verlieren.

Die amerikanische Politikwissenschaftlerin Nancy Fraser schreibt: „Der Feminismus ist der Steigbügelhalter der neoliberalen Gesellschaftsordnung.“ Klingt nach konservativer Verschwörungstheorie, ist aber eine ziemlich einleuchtende Erklärung dafür, warum wir oft so auf dem Zahnfleisch gehen. Weil das Rollenbild des ehrgeizigen, vollzeitbeschäftigten Mannes unsere Blaupause für ein erfolgreiches Leben ist. Weil wir unsere Leistungen vor allem wertschätzen, wenn sie sich in Euro beziffern lassen, uns unabhängig und stark machen. So richtig toxisch wird die Mischung, wenn dann noch eine Portion traditionelle weibliche Tiefstapelei dazukommt: Sei wie das Veilchen im Moose… Dabei haben wir doch alle diese Sehnsucht, dass da jemand kommt, uns ein schönes Kuchenstück hinlegt oder eine Wolldecke, und uns sagt: Mach mal halblang. Und mit „wir“ meine ich nicht nur uns Frauen. Es geht auch unseren Freunden so, unseren Eltern, und unseren Männern. Ich schätze, sogar den alten, weißen.

Ein wenig mehr Fürsorge tut uns allen gut. Und ist gar nicht so schwer. Mal die Kollegin heim schicken, die seit Tagen über der Tastatur hustet, mal den Partner fragen, wie es ihm eigentlich geht, statt „Hast du eigentlich beim Finanzamt angerufen wegen der Umsatzsteuervorauszahlungen?“ Wir sollten dabei aber nicht ausgerechnet einen Menschen vergessen, der uns ziemlich nahe steht. Uns selbst. Wenn wir eine Mutter zu haben, die uns gelegentlich daran erinnert: Um so besser.

Es lebe die gut-genug-Mutter

Mach dich doch mal locker! Kinder brauchen keine perfekten Mütter! Wissen wir alles, entlastet uns aber trotzdem nicht richtig. Weil wir in der Zwickmühle zwischen gesellschaftlichen Erwartungen, privaten Vergleichen und widersprüchlichen Idealen feststecken. Wie kommen wir da raus – und was ist eigentlich mit den Vätern? Das habe ich für ein Titelthema der ELTERN im Januar 2021 recherchiert.

Vielleicht fing alles mit dieser TV-Werbung an, Mitte der Nuller Jahre. Junges Paar trifft auf Party eiskalte Zicke, Zicke mustert Frau abschätzig: „Und, was machen Sie beruflich?“ Film ab: Staubsaugen, kranke Kinder pflegen, Hausaufgabenhilfe, dem Gatten ein Stäubchen vom Hemd zupfen. Immer mit einem Lächeln auf den Lippen, ist ja ein schöner Job. Ihre Antwort: „Ich leite ein gutgehendes, kleines Familienunternehmen.“

Klar war das schlagfertig, cool und sympathisch. Aber es war auch ein neues Etikett: die Mutter als menschliche Aktie mit Top-Kursentwicklung. Im Nachfolge-Werbeclip zählte eine frische Blonde beim Vorstellungsgespräch ihre Qualifikationen auf, die sie im „Familienunternehmen“ erworben hat. Die Karrierezicke als Feindbild hatte ausgedient, jetzt waren beide zu einer Person verschmolzen. Die (un-)heimliche Botschaft: Mütter können alles (und müssen alles können!), im Job performen, ohne dabei im Kinderzimmer nachzulassen. Schon beim Zuschauen bekam man Schnappatmung. Irgendwie logisch, dass 2019 vier von fünf Frauen, die zu einer Kur des „Müttergenesungswerkes“ antraten, mindestens eine psychische Belastung mitbrachten: von Angstzuständen, Schlafstörungen und depressiven Verstimmungen bis zum Burnout. Diagnose: akute Perfektionitis.

Nicht etwa die Schuld des Haushaltsgeräteherstellers, auch nicht die der Werbeagentur. Die hatten nur den Zeitgeist auf den Punkt gebracht.

Natürlich gibt es gute oder wenigstens gut gemeinte Tipps für die gestresste Wonder Woman: Versuch’s doch mal mit Yoga/Meditation/Sauna, fahr ein Wochenende weg, lass mal Fünfe gerade sein. Wenn das nur so einfach wäre, sagt Margrit Stamm, Professorin für Erziehungswissenschaften, die in der Schweiz zu Fragen von Familie und Gesellschaft forscht und gerade ein Buch* über den Perfektionswahn veröffentlicht hat. Sie ist überzeugt: „Entlastung ist im Einzelfall sicher hilfreich – aber mit solchen Ratschlägen wird ein gesellschaftliches Problem auf die einzelne Mutter abgewälzt, als Selbsttherapie. Sie soll funktionieren, statt ein System zu hinterfragen, das immer neuen Druck schafft.“ Doch wodurch entsteht dieser Druck genau?

Druckmacher Nummer eins: Der neoliberale Zeitgeist

Wie wir im Privaten leben, ist immer auch Spiegel der Gesellschaft. Die US-amerikanische Anthropologin Wednesday Martin berichtet in ihrem Sachbuch „Die Primaten von der Park Avenue“, wie New Yorker Millionärs-Ehemänner ihren Frauen einen Jahresbonus für erfolgreiches Familienmanagement zahlten, sprich: gepflegtes Haus, repräsentatives Äußeres, gute Noten der Kinder…

Eine kuriose Blüte aus dem Biotop der Reichen und Schönen? Vielleicht. Aber wenn wir ehrlich sind, gilt das in abgeschwächter Form auch in der Mietwohnung in Münster oder im Reihenhaus in Rosenheim. Welcher After-Baby-Body als erstes aussieht wie ein Before-Baby-Body, und welches Schulkind später bei der Mathe-Olympiade aufs Treppchen klettert, wird zum stillen Wettbewerb. Der perfide Glaubenssatz dahinter: Wer es nur richtig anstellt, kann in unserer Gesellschaft alles schaffen.  Und wer die Kinder nicht zu Höchstleistungen bringt, hat eben was falsch gemacht als Mutter.

Frage an Frau Stamm …

In ihrem Buch schreiben Sie: „Weil bei vielen Müttern die Fäden zusammenlaufen, sind erfolgreiche Kinder ein Zeichen mütterlicher Ernsthaftigkeit. Erfolgreiche Mütter haben erfolgreiche Kinder….“ Haben nicht auch früher Mütter und Väter ihren Ehrgeiz auf ihre Kinder projiziert, etwa: Der Kleine soll später in Vaters Fußstapfen treten?

Margrit Stamm: Ja, aber mit einem Unterschied: Früher war die Vaterrolle quasi das Außenministerium der Familie, die Mutterrolle das Innenministerium. Jetzt sind die Mütter für alles zuständig: Das Kind soll erfolgreich sein, die eigene Karriere laufen, und auch noch der Geburtstagskuchen selbst gebacken. Der Feminismus, so begrüßenswert er war und ist, hat ungewollt seinen Teil dazu beigetragen. Weil er das Leitbild der berufstätigen Frau befördert hat, Mutterschaft aber sehr randständig behandelt hat.

Bei so vielen Ansprüchen ist es doch auch verständlich, wenn Frauen sich nach einer kuscheligen Gegenwelt sehnen, in der Liebe mehr zählt als Leistung.

Sogar sehr. Ein emotionsgesteuerter Gegenentwurf zur Wettbewerbsgesellschaft, in dem das Muttersein aus dem Bauch kommt und die Aufgabenteilung in der Partnerschaft ganz von selbst klappt, weil die Liebe so groß ist. Kommt dann der Realitätsschock, klinken sich gerade höher gebildete Frauen eher aus dem Beruf aus, weil sie lieber als Mutter perfekt sein wollen als den schwierigen Spagat zu versuchen. Aber das muss man sich leisten können, und es ist ja nicht die Lösung, gesellschaftlich gesehen.

Druckmacher Nummer zwei: Medien, Lehrer, Ärztinnen und Co.

Mütter stehen ständig unter Beobachtung, schon vor der Geburt bringt sich ein Team von Schiedsrichtern in Stellung, die sich nicht selten widersprechen. Die eine Fachbuchautorin macht sich für Langzeitstillen und Familienbett stark, der andere prangert in seinen Büchern Helikoptereltern an. Einerseits lernen wir: Die wichtigste Basis unserer Kinder ist eine glückliche Kindheit, in der auch mal Zeit zum Nichtstun ist. Andererseits wird uns suggeriert: Ohne eine optimale Förderung und später einen guten Schulabschluss hat unser Kind keine Chance. Also üben Mütter mit ihren Kindern für U-Untersuchungen das Rückwärtshüpfen, als könnten sie sonst schlechte Noten kassieren.

ELTERN FAMILY: Eltern und vor allem Mütter stehen heute auch deshalb unter Druck, weil sie mehr falsch machen können. Nicht zuletzt hängt das auch mit den Erkenntnissen der modernen Bindungsforschung und Entwicklungspsychologie zusammen. Durch sie wissen wir: Kinder sind verletzlich, in vielerlei Hinsicht.

Margrit Stamm: Ja, wir nehmen die Bedürfnisse der Kinder ernster und erwarten nicht, dass sie einfach nur funktionieren. Das ist prinzipiell gut.

Andererseits erwächst daraus aber auch schnell ein Konflikt: Denn mit einer Erziehung, die sich stark an den Bedürfnissen der Kinder orientiert, gerät eine Mutter mit ihren Bedürfnissen schnell ins Hintertreffen.

Das stimmt, wobei man sich mit Blick auf die Kinder wirklich auch fragen muss, ob die Latte nicht zu hoch liegt. Und Fachleute sich zu sehr an möglichen Defiziten orientieren. Der englische Kinderarzt Donald Winnicott hat in den Fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts den Begriff der „good enough mother“, der „ausreichend guten Mutter“ geprägt. Er hat recht. Kinder brauchen keine perfekten Eltern, um zu glücklichen, selbstbewussten Menschen heranzuwachsen.

Sollten wir uns also innerlich unabhängig machen von allen Expertenstimmen?

Jedenfalls das eigene Urteil nicht weniger wichtig nehmen als das der anderen. Immerhin wird das Problem erkannt. Der Chefarzt einer großen Frauenklinik schrieb mir kürzlich: Es stimmt, auch Ärztinnen und Ärzte sollten den mütterlichen Perfektionismus nicht noch mehr verstärken. Sondern Frauen den Rücken stärken.

Bei älteren Kindern trägt ja auch die Schule ihren Teil zum Druck auf die Mütter bei – nicht erst beim Homeschooling in der Corona-Krise. Oft sind auch hier die Erwartungen widersprüchlich: Einerseits soll man das Kind im eigenen Tempo lernen lassen, aber die ein oder andere Zusatzübung kann schon nicht schaden.

Ich denke, das wichtigste ist, das eigene Bewusstsein zu schärfen. Optimierte Kinder sind eine unrealistische Erwartung. Man sollte sich von niemandem weismachen lassen, dass es nur die richtige Diagnose, Therapie, Lernmethode braucht, um das Kind zum Überflieger zu machen. Vieles hat man schlicht nicht in der Hand.

Druckmacher Nummer drei: Der lange Atem der Vergangenheit

Wie eine ideale Mutter zu sein hat, darüber haben sich im deutschsprachigen Raum schon Menschen Gedanken gemacht, ehe die moderne Psychologie auf den Plan trat. Martin Luther (16. Jahrhundert) erklärte Hausarbeit und Kinderbetreuung zum „Heimgottesdienst“, der Schweizer Pädagoge Johann Heinrich Pestalozzi sah 200 Jahre später in der „Wohnstubenerziehung“ die Basis des Lernens und der Liebesfähigkeit. Und seine Zeitgenössin, die Preußenkönigin Luise, wurde zum Role Model, weil sie ihre Kinder selbst erzog. Ganz anders die Vorbilder in Frankreich, wo Fremdbetreuung immer eine Selbstverständlichkeit war – bei Hof und in Adelskreisen machten Ammen diesen Job, heute werden schon die Allerjüngsten selbstverständlich in der Krippe abgegeben. Nur ein Beispiel von vielen, wie uns kulturelle Vorbilder langfristig beeinflussen, selbst wenn die tapfere Luise heute den meisten Müttern kein Begriff mehr ist. Auch Margrit Stamm ist überzeugt: Diese Prägungen machen es Müttern hierzulande schwer, Verantwortung abzugeben.

ELTERN FAMILY: In Ihrem Buch unterscheiden Sie zwischen „intensiver“ und „extensiver“ Mutterschaft. Das zweite Modell bedeutet: Eine Mutter hat gar nicht den Anspruch, die einzige und jederzeit beste Bezugsperson für ihr Kind zu sein.

Margit Stamm: Ja, ich spreche dabei auch von „Schattenmüttern“ – also Kita-Erzieherinnen und -Erzieher, Tagesmütter, Nannys, Großeltern. Im besten Fall gelingt es, einen Teil der Verantwortung zu delegieren, ohne dass sich eine Seite dabei schlecht fühlt. Allerdings kommt es gerade hierzulande häufig zu einer versteckten Konkurrenz: Mütter fürchten, dass die Helferinnen ihnen ihre Position als Nummer eins streitig machen, oder versuchen, deren Arbeit stark zu überwachen.

Das hat wahrscheinlich aber nicht nur psychologische, sondern auch praktische Gründe: Viele Mütter fürchten, dass Erzieherinnen ihren Job oft nicht optimal machen können, weil sie unterbezahlt und Kitas unterbesetzt sind und alle miteinander das ausbaden.

Wobei wir aus Schweizer Perspektive finden: Deutschland und auch Österreich sind auf einem richtigen Weg, Betreuung ist dort besser, diversifizierter und bezahlbarer. In den allermeisten Einrichtungen kann man sein Kind guten Gewissens lassen – und selbst mal loslassen. Natürlich gibt es auch Kinder, die nicht so pflegeleicht sind, die sich mit ihrem Temperament nicht einfach in ein Leben mit zwei berufstätigen Eltern einfügen, selbst wenn die Kita perfekt ist. Aber warum definieren wir das als Problem der Mutter, und nicht als Herausforderung an Politik und Wirtschaft? Die sind genauso gefragt!

Druckmacher Nummer vier: Die Macht der perfekten Bilder

„Als vor neun Jahren mein erstes Kind geboren wurde, steckte Social Media noch in den Kinderschuhen“, erinnert sich Nathalie (siehe Seite x), Autorin und Bloggerin aus Lübeck (ganznormalemama.com). „Seitdem ist die Vergleichbarkeit rasant gewachsen. Weil man nicht mehr nur den Rückbildungskurs um sich hat, sondern tausende vermeintlich perfekter Instagram-Familien.“ Folge: „Man stellt das eigene Leben dar wie ein pastellfarbenes Kinderzimmer.“ Auch wenn man ahnt, dass vieles bei den anderen auch nur Fassade ist. So wird man beim „Mom-Blaming“ Opfer und Täterin zugleich.

ELTERN FAMILY: Bringt die Netzkommunikation und der Wettbewerb auf Social Media manchmal das Schlechteste in uns hervor?

Margit Stamm: Ich glaube, unsere Vergleichs- und Rankingmentalität ist nicht die Ursache des steigenden Drucks, eher ein Symptom davon. Jeder meint, sich von seiner Schokoladenseite zeigen zu müssen, um zu beweisen, dass er oder sie alles richtig macht, ob im Fitnessstudio oder auf Instagram.

Aber immer ist irgendwer besser als wir…

Genau. Und so entsteht ein anstrengender Teufelskreis.

Problem erkannt – und jetzt?

Wir können den gesellschaftlichen Druck nicht im Alleingang abschalten – aber wir können uns besser wappnen, wenn wir verstehen, woher er kommt. Vier Leitsätze, die dabei helfen, die inneren Daumenschrauben zu lockern:

Zusammen ist man weniger allein: Ehrlichkeit entlastet. Egal, ob auf dem Instagram-Account, beim Treffen mit der Schwester oder auf dem Elternabend: Zuzugeben, dass man selbst manchmal nicht weiter weiß oder frustriert ist, sorgt für Verständnis und Aha-Erlebnisse. Und hilft gegen das „Alle-anderen-sind-perfekt-nur-ich-nicht“-Gefühl.

Rosinen picken hilft: Web-Portal, Erziehungsberatung oder unser Heft – alles Fundgruben für Tipps, wie man das Familienleben noch besser, leichter, schöner gestalten kann. Super, dass es das gibt – aber bitte nicht unter Zugzwang setzen lassen. Sondern wählerisch sein: Was passt zu uns, was ignorieren wir nonchalant?

Kinder sind Kinder, kein Leistungsnachweis: Das können wir uns aufs Kopfkissen sticken, wenigstens mental. Merke: Es tut weder unseren Kindern gut, noch uns, noch unserer Beziehung, wenn wir ihre Noten, ihre Torchancen in der E-Jugend oder ihre Beliebtheit zur Grundlage unseres Selbstbewusstseins machen.

Viele Schultern helfen beim Tragen: Statt uns immer noch eine Schippe aufladen zu lassen, sollten wir den Druck verteilen und Hilfe einfordern: vom Partner, von der Politik, von unseren Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern. Für flexiblere Arbeitszeitlösungen, für ein modernes Rollenverständnis, für die Freiheit, auch mal nicht zu funktionieren. Ein dickes Brett, klar. Aber wer soll es bohren, wenn nicht wir?

„Vätern wird Lässigkeit eher verziehen“

Mütter, Mütter, Mütter – war da nicht noch was? Ach ja: in der Mehrheit der Haushalte lebt noch ein zweiter Elternteil! Männertherapeut und Buchautor Björn Süfke erklärt, warum die Ansprüche an Väter andere sind, aber oft nicht weniger schwer wiegen

Die 50:50-Quote ist in Sicht, wenigstens auf Google: Auf die Wortkombination „Perfektionismus“ und „Mütter“ spuckt die Suchmaschine rund 400.000 Treffer aus, tauscht man den zweiten Begriff gegen „Väter“, sind es immerhin 300.000. Was heißt das: Haben Väter mit ähnlich belastenden Ansprüchen zu kämpfen? Und was ist mit der Alltagserfahrung, die sagt: Klar sind Väter heute im Leben ihrer Kinder präsenter – aber den Hut auf hat trotzdem meistens die Mutter, ob freiwillig oder nicht?

„Auch heute noch empfinden Frauen die Mutterrolle meist stärker als Teil ihrer Identität, und fühlen sich schneller schuldig, wenn sie persönliche oder berufliche Interessen vor die Bedürfnisse ihrer Kinder stellen – von Männern wird erwartet, dass der Job oberste Priorität hat“, weiß Björn Süfke, Psychotherapeut, tätig in der Männerberatung und selbst engagierter Vater von drei Kindern. Ausnahme: Väter in Rollentauschbeziehungen, die sich teils ähnlich stark über ihre Kinder definieren wie sonst die Mütter.

In der Mehrheit der Familien läuft es allerdings so: Jede Seite bekommt Vorschusslorbeeren für das, was er oder sie vermeintlich am besten kann, muss sich aber umso stärker rechtfertigen, wenn sie sich entgegen der Erwartungen verhält. „Geht eine Mutter früher aus dem Büro, weil ihr Kind krank ist, kann sie eher mit Verständnis rechnen als ein Vater. Der soll dafür auch im Homeoffice mit drei Kindern noch reibungslos funktionieren.“ Auch eine Form von Perfektionswahn. Umgekehrt: Väter dürfen sich mehr Lässigkeit erlauben als Mütter, glaubt Süfke – aber nur, so lange nichts schief geht: „Wenn sie auf dem Spielplatz an Rand stehen und miteinander über Fußball reden, finden das alle ganz cool. Aber wehe, das Kind fällt vom Klettergerüst und bricht sich den Arm, dann heißt es: Klar, Kerle können‘s halt nicht.“ Der im Netz viel diskutierte Muttertags-Film einer Supermarktkette, der unfähige, überforderte Väter zeigt („Danke, Mama, dass du nicht Papa bist!“ (www.youtube.com/watch?v=9PLKVNBcF3s)

haute genau in diese Kerbe. Wenn Papa es nicht rafft, muss Mutti eben doch die Beste bleiben. Manche fanden’s lustig, Süfke kein Stück: „Das ist etwa so menschenverachtend wie Achtziger-Jahre-Blondinenwitze und Werbung, in der sich nackte Frauen auf Autoreifen rekeln.“ Seine Wunschvorstellung: „Wenn wir uns als Eltern weniger über das Mann- oder Frausein definieren könnten und vermeintlich natürlichen Zuständigkeiten, sondern mehr über unsere individuellen Werte und Eigenschaften, dann könnten wir uns auch gemeinsam vom Perfektionsdruck befreien.“

Was sagen Mütter dazu?

Nicht perfekt sein müssen heißt für mich….

…das Thema Erfolg nicht so hoch hängen

„Als unser ältester Sohn in die Schule kam, waren alle Mütter sich einig, jedenfalls scheinbar: bloß kein Leistungsdruck, die Kinder Kind sein lassen. Friede, Freude, Bullerbü. Bis einer seiner Freunde erzählte, seine Mutter lasse ihn jeden Tag zehn Extraminuten im Rechtschreibheft üben. Mathe ebenfalls, zusätzlich zu den Hausaufgaben. Erstaunt hörte ich mich um: kein Einzelfall! Die Lässigkeit war Fassade, dahinter wurde optimiert, was das Zeug hält. Ich habe mich entschieden, da nicht mitzumachen. Viele Talente lassen sich ohnehin nicht an Noten ablesen.“

Nathalie, 40, zwei Söhne, 9  und 7, eine Tochter, 3

…nicht alles selbst machen

„Mein Mann und ich haben einen Deal: Jeder ist primär zuständig für ein Kind, von den passenden Turnschuhen bis zum Geburtstagsgeschenkekaufen, und hält sich beim anderen heraus. Genau so klar haben wir die Haushaltsaufgaben geteilt, auch die Jungs ziehen mit: Socken gehören in den Wäschekorb, Jacke an den Haken. Wenn schmutzige Wäsche im Kinderzimmer auf dem Boden liegt, wird sie nicht gewaschen, Punkt. Da bin ich konsequent. Der Effekt: Wenn jeder klare Aufgaben hat, wird die Belastung besser verteilt, und es fällt nicht so schwer, den eigenen Part ordentlich zu machen.“

Katrin, 44, zwei Söhne, 10 und 11

….eigene Grenzen akzeptieren

„Ich glaube, für meine ältere Tochter war ich tatsächlich eine fast perfekte Mutter, jedenfalls habe ich mich bemüht: präsent, empathisch, ihre Bedürfnisse im Blick. In ihren ersten sieben Lebensjahren war sie mir nah wie überhaupt nie zuvor ein Mensch. Als vor anderthalb Jahren unser Sohn auf die Welt kam, war ich innerlich zerrissen: Auf einmal hatte ich zwei Kinder mit großem Altersunterschied, ganz unterschiedlichen Bedürfnissen, Interessen und Geschwindigkeiten, und ich kann meine eigene Hingabe nicht einfach verdoppeln. Mein Mann war gern bereit, sich als Vater mehr einzubringen, aber ich konnte schwer loslassen. Ich musste richtig um diese exklusive Beziehung zu meiner Großen trauern. Die Ansprüche an mich selbst herunterschrauben. Am schönsten ist es, wenn die Geschwister miteinander innig sind und ich verstehe: Sie müssen nicht nur verzichten, sie sind auch ein Geschenk füreinander.“

Myriam, 39, eine Tochter, 8, ein Sohn, eineinhalb

…nicht jede Mode mitmachen

„Kurz bevor meine Älteste fünf wurde sind wir nach Jahren im Ausland wieder nach Deutschland gezogen, und ihr Kindergeburtstag hat mich schlaflose Nächte gekostet: Verprellen wir ihre neu gefundenen Kita-Freunde, wenn wir kein teures Mega-Event veranstalten? Dann hatte ich die rettende Idee. Relativ simple Spiele, Topfschlagen und Co., aber ein Motto: Steinzeitgeburtstag. Stockbrotgrillen am Lagerfeuer, weglaufen vor dem Säbelzahntiger, Äxte basteln. Kam super an, seitdem halte ich mich daran, auch bei den beiden jüngeren: keep it simple. Ich mache diese höher-schneller-weiter-Spirale nicht mit, bei mir gibt es auch keine Mitgebseltüten. Denn das geht ja gerade so weiter: Heute Kindergeburtstag, morgen Abiball, übermorgen Junggesellenabschied…“

Simone, 48, drei Kinder (10, 13, 17)

…immer wieder: back to the roots

„Nach fast 20 Jahren als Mutter würde ich sagen: Es hilft, sich immer wieder zu besinnen, was man sich einmal für sein Kind erhofft hat. Wenn du bei der Schwangerschaftsvorsorge den Herztönen lauschst und dir wünscht, dass es glücklich sein möge und gesund. Das hat mir in Alltagssituationen geholfen, abzuwarten, ob sich manche Probleme allein lösen – mit drei Kindern und zwei berufstätigen Eltern bleibt einem ja auch gar nichts anderes übrig. Nicht wegen jeder Abweichung von der Entwicklungstabelle zum Kinderarzt, nicht jeden Elternbrief lesen. Was ich gelernt habe: Wenn ich gut für mich sorge und ein zufriedenes Leben führe, sind alle besser dran.“

Beate, 52, drei Kinder (14, 17, 19)

Kollegiales Coaching: Party mit Mehrwert

Vor fast zehn Jahren war ich eher zufällig als absichtlich Mitgründerin einer Journalistinnengruppe für kollegiales Coaching, von der seither alle Teilnehmerinnen in unterschiedlicher Form profitiert haben. Kostet nichts (außer Zeit), bringt viel (auch neue Aufträge), und passt zu fast allen Berufsgruppen. Der Text unten erschien erstmals 2016 auf dem 40-something-Blog (übrigens auch eine gemeinsame Gründung mit einer der Teilnehmerinnen), und ich möchte ihn aus aktuellem Anlass hier nochmal auf meine Seite stellen, weil mir das Thema Networking gerade sehr am Herz liegt. Die Geschlechterbezeichnungen darin sind nicht gegendert – auch daran sieht man, dass er ein paar Jahre auf dem Buckel hat – , aber die grundlegenden Tipps sind noch immer richtig…

Das Leben ist oft sehr prosaisch. Die besten Ideen für Texte habe ich meistens beim Putzen, die inspirierendsten Begegnungen im Einkaufszentrum. So auch an jenem Tag im Spätsommer vor über zwei Jahren, als ich mit meinen vollgepackten Tüten meiner Journalistenkollegin Inka begegnete, die ebenfalls schwer zu schleppen hatte. Wir stellten unsere Tüten ab, kamen ins Gespräch und fingen natürlich sofort an zu jammern. Das, was fast alle Journalisten seit Jahren tun. Auch die, die gut im Geschäft sind. Medienkrise, Schrumpfredaktionen, miese Honorare. Was tun? Umschulen wollten wir nicht, auswandern genau so wenig (und wohin auch?), reich heiraten fiel aus (verheiratet sind wir schon, nicht reich, aber glücklich). Coaching, das wär’s. Kostet aber eine Stange Geld, wenn man keinen Arbeitgeber hat, der das bezahlt. Aber, Moment mal – konnten wir das nicht auch ohne teuer bezahlte Anleitung? Einfach eine Gruppe von Gleichgesinnten zusammentrommeln und uns gegenseitig auf die Sprünge helfen? Schließlich ist es manchmal einfacher, Weitblick für ein anderes Leben zu entwickeln, als unsere eigene Situation reflektieren.

Eine bunte Truppe, die sich gegenseitig unterstützt

Kurz danach trafen wir uns zum ersten Mal: acht freie Journalistinnen zwischen Mitte 30 und Mitte 50, mit unterschiedlichen Arbeitsschwerpunkten, unterschiedlichen Lebenssituationen, unterschiedlichen Zielen, aber eine Gemeinsamkeit: Liebe zu unserem Job und dem Willen, neue Wege zu beschreiten. Aus diesem Einmal-Meeting ist mittlerweile eine regelmäßige Veranstaltung geworden: Etwa zwei Mal im Jahr treffen wir uns für ein kollegiales Coaching, überprüfen alte Zielsetzungen, korrigieren den Kurs, entwickeln gemeinsame Ideen. Esther und ich haben dort beide schon unsere Blog-Idee zur Diskussion gestellt, für andere Kolleginnen haben wir gemeinsam Kontakte geknüpft oder das Profil für ihre Website geschärft. Zum Glück haben wir mit Anne Otto eine Kollegin in unserer Runde, die nicht nur wunderbare Musik macht und hervorragende Texte schreibt, sondern zudem als Psychologin noch eine Coaching-Ausbildung hat – ihre Rolle ist jedoch eher die einer zurückhaltenden Moderatorin, die zu Anfang eines Coaching-Tages eine Aufgabe stellt, die uns hilft, uns klarer zu werden. Zum Beispiel so: Denkt darüber nach, was eure größten Erfolge mit 15, mit 20, mit 25 und mit 30 waren – gibt es da ein Muster in dem, was euch besonders stolz macht? Oder: zeichnet eine Zufriedenheitskurve über die letzten zwei Jahre, und findet dann in großer Runde gemeinsam heraus, wie ihr noch mehr an der Glücksschraube drehen könnt.

Kollegiales Coaching: funktioniert sogar ohne Profi

Eine Idee zum Nachmachen. Denn was wir für unseren Berufsbereich tun, funktioniert ja genau so gut für andere Branchen: ob freiberuflich oder fest angestellt, ob Reisebranche, im sozialen Bereich, in technischen Jobs, ob hochakademisch oder handfest-pragmatisch – eine solche Gruppe hilft ungemein, die eigene berufliche Situation einzuschätzen, neue Ideen zu entwickeln, sich über Ziele und Richtungen klarzuwerden, und auch das Nachdenken über die konkreten Jobfragen anderer rückt manchmal im eigenen Kopf etwas zurecht. Natürlich ist es hilfreich, wenn eine Teilnehmerin mit Coaching-Background dabei ist, aber unbedingt notwendig ist das nicht – vorausgesetzt, man beachtet ein paar Regeln.

Die Gruppe: Wir sind acht – das ist eine hervorragende Zahl. Aus meiner Erfahrung würde ich sagen: Nicht weniger als fünf, nicht mehr als zehn Mitglieder. Werden es zu wenige, bekommt die kollektive Phantasie nicht genügend Futter, werden es zu viele, kommt der Einzelne nicht genügend Raum. Es ist von Vorteil, wenn die Mitglieder alle aus der gleichen Branche kommen, einfach, weil ihnen Arbeitsabläufe, Hierarchien, typische Situationen vertraut sind – Branchenfremde haben zwar manchmal einen frischen Blick und originelle Ideen, die sind aber selten wirklich brauchbar. Ganz wichtig: Die Gruppe nicht jedes Mal neu zusammensetzen, wenn man wirkliche Kontinuität haben möchte. Es ist sinnvoll, wenn sich alle Beteiligten nach einer Weile gut genug kennen, so dass man sich lange Erklärungen und Vorreden sparen kann. Ein weiteres Thema, das man vorab klären sollte: reine Frauengruppe oder gemischt? Ich finde den Austausch unter Frauen angenehm, einfach, weil viele von uns ähnliche Prioritäten setzen (etwa: den Ausgleich zwischen Familie und Job), weil keine von uns Scheu hat, auch private Themen mit einzubringen, und weil wir nicht in einen Konkurrenz-Modus geraten. Der Austausch in einer gemischten Gruppe hätte vermutlich eine etwas andere Chemie, mit Vor- und Nachteilen.

Die Moderation: Klar, nicht jeder kennt eine ausgebildete Trainerin, die ihr psychologisches Knowhow einbringt. Muss aber auch nicht sein: Wichtig ist vor allem, dass eine Person in der Gruppe auf Redezeiten achtet, sich eine Struktur überlegt, und ein bisschen genauer zuhört: Bei welchem Thema geraten Teilnehmer in Begeisterung, wo wird ihre Sprache lebendig, wo wird’s emotional? Man kann den Staffelstab auch jedes Mal weitergeben, so dass jeweils eine andere sich für das Gelingen des Tages besonders verantwortlich fühlt.

Der Ort: Ich habe mal einen ganz wunderbaren, branchenübergreifenden Frauen-Coachingtag mit der Kommunikationstrainerin Susanne Westphal erlebt, der in einem Spa stattfand. Da saßen wir uns dann nackt in der Sauna und im Außen-Whirpool gegenüber und besprachen Geschäftsideen und Jahresziele. Kann man durchaus machen (allerdings kann es dann auch passieren, dass andere Saunagäste sich über die Schnatter-Truppe beschweren, nicht ganz zu Unrecht). Ich selbst finde eine neutrale Büro-Umgebung allerdings besser. Klar darf der Spaß-Teil nicht zu kurz kommen: Nach Abschluss ziehen wir abends immer noch in die nächste Bar um (auch das könnte man zur Abwechslung mal in die Sauna verlegen!)

Die Häufigkeit: Mit zwei Mal jährlich fahren wir gut. Noch häufiger ergibt wenig Sinn, in der Regel ändern sich berufliche Situationen und Fragestellungen ja nicht im Monatstakt – noch seltener wäre zu wenig. Ein Treffen in höherer Frequenz kann für manche Berufsgruppen aber sicher auch Sinn ergeben, z.B. wenn alle gemeinsam eine neue Aus- oder Weiterbildung machen, bei der viele Weichen neu gestellt werden.

Die Tagesordnung und das Thema: Ganz wichtiger Punkt. Beim allerersten Treffen geht es sicherlich erstmal um ein gegenseitiges Kennenlernen und eine Bestandsaufnahme: Wer bin ich, welchen beruflichen Weg habe ich hinter mir, wo will ich hin, was ist meine aktuelle Fragestellung? Aber bei den weiteren Terminen ist es sinnvoll, sich einen Schwerpunkt zu setzen. Wir als freiberufliche Einzelkämpferinnen hatten zum Beispiel ein tolles Treffen, bei dem es ausschließlich um Selbstmarketing ging, für eine andere Gruppe mit Festangestellten könnte es z.B. um Strategien in Gehaltsgesprächen oder Kommunikation im Arbeitsteam gehen. Auch eine Tagesordnung sollte man sich unbedingt setzen: Kurze Begrüßungsrunde vorab, dann die Focussierung auf den Schwerpunkt. Mir persönlich hilft es sehr, wenn unsere Moderatorin Anne uns etwas zeichnen lässt, beim letzten Mal z.B. zwei Stimmungskurven über den Verlauf der letzten Jahre: Wann ging es mir privat gut, wann nicht, und wie war das beruflich? Gibt es ein erkennbares Muster dabei? Welche Erfolge haben mich gekickt, welche Situationen bedrückt? Es strukturiert die eigenen Gedanken, wenn man anschließend reihum so ein Chart vorzeigt, erklärt und sich Feedback geben lässt. Ganz wichtig: Pausen einplanen, darauf achten, dass jeder ähnlich viel Rede- und Diskussionszeit bekommt, und die Reihenfolge von Treffen zu Treffen ändern. Erfahrungsgemäß ist die Runde einfach bei den ersten Teilnehmern frischer, bei den letzten schon etwas ermattet.

Vertraulichkeit: Versteht sich fast von selbst, ist aber trotzdem wichtig, sich vorher zuzusichern: Nichts, was in dieser Runde besprochen wird, verlässt den Raum – vor allem natürlich, wenn es um Dritte geht, also unangenehme Chefs, intrigante Kollegen, Jobwechsel-Gedankenspiele, die der Vorgesetzte nicht erfahren sollte, natürlich auch Zahlen aller Art (Umsätze, Verkäufe, Gehalt, Honorare…)

Zielsetzung: Je klarer die Zielsetzung des einzelnen, desto besser lässt sie sich in der Gruppe überprüfen. Was will ich erreichen, bis wann und wie – diese Fragen sind schon mal eine gute Maßgabe, und die Gruppe kann helfen, sich selbst darüber klar zu werden. Aber man muss auch nicht aus jedem Coachingtag geistige Bundesjugendspiele machen, nach dem Motto: Wie schaffe ich’s höher, schneller, weiter? Wir haben zum Beispiel eine Frau in der Gruppe, die eigentlich völlig zufrieden ist mit ihrer Work-Life-Family-Balance und ihren Aufträgen, was immer sehr gute Stimmung in der Gesprächsrunde macht – die fragt sich einfach nur, wie sie den guten Status Quo erhalten kann. Auch dazu kann man Ideen sammeln. Ebenfalls wichtig: zwar sind private Themen oft bei uns auf der Tagesordnung, einfach, weil sie eng mit dem Berufsleben verknüpft sind – ich kann und will z.B. nicht Vollzeit und ganztags arbeiten, weil ich spüre, dass meine Kinder die freien Nachmittage zu Hause brauchen – , aber man sollte sich nicht in privaten Anekdoten verzetteln. Dazu gibt’s ja abends die Belohnungs-Bar. Oder die Sauna.

„Ein paar Wochen lang haben wir Utopie gespielt“

Barbara Bleisch, Buchautorin, Philosophin und TV-Moderatorin („Sternstunde Philosophie“), glaubt: Die Pandemie wird vieles dauerhaft verändern – von Arbeit bis Körperkontakt. Das ist aber nicht nur Grund zur Freude.

BRIGITTE: Als die Krise im Frühjahr Deutschland erreichte, war da neben Ängsten auch Aufbruchstimmung. Menschen träumten von Entschleunigung, neuer Solidarität, einer Chance für ökologischen Umbau … was ist daraus geworden?

Barbara Bleisch: Ja, es war ein Schrebergartenidyll: Kinder spielen auf der Straße, Flugzeuge bleiben am Boden, Angebote für Nachbarschaftshilfe hängen an jedem Laternenpfahl. Aber die Vision war nicht nachhaltig. Wir haben nur eine Zeitlang Utopie gespielt.

Die Pessimisten haben Recht behalten, nicht nur, was die zweite Welle betrifft?

Das lässt sich abschließend noch nicht sagen, denn die Krise ist noch immer zu frisch, und wir befinden uns nach wie vor in einer Schockstarre. Ich denke, sie hat gesellschaftlich viele Entwicklungen angestoßen, aber es ist noch nicht klar, wohin die Reise geht. Etwa in der Politik: Mich hat die Selbstwirksamkeit des politischen Systems hoffnungsvoll gestimmt, wie man klare Prioritäten für die Schwächeren gesetzt hat, gegen die Eigenlogik der Wirtschaft. Aber jetzt sieht man die Kehrseite: ein schleichendes Misstrauen der Bürger, wenn zu lang an den Parlamenten vorbei regiert wird, und die berechtigte Angst, autoritäre Regime könnten die Einschränkung der Freiheitsrechte für sich ausnutzen. Was auch klarer als zuvor geworden ist: Politik braucht den öffentlichen Raum, der virtuelle reicht nicht aus.

Aber durch die Erschütterungen ergeben sich ja auch Chancen. Etwa in der Arbeitswelt, weil vom Zwang zu flexibleren Modellen gerade Frauen und Familien profitieren.

Auch das ist zweischneidig. Klar helfen Homeoffice-Lösungen arbeitenden Eltern –aber Arbeitgeber entziehen sich auch ihrer Verantwortung, wenn sie diese Entwicklung nutzen, um zum Beispiel Bürofläche einzusparen. Außerdem sind Frauen auch in der Arbeitswelt überproportional gefährdet: Zum einen, weil in ökonomischen Krisen Teilzeitjobs meist als erstes abgebaut werden, zum anderen, weil viele in Care-Berufen arbeiten. Und ich fürchte, aus der erhofften Revolution in diesem Bereich, mit besserer Bezahlung und besseren Bedingungen, wird nichts – wenn die Wirtschaft weiter einbricht, wird das genau so wenig finanzierbar sein wie eine grüne Wende. Auf der Positivseite sehe ich, dass jetzt wieder intensiver über Modelle für ein Grundeinkommen diskutiert wird.

Die Coronakrise hat uns zwangsläufig häuslich gemacht. Wir sind auf unseren Wohnort zurückgeworfen, Nachtleben findet nicht mehr statt, Kultur kaum noch. Kommt ein neues Biedermeier – und ist das eher Bedrohung oder eher Sehnsuchtsort?

Wenn einige Entwicklungen korrigiert werden, die ausgeufert sind, ist das sicher gut – Stichwort Reisen und ökologischer Fußabdruck. Aber insgesamt macht es mir eher Sorgen, dass alles so eng wird, das Denken wie die geographischen Grenzen. Warum denken wir bei Schutzmaßnahmen und neuen Lockdowns zum Beispiel nicht in europäischen Regionen, sondern jeder Nationalstaat kocht sei eigenes Süppchen oder macht sogar Grenzen wieder dicht? Corona hat uns die Kehrseite der Globalisierung gezeigt, die Verwundbarkeit, die aus dem internationalen Zusammenrücken entsteht, und es ist noch offen, was das mit unserer Wahrnehmung macht: Fühlen und leiden wir eher mit weit entfernten Menschen mit, weil wir durch das Virus im selben Boot sitzen, oder schotten wir uns dauerhaft stärker ab?

Das gilt ja auch im Nahbereich, Stichwort Kontaktbeschränkungen.

Das stimmt mich besonders nachdenklich. Auch wenn wir Corona durch Impfstoffe und bessere Therapien in den Griff bekommen, der Blick auf unser Gegenüber als gefährlichen Virenhaufen könnte zum Dauerzustand werden. Covid 19 ist ja nur ein Virus von vielen. Aber wenn wir uns den Händedruck komplett abgewöhnen, oder Gesten, etwa, dass wir im Gespräch jemandem beruhigend die Hand auf den Arm legen, dann nehmen wir uns auch die Möglichkeit, Konflikte aus der Welt zu schaffen.

Sie als Philosophin: Empfinden Sie das Denken in Krisenzeiten eigentlich als Trost?

Eigentlich ist die Philosophie eher die Kunst des Zweifelns und des Fragestellens, also per se nicht unbedingt tröstlich. Dennoch ist etwas dran: Der Dichter Gottfried Benn hat vom „Gegengewicht Geist“ gesprochen, das heißt, durch Denken kann man Distanz schaffen, sich ins Verhältnis setzen zum Weltgeschehen, und wird dadurch weniger von Gefühlen überwältigt. Nicht umsonst ist gerade die Philosophie der antiken Stoiker wieder sehr im Kommen, inklusive Websites und Newslettern wie „Daily Stoic“.

Was hat denn eine über 2000 Jahre alte Denkrichtung zur Pandemie zu sagen?

Von Denkern wie Seneca und Marc Aurel können wir lernen, was man etwa auch aus der modernen Yogapraxis kennt: die eigenen Gefühle wahrnehmen und einordnen, ohne sich allzusehr mit ihnen zu identifizieren. Weniger zielorientiert zu denken, sondern mehr im Moment zu leben. Etwa: Sport machen, weil ich mich dabei gut fühle, nicht, um abzunehmen. Ein Instrument spielen, weil es Freude macht, nicht, um mich ständig zu verbessern. Diese Haltung hilft, Krisen zu bewältigen – nicht nur Corona.