Gewaltig, ey: Rezo und die Demokratie

Das Deutsche Historische Museum hat mich kürzlich eingeladen, an einer Blogparade zum Thema Demokratie teilzunehmen. Mach ich gern, schrieb ich zurück, und fragte mich gleichzeitig, ob ich dafür die Richtige bin – schließlich gehört Politik nur am Rande zu den Themen, mit denen ich mich als Journalistin beschäftige. Dann kamen Rezo und sein vielgeklicktes, viel diskutiertes Video, und plötzlich hatte ich mein Thema. Als Journalistin, als politisch interessierter Mensch, und als Mutter. Denn: In einer Medienlanschaft im dramatischen Umbruch braucht es auch neue Formate für die demokratische Willensbildung.

#DHMDemokratie

Mit kleinen Kinder über Demokratie zu sprechen, ist ganz einfach. Sie wissen im besten Fall genau, wie das läuft: unterschiedliche Bedürfnisse artikulieren, Kompromisse aushandeln, Mehrheiten organisieren. Ob sie in der Kita über ein Ausflugsziel abstimmen oder im Familienurlaub abwechselnd mit Eltern und Geschwistern „der Bestimmer“ sein dürfen – oder, natürlich, die Bestimmerin – , das vermittelt ihnen von klein auf eine Ahnung, wie dieses System auch im Großen funktioniert. Sie erleben es, wenn es gut läuft, am eigenen Leib.

Später, wenn die Kreise größer werden, kommen Medien als Welterklärer dazu: Meine Kinder, jetzt zehn und dreizehn, haben jahrelang ihr politisches Wissen aus den animierten Infografiken der „Logo“-Kindernachrichten bezogen. Und ich saß manchmal dabei und war klammheimlich froh, wenn man mir auch noch mal die Welt erklärte, als sei ich fünf. Weil es auch für arbeitende Eltern von kleinen Kindern Zeiten gibt, in denen sie beim besten Willen nicht jedes politische Thema in all seiner Komplexität durchdringen können, allein schon aus Zeitmangel. So behielt ich wenigstens halbwegs den Überblick.

Aber dann werden Kinder größer, und auf einmal tut sich ein Loch auf. Ein Loch, das in Zeiten von veränderter Mediennutzung immer tiefer klafft. Denn wenn aus Kindern Teenager werden, werden Kindermagazine und Kinder-TV uninteressant, ohne, dass die Infoquellen der Eltern ihnen deshalb näher rücken, im Gegenteil. Zwar lesen Kinder nach wie vor Bücher (hier ein Überblick über aktuelle Mediennutzungs-Studien), aber Tageszeitungen, Nachrichtenmagazine und selbst längere Texte auf Online-Nachrichtenseiten wirken auf viele wie Überbleibsel aus einer analogen Steinzeit. Kann ich ganz unempirisch bestätigen, ist bei uns zu Hause genau so. Ganz abgesehen von meiner eigenen Parteilichkeit – als Printjournalistin lässt es mich natürlich nicht kalt, wenn meine eigenen Kinder mich für ein Fossil halten – habe ich mich da schon manchmal gefragt: Wie soll so die Meinungsbildung funktionieren? Wo bleibt die vielzitierte „vierte Gewalt im Staat“, wenn die klassischen Kanäle die 13-, 15-, 17jährigen weiträumig umfließen?

Auftritt Rezo. Als ich vor ein paar Tagen von der ebenso aufgeregten wie unsouveränen Reaktion der CDU-Spitze auf diesen Tour-de-force-Ritt durch drängende Fragen der Gegenwart erfuhr, waren meine maulfaulen Kinder sofort gesprächsbereit, und, Überraschung!, sie hatten das Video längst gesehen. Meine ältere Tochter in voller Länge. Wie das? Augenrollen: „Mama, weil wir den abonniert haben.“ Völlig klar, dass ich das schleunigst nachgeholt habe – zu dem Zeitpunkt war ich schon eine von sieben Millionen. Während ich am Sonntag, den 26. Mai diese Zeilen schreibe, sind es beinahe elf.

Ich möchte an dieser Stelle gar nicht weiteres Fact-Checking betreiben, das haben andere bereits ausführlich getan, etwa hier. Ich teile auch Rezos Schlussfolgerungen nicht in jedem Punkt, allein schon deshalb, weil mir vieles zu vereinfacht und zu verkürzt dargestellt ist. Aber darum geht es gar nicht: Ich bin vor allem verdammt froh, dass sich hier jemand hinstellt und dieses mediale Loch, diese Kluft zwischen Heranwachsenden und Älteren schließt. Weil er Gesprächsgrundlage und Diskussionsstoff in einem Format liefert, das für jeden zugänglich ist, und das sehr substantiell. Ob man den Slang dabei mag, ist völlig zweitrangig. Lieber „fuck“ als „fuck politics“.

Ich habe in den letzten Tagen so viel wie noch nie mit meinen Kindern über Politik gesprochen und über die Mühsal demokratischer Prozesse. Warum radikale Forderungen wichtig sind und Kompromisse dann häufig so zäh und unbefriedigend, vor allem, wenn sie über eine kommunale und nationale Ebene hinausgehen und internationale Bündnisse betreffen. Warum es trotzdem keine wünschenswerte Alternative gibt zu diesem mühseligen Geschäft, weil es heute schwerer denn je ist, einen Interessensausgleich zu schaffen in den immer stärker zersplitterten und polarisierten Gesellschaften der westlichen Industrieländer.

Um so verdienstvoller, wenn da ein Typ mit blau gefärbten Haaren daher kommt und mal ein großes Fass aufmacht. Empörung, verdammt gut unterfüttert. Man mag das einseitig finden – aber auch vor zwanzig, dreißig Jahren war es dem eigenen Weltbild schon ganz zuträglich, wenn man nicht nur FAZ, sondern auch TAZ las. Die Auseinandersetzung lohnt sich auf jeden Fall. Und dass der Begriff „Journalist/Journalistin“ nicht geschützt ist, sondern jeder und jede das Recht hat, zu recherchieren, nachzufragen, Fakten wie – innerhalb eines gesetzlichen Rahmens – Meinungen zu präsentieren, das ist kein Versäumnis, sondern eine Konsequenz der gesetzlich verankerten Meinungsfreiheit. Dass so jemand sich ebenso harte Kritik gefallen lassen muss wie ein Profi im politischen Journalismus, gehört natürlich auch dazu. Kann schon passieren, dass es einem auf den Kopf regnet, wenn man sich aus dem Fenster lehnt. Ach ja: Da wäre noch die Kritik, dass Rezo gar nicht der nette Nachbarsjunge ist, der sich ganz allein durch hunderte von Quellen geklickt hat. Sondern ein gut verdienender Social-Media-Profi ist, der dazu ein Team hinter sich stehen hat. Überraschung: Auch klassische Medien beschäftigen Teams, und auch klasssische Medien finanzieren sich über Werbung (die Rezo für dieses Video ausgeschaltet hat, wie es der Youtuber-Ehrenkodex für Themen dieser Art gebührt.)

Den alten weißen Männern von Athen reichte ihre Agora als Versammlungsplatz, um dort ihre städtischen Angelegenheiten zu besprechen. Zweieinhalbtausend Jahre später, als ich im Alter meiner Kinder war, gab es noch den Lagerfeuereffekt dreier Fernsehprogramme: Das Selbstgespräch der Gesellschaft fand auf wenigen, klar definierten Kanälen statt, und zum Internationalen Frühschoppen gab es Wein um zwölf Uhr mittags. Heute ist dank Formaten wie Youtube jeder Sender und Empfänger zugleich, mit all den Vorteilen und Risiken, die so etwas mit sich bringt. Es braucht nicht einmal staatlich gelenkte Presse wie in Ungarn, um den Beitrag zur Demokratie zu unterminieren – wenn sich ganze Bevölkerungsgruppen in den USA nur noch über Breitbart News informieren, blenden sie damit, bewusst oder nicht, riesige Teile von Informationen aus. Kritik an der Trump-Administration erreicht sie schlicht nicht. Und so mancher Autokrat lacht sich ins Fäustchen, wenn er über entsprechende Kanäle direkt senden kann, ohne lästige Hinterfrager, wie es Journalisten ja qua Definition sind.

Mich würde es freuen, wenn das Rezo-Video mit seiner extremen Reichweite keine Eintagsfliege wäre, sondern der Beginn eines Trends, einer neuen Debattenkultur: neue Lagerfeuer, an denen sich Jüngere und Ältere treffen. Dann könnte Social Media auch endlich wieder das Versprechen einlösen, das viele in den Anfängen dieser Technologie erhofft haben: Diversität nicht nur bedienen, sondern auch miteinander ins Gespräch kommen und austauschen. Filterblasen platzen lassen, streiten, über die Einordnung von Fakten genau so wie über den Ton, den wir uns für Debatten wünschen. Es sind nicht die einzigen Zutaten für eine funktionierende Demokratie, klar. Aber, ja lol ey: ganz schön wichtige.

Relotius und ich

Die Affäre um gefälschte Reportagen beim „Spiegel“ treibt mich um. Ich bin wütend, weil ein solches Verhalten das ohnehin schwer angeknackste Vertrauen in klassische Medien weiter untergräbt, ich bin aber auch aus ganz persönlichen Gründen wütend. Um es im „Spiegel“-Pathos zu sagen: Ich fühle mich in meiner Berufsehre gekränkt, und das gilt auch für viele meiner KollegInnen. Heruntergezogen von einem, der mit hohem Einsatz ein schmutziges Spiel gespielt hat. Ich fürchte mich vor steigendem Misstrauen, vor einer weiteren Entfremdung zwischen Journalisten und Lesern. Was ich dagegentun kann? Genau dasselbe, das der „Spiegel“ tut, nur mit meinen eigenen Mitteln: Ich habe aufgeschrieben, wie ich arbeite. Wie ich Protagonisten suche, wie mühsam das sein kann und wie enorm beglückend. Auch wenn mein Maßstab, meine Ansprüche andere sind. Warum es mich ärgert, wenn man meinen Auftraggebern, Frauen- und Familienmagazinen, so oft Unredlichkeit vorwirft. Und wo ich den entthronten Kollegen sogar zähneknirschend verstehen kann.

1.) Der „Geile-Geschichte“-Reflex: Wo ich ähnlich ticke wie Claas Relotius

Jede Journalistin, jeder Journalist braucht ein Quäntchen Reporterglück. Auch ich hatte und habe in meinem Berufsleben immer wieder diese Momente, in denen ich denke: Das ist jetzt zu schön, zu perfekt oder schlicht zu passend, um wahr zu sein. Solche Momente gibt es immer und überall. Sehr nah: Als mir eine Mutter in der Kita-Garderobe von ihrer Hebamme erzählte, die Hunderte von Geburten begleitet hat und gerade mit 42 zum ersten Mal ein Baby erwartet. Sehr fern: Als ich in einem Klamottenladen in einem südindischen Dorf von einer Frau mit blonden Rastalocken und norddeutschem Slang begrüßt wurde, die es der Liebe wegen dort hin verschlagen hatte. Als ich im spanischen Cadaqués den alten Schreiner kennen lernte, der Salvador Dalí ein Bett gebaut hat. Oder im digitalen Raum: als ich für ein Themenheft „Sport“ einfach mal googelte,  ob ich für ein Porträt eine Sporttrainerin mit Behinderung finde und auf der Seite einer Zumba-Lehrerin mit Querschnittslähmung landete. Das sind Geschichten, die berühren, neugierig machen, die gelesen und geschrieben werden wollen.

Manchmal entdeckt man die Nadel im Heuhaufen nach langer Fahndung, und manchmal findet man etwas im Heu, das man gar nicht gesucht hat. So ähnlich höre ich es von vielen Kolleginnen, die ein ähnliches Themenfeld beackern, wir sind in der Regel kollegial und helfen uns häufig gegenseitig mit Kontakten und Tipps aus. Zugegeben: Das ist nicht die Liga „Ich finde den einzigen Abtreibungsarzt von Missouri/ den Jungen, der den Syrienkrieg ausgelöst hat/ den größten Hillbilly im Mittleren Westen.“ Aber die bescheidenen Beispiele aus meinem Berufsumfeld haben einen gewissen Charme: Sie sind nicht erfunden. Anders als eine ganze Reihe von besonders spektakulären Protagonisten in den Texten von Claas Relotius.

 Menschen interessieren sich für Menschen – dieser Grundsatz gilt immer und überall. Geschichten, Texte, Themen werden anschaulicher, wenn es jemanden gibt, der sie verkörpert. Manchmal ist die Biographie allein auch schon Thema genug, steht für etwas Größeres. Seit 25 Jahren arbeite ich als Journalistin, und ich habe es immer als einen besonders schönen, herausfordernden, aber manchmal auch mühseligen Teil meiner Arbeit gesehen, solche Menschen zu finden. Als ich in den Neunzigern anfing, lief das noch per Telefonkette – kennst du jemanden, der jemanden kennt, der…? – , später über Mails („gerne weiterleiten“), seit einigen Jahren hilft ein gut gepflegtes Social Media-Netzwerk bei der Kontaktanbahnung. Und noch immer gibt es die gute alte Reporter-Methode: rausgehen, mit Leuten ins Gespräch kommen, Vertrauen gewinnen. Manchmal nicht locker lassen. Manchmal auch loslassen.

Lange nicht jeder Mensch, der eine interessante Geschichte zu erzählen hat, möchte sie öffentlich machen, völlig berechtigt. Und es hat auch Themen gegeben, die mich an den Rand der Verzweiflung gebracht haben. Vor allem, wenn die Vorgabe der Redaktion ist, dass die Interviewpartner mit Namen genannt werden und für Fotos zur Verfügung stehen müssen. Oft war ich dabei verblüfft, wie viele Menschen davon ausgehen, dass gerade in Frauen- und Familienmagazinen ein Großteil dieser Geschichten „fake“ sei – „Die denkt ihr euch doch aus!“ Nein, tun wir nicht, jedenfalls weder ich noch die Kollegen und Kolleginnen, mit denen ich zusammenarbeite, bei „Brigitte“ und „Barbara“, „Eltern“, „Myself“ und wie sie alle heißen.

Um mit einem weiteren Vorurteil aufzuräumen: Es gibt – jedenfalls in meinem Arbeitsumfeld – keine Gagen dafür, wenn sich jemand interviewen und/oder fotografieren lässt. Allenfalls eine kleine Aufwandsentschädigung, wenn Menschen beispielsweise von weiter weg extra für eine Fotoproduktion im Studio anreisen. Die monetäre Ausbeute ist jedenfalls mager und dürfte in den seltensten Fällen der Grund sein, mit einer Journalistin/einem Journalisten zu sprechen.

Ob es nicht doch auch in meinem Umfeld schwarze Schafe gibt, die erfinden, umschreiben, faken? Möglich. Wahrscheinlich. Auch wenn ich es nicht erlebt habe. Nochmal zu Claas Relotius: Ich kann schon nachvollziehen, wie man der Versuchung erliegen kann, sich einfach den perfekten Protagonisten zu stricken, wenn keiner hinschaut. Weil das betroffene Land so weit weg ist, weil dort ohnehin kaum einer den „Spiegel“ auf deutsch liest. Trotzdem erstaunlich, dass jemand in einer so klein gewordenen Welt glaubt, er käme damit auf die Dauer durch. Vielleicht ist das so, vielleicht hält man sich für unverwundbar, wenn man mit Anfang 30 als Shooting-Star der Reporterszene gehandelt wird. Ich weiß es nicht, ich war nie annähernd in der gleichen Situation.

2.) Der schmale Grat zwischen Distanz, Respekt und Mitgefühl

Von vielen schier unglaublichen Fälschungen, die dem Reporter bislang nachgewiesen worden sind, hat mich eine besonders unangenehm berührt: die von Fergus Falls. Eine Kleinstadt in den USA, in der sich Relotius für einige Zeit eingemietet hatte, um dort dem Zeitgeist der Trump-Ära nachzuspüren. Er hat dort tatsächlich mit Menschen gesprochen und sie auch namentlich zitiert – er hat dabei aber, so schreiben es die Bewohner von Fergus Falls in einer ausführlichen Stellungnahme, realen Personen schier unglaubliche Attribute angehängt, so diffamierend wie unwahr. Ein junger Mann, der „noch nie eine Frau hatte“ und„noch nie den Ozean gesehen hat“, wird in diesem sehr lesenswerten Beitrag gezeigt – mit seiner Freundin, am, haha: Strand.

Nun wäre es sicherlich blauäugig, jede dieser Gegendarstellungen ihrerseits kritiklos und ungeprüft einfach so hinzunehmen. Und natürlich setzen sich Leute zur Wehr, wenn sie sich ungerecht dargestellt sehen. Worauf ich hinaus will: Es ist immer wieder eine Herausforderung, Gesprächspartner nicht nur ernst zu nehmen, sondern die richtige Mischung zu finden aus „mein Gesprächspartner hat die Kontrolle, was von ihm veröffentlicht wird und was nicht“ und „ich habe die Deutungshoheit und bestimme die Dramaturgie eines Textes.“ Ja: Interviewpartner müssen damit leben, dass wir Journalisten auswählen, kuratieren, zusammenstellen und auch werten. Journalisten sind keine Pressesprecher und keine Ghostwriter. Wir dürfen aber beispielsweise nicht Zitate unzulässig zuspitzenoder gar aus dem Zusammenhang reißen, wie es uns gefällt. Dass wir nicht einfach erfinden und behaupten dürfen – nun, das wird nicht in der Journalistenschule gelehrt, schlicht, weil es so selbstverständlich ist.

 Gerade bei wenig medienerfahrenen Menschen empfinde ich es in meinem Berufsalltag auch als meine Aufgabe, gemeinsam auszuwählen. Notfalls auch mal einen Gesprächspartner vor sich selbst zu schützen, der mir private Dinge erzählt und vielleicht nicht die Konsequenzen überblickt, wenn das so in die Welt gelangt. Ich erlebe es häufig als ein gemeinsames Ringen um Wahrheit, wenn ich Protagonisten ihre Protokolle oder Zitate nochmal zuschicke und beide Seiten um Formulierungen kämpfen. Die deutsche Sprache? Google Translate ist mittlerweile immerhin weit genug, dass auch englischsprachige Gesprächspartner, die ich gelegentlich habe, meine deutschen Interviews bzw. Passagen aus Texten gegenlesen können.

Einen weiteren schmalen Grat möchte ich nur kurz miterwähnen: den zwischen Gesehenem, Erlebtem und Gehörtem. Mancher wird sich an eine Diskussion erinnern, die ebenfalls beim „Spiegel“ stattfand und in der es um eine Modelleisenbahn in Horst Seehofers Keller ging. Der Autor wusste vom Hörensagen, dass es sie gab, beschrieb sie aber, als sei er persönlich mit in den Keller gestiegen, um Seehofer beim Weichenstellen zuzusehen. Das kostete ihn einen Journalistenpreis. Schwieriges Thema. Ich erinnere mich an eine eigene Reportage über eine Extrem-Fallschirmspringerin, in der ich – natürlich – während des Sprungs aus 10.000 m Höhe nicht dabei war, mir aber im Nachhinein minutiös habe erzählen lassen, wie sie sich gefühlt hat, was sie gesehen, gerochen, gehört hat, und das dann realitätsnah aufgeschrieben habe. Ich habe dabei aber nicht bewusst klar gemacht: Achtung, das habe ich nicht mit eigenen Augen gesehen. Ich war eher stolz darauf, wie plastisch die Textpassage trotzdem wurde. Sicherlich ein Punkt, bei dem ich nochmal mein eigenes Tun reflektieren sollte.

3.) Die Kontrollmechanismen: ein Netz mit (zu) weiten Maschen

Kontrollieren mich meine Auftraggeber, ob meine Interviewpartner real sind, ob die Fakten stimmen? Nicht direkt, es gibt auch in den meisten Häusern nicht mehr die minutiöse Dokumentation, die sich der „Spiegel“ noch leistet, meist gar keine mehr. Keine Redakteurin, kein Redakteur hätte in personell extrem eng besetzten Teams heute überhaupt die Muße, auch nur Stichproben zu machen à la: Lass mich auch mal mit dem telefonieren. Das ist in den meisten Fällen allerdings schon von daher nicht nötig, als dass die Protagonisten meiner Geschichten meistens (a) fotografiert werden – dann geht eine Mail mit ihren Kontaktdaten an die Fotoredaktion -, oder (b) aufgefordert werden, eigene Fotos zu schicken, und/oder (c) ihre Textpassagen nochmals von mir zur Abnahme bekommen. Weshalb es immer nochmal eine Korrekturschleife gibt, bei mir gottlob meistens mit einem Mail-Betreff wie „Mini-Änderungen xy“.

Generell stellt sich aber nach der Causa Relotius eine Grundsatzfrage: Müssen die Redaktionen wirklich misstrauischer sein gegenüber Festen wie Freien? Stichproben machen? Nicht mehr gutgläubig erwarten, dass ihnen verdiente Mitarbeiter keine haarsträubenden Lügengebäude auftischen, aus Ruhmsucht, aus der Versuchung, schnell mit wenig Aufwand ein wenig Kohle zu machen? Oder stimmt vielleicht im Gesamtsystem was nicht?

4.) Drinnen und draußen: wozu die ökonomischen Rahmenbedingungen uns treiben

Es gibt ein wunderbares Netz-Video meines geschätzten Kollegen Jakob Vicari von den Freischreibern, das vor einigen Jahren gedreht wurde, um auf die oft miserablen Arbeitsbedingungen freier Journalisten hinzuweisen. Darin fährt er auf einem klapperigen Herrenrad am Elbdeich entlang und sucht nach Al-Qaida.

Es ist irre lustig und zum Heulen. Denn: Ja, es gibt leider gute Gründe, warum die Situation so ist wie ist – den Verlagen geht es schlecht, die Printmedienkrise trifft alle, und wenn man das Pech hat, in einem sehr teuren Land auf Reportage geschickt zu werden, wird das magere Honorar oft fast von den Lebenshaltungskosten aufgefressen, ganz wörtlich. Denn Verpflegungsspesen gibt’s für Freie schon lang keine mehr, jedenfalls mehrheitlich.

Ich schreibe diese altbekannte Tatsache hier nochmal so ausführlich auf, denn wenn ich von den Arbeitsbedingungen der fest angestellten „Spiegel“-Kollegen lese, dann, ich gestehe: packt mich spontan der Sozialneid. Wochenlang vor Ort recherchieren dürfen und notfalls auch mal nach Hause kommen und sagen: sorry, war nix, gab keine Geschichte? Könnte man sich, so schreibt es jedenfalls Chefredakteur Ullrich Fichtner, auch mal leisten, ohne danach Ärger zu bekommen. Okay: Mal abgesehen vom Verlust von Ruhm und Ehre, und dass man sich dann möglicherweise eine Weile mit einem Schlappschwanz-Image herumschlägt. Aber immerhin: Es wäre kein Kündigungsgrund.

Bei uns da draußen, auf dem freien Markt, sieht das anders aus: Kein Text heißt kein Honorar (vielleicht auch keine Folgeaufträge), keine Protagonisten heißt kein Honorar (dito!), und wenn der Redaktion die vorgeschlagenen Protagonisten nicht gefallen, dann heißt es eben neu suchen, für, na? genau: kein zusätzliches Honorar.

Das ist schon in Ordnung, dazu sind wir Freiberufler, wir tragen unser Risiko selbst, wenn auch nicht alle von uns freiwillig (ich schon). Aber da kommt wieder der Moment, in dem sich die Systemfrage stellt, und zwar in mehrere Richtungen. Zum einen in Sachen Selbstverständnis: Müsste nicht neben dem Reporter-Ehrgeiz auch der Mut gefördert werden, eine Niederlage einzugestehen? Statt eine dünne Faktenlage so aufzublasen, dass doch noch was draus wird? Auf der anderen Seite: Sägen nicht viele durchaus seriöse Blätter an dem Ast auf dem sie sitzen, wenn sie Freie bei der Qualität genau auf denselben Mindeststandard drücken, auf dem die Bezahlung angekommen ist? Ja, ich finde auch: Viele Geschichten – inklusive manche meiner eigenen – könnte man besser machen, mit einer zusätzlichen Umdrehung Recherche, mit einer noch intensiveren Fallsuche, mit mehr Gegenchecks und Hintergrundgesprächen. Allein, es hängt, woran es so oft hängt: am Geld. Money, Macht und Eitelkeit – danach sollten wir fragen. Jede und jeder für sich, aber auch in den Redaktionen.

Neues aus meinem Kopf, Teil 1: Von fiesen Zwergen und dicken Riesen

Am Anfang war das Wort? Von wegen: Am Anfang war der Selbstzweifel. Warum wir Schreiber alle so einen Quälgeist mit uns herumschleppen, was gegen ihn hilft, und warum Männer ihn anders nennen als Frauen

Ich habe eine gute Freundin, die hat einen eigenen Zwerg. Ja, »hat« ist hier das richtige Wort, denn sie besitzt ihn nicht, eher besitzt er sie, jedenfalls gelegentlich. Manchmal bleibt er über Wochen und Monate weg, wo er sich dann rumtreibt, ist unklar, aber kaum lässt sie ihren Rechner hochfahren, um an ihrem Romanprojekt weiterzuschreiben, ist er in Nullkommanix zur Stelle. Er steht so rum und guckt, und sie weiß schon, was kommt, ehe er den Mund aufmacht.

»So«, hämt er schließlich drauf los, »wir wollen wohl Schriftstellerin werden, wenn wir groß sind, was? Wir glauben wohl allen Ernstes, die Welt hätte auf uns gewartet und wir was zu sagen, was? Wir halten uns wohl für total gelungen, was?« Manchmal hält sie sich dann die Ohren zu, manchmal pampt sie zurück, wahrscheinlich singt sie manchmal lautstark vier Strophen vom »Hamburger Veermaster« auf Plattdeutsch, um sein Gestänker nicht mehr hören zu müssen. Aber es nützt nichts, allein sein Anblick macht jedes Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zunichte. Wenn’s gut läuft. Wenn’s schlecht läuft, fängt sie gar nicht erst an zu schreiben.

Ich habe auch so einen Zwerg, auch wenn er sich bei mir selten in dieser Daseinsform materialisiert. Sondern abstrakter. Eine giftgrüne Brille, die ich manchmal aufhabe, wenn ich zwei, drei Tage später lese, was ich zuletzt geschrieben habe. Und die ich einfach nicht absetzen kann. Durch sie sehe ich einen Friedhof schiefer Bilder, eine Ansammlungen von Sätzen, die mangelnde Substanz durch Schwatzhaftigkeit wettmachen, Dialoge, die weder kunstvoll sind noch realistisch. Und zwar ausnahmslos. Dann denke ich: Kein Wunder, dass die Anzahl der absoluten Nichtleser in Deutschland bei mittlerweile 25 Prozent liegt. Warum sollten die ein Buch in die Hand nehmen, oder gar meins?

Früher hatte ich einen Trick, aus solchen Talentkrisen unbeschadet rauszukommen: Ich bin in eine Buchhandlung gegangen und habe aufs Geratewohl zwei Titel vom Stapel gezogen, maximal drei, vier, und beim Reinlesen immer die gleiche Erfahrung gemacht. Ein Teil davon war so, dass ich wusste, unter dieser Latte konnte ich erhobenen Hauptes durchmarschieren, denn die würde ich niemals überspringen. Ein anderer aber auch so, dass ich mich ernsthaft wunderte: Weshalb hat jemand gerade diesen Wörtern in gerade dieser Reihenfolge ein Zuhause zwischen Buchdeckeln gegeben? Danach ging’s mir besser. Aber im Lauf der Jahre hat sich das abgenutzt, und gleichzeitig sind meine Ansprüche an mich selbst gewachsen.

Was ich mich manchmal frage: Geht’ s eigentlich den männlichen Kollegen ähnlich, oder ist das mal wieder so ein mieses fieses Frauending? Die Selbstzweifel weiblicher Autorinnen, selbst derer, die darüber wirklich erhaben sein sollten, sind fast ein eigenes literarisches Genre. Ingeborg Bachmann, zum Beispiel, soll wie ein Tier gelitten haben, wenn sie Tag für Tag die gleichmäßigen Tastenanschläge aus Max Frisch’ Arbeitszimmer hörte, ratt-tatt-tatt, während sie sich an einem Gedicht abarbeitete, das einfach nicht zur Welt kommen wollte. Und die Autorin Inger-Maria Mahlke, immerhin gerade auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises, erzählte letzte Woche einem Spiegel-Reporter, dass sie jeden Morgen eine Stunde weinend am Schreibtisch sitzt, ehe sie sich überwindet und weiterschreibt.

Nun kann man sich fragen, ob das nicht ein wenig larmoyante Selbststilisierung ist – hallo, ich bin die Heilige Schmerzensmutter der Literatur! –, aber es fällt schon auf: von den männlichen Kollegen hört man in dieser Hinsicht nichts. Beziehungsweise: Man hört schon was, aber das heißt dann markig »Schreibblockade«. Das klingt nach einer ernstzunehmenden Diagnose und zugleich nach höherer Gewalt – kann man nix machen, da hilft auch kein Orthopäde, tut aber sauweh. In anderen Berufsständen kennt man das nicht so. Schon mal von einem Klempner mit Rohrverlegungsblockade, oder einer Erzieherin mit Erziehungsblockade gehört?

Ich war schon am Überlegen, ob ich mir vielleicht auch so eine handliche Schreibblockade zulege, quasi als Profi-Äquivalent zur grünen Missgunstbrille. Und meiner Freundin gleich eine mitbesorge, die gibt es vielleicht günstiger im Doppelpack. Bis uns dann eine weitere, schreibende Bekannte auf eine viel bessere Idee brachte. Die erzählte, dass sie auch so einen Quengelzwerg hat. Und dass sie sich deshalb dazu so einen großen, dicken, gemütlichen und wortkargen Obelix angeschafft hat, der beim Schreiben hinter ihr steht. Taucht der Zwerg auf, hört sich Obelix sein Gezeter eine Weile an, klopft sich dann – tock-tock-tock – an die Stirn und gibt dem Zwerg wortlos einen auf die Rübe. Das hat er beim Römerverhauen geübt. So einen will ich  auch.

Er dürfte nicht schwer zu bekommen sein: Alles was wir brauchen, erfinden wir uns einfach. Wir sind Schriftstellerinnen. Wir dürfen das.

»Lesen und Schreiben« – mein neues Blogprojekt

Und was machen Sie so beruflich? Auf diese Smalltalkfrage antworte ich gerne mit »Lesen und Schreiben«, auch wenn das natürlich nicht ganz richtig ist – man telefoniert ja auch mal oder spricht persönlich mit Interviewpartnern, einer Lektorin oder Redakteurin. Es ist aber auch ein treffendes Motto für mein neues Blogprojekt: Wie fast alle Autorinnen und Autoren bin ich gleichzeitig passionierte Leserin. »Writers are readers who have spilled over« lautet ein Bonmot, dessen Urheber ich nie habe ermitteln können (wenn’s jemand weiß, bitte Bescheid sagen!), und genau darüber möchte ich künftig bloggen: Leseerlebnisse, die Umstände meines eigenen Schreibens, und was das eine mit dem anderen zu tun hat. Ab Herbst 2018 in losen Abständen hier auf meiner Website.

40-something: die Geschichte unseres Blogs

Von 2015 bis 2018 war ich eine von drei passionierten Bloggerinnen bei www.40-something.de. Hier brachten wir zu dritt unser Knowhow für diesen besonderen Lebensabschnitt ein: meine Blogschwestern Esther Langmaack, Silke R. Plagge und ich. Unser gemeinsames Motto: „Endlich alt genug“. Für guten Wein und gegen Höflichkeitskaffee. Für schmerzliche, aber notwendige Trennungen und Reisen allein. Gegen unnötige Pfunde und für jede Menge Selbstbewusstsein. Eine schöne Reise, die 2018 für mich zu Ende ging, weil ich mich mehr dem Bücherschreiben widmen wollte. Alte Texte von mir sind dort aber nach wie vor zu finden.