„Menschen werden immer füreinander einstehen“

Für das Corporate-Magazin „Enkelfähig“ habe ich im April 2018 eine Gesprächsrunde moderiert zum Thema „Zukunft der Familie“. Eine spannende, auch kontroverse Diskussion!

 

Die Diskussionsteilnehmer:

Ines Imdahl, 51, ist Diplompsychologin und Gründerin des „Rheingold Salon“, eines Unternehmens mit dem Schwerpunkt Kultur- und Frauenforschung. Mit ihrem Mann hat sie vier Kinder und lebt in Köln.

Sarah Diehl, 39, ist Aktivistin und Schriftstellerin. Sie setzt sich mit der Organisation Ciocia Basia für ungewollt schwangere Frauen in Ländern ein, in denen Abbrüche gesetzlich verboten sind; 2015 veröffentlichte sie das Sachbuch „Die Uhr, die nicht tickt – kinderlos glücklich“ (Arche). Sarah Diehl lebt in Berlin in einer WG.

Andreas Rödder, 51, ist Professor für neueste deutsche Geschichte an der Uni Mainz. Seine Bücher (zuletzt: „21.0 – eine kurze Geschichte der Gegenwart“, C.H. Beck) richten sich an ein breiteres Publikum. Er ist Mitglied der CDU, verheiratet und Vater dreier Töchter.

Verena Carl: Ehe für alle, Patchwork, Regenbogen-Paare – historisch gesehen scheinen Familienformen immer bunter und vielfältiger zu werden. Oder, Herr Rödder?

Rödder: Ja und nein. Gerade für die alte Bundesrepublik haben wir ein Modell im Kopf, das wir für eine Art Normalnull halten: die Fünfziger und Sechziger Jahre, mit der klassischen Familie aus Vater, Mutter, Kindern, wie im Rama-Werbespot. Dabei ist das die historische Ausnahme. Familie ist zwar eine Konstante, schon immer haben Menschen ihr Leben miteinander geteilt. Aber die Form wandelt sich ständig: etwa von der ländlich-agrarischen Großfamilie zur bürgerlichen Kleinfamilie. Verwitwete, Wiederverheiratete, Alleinerziehende, das gab es immer. Neu ist die Pluralität von Lebensformen im Sinne von Wahlfreiheit.

Diehl: Ich frage mich dabei immer: Warum haben wir solche Angst, uns innerlich vom klassischen Konzept der Familie freizumachen?

Mann und Frau verlieben sich, bekommen Nachwuchs – was stört Sie daran?

Diehl: Nichts, das soll jeder halten wie er will! Was mich stört, sind diese pseudo-biologischen Argumente – was ist vermeintlich „natürlich“, was ist „weiblich“? Gehört ein Kinderwunsch zum Frausein? Ich denke, dass das Mutterideal eine geschlechtliche Arbeitsteilung zementieren soll, damit Frauen unbezahlte Fürsorgearbeit machen, unsere ganze Ökonomie basiert darauf. Gleichberechtigung ist nicht erreicht, nur weil Frauen in die Männerbereiche wie Lohnarbeit vorgedrungen sind.

Sie haben sich gegen leibliche Kinder entschieden und leben in einer Gemeinschaft mit Freunden. Müssen Sie sich dafür rechtfertigen?

Diehl: Nicht in meinem Umfeld, das habe ich mir ja selbst gesucht. Aber dennoch begegnet mir die Unterstellung, meine innere Uhr müsse ticken. Häufiger von Männern als von Frauen. Darüber kann ich nur noch lachen.

Imdahl: Mit Ihrer Lebensplanung sind Sie die Ausnahme. Der Trend geht in eine andere Richtung. Wir haben für den Rheingold-Salon gerade 19- bis 29jährige nach Kinderwunsch und Familienplanung befragt. Auch wenn sie noch so tolerant sind gegenüber anderen Lebensentwürfen, 80 Prozent der Befragten wünschen sich eine klassische Familie. Frauen wie Männer. In der Werteskala steht die Familie sogar über der Liebe zu Partner, übrigens auch die Freundschaft. Ein echter „Game Change“, den ich in 25 Jahren als Psychologin nicht erlebt habe.

Obwohl sicherlich viele dieser jungen Leute aus eigener Erfahrung wissen, dass Familien zerbrechen können….

Imdahl: Gerade deshalb! Die Sehnsucht nach Stabilität erwächst aus Kontrollverlusten. Nicht nur die Herkunftsfamilie kann sich als brüchig erweisen, auch die Gesellschaft gibt keinen oder wenig Halt. In den letzten 15 Jahren haben Kinder so sprechen gelernt: Mama, Papa, Krise. Ob Migration oder Finanzmärkte, immer tun sich neue Unsicherheiten auf. Darauf reagieren junge Menschen mit dem Versuch, die Kontrolle zurück zu gewinnen: Sie gehen extrem diszipliniert mit dem eigenen Körper um, kleiden sich konservativ, tun alles dafür, dass die eigene Familie heil bleibt.

Klingt nach ziemlich viel Druck.

Imdahl: Mehr Freiheit bedeutet immer auch mehr Druck. Studieren, eine Familie gründen, dabei auch noch gut aussehen – das sind ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr Optionen, sondern Pflichten. Dann kommen die Fragen: Wieso hast du kein Kind? Du brauchst doch keinen Mann dafür, geht doch heute auch anders. Oder nach einer Geburt: Wieso ist der Bauch nicht weg nach drei Monaten?

Rödder: Diese Zunahme an Maximen und Imperativen ist typisch für die Moderne! Die bürgerliche Familie ist ihr Produkt, ihr Spiegel, und gleichzeitig ihr Gegenentwurf. Denn die industrielle Gesellschaft ist geprägt von Markt, Arbeitswelt, Mobilität. Die Familie ist der Ort der Emotion, der Geborgenheit, Zugehörigkeit, jedenfalls in ihrer idealen Ausprägung. Und die Frage ist immer, was man wie bewertet. Bis in die Fünfziger galt es als Privileg, wenn Mutti kein Geld mehr verdienen musste. Dann hatte die Arbeiterfamilie es geschafft. Heute nehmen wir das im Zusammenhang mit patriarchalischen Geschlechterverhältnissen wahr.

Diehl: Ich habe den Eindruck, Mutterschaft ist Teil der Leistungsgesellschaft geworden. Frauen machen einander Konkurrenz, weil sie immer noch mehr Anerkennung im Privatleben bekommen als im Beruf: Wer gibt sich selbst am stärksten auf in der Erziehung? Wer macht sein Kind am besten fit für die moderne Arbeitswelt?

Imdahl: …und Männer haben sich da elegant rausgehalten. Die neue Norm bei jungen Familien ist: Er 40 Stunden, sie Zuverdienerin. Hausarbeit und Kinderbetreuung bleiben zum Großteil an ihr hängen.

Diehl: Gleichberechtigung kann aber nur funktionieren, wenn Männer auch die Arbeit machen, die von Frauen erwartet wird.

Aber haben sich familiäre Rollen nicht doch nachdrücklich verändert, wenn heute vermehrt junge Väter Auszeiten nehmen und sich Babys im Tragetuch vor die Brust binden?

Rödder: Ganz offenkundig. Sowohl die Beziehungen zwischen Partnern als auch zwischen Eltern und Kindern sind ganz andere als bis in die Sechziger, als Kinder eher Befehlsempfänger waren als gleichwertige Familienmitglieder. Gleichzeitig sind die Verantwortlichkeiten für Lebensbereiche doch sehr konstant geblieben.

Imdahl: Ich bin ja dafür, dass Frauen wie Männer sich frei entscheiden können, wie sie ihr Leben gestalten. Aber wenn eine Mutter freiwillig zu Hause bleibt, führt das zu negativen Konsequenzen für Unterhaltsansprüche, Altersabsicherung und so fort.

Rödder: Es hat oft ungeahnte Folgen, wenn man einen Entwurf aufwertet – so wie die Politik der letzten 15 Jahre den der berufstätigen Mutter – und dagegen einen anderen abwertet. Setzen wir einseitig Anreize für eine paritätische Aufgabenverteilung zwischen Müttern und Vätern, und übergehen damit individuelle Entscheidungen? Das ist die Gratwanderung einer liberalen Gesellschaft.

Könnte das auch der Grund sein für jene erzkonservative Gegenbewegung, die sich in Gruppierungen wie der AfD oder den „Besorgten Eltern“ formiert?

 Rödder: Ja, es kommt zu einer Polarisierung von Leitbildern. Wenn die Familienministerin keine Partei mehr für die Vollzeitmutter ergreift, dann ist diese vielleicht froh, wenn eine konservative Publizistin wie Birgit Kelle das tut. Weil sonst ihre Erfahrung in der öffentlichen Wahrnehmung kaum noch vorkommt.

Frau Diehl, bei einer freiwillig kinderlosen Frau wie Ihnen denken sicherlich viele Menschen: Beruf und Karriere waren ihr wohl wichtiger.

 Diehl: Ein Vorurteil. Auch von Frauen, die ich für mein Buch interviewt habe, habe ich gehört: Wenn ich mich diesem Mutterideal ausliefere, dann muss ich mich immer daran abarbeiten. Das will ich nicht. Ein weiteres Vorurteil ist: Kinderlose sind egoistisch. Dabei kann ich mich viel stärker gesellschaftlich engagieren, wenn ich nicht in der Kleinfamilie eingebunden bin. Ich bin eine heiße Verfechterin von sozialer Elternschaft und würde gern Familie nicht nur biologisch definieren, sondern als Netzwerk von Menschen, die aus freien Stücken verbunden sind und sich umeinander kümmern.

Aber wie belastbar ist das – in Krisenzeiten und Notsituationen?

Diehl: Gegenfrage: Wie belastbar sind Ehen? Ich glaube eher, in der typischen Konstellation sind tendenziell viele überfordert. In Kanada gibt es seit vier Jahren das „Social Guardianship“-Gesetz, da können bis zu vier Personen mit den gleichen Rechten und Pflichten für ein Kind da sein. Zum Beispiel ein alleinerziehender Elternteil, der kinderlose Freunde mit hineinnimmt in die Verantwortung. Das finde ich zukunftsweisend.

Ist es überhaupt nötig, dass der moderne Staat neuen Beziehungsformen einen rechtlichen Rahmen gibt?

Rödder: Im Grunde könnte man sagen: alles Privatsache. Ich halte den staatlichen Eingriff aber aus zwei Gründen für gerechtfertigt: Zum einen das Kindeswohl, weil ein Kind sich nicht schützen kann; zum anderen das Gemeinwohl, im Sinne der Bereitschaft, füreinander einzustehen. Das müsste aber nicht auf Ehe oder biologischer Elternschaft beruhen.

Diehl: Sage ich doch! Deshalb halte ich es auch für eine Sackgasse, dass wir so sehr an der Idee leiblicher Elternschaft hängen. Etwa wenn ich daran denke, was Frauen sich und einander antun, um auf medizinischem Wege ein Kind zu bekommen. Ich finde es recht tragisch, wenn Menschen glauben, dass sie ihr Bedürfnis nach Liebe und Gemeinschaft nur über biologische Nachkommenschaft herstellen können und damit ziemlich gewaltsame Strukturen etablieren. Leihmutterschaft und Eizellenspende sind zu einem brutalen Millionengeschäft geworden. In der dritten Welt wird die ökonomische Not ausgebeutet, in den westlichen Ländern unterziehen sich Frauen quälenden Hormonbehandlungen und medizinischen Eingriffen.

… weil sie sich nun einmal sehnlichst ein Kind wünschen.

Diehl: Das kritisiere ich nicht, auch nicht die Technologie an sich. Ich würde nur die Frage stellen: Warum müssen es die eigenen Gene sein? Was ist daran so wichtig?

Imdahl: Der medizinische Fortschritt führt dazu, dass wir uns nicht mehr damit abfinden müssen, wie wir geboren sind – ob unsere Nase schief ist oder unsere Fruchtbarkeit eingeschränkt. Was die Ausbeutung angeht, bin ich ganz bei Ihnen, Frau Diehl. Aber die neuen Technologien schaffen auch Freiheitsgrade. Junge Frauen sagen: Wenn der Traumprinz nicht kommt, dann lasse ich meine Eizellen einfrieren. Oder ich fahre nach Holland und lasse mich künstlich befruchten. Und parallel suche ich mir online jede Woche einen neuen Sexpartner.

Rödder: Im Grunde sehen wir auch hier, wie sich die moderne Gesellschaft immer weiter ausdifferenziert: Sexualität und Reproduktion werden voneinander abgekoppelt. In die eine Richtung gibt es das schon lange, durch sichere Schwangerschaftsverhütung. Dass umgekehrt Fortpflanzung ohne Sexualität möglich ist, das ist historisch neu.

Ist das ein Gewinn oder eine Bedrohung?

 Rödder: Das lässt sich nicht seriös beantworten. Allerdings: Häufig stellt sich erst mit großer Verzögerung heraus, welche Folgen Entwicklungen haben. Denken Sie daran, dass Teile der Grünen in den Achtzigern Sex mit Minderjährigen legalisieren wollten….

Imdahl: Die katholische Kirche hat es leider Jahrhunderte lang im Verborgenen gemacht!

Rödder: Schlimm genug. Ich frage mich dennoch, von welchen aktuellen Entwicklungen Psychologen in 25 Jahren sagen werden: Was habt ihr den Kindern angetan? Beim Thema Kindeswohl bin ich besonders konservativ. Auch, wenn es um die „Ehe für alle“ geht: So lange erwachsene Partner sich dazu entscheiden, kein Einwand, wenn Kinder involviert sind, wäre ich viel vorsichtiger.

Schwierige psychische Umstände gibt es doch gerade auch in der klassischen Kernfamilie – bis zu Gewalt und Missbrauch. Während nach Studienlage Kinder in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften geborgen aufwachsen können.

Rödder: Alles richtig. Ich habe ja nicht behauptet, man müsste alles beim Alten belassen. Ich würde eine solche Gesetzesentscheidung nur nicht übers Knie brechen.

Diehl: Mit diesem Argument kann man jede progressive Idee im Keim ersticken. Das wichtigste ist doch, dass Kinder stabile Bezugspersonen haben. Warum nicht zwei Männer, zwei Frauen oder eben mehrere Erwachsene? Mir hat auf einer Lesung einmal eine ältere Frau erzählt, dass sie auf dem Bauernhof aufgewachsen ist und ihre Kindheit sehr schön empfand, weil es viele verschiedene Leute gab, die sich um sie kümmerten. Die Isolierung in der Kleinfamilie empfand sie als historischen Unfall.

Blicken wir noch nach vorne: Wie sehen Familien in 20 Jahren aus? Und welchen Anteil haben die Themen unserer Gegenwart daran?

Imdahl: Digitalisierung verändert, wie Menschen zusammen finden. Man spricht ja heute schon von Tinder-Babys und Tinder-Hochzeiten, nach dem Namen einer Dating-App. Das ist ähnlich beim Thema medizinische Eingriffe, das wird so schnell voranschreiten, dass Gesetzgebung, gesellschaftliche Regeln und Normen kaum hinterher kommen. Neue Technologien sind ein mächtiger Treiber für gesellschaftliche Veränderungen.

Ein weiterer Aspekt: Wird sich Deutschland verändern, wenn Migranten ihre eigenen Vorstellungen von Familie und Geschlechterbeziehungen mitbringen?

Imdahl: Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Ich bin meilenweit von AfD-Positionen entfernt und sehe das individuelle Leid von Flüchtlingen. Ich denke aber schon, dass das Familienbild einiger weniger uns gesellschaftlich zurückwerfen kann. Ich möchte hier keine Männer haben, die Frauen begrabschen, schlagen, ihnen das Rad- und Autofahren verbieten oder ihren achtjährigen Töchtern ein Kopftuch vorschreiben.

Diehl: Ich will diese Ängste nicht wegwischen, Frau Imdahl. Aber liegt das nicht auch am schweren Stand der Migranten? Wird die vermeintliche Ehre der Frau nicht auch deshalb so hochgehalten, weil sie das Einzige ist, an dem sie sozialen Status darstellen können? Ich finde die AfD bedrohlicher für meine Freiheit als Frau.

Rödder: Wir erleben eine zweifache Doppelmoral: Auf der einen Seite geben sich Menschen plötzlich als Frauenrechtler, die damit nur ihre eigene Islamophobie ummänteln. Auf der anderen sind jene, die einer biodeutschen Vollzeitmutter ihr Lebensmodell absprechen, aber bei einer vollverschleierten, nicht erwerbstätigen Muslima sagen: Das ist kulturelle Diversität. Da stimme ich Frau Imdahl zu, die Schwierigkeiten würde ich nicht unterschätzen. Als Historiker ist mir eines wichtig: Offenheit im Blick auf die Zukunft. Sowohl für Risiken als auch für Chancen.

Und die wären?

Rödder: Meine Prognose ist: Punkt a, die Zukunft wird anders als die Gegenwart. Punkt b, sie wird auch anders, als wir sie uns vorstellen. Weil zu allen Zeiten unvorhergesehene Ereignisse den Gang der Geschichte verändern. Aber eines wird wohl nicht verschwinden: dass Menschen, in welcher Form auch immer, gemeinsam leben und füreinander einstehen. Familie wandelt sich permanent ­– und bleibt.

 

Mehrere kurze Videoclips der Teilnehmer gibt’s in der Online-Version des Magazins hier zu sehen.

 

 

 

 

 

Tanzen auf Rädern

Conny Runge (40) trägt gern neonfarbene Shirts, hat eine imposante Tattoo-Sammlung und arbeitet neben ihrem Job auch als Zumba-Trainerin. War da noch was? Ach ja: Sie sitzt dabei im Rollstuhl. Das hat mich beeindruckt und ich habe mich gefreut, dass ich ein Porträt über sie für die BARBARA schreiben durfte – veröffentlicht im Mai 2018

Es gibt Orte, an denen ist man sofort per du. Dort, wo das Leben zu leicht ist für Förmlichkeit: Ferienclub, Fitnessstudio. Oder dort, wo es zu schwer ist, um Distanz zu wahren: Selbsthilfegruppe, Notaufnahme. In der Zumba-Stunde der Rehaklinik „Godeshöhe“ in Bonn gilt beides.

Ein Donnerstag im Frühling, 11.15 Uhr. „Geht’s euch allen gut?“, ruft Trainerin Conny Runge. Blonder Zopf zum neonfarbenen Shirt, breites Lächeln, leicht sächsischer Zungenschlag. Der Hallenboden ist grün, durch die Fenster dringt blasses Licht ins Souterrain. Salsa-Bläsersätze plärren aus dem Lautsprecher. Hände bewegen sich durch die Luft, mal zaghaft, mal gekonnt. Schultern rotieren rhythmisch. Als könnten die Teilnehmer jeden Moment aufspringen und tanzen. Aber das wird nicht geschehen. Die fünf Männer und die drei Frauen werden ihre Beine wohl nie wieder bewegen können. Sie sitzen im Rollstuhl. Genau wie ihre Trainerin.

„Man behauptet ja gern mal unbedacht: Wenn ich querschnittsgelähmt wäre, ich würde mich umbringen.“ Conny schüttelt amüsiert den Kopf, wenn sie an ihr eigenes, früheres Ich denkt. 19 war sie, schwang im Karnevalsverein ihrer Lausitzer Heimat als „Funkemariechen“ die Beine, studierte Sport, war zum ersten Mal ernsthaft verliebt. Ein Leben in Bewegung, bis zur Vollbremsung: eine Party, das Fenster offen, sie auf dem Sims, ein Bekannter, der sie erschreckte, so dass sie das Gleichgewicht verlor. Vier Meter tiefer prallte sie mit dem Rückgrat auf einen Betonpfeiler, in Höhe des siebten Brustwirbels. Als ihre Freunde gelaufen kamen, bat sie: Nehmt mal meine Beine auf den Boden, die stehen so komisch hoch. Die anderen sahen sie entsetzt an: Conny, die sind doch unten! „Da wusste ich instinktiv: Ich werde nie wieder laufen.“

Aber, ernsthaft: sich umbringen? Keine Frage für die Tochter eines Sportlehrerpaars. „Ich hab von meinem Vater den Kampfgeist, von meiner Mutter das Gefühlvolle. Ich wollte einfach nur leben.“ Auch wenn sie sich von vielem verabschieden musste: bauchfreie Shirts, 15 Kilo an Beinmuskulatur, sogar von ihrer ersten großen Liebe: „Ich habe ihn regelrecht weggestoßen, habe gesagt: Schau mich an, was willst du noch mit mir?“ Die Grenzen ihrer Welt verliefen jetzt anders. Zwischen „Rollis“ und „Fußgängern“. Zwischen vorher und nachher.

Nun steht wieder alles auf Anfang. Conny sattelt um auf ein Maschinenbaustudium, besorgt sich ein Auto mit Handgas, lässt sich von ihren Freunden zu Party und Picknick schieben, trainiert ihr neues Leben, als wär’s eine olympische Disziplin. Und noch etwas treibt sie an: der Sport. Sie fährt einen Liegebike-Marathon auf Lanzarote mit, singt beim Kundalini-Yoga Mantras, spielt Basketball. Spaß macht ihr vieles, ganz das Richtige ist es nie. Das Bike braucht zu viel Platz, vom Basketball tun ihr Schultern und Handgelenk weh. Yoga? Nichts für eine quirlige Frau, die spricht und gestikuliert, als käme sie aus Palermo statt aus Sachsen. Dann freundet sie sich mit der Physiotherapeutin Jacqueline an, die Zumba-Kurse für Neurologie-Patienten gibt. Und Conny dazu einlädt. Bämm – Volltreffer. „Die Musik, die Lebensfreude, und dann noch ein Sport, den man immer und überall machen kann – ich war sofort angefixt. Sofort habe ich mir eigene Choreographien ausgedacht, für die man nur Arme und Schultern braucht.“

Es bleibt nicht beim Mitmachen. Conny möchte selbst Kurse leiten, neben ihrem Job bei einer Firma für Rehatechnik. Aber in Deutschland hat alles seine Ordnung, sogar Fitness-Funsport. Wer als Zumba-Trainerin arbeiten will, braucht einen Schein. Und so steht sie an einem Spätsommertag vor zwei Jahren mit ihrem Rollstuhl vor einer Trainingshalle. Davor ein paar Stufen, aber keine Rampe. „Ich da unten, und 40 Fußgänger, die auf mich herunterschauten. Alle die gleiche Frage im Blick: Was macht die hier? Das habe ich mich in dem Moment auch gefragt.“ Aber wenn man Conny Runge heißt, scheitert man nicht so schnell. Schon gar nicht an einer Treppe. Zwei Tage darauf hat sie ihr Zertifikat, kurz darauf veranstaltet sie mit Freundin Jacqueline die erste Zumba-Inklusions-Party Deutschlands: Tanzschritte für die Fußgänger, Arm-Choreographie für die Rollifahrer, brasilianische Cocktails und Käsebällchen für alle.

11.45 Uhr. Conny ballt die Fäuste, boxt im Rhythmus der Musik in die Luft: „Ja, lasst es raus! Gegen alles, das wütend macht!“ Dass oft die alltäglichsten Wünsche unerfüllbar sind, zum Beispiel. Ein Tag ohne Blasenkatheter, ein Nachmittag am Strand, das Handtuch ausbreiten, in die Wellen laufen. Wenn sie den linken Arm hoch wirft, sieht man unter ihrer Achsel ein Vogelkopf-Tattoo. Ein Phönix, der aus der Asche steil nach oben steigt. Den hat eine andere Freundin entworfen, Grafikdesignerin, ebenfalls Rollstuhlfahrerin. Boxt Conny mit rechts, entblößt sie dabei das Bild eines Speers aus dem Film „Avatar“. Die Heldengeschichte eines gelähmten Ex-Soldaten, der in einer Parallelwelt Abenteuer besteht. Starke Message, starke Bilder – und ganz schön sexy. Das findet auch ihr Freund Rainer. Mit ihm macht sie Witze über ihre „Schlenkerbeine“, ihre „Trommelstöcke“, denn sie weiß: Er liebt sie von Kopf bis Fuß. Als ganze Frau. Kann sie Sex genießen? Und wie: „Nacken, Hals, Brust, der ganze Oberkörper wird zur erogenen Zone. Und ist nicht das wichtigste Körperteil dabei sowieso der Kopf?“

Auf die „Godeshöhe“ kam Conny Runge ursprünglich als Patientin, ein paar Monate ist das her. Und sie ging als Trainerin. Während eines Kur-Aufenthaltes brachte sie den Therapeuten ihre Lieblings-Fitness näher. Genau das, was die suchten: Neue, coole Sportangebote, die nicht nur den Körper, sondern auch der Seele in Schwung bringen. Bewegung ist wichtig für die Reha-Patienten, weil sie den Kreislauf und die Verdauung anregt, Druckstellen auf der Haut vorbeugt, Verspannungen abbaut. Vor allem aber ist sie das beste Anti-Depressivum. Chemiefrei und ohne Nebenwirkungen. Das kennen Gesunde ja auch. Dem Liebeskummer davon joggen, den Job-Frust an einem Boxsack auslassen. „Beim Zumba ist es manchmal für Momente, als würde ich meine Beine wieder spüren. Ich merke richtig die Nervenimpulse“, erklärt Conny. Wenn fehlende Gliedmaßen weh zu tun scheinen, spricht man von Phantomschmerz – vielleicht gibt es ja auch das Gegenteil. Phantomfreude.

Krankheit ist ein großer Gleichmacher, Sport auch. Die 40-something-Frau mit den pinken Schnürsenkeln, die junge Muslima mit Kopftuch, der ältere Herr mit Seidenschal und pastellfarbenem V-Ausschnitt-Pulli – Körper, die sich gemeinsam zurück ins Leben kämpfen, mal mehr, mal weniger geschickt. Da spielt es keine Rolle, was einer verdient, an was einer glaubt, was auf seiner Visitenkarte steht. Gleichzeitig empfindet Conny ihr Schicksal als etwas Besonderes. Als Aufgabe, aber auch als Chance. „Ohne meinen Unfall hätte ich weiter Sport studiert und wäre jetzt vielleicht eine von vielen. So bin ich die Frau, die den Rollstuhl-Zumba nach Deutschland gebracht hat.“ Und das ist ja erst der Anfang: Warum nicht auch Stunden für Kinder und Jugendliche anbieten? Trainer im Ausland ausbilden?

12 Uhr, Cooldown. „Das war besser als acht Wochen Reha“, sagt eine Frau mit graublonden Strähnen. „What a wonderful world“ , steht auf ihrem T-Shirt. Aus den Boxen klingen noch immer fröhliche Posaunen, Trompeten und Bongos. Aber wenn man auf den spanischen Text hört, sind die Worte tieftraurig: „Ach, lass mich diesen Schmerz vergessen, der mich zum Weinen bringt!“ Das Leichte und das Schwere – sie passen nicht nur in der Musik gut zusammen. Sondern auch im Leben.

Ich muss gar nichts!

„Ich muss gar nichts“ hieß das Dossier, das die BRIGITTE im Juli 2018 veröffentlichte. Das fand ich gut, da hatte ich auch etwas beizutragen: Warum bei einem Rennen mitlaufen, das man ohnehin nicht gewinnen kann? Hier ist mein Beitrag, den die BRIGITTE in einer leicht gekürzten Version veröffentlichte.

Mein Gesicht kann etwas Neues. Letzte Woche habe ich es entdeckt, vor dem Badezimmerspiegel im Büro: Wenn ich lache, wirft die Haut unter meiner Nase eine Querfalte. Die war da vorher nicht. Mein Mann amüsiert sich: Schau lieber zu Hause in den Spiegel, der ist schlechter beleuchtet! Dabei macht die Falte mich eher neugierig: Körper, alter Freund, was hast du noch für Tricks auf Lager? Nächstes Jahr werde ich 50, da feiern mein Körper und ich goldene Hochzeit. Eine Zweckverbindung – wir können nun mal nicht ohne einander leben -, aber liebevoller denn je. Das ist eine schlechte Nachricht für den Fachverband der ästhetisch-plastischen-Chirurgie und für die Entwickler von „zehn Kilo in drei Tagen“-Apps. Für mich ist es eine gute.

Ich war mal jünger, dünner und faltenfreier, klar. Aber ausgerechnet damals war das anders. Da blickte ich in den Spiegel, als stände ich vor dem Türsteher eines hippen Clubs. Bin ich schön? Mein innerer Berghain-Mannes rollte ironisch mit den Augen: Ernsthaft? Du glaubst doch nicht, dass ich dich hier reinlasse! Ich dachte damals, ich muss mich nur genügend bemühen, dann geht irgendwann die Tür auf. Und dahinter spielt das wahre Leben. Weil schönere Menschen das Anrecht haben auf größere Gefühle, Leidenschaft, Drama. Weil sie sogar dann besser aussehen, wenn sie am Küchentisch weinen. Dafür strampelte ich mich ab, in jeder Hinsicht: mit Sport, der mir keinen Spaß machte, Fastenkuren, die mich langsam im Kopf machten, Frisuren, für die ich morgens eine Stunde früher aufstehen musste. Das fraß so viel Energie, dass ich ansonsten auf kleinerer Flamme kochte: ein Leben mit handlichen Gefühlen, erreichbaren Träumen, lauwarmen Beziehungen.

Aber Beauty ist ein Biest, Schönheit ist relativ. Egal wie man sich bemüht, irgendwo ist immer jemand mit einem strafferen Bauch und längeren Beinen, mit mehr Haar und größeren Augen. Daneben ich: Mittelgroß, mittelschlank, mittelblond. Hübscher Mund, hässliche Füße. So weit, so normal. Keine Frau, die Blicke auf sich zieht, wenn sie den Raum betritt. Ein Rennen, das ich nicht gewinnen konnte. Irgendwann dachte ich mir: Was für eine gigantische Verschwendung. Ich hatte vergeblich versucht, mich fremden Bildern anzupassen. Von da an machte ich mir die Bilder passend. Ließ meine Haare an der Luft trocknen, verlangte von Klamotten, dass sie mich auch in Größe 40/42 gut aussehen ließen, ging nur noch zum Sport, wenn ich Lust hatte. Sah meinen Körper nicht mehr als ewigen Low-Performer, sondern als prima Wohnung für mich und meine Gedanken. Plötzlich, zack, ging die Tür auf und machte Platz für das, was mir wichtig war. Bücher schreiben, eine Zeitlang im Ausland leben, große Liebesgeschichten, eine eigene Familie. Mein Schminktäschchen behielt ich. Aber das angestrengte Schaulaufen anderer betrachtete ich künftig, wie ich heute manchmal Model-Castingshows sehe: als seltsames Spiel, bei dem ich weder mitspielen muss noch will.

Manchmal kommt das Gute, wenn man aufhört, zu warten. Pickel bis Mitte 20, dafür vergleichsweise glatte Gesichtshaut mit Ende 40. Feine Haare, die früher nicht für Big Hair-Frisuren taugten, aber heute noch kaum grau sind. Danke, nettes Geschenk, aber wäre nicht nötig gewesen. Ich bin ja raus aus dem Rennen. Dagegen beobachte ich, wie Freundinnen und Kolleginnen an die Startblöcke gehen: plötzlich nur noch Low-Carb oder Clean Eating, antrainieren gegen die Schwerkraft, oder sogar anoperieren. Ist ja heute alles minimalinvasiv und unblutig: Fadenlifting, Mikrodermabrasion, Mikroneedling. Kann man machen. Tut mir aber Leid. Dieser verzweifelte Versuch, an einem Oldtimer herumzuschrauben, bis er fast aussieht wie ein Sportflitzer. Aber eben nur fast. Letztlich sind wir doch alle gleich, egal, welches Los uns die Gen-Lotterie zuteilt, ob wir eher früher oder eher später die Nase vorn haben: Wir enden als alte Frauen, mit dünnem Haar und hängender Haut. Das Rennen kann keine gewinnen. Irgendwann ist die längste Partynacht vorbei und der Club zu. Wäre es nicht schön, wenn wir dann in der Morgensonne lachend am Kantstein sitzen, Nasenfalten vergleichen und dann so richtig einen losmachen? Platz dafür ist ja genug.

 

 

„Wir sitzen im gleichen Boot und merken es nicht!“

Eltern und Kinderlose sind sich oft nicht grün – ob es um Lautstärke im Café geht oder um die nächste Gehaltsrunde. Susanne Garsoffky und Britta Sembach haben sich mit den tieferen Gründen für diese Spaltung beschäftigt: soziale Kälte, weniger Solidarität und politisches Versagen. Für ELTERN family habe ich im November 2017 mit Susanne Garsoffky gesprochen

 ELTERN FAMILY: Das Eingangskapitel Ihres neuen Buches trägt die Überschrift: Warum Kinder nicht glücklich machen und Kinderlosigkeit nicht frei. Das klingt nach: Wie man’s macht, ist’s falsch….

Susanne Garsoffky: Eine Frau im gebärfähigen Alter kann es niemandem recht machen, das stimmt. Mütter werden gefragt: Warum nur ein Kind? Warum so viele? Warum so spät im Leben oder so früh? Zusätzlich unterstellt man ihnen, dass sie ihre Kinder wahlweise zu viel oder zu wenig behüten. Kinderlose Frauen werden von Wildfremden nach ihren Motiven gefragt, das ist nicht minder übergriffig.

Sie und Ihre Ko-Autorin Britta Sembach sind beide Mütter. Stehen Sie in der Diskussion um Lebensentwürfe damit nicht automatisch auf Seite der Eltern?

Wir respektieren jeden und jede, und wir wollten weder ein Angriffsbuch auf Kinderlose schreiben, noch uns fürs Elternsein rechtfertigen. Es geht uns auch nicht darum, jemanden zum Kinderkriegen zu motivieren. Sondern um die Frage: Wie könnte man ein System schaffen, das für alle gerechter ist, wenn weniger Kinder geboren werden?

Sie schreiben, Politik und Wirtschaft würden Eltern und Kinderlose gegeneinander ausspielen. Das klingt, mit Verlaub, ein wenig nach Verschwörungstheorie….

Nein, es ist höchstens zugespitzt. Seit Ende der Neunziger erleben wir eine politische Neoliberalisierung. Unser Politik- und Wirtschaftssystem richtet sich in erster Linie nach den Bedürfnissen von Arbeitgebern und Unternehmern, und das treibt Menschen mit und ohne Sorgeverpflichtung in Konkurrenz. Die Blaupause für einen idealen Arbeitnehmer ist der von Sorgeverpflichtungen befreite, Vollzeit arbeitende Mann. Wer nicht in dieses Muster passt, wird zwar geduldet, aber eine Karriere ist so kaum möglich.

Und die machen dann Kinderlose auf dem Rücken der Eltern?

So einfach ist es nicht. Denn die Gewinne der letzten Jahre erzielen große Unternehmen in erster Linie durch Personalabbau. Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist aber im Gegenteil sehr personalintensiv. Denn einer muss ja auffangen, wenn Eltern Auszeiten nehmen oder kurzfristig ausfallen. Und diese Arbeit wird gleichzeitig auf immer weniger Schultern verteilt. Das trifft besonders die Kinderlosen.

Aber bemühen sich nicht Arbeitgeber in den letzten Jahren vermehrt um mehr Flexibilität für alle? Mit innovativen Arbeitszeitmodellen, Betriebs-Kitas…

In den meisten Fällen ist das nicht mehr als ein schönes Aushängeschild. Unternehmen geben sich modern und aufgeschlossen, aber gleichzeitig wird Angestellten das Gefühl vermittelt: Kinder haben, wunderbar – aber bitte möglichst geräuschlos und so, dass es unseren Betriebsablauf nicht stört. Diese Haltung bekommen übrigens auch Kinderlose zu spüren, etwa, wen sie alternde Eltern zu pflegen haben.

Wenn alle gleichzeitig Verlierer sind – warum begehren sie dann nicht gemeinsam gegen diesen Druck auf?

Der schleichende Verlust von Solidarität betrifft ja die Gesellschaft als Ganzes. Arbeitskämpfe gibt es kaum noch, Gewerkschaften verlieren laufend Mitglieder, weil wir das neoliberale Modell so verinnerlicht haben: Jeder ist nur für sich selbst und seinen Erfolg verantwortlich. Ganz im Interesse der Unternehmerseite. Denn Einzelne sind leichter zu handeln als eine Gruppe, die Forderungen stellt. Man speist Mitarbeiter mit Anti-Stress-Programmen ab, statt Arbeit gerechter zu verteilen.

Aber die Konflikte kochen öffentlich eher hoch, wenn es um Kinderwagenverbote in Cafés geht oder Fahrradanhänger, die den Bürgersteig versperren…

Das ist Symptom, nicht Ursache. Da entlädt sich eine gereizte Stimmung, weil alle ahnen, dass es noch schärfere Verteilungskämpfe geben wird – wenn die heute 50-jährigen in den Ruhestand gehen, wird ein Arbeitnehmer für einen Rentner zahlen müssen!

Es wäre Aufgabe des Gesetzgebers, für mehr Gerechtigkeit zu sorgen. Aber Sie sagen: Auch die Politik befeuert die Konkurrenz zwischen beiden Gruppen.

2003 prägte die damalige Familienministerin Renate Schmidt den Begriff der „nachhaltigen Familienpolitik“. Seither steht „Vereinbarkeit“ als politisches Ziel auf der Agenda, quer durch die Parteienlandschaft. Das bedeutete in der Praxis vor allem: Ausbau der Krippenbetreuung, um beide Elternteile möglichst schnell wieder in Arbeit zu bekommen. Aber das ist weder flächendeckend passiert, noch ist die Betreuung durchgehend von guter Qualität. Von Unternehmen hat die Politik viel zu wenige Zugeständnisse gefordert.

Ist das nicht Schwarzmalerei angesichts jährlich 130 Milliarden familienpolitischer Leistungen?

Das Geld wird nach Gießkannenprinzip verteilt und wiegt nicht auf, was Eltern investieren. Der Sozialrichter Jürgen Borchert hat es so formuliert: „Wir treiben den Familien die Sau vom Hof und geben ihnen nur die Koteletts zurück.“ Allein, wenn man die Energiekosten betrachtet und die Verbrauchssteuern: 19 Prozent Mehrwertsteuer auf Windeln, dafür nur sieben Prozent auf Tiernahrung! Familiengründung ist ein finanzielles Risiko, nicht nur für Alleinerziehende – wegen des Reallohnverlustes der letzten Jahre können selbst Doppelverdiener in manchen Großstädten kaum noch den Unterhalt für eine Familie aufbringen.

Dagegen argumentieren Kinderlose: Wir halten mit unseren höheren Steuerabgaben das System am Laufen.

Aber Familien sind ja nicht nur Leistungsempfänger, sie sind selbst Steuerzahler! Sie werden also doppelt zur Kasse gebeten.

Und dazu leisten sie gratis, was neudeutsch „Care-Arbeit“ genannt wird – Schulbrote schmieren, Anschwung geben beim Schaukeln. Trotzdem haben viele das Gefühl: Diese Tätigkeiten werden nicht gewürdigt, eher belächelt.

Richtig. Nachrichtenmagazine schreiben süffisant über die „Rückkehr der Hausfrau“ und bezeichnen es als Zeitverschwendung, wenn eine Mutter mit ihrem Baby auf dem Teppich spielt – eine Mutter, wohlgemerkt, die wöchentlich 20 Stunden arbeitet. Fürsorglichkeit ist doch ein Teil der menschlichen Existenz!

Auf der Suche nach den Ursachen für diese soziale Kälte werfen Sie auch einen Blick auf den Feminismus und zitieren die amerikanische Politikwissenschaftlerin Nancy Fraser: „Der Feminismus ist der Steigbügelhalter der neoliberalen Gesellschaftsordnung.“ Würden Sie denn lieber in den Fünfziger Jahren leben, als pudding-kochende Hausfrau?

Bloß nicht! Meine Ko-Autorin und ich sind wie alle Frauen unseres Alters geprägt durch die zweite Welle des Feminismus in den Sechziger, Siebziger Jahren. Da ging es um Selbstbestimmung, um gesellschaftliche Teilhabe durch Berufstätigkeit. Völlig richtige Forderungen in einer Zeit, in der Frauen um Erlaubnis fragen mussten, wenn sie einen Job annehmen wollten, und Vergewaltigung in der Ehe straflos blieb. Nur: Die Blaupause der Emanzipation war ein männlicher Lebensentwurf. Von Fürsorgepflichten befreit, unabhängig und erfolgreich. Müsste es heute nicht eher darum gehen, dass Frauen wie Männer beide Seiten leben dürfen, die erfolgsorientierte wie die fürsorgliche?

Das passiert ja, jedenfalls ist die heutige Vätergeneration deutlich engagierter als frühere. Trotzdem habe ich den Eindruck, dass sich Männer mit und ohne Kinder weniger als Konkurrenten fühlen. Sind die einfach entspannter als wir Frauen?

Ich würde eher sagen: Sie ducken sich ein bisschen weg. Das Leben der meisten Männer verändert sich doch deutlich weniger, wenn sie Vater werden – anders als bei Frauen. Oder sie schieben die Entscheidung für eine Familie endlos auf. Wenn Frauen nicht Mütter werden, liegt das ja oft auch an der fehlenden Bereitschaft des Partners, Verantwortung und Pflichten zu übernehmen. Das wird gerne übersehen. Stattdessen werden fast ausschließlich Frauen für sinkende Geburtenraten verantwortlich gemacht.

Sie haben zu Anfang von einem System gesprochen, das für Eltern und Kinderlose gleichermaßen gerecht ist. Wie müsste das aussehen?

Zum einen müsste das Modell der umlagefinanzierten Rente familiengerecht umgebaut werden, denn Eltern zahlen doppelt – als Arbeitnehmer für die jetzige Rentnergeneration sowie als Eltern für die Rentenzahler von morgen. Je nach Anzahl der Kinder sollte es eine deutliche Entlastung geben.

Wäre das bezahlbar?

Die gesetzliche Rente müsste stärker steuerfinanziert sein als heute, und man müsste mehr Menschen ins System mit aufnehmen. Auch Beamte und Freiberufler.

Gibt es dafür Mehrheiten, und wenn ja, in welcher Partei?

Die Gerechtigkeitslücke zwischen Menschen mit und ohne Kindern wird durchaus parteiübergreifend gesehen – aber keiner traut sich an das heiße Eisen heran. Weil man Angst hat, Kinderlose könnten das als Schikane erleben. Vor allem diejenigen, die sich nicht freiwillig für diese Lebensform entschieden haben.

Verständlich. Aber auch nicht besonders weitsichtig.

Das Problem der Politik ist, dass sie von älteren für ältere Menschen gemacht wird – schon allein, weil es mehr ältere Wähler gibt als jüngere. Die Lebenswirklichkeit von Familien wird in einer alternden Gesellschaft immer weniger berücksichtigt. Die Herabsetzung des Wahlalters wäre ein Schritt, um dem zumindest etwas entgegenzusetzen.

Und was wäre die Aufgabe der Wirtschaft? Einfach wieder Personal aufstocken klingt zwar schön, aber manches Unternehmen würde damit die eigene Existenzgrundlage gefährden.

Ich würde mir zumindest Ehrlichkeit wünschen. Dass Unternehmen offen zugeben: Wir bieten eigentlich keine Vereinbarkeit. Wer bei uns arbeiten will, muss die und die Bedingungen erfüllen. Dann wären zumindest die Spielregeln klar. Zweitens, und hilfreicher: Arbeitszeitmodelle, die verschiedene Lebensphasen berücksichtigen.

Würden Arbeitszeitkonten nicht einseitig Eltern bevorzugen?

Wenn man Kinder bekommt heißt das ja nicht, dass man die nächsten 40 Jahre nicht mehr belastbar ist. Personalpolitik müsste langfristiger denken: Man ermöglicht Mitarbeitern, zwischendrin Vollgas in der Familie zu geben, denn man weiß: Dann wird er oder sie leistungsbereiter, loyaler und zufriedener zurückkehren. Prioritäten verschieben sich ja laufend, wenn Kinder größer werden. Auch Menschen ohne Sorgeverpflichtung sind ja nicht ihr ganzes Leben lang gleichermaßen leistungsfähig. Vielleicht erwischt sie in der Lebensmitte eine Krise und sie brauchen eine Auszeit, um sich neu zu orientieren. Oder sie rutschen ins Burnout. Eine Personalpolitik, die das berücksichtigt, käme allen zugute. Eltern und Kinderlosen, Arbeitnehmern und Arbeitgebern.

Ziemlich beste Freunde – verstehen sich die Generationen ein bisschen zu gut?

Mein Text aus einem BRIGITTE-Dossier, Oktober 2017

Harmonie zwischen den Generationen macht Loslassen für beide Seiten schwer. Wenn 20-somethings noch zu Hause wohnen und erwachsene Mutter-Tochter-Duos Klamotten tauschen – Grund zur Freude oder Grund zur Sorge?

Es ist Sonntag, ein strahlender Tag in Berlin, als die Nachricht ihrer Tochter auf dem Handy aufpoppt: „Hey Mama, Lust auf einen Bummel im Schlosspark?“ Mama nimmt das Telefon und beginnt zu tippen: „Sorry, Schatz, ich kann nicht, ich hab ein Date.“ Und fragt sich gleichzeitig: Ist das nun rührend oder auch befremdlich, wenn sich ihre 22jährige an einem solchen Tag nichts Schöneres vorstellen kann, als mit Mama spazieren zu gehen? Marie wiederum ist gerade mit einer Freundin unterwegs, die ganz neidisch aufs Display schielt: „Du hast es gut, ich wünschte, meine Mom wäre auch so unabhängig.“

Maries coole Mom heißt Gerlinde Unverzagt, Autorin, alleinerziehend, vier Kinder in den Zwanzigern. Als Marie, die Zweitjüngste, nach einem Auslandsaufenthalt ganz selbstverständlich wieder ihr altes Kinderzimmer bezog, fing Unverzagt an, sich Gedanken zu machen über das Verhältnis zwischen Jüngeren und Älteren. Länger zusammen wohnen, häufiger zusammen feiern, sich gegenseitig T-Shirts leihen – ist das nur die logische Fortsetzung einer liebevollen Kindheit? Oder ist doch irgendetwas faul an dieser Harmonie? In ihrem aktuellen Buch („Generation ziemlich beste Freunde – warum es heute so schwierig ist, die erwachsenen Kindern loszulassen“, Beltz, 16,95 €) hat sie Fragen und Antworten zusammengetragen, Tochter Marie einige Kapitel aus ihrer Sicht ergänzt.

Sicher ist: Erwachsene Kinder und ihre Eltern stehen sich heute näher denn je – und das auf vielen Ebenen. Zum einen räumlich: War 1970 jeder Zweite im Alter von 20 Jahren zu Hause ausgezogen, lebt heute jeder Dritte in der Altersgruppe 25 bis 34 immer noch oder wieder im Elternhaus – zwei Drittel davon Männer. Das hat zum Teil praktische Gründe: Warum explodierende Großstadt-Mieten für WG-Zimmer oder Appartement auf sich nehmen, wenn man’s zu Hause billiger haben kann, inklusive Wäsche-Service und Catering made by Mama? Dazu kommen gestiegene Ansprüche. Unverzagt erinnert sich: „Ich habe mit Anfang 20 in einem besetzten Haus gewohnt, mit Apfelsinenkisten als Möbeln. Meine Kinder erwarten zum Auszug Power-Shopping bei Ikea!“

Das passt zum Befund der aktuellen Shell-Jugendstudie, die jungen Erwachsenen das Label „pragmatische Generation“ verpasst – aber es geht nicht nur um nüchterne Kosten-Nutzen-Abwägung. 90 Prozent aller Jugendlichen geben an, sie hätten ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern. Eine Mehrheit wie auf DDR-Parteitagen. Fast drei Viertel würden ihre eigenen Kinder so erziehen, wie sie es selbst erlebt haben, ein Wert, der seit Anfang der Nuller Jahre stetig gestiegen ist. Andere Sozialwissenschaftler kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Laut einer Untersuchung der TU Chemnitz bespricht jede zweite junge Frau regelmäßig persönliche Dinge mit ihrer Mutter.

Wer den nackten Zahlen misstraut, muss nur mal bei einer beliebigen TV-Casting-Show einschalten: Kaum etwas wird so tränenreich inszeniert, wie wenn Mama und Papa im Model- oder Musiktrainingscamp zu Besuch kommen. Ein verwunderliches Ritual für alle, die in den Achtzigern und Neunzigern jung waren: Da wäre man eher im Boden versunken, als vor laufender Kamera den Alten um den Hals zu fallen. Aber damals wäre Eltern auch weder auf die Idee gekommen, Zehnjährige auf dem Schulweg zu begleiten und Erstsemester-Studenten zur Studienberatung – beides heute gang und gäbe.

Möglicherweise ist die neue Nähe auch Ausdruck des Zeitgeistes, der Renaissance des Wir-Gefühls. Ob „Public Viewing“, „Sharing Economy“ oder skandinavische „Hygge“-Gemütlichkeit: Anders als in früheren, mega-individualistischen Zeiten sehnen wir uns in der wackligen Welt von heute generationenübergreifend nach Zusammengehörigkeit, Berechenbarkeit, Beschaulichkeit. Es mag Zufall sein oder auch nicht, dass die Anzahl der erwachsenen Kinderzimmer-Bewohner seit den frühen Nuller Jahren rasant angestiegen ist – dem Zeitpunkt, als das Nine-Eleven-Attentat eine Zeitenwende markierte, von der Spaßgesellschaft zum neuen Bedrohungsgefühl. Unverzagt findet das Zusammenrücken nachvollziehbar, sieht es aber trotzdem kritisch: „Das Wort ‚Familie’ hat heute einen unangenehmen Pathos bekommen. Da schlagen konservative Werte mit voller Wucht zurück.“

Überhaupt gibt es einiges an der aktuellen Entwicklung, das Gerlinde Unverzagt Bauchschmerzen bereitet. Nicht mal so sehr die Bequemlichkeit der Jüngeren, mehr noch die Bedürftigkeit der Älteren. „Kinder haben ist für viele Menschen heute ein zutiefst narzisstisches Projekt geworden“, glaubt Unverzagt. Sie selbst sei als Kind eher „so mitgelaufen“, während Kinder und Jugendliche heute gewissenhaft gefördert würden – vom Zwergen-Musikkurs bis zum „Gap Year“ in Südostasien nach dem Abitur. Eine Investition, von deren Früchten man dann auch profitieren möchte. Das muss gar nicht so weit gehen wie bei den Society-Müttern der New Yorker East Side, die von ihren Ehemännern finanzielle Boni für Schulnoten der Teenager erhalten. Als wäre das Kind ein Investment-Fonds und sein Erfolg eine mütterliche Management-Aufgabe. Auch ganz durchschnittliche Mittelklasse-Teilzeitjob-Mütter in Deutschland seien nicht immun gegen diese Schräglage, glaubt Unverzagt: „Obwohl die weibliche Berufstätigkeit heute viel verbreiteter ist als noch vor einer Generation, betrachten Frauen vor allem ihre Kinder als sinn- und identitätsstiftend – und ertragen es dann nicht, wenn an diesem zentralen Punkt eine Leere entsteht.“

Denn dann müsste man sich ja unangenehmen Fragen stellen: Wie steht’s um meine Partnerschaft? Was macht mein Leben sonst noch aus? Oder, verschärft noch bei Alleinerziehenden: Wie gehe ich mit dem Gefühl des Verlassenseins um? Des sichtbaren Älterwerdens? Die Alternative ist verlockend: erwachsenen Kindern zu Hause alle Annehmlichkeiten bereiten, inklusive gemeinsamer Partys und Fernsehabende plus launiger WhatsApps zwischendurch, und daraus die Gewissheit ziehen: Hey, ich bin vielleicht 30 Jahre älter, aber innerlich genau so jung und cool! Der Satz einer Single-Mutter aus einer TV-Doku ist Unverzagt besonders unangenehm im Gedächtnis geblieben: „Mein Sohn ist der Mann meines Lebens – eine solche Aussage grenzt für mich an emotionalen Missbrauch!“

Die Psychotherapeutin und Entwicklungspsychologin Christiane Wempe aus Ludwigshafen sieht die Dinge ähnlich wie Unverzagt – allerdings weniger dramatisch. „Dies Nicht-Loslassen-Können, diese Rollenumkehr, das betrifft eher ein bestimmtes, großstädtisches Bildungsmilieu, nicht die Gesellschaft als ganzes. Generell kann man aber sagen: Ablösungsprozesse sind heute etwas stärker gepuffert, nicht mehr so radikal.“ Das hat zum einen mit modernen Medien zu tun: Wenn man vor 20 Jahren halbherzig versprach, auf Interrail-Tour einmal die Woche eine Telefonzelle aufzusuchen, sind heute Eltern per Messenger-Dienst täglich im Bilde, was Mäuschen in Jakarta oder Hanoi gefrühstückt hat. Die Mütter genauso wie die Väter, die heute oft sehr viel mehr Anteil nehmen am Alltag ihrer Kinder. Aber auch Lebensläufe sind weniger planbar. Abi mit 19, Zivildienst, Studium plus WG-Zimmer – das ist total Neunziger. Moderne Geschichten klingen eher so: Abschluss mit 17, ein Jahr Work-and-Travel, mit 18 erstmal wieder zurück nach Hause und um einen Studienplatz bewerben. Die Wohnsituation allein ist für Christiane Wempe kein Gradmesser für Autonomie: „Wir haben in einer Studie über den Auszug aus dem Elternhaus sowohl Befragte gehabt, die bei ihren Eltern wohnen, aber selbständig ihre Angelegenheiten regeln, als auch solche mit eigener Wohnung, deren Mütter dort wöchentlich zum Putzen vorbeikamen und andere Dinge regelten. Wer von denen ist erwachsener?“

Einig sind sich alle Experten: Innere und äußere Unabhängigkeit sind ein wichtiger Entwicklungsschritt für die Jüngeren – genau so wie das Loslassen für die Älteren. Dass das ein schmerzhafter Prozess sein kann, so wie jede Veränderung, bestreitet keiner. Oft sind es kleine Rituale, die den Übergang erleichtern. „Als mein ältester Sohn auszog, hatten wir im ersten halben Jahr eine Verabredung: Ein Mal pro Woche kommen alle gemeinsam zum Essen.“, erinnert sich Unverzagt. Vor allem aber empfiehlt sie Eltern, sich beizeiten mit dem auseinander zu setzen, was unabwendbar vor ihnen liegt: „Dort, wo Kinder sich aus dem eigenen Leben zurückziehen, die Freiräume mit eigenem aufzufüllen – das ist eine gute Vorübung.“ Fängt an beim ersten Kneipenbummel nach Ende der Baby-Stillzeit, geht weiter mit dem ersten Urlaub ohne Kinder, wenn die lieber auf Partytour nach Spanien wollen als auf Kulturreise ins Baltikum. Eine Leere, ja – aber eine, die Platz bietet für neue Inhalte: wieder Zeit haben für den Partner, Gas geben im Job, Freiräume für Freundschaft, Hobbys, Reisen. Schließlich sei es etwas fundamental anderes, ob eine Liebesbeziehung zerbricht oder ein erwachsenes Kind flügge wird, findet Unverzagt: „Die Tochter, der Sohn geht – und liebt uns trotzdem weiter.“

Marie, übrigens, bewirbt sich gerade um einen Studienplatz. Die Fachrichtung ist klar, der Studienort noch nicht. Mit einer Ausnahme: Berlin, findet Marie, geht gar nicht.

 

Polyamorie: In guten wie in guten Zeiten

Alle miteinander haben sich ganz lieb, jeder ist für sich selbst verantwortlich, reden hilft: Der Gesellschaftstrend „Polyamorie“ klingt nach einem Märchen für Erwachsene. Ich fürchte: Genau das ist es auch. Geht das nur mir so?, frage ich mich in der BRIGITTE im Mai 2017

 Wenn ein Angebot zu gut klingt, um wahr zu sein, ist daran meistens etwas faul. Das gilt für 19-Euro-Flugtickets genau so wie für die Polyamorie. Sie wissen auch nicht so ganz genau, was das ist? Laut Wikipedia geht es um die Idee, „mehr als einen Menschen zur gleichen Zeit zu lieben, mit Wissen und Einverständnis aller Beteiligten, als langfristig und vertrauensvoll angelegte Beziehung.“ Also: ein bisschen Woodstock, ein bisschen Sharing-Economy. Der „Spiegel“ feierte offen geführte Mehrfach-Lieben kürzlich gar als feministische Erfolgsgeschichte. Seitdem frage ich mich ständig: Wo ist der Haken? Denn irgendeinen haben sie ja alle, diese super-duper-sorglos-Angebote. Die billigen Flugtickets gelten nur am 31. Februar morgens um halb vier one-way. Und die Polyamorie? Mag funktionieren. Aber nur für Menschen, die halbwegs jung, halbwegs schön, halbwegs kinderlos, halbwegs gesund und krisenfrei sind.

Ich glaube nämlich nicht nur, dass immer einer mehr leidet, je schwereloser der andere von Blüte zu Blüte hüpft. Ich frage mich vor allem, wie tragfähig so eine Mehrfachbeziehung wird, wenn’s hart auf hart kommt. Wenn das luftige Liebes-Ideal auf dem Boden der Tatsachen landet. Kein Problem, so lange alle tiefenentspannt durchs Leben gehen: Der Ben wacht morgens um zehn in Julias Single-Appartement auf und frühstückt um elf bei der Geli Croissants mit Erdbeermarmelade, ganz ohne Eifersucht und Heimlichkeiten. Aber was, wenn die Geli am Freitag eine fiese Wurzelbehandlung hat, Julia aber mehr Lust auf eine Spritztour ins Romantik-Hotel? Wenn Julia ein Baby bekommt – schläft Ben bei seiner Alternativ-Liebe, weil da die Nächte ruhiger sind? Und wenn Ben seinen Job verliert: Machen dann beide Frauen Schluss? Weil negative Vibes das gute Feeling ruinieren, und Trips ins Romantik-Hotel nicht vom ALG II zu bezahlen sind? Oder legen Geli und Julia fürs Dreierzimmer zusammen? Das ist für mich der größte Minuspunkt des Ich-liebe-euch doch-alle-Ideals: Schwach sein ist nicht. Jedenfalls nicht für länger.

Klar, auch in gewöhnlichen Zweierbeziehungen klappt das nicht immer mit den guten und den schlechten Zeiten. Egal ob verheiratet oder nicht, homo oder hetero. Es gibt Männer, die gehen während der Krebs-OP ihrer Frau zum Segeln, und Frauen, die ihre Zuneigung an den Gehaltszettel oder den BMI ihres Lebensgefährten koppeln. Aber dann weiß man wenigstens: Das ist wohl nicht der Mensch, auf den ich mich im Leben verlassen sollte. In anderen Fällen tut es der Liebe sogar gut, wenn sie kein allzu bequemes Schlupfloch hat. Wenn einen nicht nur luftiges Gefühl bindet, sondern auch das Kind, die Eigentumswohnung, die gemeinsame Firma, dann ist man doch eher bereit zu bleiben, zu streiten, bestenfalls aneinander zu wachsen. Ja: das hat mit Abhängigkeit zu tun, das ist anstrengend. Aber auch Mehrfach-Beziehungen sind ja kein Ponyhof, sie zerren nur anders an den Nerven. Liebe gerecht verteilen, Bedürfnisse abwägen: ein emotionaler Vollzeitjob. Und es gibt Phasen im Leben, da möchte ich nicht dauernd verhandeln, sondern mich einfach mal fallen lassen. Zu wissen, dass einer mich auch mit unrasierten Beinen liebt; zurücklieben, auch wenn er nicht jeden Abend Energie hat für tiefe Talks: Das ist wirklich mal ein Angebot, das ich nicht ablehnen kann.

 

Südtirol im Winter: Spiel & Rodel gut

Hüttenzauber in der eigenen Stube, Kälbchentaufe im Stall und Einkehrschwung im Top-Skigebiet: Winterurlaub auf dem Bauernhof ist eine Traumkombi für Familien, in denen jeder eine andere Vorstellung hat von einer perfekten Woche im Schnee. 2012 haben mein Mann, meine Kinder (damals sechs und drei) und ich es ausprobiert, darüber geschrieben habe ich in der ELTERN family

 „Psst!“ flüstert Henri durchdringend in mein linkes Ohr. Ich blinzle schlaftrunken in mein Daunenkissen, dann zum Fenster in der Dachschräge. Finster ist es. Nur die Sterne sind weg, die vor ein paar Stunden noch so nah schienen, als könnten sie gleich in unser hölzernes Bauernbett plumpsen. Der aufgeregte Atem meines Sohnes streift meine Wange. „Psst!“ flüstert er noch lauter, „die Tiere schlafen.“ Da hat er höchstwahrscheinlich Recht. Dafür ist Mama jetzt hellwach. Auch wenn sie es sich nicht anmerken lässt.

Stille. Ungefähr zehn Sekunden lang. „Mama?“ „Grmpf?“ „Mama, hat Lotta schon ein Ei gelegt?“ „Nein, Henri, die schläft auch noch.“ Henri stupst mir stumm das geschnitzte Eierkörbchen in die Rippen. Ich verstehe. Ich kapituliere. Denn hier, auf dem Mudlerhof im Gsieser Tal, ist jeder Tag ein bisschen wie Weihnachten: Spätestens um halb sieben sitzen Henri (3 1/2) und Helen (6) senkrecht im Bett, weil sie es nicht erwarten können, in den Stall zu kommen. Jede Ferienwohnung hat eine private Eierlieferantin. Und was gibt es Schöneres, als morgens das noch körperwarme Ei aus der strohgepolsterten Legebox zu nehmen und im Triumphmarsch zum Frühstückstisch zu bringen? Da müssen eben auch die Großen mit den Hühnern aufstehen. Und mit Franz, dem Hahn.

Die Vorstellungen vom Ausschlafen im Urlaub mögen in unserer Familie ein wenig auseinander gehen. Aber sonst ist dieser Südtiroler Milchbauernhof aus dem 18. Jahrhundert mit unserer kuscheligen Ferienwohnung in der ehemaligen Brotkammer ein Sechser im Lotto. Denn er hat alles, was wir zum Winterglück brauchen. Während Helen endlich mal auf Skiern stehen will, reicht für Henri auch der Schlittenhang hinter dem Haus, Hauptsache, es gibt immer genügend Tiere: Stubenkatze und Stallkatze, Küken und Kühe. Und während ich von sonnigen Carving-Hängen träume, schlägt das Herz meines Mannes Dierk für mittelalterliche Burgen und Weinkeller. Aber warum Kompromisse machen, wenn man alles haben kann: am Morgen im Stall den Hasen die Ohren kraulen, am Nachmittag kilometerlange Pisten, abends den leckeren Lagreiner Rotwein auf der Eckbank im Herrgottswinkel? Das alles in einem stillen Seitental Südtirols, mit schneebedeckten Kiefern- und Lärchenwäldern, trutzigen Burgruinen und kleinen Dörfern. Fernab von hochglanzpolierten Après-Ski-Bars und Boutiquen-Bling-Bling, aber dank guter Verkehrsanbindung nur eine dreiviertel Stunde vom vielfältigen Skigebiet Kronplatz entfernt (siehe Kasten S. x).

Natürlich gehört zu einem so zünftigen Winterurlaub auch eine zünftige Urlaubsliebe. Helen hat ihre im Sturm erobert: die Bäuerin Agatha, eine zupackende und äußerst herzliche Person von Mitte 50. Die hat selbst zwei Söhne und eine Tochter großgezogen, lange Jahre als Grundschullehrerin gearbeitet, und eine geradezu magnetische Wirkung auf Kinder. Wenn Agatha auftaucht, gibt es immer etwas Tolles zu tun. Die Füllung für „Tirtlan“ anrühren, das typische Südtiroler Schmalzgebäck. Oder aus der hofeigenen Milch kleine Käsestücke in Herzform herstellen. Oder, besonders verantwortungsvoll: einen Namen finden für ein neugeborenes Kälbchen. Während unserer Urlaubstage kommen gleich zwei zur Welt, und Helen nimmt die Aufgabe ähnlich ernst wie werdende Elternpaare. Schließlich wird der kleine gescheckte Stier John genannt, die braune Minikuh Ada. Dass die meisten Hühner und Kühe heißen wie aus der aktuellen Top-Ten-Liste der Kindervornamen, ist übrigens kein Wunder: Lotta, Emma und Lisa haben gleichnamige Taufpatinnen.

Schon bald bekommt Helens Urlaubsliebe jedoch harte Konkurrenz. Er heißt Stefan, hat ein freundliches sonnengegerbtes Gesicht und ist, jawoll: Skilehrer. Noch dazu ein ganz exklusiver: Für kleine Greenhorns wie unsere Tochter kann man in der Skischule vom Nachbardorf St. Magdalena den Chef persönlich für eine Schnupperstunde mieten. Und so kurvt Helen bald im Schneepflug ihre ersten Meter Hang hinunter und juchzt halb begeistert, halb ängstlich, wenn sich Stefan erst seine Schülerin und dann den Teller des altmodischen Liftes zwischen die Beine klemmt. Bei dem Anblick muss ich an meine eigenen ersten Schwungversuche in den 70er Jahren im Schwarzwald denken. St. Magdalena, das ist: ein einziger Hang, ein einziger Lift, und direkt neben dem Skischulbüro am Fuße des Hügels kräht ein Langschläferhahn auf dem Mist. Sehr zu Henris Freude. Währenddessen bringe ich auf dem Übungshang meine eingerosteten Oberschenkel wieder in Schwung. Auf halber Strecke saust eine Armada von bunt gekleideten Zwergen an mir vorbei, die aussehen, als hätten sie das Carven vor dem Laufen gelernt. Haben sie wahrscheinlich auch. Wer hier groß wird, kennt schon im Kindergarten jeden Berg beim Vornamen.

Damit Papa Dierk nicht noch einen zweiten Tag mit Henri Hühner am Hang jagen muss, haben unsere Bauersleute eine Überraschung in petto: Wintersport für Skiverweigerer! Auf unserer Wandertour am nächsten Tag werden die Schneeschuhe eingepackt, und los geht’s ab dem Lift in St. Magdalena, einen gewundenen Weg bergauf durch den Winterwald. Die Kinder dürfen auf dem Schlitten sitzen, nur an den steilsten Stellen müssen sie ein paar Meter laufen. Aber Agatha weiß, wie man meckernde Flachlandtiroler bei Laune hält: mit Märchen. Von der Superhenne Mina, die bunt sein wollte wie ein Blumenstrauß, und von dem Königssohn und der Mondprinzessin, die erst miteinander leben konnten, als die Dolomiten ihre bleiche Mondlichtfarbe bekamen. Dass der Weg sich gelohnt hat, darüber sind wir uns spätestens einig, als wir auf fast 2000 Metern an der sonnendurchwärmten Holzwand der „Ascht-Alm“-Terrasse sitzen und Hubi vor uns steht. Der Hüttenwirt sieht beinahe aus wie eines der männlichen Models aus der Fremdenverkehrswerbung, und kochen kann er auch noch: Polenta oder Speckknödelsuppe, Hollerschorle oder Helles, man kann sich kaum entscheiden. Irgendwann kommt Töchterchen Laura (3) aus der Wirtsstube gestapft, ganz cool im Fleecepullover, und zeigt ihr Kinder-Karaoke-Set. Während sie mit Henri und Helen die Hütten-Hits der nächsten Saison einübt, bereiten Dierk und ich uns seelisch auf die Schlittenpartie ins Tal vor und genießen den Bergblick vor der Nase. Den haben wir zu Hause in Hamburg eher nicht so.

Was wir auch nicht haben, sind Burgen. Sehr zum Leidwesen meines Liebsten, der seit seiner Grundschulzeit vom Mittelalter-Virus befallen ist. Ich hab’s zwar nicht so mit Rittern & Co., aber mit diesem Ausflugsziel kann Dierk uns alle ködern: Die Kleinstadt Bruneck, mit dem 2011 eröffneten „Messner Mountain Museum“ in der Burganlage aus dem 13. Jahrhundert. Der Südtiroler Ausnahmebergsteiger Reinhold Messner hat dort eine überwältigende Sammlung zusammengetragen, die das Leben von Bergvölkern aus aller Welt dokumentiert: von der bulgarischen Hochzeitstracht bis zum Tiroler Butterstempel, von der Wasserschale aus dem Wadi Rum bis zur Götterfigur aus dem Himalaja. Und zwar nicht hinter Glas und Absperrseilen ausgestellt, sondern zum Erleben und nah Rangehen. In Nullkommanix haben Helen und Henri eine mongolische Jurte erobert, während ich mich wundere, wie gut buddhistische Gebetsfahnen und trutzige Burgmauern zusammen aussehen.

Und noch etwas hat Bruneck: eine schnuckelige Flaniermeile mit südländischem Flair, gesäumt von zwei mittelalterlichen Stadttoren. In den Bars sitzen blondierte Frauen vor ihrem Nachmittags-Prosecco, in den Boutiquen gibt’s italienische Wintermode von Stefanel und Max & Co, und auf einmal spürt man, dass Südtirol genau so nah an Venedig ist wie am Brenner. Jetzt eine wagenradgroße Angebersonnenbrille aufsetzen und ab ins Straßencafé! Aber daraus wird leider nichts. Helen und Henri haben noch ein Date: Um 17 Uhr im Kuhstall, mit Bauer Peter, zum Melken. Und vielleicht auch noch mal eine Runde mit dem Rutschbike auf den Schlittenhang, und dann muss ja auch noch mal jemand nach den Hühnern sehen. Tja. So ist das eben, wenn man im Urlaub alles haben kann.

 

Tipp: Der Mudlerhof (www.mudlerhof.it, Tel. **39/0474/978446) gehört zur Südtiroler Urlaubs-Bauernhofsvereinigung „Roter Hahn“ (www.roterhahn.it) und ist dort als besonders kinderfreundlich ausgezeichnet. Ferienwohnungen für 4-5 Personen, auf Wunsch auch mit Frühstück buchbar.

 

 

 

Referenzen – das waren und sind meine Auftraggeber

Im Laufe eines journalistischen Lebens, das nun schon über 20 Jahre währt, habe ich für so einige Magazine, CP-Projekte, Websites und Zeitungen geschrieben. Ein Überblick:

Gruner & Jahr:

ELTERN-Magazin

ELTERN family

Brigitte

Brigitte WOMAN

Barbara

NEON

NIDO

Jahreszeiten Verlag:

PETRA

Für Sie

MERIAN

VITAL

Bauer Verlag:

Alles für die Frau

Laura

MYWAY

Conde Nast:

MYSELF

Burda:

freundin

freundin DONNA

Fit for Fun (Milchstraße)

Tageszeitung:

Münchner Abendzeitung

Hamburger Abendblatt

Corporate Publishing/Fachmagazine:

Werben & Verkaufen

Rulebreaker Magazine

PASST! (Bauhaus)

Arlberg Magazin

Relais & Châteaux

Enkelfähig (Haniel)

Website:

Spiegel Online

 

 

 

 

Übermütter: Warum mir Mamas mit Missionsdrang unheimlich sind

Wenn Frauen Babys bekommen, ist das eine schöne Sache. Wenn sie sich deswegen für bessere Menschen halten, eine schwierige. Und spätestens, wenn sie sich selbst zu Mutter-Göttinnen erklären, finde ich: Mama, komm mal wieder runter! So habe ich es in der BRIGITTE im Rahmen der „Geht das nur mir so?“-Kolumne beschrieben – im Frühjahr 2017

 Am Anfang war das T-Shirt. Ich sah es zum ersten Mal vor einigen Jahren in einem besseren Hamburger Viertel, und ich hielt es für einen Witz. Einen von der feinen, selbstironischen Art. Das T-Shirt spannte sich über einem athletischen Schwangerschaftsbauch am Nebentisch im Café, und mitten drauf prangte das Wort „Göttin“. In Glitzerbuchstaben. Das fand ich lustig, denn das kannte ich auch: dass man als werdende Mutter in begeisterte Schnappatmung verfällt, wenn der eigene Körper auf einmal nicht nur Enzyme, Abluft und einen Zentimeter Haarlänge pro Monat produziert, sondern einen komplett neuen Menschen. Gleichzeitig ist der gelinde Schwangerschaft-Größenwahn ein bisschen albern. Als hätte man die Weltformel gefunden und nicht einfach nur ein Baby im Bauch. Was ich nicht ahnte bei meiner ersten Begegnung mit dem göttlichen T-Shirt: Die meinen das ernst. Und das war erst der Anfang.

Seitdem habe ich nämlich zunehmend das Gefühl: Frauen werden nicht einfach Mutter, sie erhöhen ihren Status. Und den muss man zelebrieren, kommunizieren und absichern. Eine „Baby Shower“, bei der die Freundinnen kurz vor der Geburt Geschenke vorbeibringen und alkoholfreien Prosecco servieren? Total Nuller Jahre. Mittlerweile gibt’s vorher noch die „Gender Reveal Party“, bei der vor der anwesenden Peergroup feierlich verkündet wird, ob’s ein Junge wird oder ein Mädchen. Mit Oh und Ah und farblich passenden Cupcakes. Andere Schwangere – wenn auch wenige – bringen ihre Kinder sprichwörtlich mutterseelenallein auf die Welt, ohne Arzt, ohne Hebamme, am liebsten im Wald und auf der Heide. Danach bloggen sie weltöffentlich von der göttlichen Kraft, die sie bei der „Alleingeburt“ durchströmt hat. Dass Mutter Natur es nicht immer nur gut meint? Kommt in den weiblichen Allmachtsphantasien eher nicht vor. Einen weiterer Höhepunkt war neulich auf Facebook & Co zu sehen: Kaum freuten sich Leute, dass das Jahr 2016 endlich vorbei ist, mit Terror und Katastrophen, hagelte es prompt Kritik von Frauen, die in dieser Zeitspanne ein Baby zur Welt gebracht hatten. Tenor: Wer 2016 am liebsten in die Tonne treten will, beleidigt damit mein Kind, vor allem aber mich und meinen Körper. „Weil der nämlich Großartiges geleistet hat!“ Zitat Ende.

Dabei hat der Hang zur Selbst-Vergöttlichung eigentlich einen positiven Hintergrund. Kind oder nicht Kind, das ist heute in erster Linie eine private Entscheidung. Der Körper kommt mit Special Features zur Fortpflanzung daher, aber ob man die nutzt oder nicht, ist grundsätzlich jedem selbst überlassen. Gut so. Ende der Geschichte. Oder auch nicht, denn da kommt ins Spiel, was Sozialwissenschaftler als „Kognitive Dissonanz“ bezeichnen: Wenn ein Schritt nicht selbstverständlich ist, sondern wählbar, dann sucht man umso dringender nach Bestätigung, wenn man ihn gegangen ist. Umgibt sich mit Menschen, die bestätigen, das Gras auf dieser Seite des Zaunes sei unzweifelhaft grüner und die Heiligenscheine leuchteten heller. Das ist menschlich und verständlich. Aber auf die Dauer nervt es. Wenn sich Mütter offensiv für bessere Menschen halten, werten sie damit andere ab, freiwillig oder unfreiwillig Kinderlose. Und wohin Narzissmus führt, sehen wir derzeit jeden Abend im TV an den Führungsfiguren der freien und weniger freien Welt. Vielleicht können wir uns auf folgendes einigen: Entweder Mütter sind doch keine Göttinnen, oder wir sind es alle. Wie Yoga-Jünger gerne zur Begrüßung sagen: „Das Göttliche in mir grüßt das Göttliche in dir“. Und nein: Damit ist in dem Fall kein Baby gemeint.

 

Die Ippenburg bei Osnabrück: eine märchenhafte Geschichte

Als junge Frau verliebte sich Viktoria von dem Bussche in einen Schlossherren, aber nicht in sein Schloss. Also entschied sie: Das muss zuwuchern. So begann die märchenhafte Geschichte der Gärten von Schloss Ippenburg – happy End inklusive. 2013 hat sie mir fürs MERIAN-Magazin ihre Lieblingsecken gezeigt – vor allem den Garten

 

Es war einmal ein Mägdelein, das wuchs auf in einem großen Garten. Dort säumten die Himbeeren den Weg zur Viehweide, die Erdbeeren standen in geraden Reihen, dass es eine Freude war, und manchmal, wenn ein leiser Wind über die Rabatten strich, dünkte es ihr, dass die Pflanzen mit ihr sprachen: die Löwenmäulchen und die Akelei, der Birnbaum und der Mohn. Als sie zur Frau erblüht war, geschah es, dass ein junger Freiherr um ihre Hand anhielt. Der war stattlich und charmant, doch seine Familie lebte in einem düsteren Schloss, wo rings umher nichts wuchs als Rasen und Rhododendron.

Klingt wie der Anfang eines Märchens, doch das alles gibt es wirklich. Den Mann, das Schloss, und selbstverständlich auch die Hauptfigur: Viktoria Freifrau von dem Bussche, Mutter von vier Kindern und sechs Enkeln. Eine attraktive, drahtige Erscheinung mit blitzenden grünen Augen, farblich passend zu Gummistiefeln und Steppweste. Aufgewachsen auf einem Gutshof in der Lüneburger Heide, seit bald vierzig Jahren verheiratet mit Philip vom dem Bussche, Freiherr zu Schloss Ippenburg. Ein neogotischer Prachtbau, ein norddeutsches Neuschwanstein, eine Art Kreuzung aus Edgar-Wallace-Filmkulisse und dem Harry-Potter-Internat Hogwarts.

Die Familiengeschichte der von dem Bussches ist nicht minder imposant, eine Art Who is Who mitteleuropäischer Geschichte. In der Chronik wimmelt es von Geheimräten, Kammerjunkern und Ministern, von Verbindungen zu den Königshäusern von Preußen und Hannover. Im Jahr 1390 kaufte Ritter Johann von dem Bussche eine Burg in der Hunte-Niederung und baute sie zu einer Festung aus. Im 18. Jahrhundert wurde das alte Gemäuer durch ein Barockschloss ersetzt, wieder 130 Jahre später durch den heutigen Bau mit seinen Türmchen und Erkern.

Das Drumherum interessierte die von dem Bussches über lange Zeit allerdings herzlich wenig. Gärten à la Sanssouci? Fehlanzeige. Gemüse- und Blumenbeete? Mal mehr, mal weniger. Denn die Schlossherren weilten häufig als Politiker in Berlin oder Generäle im Feld, und hatten anderes im Sinn als Dahlien und Borretsch. Viktoria vom dem Bussche erinnert sich, wie sie 1978 kurz vor der Geburt ihres zweiten Sohnes Viktor im Schloss einzog: „Das war mir alles zu grau, zu düster. Ich dachte: Das muss zuwuchern.“ Und so begann ihre persönliche Dornröschen-Geschichte, unter umgekehrten Vorzeichen.

Nicht nur das Gebäude selbst war einschüchternd für die junge Freifrau, auch die Nähe zur Familie ihres Mannes nicht ohne Probleme. „Wir lebten unter einem Dach mit meinen Schwiegereltern. Tolle Leute – aber anstrengend. Ich fühlte mich die ganze Zeit wie auf dem Präsentierteller.“ Dazu kam eine sportliche Familienplanung: vier Kinder in fünf Jahren. Schön, aber auch ganz schön stressig. Was lag näher für ein Landkind, als sich draußen ein eigenes Reich zu schaffen? „Der Garten war mein Druckausgleich“, sagt sie.

Dabei fielen die ersten Versuche eher bescheiden aus: mickrige Triebe, enttäuschende Rosenblüten. Doch so schnell gab sie nicht auf. Den magischsten Ort im Schlosspark entdeckte sie im Sommer nach Viktors Geburt: einen alten Obst- und Gemüsegarten, verborgen hinter mittelalterlichen Mauern. Das Glashaus war von Brennnesseln und Weinranken überwuchert, Tontöpfe zerbrochen, und hinter einer Tannenbaumschonung standen knorrige Pfirsichbäume. Auf dem Boden der Humus von 600 Jahren. Die ideale Grundlage für das Projekt „Küchengarten“. Fürstliches Taschengeld für die Kinder war ebenfalls auf Jahre gesichert. „Für eine Stunde Jäten oder Umgraben gab es 50 Pfennig“, erinnert sich Viktor von dem Bussche schmunzelnd.

Und so hätte sie weitergehen können, die Geschichte vom Landkind, das nie im Schloss leben wollte und sich stattdessen sein magisches Open-air-Reich schuf. Aber zu einem echten Märchen fehlt noch etwas: eine Krise, ein Kampf mit dem Drachen. Die Rolle des Drachen übernahm der Finanzberater der von dem Bussches. Der sagte eines Tages mahnend zu Philip: „Für das Geld, das Ihre Frau für Pflanzen ausgibt, können Sie ihr jede Woche ein Ticket nach Paris buchen. Dort kann sie sich ja einen Blumenstrauß kaufen.“ Aber da kannte er die rebellische Freifrau schlecht: „Ich wollte keinen Blumenstrauß aus Paris! Ich wollte meinen Garten!“ Die rettende Idee: ein Event für Besucher und Aussteller. Zur Vorbereitung sah sie sich Schauen in Großbritannien und den Niederlanden an, und lud schließlich im Sommer 1998 zum ersten „Ippenburger Schloss- und Gartenfestival“. Um ihre Leidenschaft weiter zu finanzieren, aber auch mit einer gehörigen Portion Besitzerstolz: „Wenn man etwas so Schönes geschaffen hat, muss man es auch zeigen!“ Dass gleich im ersten Jahr 10.000 Gäste kamen, damit hätte wohl keiner gerechnet. Schon gar nicht der Finanzberater.

15 Jahre später ist aus dem zarten Pflänzchen ein imposantes Gewächs geworden: ein großes, öffentliches Gartenfest im Sommer, mit Ablegern im Frühjahr und Herbst. Die bekannte Berliner Gartenbauarchitektin Cornelia Müller lud im Expo-Jahr 2000 zu einem Wettbewerb für Garten- und Landschaftskunst auf dem Gelände, Silvan Luth, Handwerker und Künstler aus dem nahen Ort Bad Essen, steuerte surreal-poetische Installationen für die Schauen bei. Sein einsamer Briefkasten auf einer Insel im Schlossgraben fällt sofort ins Auge, wenn man das Gelände betritt. 2010 war Ippenburg schließlich Teil der niedersächsischen Landesgartenschau. Woher kommt die große Anziehungskraft der Festivals? „Wir leben in einer virtuellen Welt“, sinniert Viktoria von dem Bussche, „die Menschen haben eine große Sehnsucht nach etwas Greifbarem, Haptischem, nach Sinnlichkeit.“ In Ippenburg heißt das: durch Labyrinthe irren, ins Rosarium hineinschnuppern, in historischen Schaugärten auf Zeitreise gehen, in der Wasserlandschaft Flöße bauen. Und dann ist da natürlich der prachtvolle Küchengarten: mit Pastinaken und Borretsch, eigenem Bienenstock, Dahlien und Zinnien, seltenen Gemüsesorten wie Kartoffeln vom Typ „Blue Kongo“ oder Rübchen vom Typ „Carotte blanche des Vosges.“

Hier ernten Spitzenköche wie Thomas Bühner vom Osnabrücker Drei-Sterne-Restaurant La Vie. Und hier hat auch Emma ihr eigenes Beet. Das ist die älteste Tochter von Viktor und seiner israelischen Frau Deborah. Anders als ihre Großmutter (genannt „Nonna“) ist sie nicht nur gerne Nachwuchs-Gärtnerin , sondern auch gerne Prinzessin, liebt selbst genähte Kleidchen und ihr Kinderzimmer mit den zartrosa Wänden. „Wenn ich fünf bin, ziehe ich in ein Schloss und bekomme einen Hund“, das hat sie ihren Kindergartenfreunden erzählt. Hat keiner geglaubt, aber genau so ist es gekommen. Seit Frühjahr 2013 wohnt die ganze Familie auf dem Schloss: Emma, ihre Eltern und Geschwister, und ein Parson Russell-Terrier namens Buddy. Nach einigen Jahren in Berlin hat Viktor von dem Bussche die schlosseigene Landwirtschaft übernommen, mit Schweinezucht, Mais, Zuckerrüben und Wald. Ein lässiger Großgrundbesitzer, von den locker geschnürten Boots und dem Lederflickenjackett bis zum trendigen Vollbart.

Im Lauf der nächsten Jahre sollen er und seine Frau außerdem in die Organisation der Gartenschauen einsteigen. „Ich habe das Festival geschaffen, aber was die Zukunft betrifft, bin ich komplett unsentimental“, beteuert Viktoria von dem Bussche. „Ich gebe die Organisation ab, wenn ich sicher bin, dass meine Nachfolger die Qualität der Veranstaltung garantieren können. Das kann ein paar Jahre dauern, beginnt aber sofort.“ „Meine Mutter arbeitet hart daran, loszulassen“, so sagt es der Sohn, „davor habe ich den größten Respekt.“

Dazu gehört auch, dass Viktoria und Philip aus dem Schloss auszogen, als die junge Familieb nennt sie das mit sympathischem Understatement. Währenddessen räumen Sohn und Schwiegertochter im Schloss mit den Bausünden der Vergangenheit auf: beige Wandfarbe aus den 20er Jahren und abgehängte Decken aus den 70ern entfernen, Deckenmalereien freilegen, die Sauna aus der Küche mit den Delfter Kacheln aus dem 16. Jahrhundert hinauswerfen.

Und Viktoria von dem Bussche hat jetzt einen neuen Lieblingsplatz. Wenn sie an der Glasfront ihrer neuen Terrasse steht, ist sie glücklich wie ein kleines Mädchen: „Jahrzehntelang habe ich aus jedem Fenster auf den Schlosspark geschaut. In meinem neuen Haus sehe ich endlich wieder Land – Trecker, Felder, Wiesen. Wie in meiner Kindheit.“

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann gärtnern sie noch heute.