BRIGITTE-Kolumne: Guter Sex ist niemals niedlich

Eiscremefarbenes Liebes-Spielzeug, babyblaue Dessous: Sex im Jahr 2016 kommt in Pastellfarben daher. Unter der Rubrik „Geht das nur mir so?“ habe ich mich in der BRIGITTE gefragt: Ist das ganz schön verrucht, oder eher ganz hübsch spießig?

 Hach, allein, was sie mit ihren niedlichen Füßchen macht. Nackte Waden wippen wie bei der rhythmischen Sportgymnastik auf und ab, erst in der cremefarbenen Badewanne, dann auf dem puderfarbenen Bett. Wenn der Postmann zwei Mal klingelt, nimmt sie ihr Paket auf Zehenspitzen entgegen und lässt dabei mädchenhaft eine Ferse Richtung Popo schnellen. Ei, was mag da drin sein? Doppeldildochen, Liebeskügelchen, allerliebste Peitschlein. In diesem Werbefilm, seit Monaten auch eifrig im Netz geteilt, ist alles Pastell: Kleidchen, Lipgloss, der pseudo-französische Soundtrack („Es rappelt im Karton“), und die putzigen Sextoys natürlich auch. Eine Farbpalette, als hätte sich der Hersteller die Muster von einem Stramplerhersteller geborgt. Oder vom Hutmacher der Queen. Schaut man zu lang hin, droht akuter Zuckerschock.

Ich finde das nicht niedlich. Ich finde das fragwürdig.

Nach dem berühmten Bonmot von Woody Allen ist Sex ja durchaus eine schmutzige Sache – jedenfalls, wenn man es richtig macht. Und hätte er eine Farbe, wäre er eher rot und schwarz als altrosa und babyblau. Eine Angelegenheit zwischen erwachsenen Menschen, bei der es heftig im Karton rappelt. Mit oder ohne Spielzeug. Die Vibrator-Verkaufsassistentinnen aus der Werbung wirken aber nicht wie erwachsene Frauen, die stolz sind auf ihre Lust. Die fordern und wissen, was sie wollen. Sondern im Gegenteil: wie halbwüchsige Girlies, die kaum verstehen, wie ihnen geschieht. „Oh là là, großer böser Mann, was machst du mit mir? Und was ist das Ding in deiner ’ose?“ Im Online-Filmchen eines weiteren Liebes-Accessoire-Versenders lädt eine junge Frau ihre Freundinnen zur Verkaufsparty auf eine blütenweiße Couch, die man kaum mit körperlicher Liebe in Verbindung bringt. Ih, das macht doch Flecken. Dazu trägt sie ein roséfarbenes Hängerchen Marke britische Brautjungfer. Damit bloß keiner auf unanständige Gedanken kommt. Selbst die große alte Dame der Ehehygiene posiert als Sauberfrau: Der neue „Beate Uhse“-Schriftzug mit Herzchen und Schnörkeln sieht aus wie aus dem Poesiealbum. Unschuld als Schlüsselreiz. Ein bisschen Lolita, ein bisschen Schulmädchenreport, ein bisschen Manga. „50 Shades of Mint“ meets „50 Shades of Grey.“ A propos: Auch der erfolgreichste Rein-Raus-Roman der letzten Jahre hatte so eine Heldin wie aus dem Lore-Schmöker. Zu Beginn Jungfrau, später maßvoll verrucht, und im letzten Band wird geheiratet.

Ich frage mich: Bin ich vielleicht nur neidisch? Weil ich als Frau über 40 genau so wenig zu einem zuckergussfarbenen Sexspielzeug greifen würde wie zu einem Hello-Kitty-Shirt? Weil dieses Unschuld-vom-Lande-Ding nicht zusammengeht mit Kleidergröße M/L und zwei Kindern? Nein, das ist es nicht. Denn da wird ein Bild verbreitet, das keiner Frau steht. Egal wie alt, egal wie dick oder dünn. Und das schmeckt mir nicht. Damit mich keiner falsch versteht: Ich habe nichts gegen pinkfarbene Paartoys, ganz grundsätzlich. Und, ja: es kann auch aufregend sein, im Bett mal das naive Lämmchen zu spielen. Weil es auch einer selbstbewussten Macherin gut tut, gelegentlich die Kontrolle abzugeben. Ich würde nur gerne eines klarstellen: Guter Sex ist dreckig, überraschend, grenzüberschreitend. Manchmal sogar besser mit jemandem, den man nicht allzu sehr liebt. Er kann berauschend sein und lebensverändernd, auch zärtlich und rührend. Aber eines ist er nie, nie, nie: niedlich.

 

Mein Tipp: Mal die Suchwörter „Es rappelt im Karton“ und „Parodie“ googeln. Eine Düsseldorfer Werbeagentur hat den bekannten Spot nämlich mit dicklichen Herren in eiscremefarbenen Bademänteln nachgestellt. Sehr lustig!

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