Ziemlich beste Freunde – verstehen sich die Generationen ein bisschen zu gut?

Mein Text aus einem BRIGITTE-Dossier, Oktober 2017

Harmonie zwischen den Generationen macht Loslassen für beide Seiten schwer. Wenn 20-somethings noch zu Hause wohnen und erwachsene Mutter-Tochter-Duos Klamotten tauschen – Grund zur Freude oder Grund zur Sorge?

Es ist Sonntag, ein strahlender Tag in Berlin, als die Nachricht ihrer Tochter auf dem Handy aufpoppt: „Hey Mama, Lust auf einen Bummel im Schlosspark?“ Mama nimmt das Telefon und beginnt zu tippen: „Sorry, Schatz, ich kann nicht, ich hab ein Date.“ Und fragt sich gleichzeitig: Ist das nun rührend oder auch befremdlich, wenn sich ihre 22jährige an einem solchen Tag nichts Schöneres vorstellen kann, als mit Mama spazieren zu gehen? Marie wiederum ist gerade mit einer Freundin unterwegs, die ganz neidisch aufs Display schielt: „Du hast es gut, ich wünschte, meine Mom wäre auch so unabhängig.“

Maries coole Mom heißt Gerlinde Unverzagt, Autorin, alleinerziehend, vier Kinder in den Zwanzigern. Als Marie, die Zweitjüngste, nach einem Auslandsaufenthalt ganz selbstverständlich wieder ihr altes Kinderzimmer bezog, fing Unverzagt an, sich Gedanken zu machen über das Verhältnis zwischen Jüngeren und Älteren. Länger zusammen wohnen, häufiger zusammen feiern, sich gegenseitig T-Shirts leihen – ist das nur die logische Fortsetzung einer liebevollen Kindheit? Oder ist doch irgendetwas faul an dieser Harmonie? In ihrem aktuellen Buch („Generation ziemlich beste Freunde – warum es heute so schwierig ist, die erwachsenen Kindern loszulassen“, Beltz, 16,95 €) hat sie Fragen und Antworten zusammengetragen, Tochter Marie einige Kapitel aus ihrer Sicht ergänzt.

Sicher ist: Erwachsene Kinder und ihre Eltern stehen sich heute näher denn je – und das auf vielen Ebenen. Zum einen räumlich: War 1970 jeder Zweite im Alter von 20 Jahren zu Hause ausgezogen, lebt heute jeder Dritte in der Altersgruppe 25 bis 34 immer noch oder wieder im Elternhaus – zwei Drittel davon Männer. Das hat zum Teil praktische Gründe: Warum explodierende Großstadt-Mieten für WG-Zimmer oder Appartement auf sich nehmen, wenn man’s zu Hause billiger haben kann, inklusive Wäsche-Service und Catering made by Mama? Dazu kommen gestiegene Ansprüche. Unverzagt erinnert sich: „Ich habe mit Anfang 20 in einem besetzten Haus gewohnt, mit Apfelsinenkisten als Möbeln. Meine Kinder erwarten zum Auszug Power-Shopping bei Ikea!“

Das passt zum Befund der aktuellen Shell-Jugendstudie, die jungen Erwachsenen das Label „pragmatische Generation“ verpasst – aber es geht nicht nur um nüchterne Kosten-Nutzen-Abwägung. 90 Prozent aller Jugendlichen geben an, sie hätten ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern. Eine Mehrheit wie auf DDR-Parteitagen. Fast drei Viertel würden ihre eigenen Kinder so erziehen, wie sie es selbst erlebt haben, ein Wert, der seit Anfang der Nuller Jahre stetig gestiegen ist. Andere Sozialwissenschaftler kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Laut einer Untersuchung der TU Chemnitz bespricht jede zweite junge Frau regelmäßig persönliche Dinge mit ihrer Mutter.

Wer den nackten Zahlen misstraut, muss nur mal bei einer beliebigen TV-Casting-Show einschalten: Kaum etwas wird so tränenreich inszeniert, wie wenn Mama und Papa im Model- oder Musiktrainingscamp zu Besuch kommen. Ein verwunderliches Ritual für alle, die in den Achtzigern und Neunzigern jung waren: Da wäre man eher im Boden versunken, als vor laufender Kamera den Alten um den Hals zu fallen. Aber damals wäre Eltern auch weder auf die Idee gekommen, Zehnjährige auf dem Schulweg zu begleiten und Erstsemester-Studenten zur Studienberatung – beides heute gang und gäbe.

Möglicherweise ist die neue Nähe auch Ausdruck des Zeitgeistes, der Renaissance des Wir-Gefühls. Ob „Public Viewing“, „Sharing Economy“ oder skandinavische „Hygge“-Gemütlichkeit: Anders als in früheren, mega-individualistischen Zeiten sehnen wir uns in der wackligen Welt von heute generationenübergreifend nach Zusammengehörigkeit, Berechenbarkeit, Beschaulichkeit. Es mag Zufall sein oder auch nicht, dass die Anzahl der erwachsenen Kinderzimmer-Bewohner seit den frühen Nuller Jahren rasant angestiegen ist – dem Zeitpunkt, als das Nine-Eleven-Attentat eine Zeitenwende markierte, von der Spaßgesellschaft zum neuen Bedrohungsgefühl. Unverzagt findet das Zusammenrücken nachvollziehbar, sieht es aber trotzdem kritisch: „Das Wort ‚Familie’ hat heute einen unangenehmen Pathos bekommen. Da schlagen konservative Werte mit voller Wucht zurück.“

Überhaupt gibt es einiges an der aktuellen Entwicklung, das Gerlinde Unverzagt Bauchschmerzen bereitet. Nicht mal so sehr die Bequemlichkeit der Jüngeren, mehr noch die Bedürftigkeit der Älteren. „Kinder haben ist für viele Menschen heute ein zutiefst narzisstisches Projekt geworden“, glaubt Unverzagt. Sie selbst sei als Kind eher „so mitgelaufen“, während Kinder und Jugendliche heute gewissenhaft gefördert würden – vom Zwergen-Musikkurs bis zum „Gap Year“ in Südostasien nach dem Abitur. Eine Investition, von deren Früchten man dann auch profitieren möchte. Das muss gar nicht so weit gehen wie bei den Society-Müttern der New Yorker East Side, die von ihren Ehemännern finanzielle Boni für Schulnoten der Teenager erhalten. Als wäre das Kind ein Investment-Fonds und sein Erfolg eine mütterliche Management-Aufgabe. Auch ganz durchschnittliche Mittelklasse-Teilzeitjob-Mütter in Deutschland seien nicht immun gegen diese Schräglage, glaubt Unverzagt: „Obwohl die weibliche Berufstätigkeit heute viel verbreiteter ist als noch vor einer Generation, betrachten Frauen vor allem ihre Kinder als sinn- und identitätsstiftend – und ertragen es dann nicht, wenn an diesem zentralen Punkt eine Leere entsteht.“

Denn dann müsste man sich ja unangenehmen Fragen stellen: Wie steht’s um meine Partnerschaft? Was macht mein Leben sonst noch aus? Oder, verschärft noch bei Alleinerziehenden: Wie gehe ich mit dem Gefühl des Verlassenseins um? Des sichtbaren Älterwerdens? Die Alternative ist verlockend: erwachsenen Kindern zu Hause alle Annehmlichkeiten bereiten, inklusive gemeinsamer Partys und Fernsehabende plus launiger WhatsApps zwischendurch, und daraus die Gewissheit ziehen: Hey, ich bin vielleicht 30 Jahre älter, aber innerlich genau so jung und cool! Der Satz einer Single-Mutter aus einer TV-Doku ist Unverzagt besonders unangenehm im Gedächtnis geblieben: „Mein Sohn ist der Mann meines Lebens – eine solche Aussage grenzt für mich an emotionalen Missbrauch!“

Die Psychotherapeutin und Entwicklungspsychologin Christiane Wempe aus Ludwigshafen sieht die Dinge ähnlich wie Unverzagt – allerdings weniger dramatisch. „Dies Nicht-Loslassen-Können, diese Rollenumkehr, das betrifft eher ein bestimmtes, großstädtisches Bildungsmilieu, nicht die Gesellschaft als ganzes. Generell kann man aber sagen: Ablösungsprozesse sind heute etwas stärker gepuffert, nicht mehr so radikal.“ Das hat zum einen mit modernen Medien zu tun: Wenn man vor 20 Jahren halbherzig versprach, auf Interrail-Tour einmal die Woche eine Telefonzelle aufzusuchen, sind heute Eltern per Messenger-Dienst täglich im Bilde, was Mäuschen in Jakarta oder Hanoi gefrühstückt hat. Die Mütter genauso wie die Väter, die heute oft sehr viel mehr Anteil nehmen am Alltag ihrer Kinder. Aber auch Lebensläufe sind weniger planbar. Abi mit 19, Zivildienst, Studium plus WG-Zimmer – das ist total Neunziger. Moderne Geschichten klingen eher so: Abschluss mit 17, ein Jahr Work-and-Travel, mit 18 erstmal wieder zurück nach Hause und um einen Studienplatz bewerben. Die Wohnsituation allein ist für Christiane Wempe kein Gradmesser für Autonomie: „Wir haben in einer Studie über den Auszug aus dem Elternhaus sowohl Befragte gehabt, die bei ihren Eltern wohnen, aber selbständig ihre Angelegenheiten regeln, als auch solche mit eigener Wohnung, deren Mütter dort wöchentlich zum Putzen vorbeikamen und andere Dinge regelten. Wer von denen ist erwachsener?“

Einig sind sich alle Experten: Innere und äußere Unabhängigkeit sind ein wichtiger Entwicklungsschritt für die Jüngeren – genau so wie das Loslassen für die Älteren. Dass das ein schmerzhafter Prozess sein kann, so wie jede Veränderung, bestreitet keiner. Oft sind es kleine Rituale, die den Übergang erleichtern. „Als mein ältester Sohn auszog, hatten wir im ersten halben Jahr eine Verabredung: Ein Mal pro Woche kommen alle gemeinsam zum Essen.“, erinnert sich Unverzagt. Vor allem aber empfiehlt sie Eltern, sich beizeiten mit dem auseinander zu setzen, was unabwendbar vor ihnen liegt: „Dort, wo Kinder sich aus dem eigenen Leben zurückziehen, die Freiräume mit eigenem aufzufüllen – das ist eine gute Vorübung.“ Fängt an beim ersten Kneipenbummel nach Ende der Baby-Stillzeit, geht weiter mit dem ersten Urlaub ohne Kinder, wenn die lieber auf Partytour nach Spanien wollen als auf Kulturreise ins Baltikum. Eine Leere, ja – aber eine, die Platz bietet für neue Inhalte: wieder Zeit haben für den Partner, Gas geben im Job, Freiräume für Freundschaft, Hobbys, Reisen. Schließlich sei es etwas fundamental anderes, ob eine Liebesbeziehung zerbricht oder ein erwachsenes Kind flügge wird, findet Unverzagt: „Die Tochter, der Sohn geht – und liebt uns trotzdem weiter.“

Marie, übrigens, bewirbt sich gerade um einen Studienplatz. Die Fachrichtung ist klar, der Studienort noch nicht. Mit einer Ausnahme: Berlin, findet Marie, geht gar nicht.

 

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