Gewaltig, ey: Rezo und die Demokratie

Das Deutsche Historische Museum hat mich kürzlich eingeladen, an einer Blogparade zum Thema Demokratie teilzunehmen. Mach ich gern, schrieb ich zurück, und fragte mich gleichzeitig, ob ich dafür die Richtige bin – schließlich gehört Politik nur am Rande zu den Themen, mit denen ich mich als Journalistin beschäftige. Dann kamen Rezo und sein vielgeklicktes, viel diskutiertes Video, und plötzlich hatte ich mein Thema. Als Journalistin, als politisch interessierter Mensch, und als Mutter. Denn: In einer Medienlanschaft im dramatischen Umbruch braucht es auch neue Formate für die demokratische Willensbildung.

#DHMDemokratie

Mit kleinen Kinder über Demokratie zu sprechen, ist ganz einfach. Sie wissen im besten Fall genau, wie das läuft: unterschiedliche Bedürfnisse artikulieren, Kompromisse aushandeln, Mehrheiten organisieren. Ob sie in der Kita über ein Ausflugsziel abstimmen oder im Familienurlaub abwechselnd mit Eltern und Geschwistern „der Bestimmer“ sein dürfen – oder, natürlich, die Bestimmerin – , das vermittelt ihnen von klein auf eine Ahnung, wie dieses System auch im Großen funktioniert. Sie erleben es, wenn es gut läuft, am eigenen Leib.

Später, wenn die Kreise größer werden, kommen Medien als Welterklärer dazu: Meine Kinder, jetzt zehn und dreizehn, haben jahrelang ihr politisches Wissen aus den animierten Infografiken der „Logo“-Kindernachrichten bezogen. Und ich saß manchmal dabei und war klammheimlich froh, wenn man mir auch noch mal die Welt erklärte, als sei ich fünf. Weil es auch für arbeitende Eltern von kleinen Kindern Zeiten gibt, in denen sie beim besten Willen nicht jedes politische Thema in all seiner Komplexität durchdringen können, allein schon aus Zeitmangel. So behielt ich wenigstens halbwegs den Überblick.

Aber dann werden Kinder größer, und auf einmal tut sich ein Loch auf. Ein Loch, das in Zeiten von veränderter Mediennutzung immer tiefer klafft. Denn wenn aus Kindern Teenager werden, werden Kindermagazine und Kinder-TV uninteressant, ohne, dass die Infoquellen der Eltern ihnen deshalb näher rücken, im Gegenteil. Zwar lesen Kinder nach wie vor Bücher (hier ein Überblick über aktuelle Mediennutzungs-Studien), aber Tageszeitungen, Nachrichtenmagazine und selbst längere Texte auf Online-Nachrichtenseiten wirken auf viele wie Überbleibsel aus einer analogen Steinzeit. Kann ich ganz unempirisch bestätigen, ist bei uns zu Hause genau so. Ganz abgesehen von meiner eigenen Parteilichkeit – als Printjournalistin lässt es mich natürlich nicht kalt, wenn meine eigenen Kinder mich für ein Fossil halten – habe ich mich da schon manchmal gefragt: Wie soll so die Meinungsbildung funktionieren? Wo bleibt die vielzitierte „vierte Gewalt im Staat“, wenn die klassischen Kanäle die 13-, 15-, 17jährigen weiträumig umfließen?

Auftritt Rezo. Als ich vor ein paar Tagen von der ebenso aufgeregten wie unsouveränen Reaktion der CDU-Spitze auf diesen Tour-de-force-Ritt durch drängende Fragen der Gegenwart erfuhr, waren meine maulfaulen Kinder sofort gesprächsbereit, und, Überraschung!, sie hatten das Video längst gesehen. Meine ältere Tochter in voller Länge. Wie das? Augenrollen: „Mama, weil wir den abonniert haben.“ Völlig klar, dass ich das schleunigst nachgeholt habe – zu dem Zeitpunkt war ich schon eine von sieben Millionen. Während ich am Sonntag, den 26. Mai diese Zeilen schreibe, sind es beinahe elf.

Ich möchte an dieser Stelle gar nicht weiteres Fact-Checking betreiben, das haben andere bereits ausführlich getan, etwa hier. Ich teile auch Rezos Schlussfolgerungen nicht in jedem Punkt, allein schon deshalb, weil mir vieles zu vereinfacht und zu verkürzt dargestellt ist. Aber darum geht es gar nicht: Ich bin vor allem verdammt froh, dass sich hier jemand hinstellt und dieses mediale Loch, diese Kluft zwischen Heranwachsenden und Älteren schließt. Weil er Gesprächsgrundlage und Diskussionsstoff in einem Format liefert, das für jeden zugänglich ist, und das sehr substantiell. Ob man den Slang dabei mag, ist völlig zweitrangig. Lieber „fuck“ als „fuck politics“.

Ich habe in den letzten Tagen so viel wie noch nie mit meinen Kindern über Politik gesprochen und über die Mühsal demokratischer Prozesse. Warum radikale Forderungen wichtig sind und Kompromisse dann häufig so zäh und unbefriedigend, vor allem, wenn sie über eine kommunale und nationale Ebene hinausgehen und internationale Bündnisse betreffen. Warum es trotzdem keine wünschenswerte Alternative gibt zu diesem mühseligen Geschäft, weil es heute schwerer denn je ist, einen Interessensausgleich zu schaffen in den immer stärker zersplitterten und polarisierten Gesellschaften der westlichen Industrieländer.

Um so verdienstvoller, wenn da ein Typ mit blau gefärbten Haaren daher kommt und mal ein großes Fass aufmacht. Empörung, verdammt gut unterfüttert. Man mag das einseitig finden – aber auch vor zwanzig, dreißig Jahren war es dem eigenen Weltbild schon ganz zuträglich, wenn man nicht nur FAZ, sondern auch TAZ las. Die Auseinandersetzung lohnt sich auf jeden Fall. Und dass der Begriff „Journalist/Journalistin“ nicht geschützt ist, sondern jeder und jede das Recht hat, zu recherchieren, nachzufragen, Fakten wie – innerhalb eines gesetzlichen Rahmens – Meinungen zu präsentieren, das ist kein Versäumnis, sondern eine Konsequenz der gesetzlich verankerten Meinungsfreiheit. Dass so jemand sich ebenso harte Kritik gefallen lassen muss wie ein Profi im politischen Journalismus, gehört natürlich auch dazu. Kann schon passieren, dass es einem auf den Kopf regnet, wenn man sich aus dem Fenster lehnt. Ach ja: Da wäre noch die Kritik, dass Rezo gar nicht der nette Nachbarsjunge ist, der sich ganz allein durch hunderte von Quellen geklickt hat. Sondern ein gut verdienender Social-Media-Profi ist, der dazu ein Team hinter sich stehen hat. Überraschung: Auch klassische Medien beschäftigen Teams, und auch klasssische Medien finanzieren sich über Werbung (die Rezo für dieses Video ausgeschaltet hat, wie es der Youtuber-Ehrenkodex für Themen dieser Art gebührt.)

Den alten weißen Männern von Athen reichte ihre Agora als Versammlungsplatz, um dort ihre städtischen Angelegenheiten zu besprechen. Zweieinhalbtausend Jahre später, als ich im Alter meiner Kinder war, gab es noch den Lagerfeuereffekt dreier Fernsehprogramme: Das Selbstgespräch der Gesellschaft fand auf wenigen, klar definierten Kanälen statt, und zum Internationalen Frühschoppen gab es Wein um zwölf Uhr mittags. Heute ist dank Formaten wie Youtube jeder Sender und Empfänger zugleich, mit all den Vorteilen und Risiken, die so etwas mit sich bringt. Es braucht nicht einmal staatlich gelenkte Presse wie in Ungarn, um den Beitrag zur Demokratie zu unterminieren – wenn sich ganze Bevölkerungsgruppen in den USA nur noch über Breitbart News informieren, blenden sie damit, bewusst oder nicht, riesige Teile von Informationen aus. Kritik an der Trump-Administration erreicht sie schlicht nicht. Und so mancher Autokrat lacht sich ins Fäustchen, wenn er über entsprechende Kanäle direkt senden kann, ohne lästige Hinterfrager, wie es Journalisten ja qua Definition sind.

Mich würde es freuen, wenn das Rezo-Video mit seiner extremen Reichweite keine Eintagsfliege wäre, sondern der Beginn eines Trends, einer neuen Debattenkultur: neue Lagerfeuer, an denen sich Jüngere und Ältere treffen. Dann könnte Social Media auch endlich wieder das Versprechen einlösen, das viele in den Anfängen dieser Technologie erhofft haben: Diversität nicht nur bedienen, sondern auch miteinander ins Gespräch kommen und austauschen. Filterblasen platzen lassen, streiten, über die Einordnung von Fakten genau so wie über den Ton, den wir uns für Debatten wünschen. Es sind nicht die einzigen Zutaten für eine funktionierende Demokratie, klar. Aber, ja lol ey: ganz schön wichtige.