Ziemlich beste Freunde – verstehen sich die Generationen ein bisschen zu gut?

Mein Text aus einem BRIGITTE-Dossier, Oktober 2017

Harmonie zwischen den Generationen macht Loslassen für beide Seiten schwer. Wenn 20-somethings noch zu Hause wohnen und erwachsene Mutter-Tochter-Duos Klamotten tauschen – Grund zur Freude oder Grund zur Sorge?

Es ist Sonntag, ein strahlender Tag in Berlin, als die Nachricht ihrer Tochter auf dem Handy aufpoppt: „Hey Mama, Lust auf einen Bummel im Schlosspark?“ Mama nimmt das Telefon und beginnt zu tippen: „Sorry, Schatz, ich kann nicht, ich hab ein Date.“ Und fragt sich gleichzeitig: Ist das nun rührend oder auch befremdlich, wenn sich ihre 22jährige an einem solchen Tag nichts Schöneres vorstellen kann, als mit Mama spazieren zu gehen? Marie wiederum ist gerade mit einer Freundin unterwegs, die ganz neidisch aufs Display schielt: „Du hast es gut, ich wünschte, meine Mom wäre auch so unabhängig.“

Maries coole Mom heißt Gerlinde Unverzagt, Autorin, alleinerziehend, vier Kinder in den Zwanzigern. Als Marie, die Zweitjüngste, nach einem Auslandsaufenthalt ganz selbstverständlich wieder ihr altes Kinderzimmer bezog, fing Unverzagt an, sich Gedanken zu machen über das Verhältnis zwischen Jüngeren und Älteren. Länger zusammen wohnen, häufiger zusammen feiern, sich gegenseitig T-Shirts leihen – ist das nur die logische Fortsetzung einer liebevollen Kindheit? Oder ist doch irgendetwas faul an dieser Harmonie? In ihrem aktuellen Buch („Generation ziemlich beste Freunde – warum es heute so schwierig ist, die erwachsenen Kindern loszulassen“, Beltz, 16,95 €) hat sie Fragen und Antworten zusammengetragen, Tochter Marie einige Kapitel aus ihrer Sicht ergänzt.

Sicher ist: Erwachsene Kinder und ihre Eltern stehen sich heute näher denn je – und das auf vielen Ebenen. Zum einen räumlich: War 1970 jeder Zweite im Alter von 20 Jahren zu Hause ausgezogen, lebt heute jeder Dritte in der Altersgruppe 25 bis 34 immer noch oder wieder im Elternhaus – zwei Drittel davon Männer. Das hat zum Teil praktische Gründe: Warum explodierende Großstadt-Mieten für WG-Zimmer oder Appartement auf sich nehmen, wenn man’s zu Hause billiger haben kann, inklusive Wäsche-Service und Catering made by Mama? Dazu kommen gestiegene Ansprüche. Unverzagt erinnert sich: „Ich habe mit Anfang 20 in einem besetzten Haus gewohnt, mit Apfelsinenkisten als Möbeln. Meine Kinder erwarten zum Auszug Power-Shopping bei Ikea!“

Das passt zum Befund der aktuellen Shell-Jugendstudie, die jungen Erwachsenen das Label „pragmatische Generation“ verpasst – aber es geht nicht nur um nüchterne Kosten-Nutzen-Abwägung. 90 Prozent aller Jugendlichen geben an, sie hätten ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern. Eine Mehrheit wie auf DDR-Parteitagen. Fast drei Viertel würden ihre eigenen Kinder so erziehen, wie sie es selbst erlebt haben, ein Wert, der seit Anfang der Nuller Jahre stetig gestiegen ist. Andere Sozialwissenschaftler kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Laut einer Untersuchung der TU Chemnitz bespricht jede zweite junge Frau regelmäßig persönliche Dinge mit ihrer Mutter.

Wer den nackten Zahlen misstraut, muss nur mal bei einer beliebigen TV-Casting-Show einschalten: Kaum etwas wird so tränenreich inszeniert, wie wenn Mama und Papa im Model- oder Musiktrainingscamp zu Besuch kommen. Ein verwunderliches Ritual für alle, die in den Achtzigern und Neunzigern jung waren: Da wäre man eher im Boden versunken, als vor laufender Kamera den Alten um den Hals zu fallen. Aber damals wäre Eltern auch weder auf die Idee gekommen, Zehnjährige auf dem Schulweg zu begleiten und Erstsemester-Studenten zur Studienberatung – beides heute gang und gäbe.

Möglicherweise ist die neue Nähe auch Ausdruck des Zeitgeistes, der Renaissance des Wir-Gefühls. Ob „Public Viewing“, „Sharing Economy“ oder skandinavische „Hygge“-Gemütlichkeit: Anders als in früheren, mega-individualistischen Zeiten sehnen wir uns in der wackligen Welt von heute generationenübergreifend nach Zusammengehörigkeit, Berechenbarkeit, Beschaulichkeit. Es mag Zufall sein oder auch nicht, dass die Anzahl der erwachsenen Kinderzimmer-Bewohner seit den frühen Nuller Jahren rasant angestiegen ist – dem Zeitpunkt, als das Nine-Eleven-Attentat eine Zeitenwende markierte, von der Spaßgesellschaft zum neuen Bedrohungsgefühl. Unverzagt findet das Zusammenrücken nachvollziehbar, sieht es aber trotzdem kritisch: „Das Wort ‚Familie’ hat heute einen unangenehmen Pathos bekommen. Da schlagen konservative Werte mit voller Wucht zurück.“

Überhaupt gibt es einiges an der aktuellen Entwicklung, das Gerlinde Unverzagt Bauchschmerzen bereitet. Nicht mal so sehr die Bequemlichkeit der Jüngeren, mehr noch die Bedürftigkeit der Älteren. „Kinder haben ist für viele Menschen heute ein zutiefst narzisstisches Projekt geworden“, glaubt Unverzagt. Sie selbst sei als Kind eher „so mitgelaufen“, während Kinder und Jugendliche heute gewissenhaft gefördert würden – vom Zwergen-Musikkurs bis zum „Gap Year“ in Südostasien nach dem Abitur. Eine Investition, von deren Früchten man dann auch profitieren möchte. Das muss gar nicht so weit gehen wie bei den Society-Müttern der New Yorker East Side, die von ihren Ehemännern finanzielle Boni für Schulnoten der Teenager erhalten. Als wäre das Kind ein Investment-Fonds und sein Erfolg eine mütterliche Management-Aufgabe. Auch ganz durchschnittliche Mittelklasse-Teilzeitjob-Mütter in Deutschland seien nicht immun gegen diese Schräglage, glaubt Unverzagt: „Obwohl die weibliche Berufstätigkeit heute viel verbreiteter ist als noch vor einer Generation, betrachten Frauen vor allem ihre Kinder als sinn- und identitätsstiftend – und ertragen es dann nicht, wenn an diesem zentralen Punkt eine Leere entsteht.“

Denn dann müsste man sich ja unangenehmen Fragen stellen: Wie steht’s um meine Partnerschaft? Was macht mein Leben sonst noch aus? Oder, verschärft noch bei Alleinerziehenden: Wie gehe ich mit dem Gefühl des Verlassenseins um? Des sichtbaren Älterwerdens? Die Alternative ist verlockend: erwachsenen Kindern zu Hause alle Annehmlichkeiten bereiten, inklusive gemeinsamer Partys und Fernsehabende plus launiger WhatsApps zwischendurch, und daraus die Gewissheit ziehen: Hey, ich bin vielleicht 30 Jahre älter, aber innerlich genau so jung und cool! Der Satz einer Single-Mutter aus einer TV-Doku ist Unverzagt besonders unangenehm im Gedächtnis geblieben: „Mein Sohn ist der Mann meines Lebens – eine solche Aussage grenzt für mich an emotionalen Missbrauch!“

Die Psychotherapeutin und Entwicklungspsychologin Christiane Wempe aus Ludwigshafen sieht die Dinge ähnlich wie Unverzagt – allerdings weniger dramatisch. „Dies Nicht-Loslassen-Können, diese Rollenumkehr, das betrifft eher ein bestimmtes, großstädtisches Bildungsmilieu, nicht die Gesellschaft als ganzes. Generell kann man aber sagen: Ablösungsprozesse sind heute etwas stärker gepuffert, nicht mehr so radikal.“ Das hat zum einen mit modernen Medien zu tun: Wenn man vor 20 Jahren halbherzig versprach, auf Interrail-Tour einmal die Woche eine Telefonzelle aufzusuchen, sind heute Eltern per Messenger-Dienst täglich im Bilde, was Mäuschen in Jakarta oder Hanoi gefrühstückt hat. Die Mütter genauso wie die Väter, die heute oft sehr viel mehr Anteil nehmen am Alltag ihrer Kinder. Aber auch Lebensläufe sind weniger planbar. Abi mit 19, Zivildienst, Studium plus WG-Zimmer – das ist total Neunziger. Moderne Geschichten klingen eher so: Abschluss mit 17, ein Jahr Work-and-Travel, mit 18 erstmal wieder zurück nach Hause und um einen Studienplatz bewerben. Die Wohnsituation allein ist für Christiane Wempe kein Gradmesser für Autonomie: „Wir haben in einer Studie über den Auszug aus dem Elternhaus sowohl Befragte gehabt, die bei ihren Eltern wohnen, aber selbständig ihre Angelegenheiten regeln, als auch solche mit eigener Wohnung, deren Mütter dort wöchentlich zum Putzen vorbeikamen und andere Dinge regelten. Wer von denen ist erwachsener?“

Einig sind sich alle Experten: Innere und äußere Unabhängigkeit sind ein wichtiger Entwicklungsschritt für die Jüngeren – genau so wie das Loslassen für die Älteren. Dass das ein schmerzhafter Prozess sein kann, so wie jede Veränderung, bestreitet keiner. Oft sind es kleine Rituale, die den Übergang erleichtern. „Als mein ältester Sohn auszog, hatten wir im ersten halben Jahr eine Verabredung: Ein Mal pro Woche kommen alle gemeinsam zum Essen.“, erinnert sich Unverzagt. Vor allem aber empfiehlt sie Eltern, sich beizeiten mit dem auseinander zu setzen, was unabwendbar vor ihnen liegt: „Dort, wo Kinder sich aus dem eigenen Leben zurückziehen, die Freiräume mit eigenem aufzufüllen – das ist eine gute Vorübung.“ Fängt an beim ersten Kneipenbummel nach Ende der Baby-Stillzeit, geht weiter mit dem ersten Urlaub ohne Kinder, wenn die lieber auf Partytour nach Spanien wollen als auf Kulturreise ins Baltikum. Eine Leere, ja – aber eine, die Platz bietet für neue Inhalte: wieder Zeit haben für den Partner, Gas geben im Job, Freiräume für Freundschaft, Hobbys, Reisen. Schließlich sei es etwas fundamental anderes, ob eine Liebesbeziehung zerbricht oder ein erwachsenes Kind flügge wird, findet Unverzagt: „Die Tochter, der Sohn geht – und liebt uns trotzdem weiter.“

Marie, übrigens, bewirbt sich gerade um einen Studienplatz. Die Fachrichtung ist klar, der Studienort noch nicht. Mit einer Ausnahme: Berlin, findet Marie, geht gar nicht.

 

Was auf die Ohren, Volume II: Schlau wie Vier jetzt in Ägypten und auf dem Mars!

Wie lebten eigentlich die Menschen im Alten Ägypten? Wie fühlt es sich an, mit neun Jahren zum Pharao gekrönt zu werden? Warum bezeichnen wir den Mars als den Roten Planeten, und was passiert, wenn man im Raumanzug zu hüpfen beginnt? In den beiden neuesten Folgen unserer Hörspielserie Schlau wie Vier, ausgedacht und getextet von meiner Co-Autorin Alex Frank vom Kindermedienbüro und mir, beantworten wir mit Hilfe zweier spannender Geschichten – und natürlich mit Hilfe unserer Helden Pia, Lisa, Tobi und Samir! – wieder jede Menge Kinderfragen zu Themen, die Kinder im Grundschulalter wirklich interessieren. Aufgepasst, jetzt kommen wir – und wir sind schlau wie Vier! Erschienen sind die neuen Folgen (als CD und MP3-Download) im September 2017. Und natürlich geht’s auch 2018 weiter mit der klugen Clique: Geplant und teils auch schon produziert sind Folgen zum Thema Delfine, Mittelalter und zu weiteren spannenden Wissensgebieten.

Polyamorie: In guten wie in guten Zeiten

Alle miteinander haben sich ganz lieb, jeder ist für sich selbst verantwortlich, reden hilft: Der Gesellschaftstrend „Polyamorie“ klingt nach einem Märchen für Erwachsene. Ich fürchte: Genau das ist es auch. Geht das nur mir so?, frage ich mich in der BRIGITTE im Mai 2017

 Wenn ein Angebot zu gut klingt, um wahr zu sein, ist daran meistens etwas faul. Das gilt für 19-Euro-Flugtickets genau so wie für die Polyamorie. Sie wissen auch nicht so ganz genau, was das ist? Laut Wikipedia geht es um die Idee, „mehr als einen Menschen zur gleichen Zeit zu lieben, mit Wissen und Einverständnis aller Beteiligten, als langfristig und vertrauensvoll angelegte Beziehung.“ Also: ein bisschen Woodstock, ein bisschen Sharing-Economy. Der „Spiegel“ feierte offen geführte Mehrfach-Lieben kürzlich gar als feministische Erfolgsgeschichte. Seitdem frage ich mich ständig: Wo ist der Haken? Denn irgendeinen haben sie ja alle, diese super-duper-sorglos-Angebote. Die billigen Flugtickets gelten nur am 31. Februar morgens um halb vier one-way. Und die Polyamorie? Mag funktionieren. Aber nur für Menschen, die halbwegs jung, halbwegs schön, halbwegs kinderlos, halbwegs gesund und krisenfrei sind.

Ich glaube nämlich nicht nur, dass immer einer mehr leidet, je schwereloser der andere von Blüte zu Blüte hüpft. Ich frage mich vor allem, wie tragfähig so eine Mehrfachbeziehung wird, wenn’s hart auf hart kommt. Wenn das luftige Liebes-Ideal auf dem Boden der Tatsachen landet. Kein Problem, so lange alle tiefenentspannt durchs Leben gehen: Der Ben wacht morgens um zehn in Julias Single-Appartement auf und frühstückt um elf bei der Geli Croissants mit Erdbeermarmelade, ganz ohne Eifersucht und Heimlichkeiten. Aber was, wenn die Geli am Freitag eine fiese Wurzelbehandlung hat, Julia aber mehr Lust auf eine Spritztour ins Romantik-Hotel? Wenn Julia ein Baby bekommt – schläft Ben bei seiner Alternativ-Liebe, weil da die Nächte ruhiger sind? Und wenn Ben seinen Job verliert: Machen dann beide Frauen Schluss? Weil negative Vibes das gute Feeling ruinieren, und Trips ins Romantik-Hotel nicht vom ALG II zu bezahlen sind? Oder legen Geli und Julia fürs Dreierzimmer zusammen? Das ist für mich der größte Minuspunkt des Ich-liebe-euch doch-alle-Ideals: Schwach sein ist nicht. Jedenfalls nicht für länger.

Klar, auch in gewöhnlichen Zweierbeziehungen klappt das nicht immer mit den guten und den schlechten Zeiten. Egal ob verheiratet oder nicht, homo oder hetero. Es gibt Männer, die gehen während der Krebs-OP ihrer Frau zum Segeln, und Frauen, die ihre Zuneigung an den Gehaltszettel oder den BMI ihres Lebensgefährten koppeln. Aber dann weiß man wenigstens: Das ist wohl nicht der Mensch, auf den ich mich im Leben verlassen sollte. In anderen Fällen tut es der Liebe sogar gut, wenn sie kein allzu bequemes Schlupfloch hat. Wenn einen nicht nur luftiges Gefühl bindet, sondern auch das Kind, die Eigentumswohnung, die gemeinsame Firma, dann ist man doch eher bereit zu bleiben, zu streiten, bestenfalls aneinander zu wachsen. Ja: das hat mit Abhängigkeit zu tun, das ist anstrengend. Aber auch Mehrfach-Beziehungen sind ja kein Ponyhof, sie zerren nur anders an den Nerven. Liebe gerecht verteilen, Bedürfnisse abwägen: ein emotionaler Vollzeitjob. Und es gibt Phasen im Leben, da möchte ich nicht dauernd verhandeln, sondern mich einfach mal fallen lassen. Zu wissen, dass einer mich auch mit unrasierten Beinen liebt; zurücklieben, auch wenn er nicht jeden Abend Energie hat für tiefe Talks: Das ist wirklich mal ein Angebot, das ich nicht ablehnen kann.

 

40-something: die Geschichte unseres Blogs

Von 2015 bis 2018 war ich eine von drei passionierten Bloggerinnen bei www.40-something.de. Hier brachten wir zu dritt unser Knowhow für diesen besonderen Lebensabschnitt ein: meine Blogschwestern Esther Langmaack, Silke R. Plagge und ich. Unser gemeinsames Motto: „Endlich alt genug“. Für guten Wein und gegen Höflichkeitskaffee. Für schmerzliche, aber notwendige Trennungen und Reisen allein. Gegen unnötige Pfunde und für jede Menge Selbstbewusstsein. Eine schöne Reise, die 2018 für mich zu Ende ging, weil ich mich mehr dem Bücherschreiben widmen wollte. Alte Texte von mir sind dort aber nach wie vor zu finden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Neu ab Sommer 2017: die Hörspiel-Serie „Schlau wie Vier“

Texte schreiben? Kann ich! Und meine Kollegin Alex Frank vom Kindermedienbüro kann das auch. Aber Texte zum Klingen bringen? Ein Skript schaffen, das erst durch Sprecherstimmen, Toningenieure, Komponisten so richtig zum Leben erwacht? Das gleichzeitig spannend und lebendig ist und dabei Kindern im Grundschulalter Wissen vermittelt über Themen, die sie faszinieren – ob Dinosaurier oder Wildpferde, ob Altes Ägypten oder das Weltall? Und noch mehr als das: sorgsam recherchiert, von Experten gecheckt, spielerisch vermittelt? Anfang 2016 haben Alex und ich diese spannende Aufgabe übernommen und nach einer Idee von Hilla Fitzen, Redakteurin in der Kinder-Hörspielsparte von Sony Music, ein Konzept entwickelt, uns Figuren und Geschichten ausgedacht.

Das Ergebnis ist die neue Serie „Schlau wie Vier“. Und schlau, das sind sie wirklich: die Zwillinge Pia und Lisa, deren Universalerfinder-Mutter ihnen eine vermeintlich funktionslose Erfindung vermacht hat – den Navinauten, mit dem man durch Raum und Zeit reisen kann. Samir, dessen Piloten-Vater manchmal exotische Geschenke von seinen Reisen mitbringt, ohne zu wissen, auf welche Ideen die Kinder dadurch kommen – denn klammheimlich haben die Freunde in ihrem „Chillroom“ auf dem Dachboden längst herausgefunden, wie der Navinaut zu bedienen ist. Und Tobi, mutig und sportlich, der immer die besten Sandwiches dabei hat – schließlich ist seine Mutter nicht nur eine selbstbewusste Single Mom, sondern auch Kantinenköchin in der Grundschule Eulenstraße. Ob sie auch ein wenig zaubern kann?

Die ersten beiden Folgen  „Dinosaurier – der geheimnisvolle Knochen“ und „Wildpferde – Reise in die Mongolei“ sind im Juni 2017 erschienen, demnächst folgen Expeditionen ins Alte Ägypten und auf den Mars. Unsere vier Kinder (Alex: zwei Töchter, ich: eine Tochter und ein Sohn) tanzen und singen bereits den Titelsong mit. Reinhören? Das geht hier.

Südtirol im Winter: Spiel & Rodel gut

Hüttenzauber in der eigenen Stube, Kälbchentaufe im Stall und Einkehrschwung im Top-Skigebiet: Winterurlaub auf dem Bauernhof ist eine Traumkombi für Familien, in denen jeder eine andere Vorstellung hat von einer perfekten Woche im Schnee. 2012 haben mein Mann, meine Kinder (damals sechs und drei) und ich es ausprobiert, darüber geschrieben habe ich in der ELTERN family

 „Psst!“ flüstert Henri durchdringend in mein linkes Ohr. Ich blinzle schlaftrunken in mein Daunenkissen, dann zum Fenster in der Dachschräge. Finster ist es. Nur die Sterne sind weg, die vor ein paar Stunden noch so nah schienen, als könnten sie gleich in unser hölzernes Bauernbett plumpsen. Der aufgeregte Atem meines Sohnes streift meine Wange. „Psst!“ flüstert er noch lauter, „die Tiere schlafen.“ Da hat er höchstwahrscheinlich Recht. Dafür ist Mama jetzt hellwach. Auch wenn sie es sich nicht anmerken lässt.

Stille. Ungefähr zehn Sekunden lang. „Mama?“ „Grmpf?“ „Mama, hat Lotta schon ein Ei gelegt?“ „Nein, Henri, die schläft auch noch.“ Henri stupst mir stumm das geschnitzte Eierkörbchen in die Rippen. Ich verstehe. Ich kapituliere. Denn hier, auf dem Mudlerhof im Gsieser Tal, ist jeder Tag ein bisschen wie Weihnachten: Spätestens um halb sieben sitzen Henri (3 1/2) und Helen (6) senkrecht im Bett, weil sie es nicht erwarten können, in den Stall zu kommen. Jede Ferienwohnung hat eine private Eierlieferantin. Und was gibt es Schöneres, als morgens das noch körperwarme Ei aus der strohgepolsterten Legebox zu nehmen und im Triumphmarsch zum Frühstückstisch zu bringen? Da müssen eben auch die Großen mit den Hühnern aufstehen. Und mit Franz, dem Hahn.

Die Vorstellungen vom Ausschlafen im Urlaub mögen in unserer Familie ein wenig auseinander gehen. Aber sonst ist dieser Südtiroler Milchbauernhof aus dem 18. Jahrhundert mit unserer kuscheligen Ferienwohnung in der ehemaligen Brotkammer ein Sechser im Lotto. Denn er hat alles, was wir zum Winterglück brauchen. Während Helen endlich mal auf Skiern stehen will, reicht für Henri auch der Schlittenhang hinter dem Haus, Hauptsache, es gibt immer genügend Tiere: Stubenkatze und Stallkatze, Küken und Kühe. Und während ich von sonnigen Carving-Hängen träume, schlägt das Herz meines Mannes Dierk für mittelalterliche Burgen und Weinkeller. Aber warum Kompromisse machen, wenn man alles haben kann: am Morgen im Stall den Hasen die Ohren kraulen, am Nachmittag kilometerlange Pisten, abends den leckeren Lagreiner Rotwein auf der Eckbank im Herrgottswinkel? Das alles in einem stillen Seitental Südtirols, mit schneebedeckten Kiefern- und Lärchenwäldern, trutzigen Burgruinen und kleinen Dörfern. Fernab von hochglanzpolierten Après-Ski-Bars und Boutiquen-Bling-Bling, aber dank guter Verkehrsanbindung nur eine dreiviertel Stunde vom vielfältigen Skigebiet Kronplatz entfernt (siehe Kasten S. x).

Natürlich gehört zu einem so zünftigen Winterurlaub auch eine zünftige Urlaubsliebe. Helen hat ihre im Sturm erobert: die Bäuerin Agatha, eine zupackende und äußerst herzliche Person von Mitte 50. Die hat selbst zwei Söhne und eine Tochter großgezogen, lange Jahre als Grundschullehrerin gearbeitet, und eine geradezu magnetische Wirkung auf Kinder. Wenn Agatha auftaucht, gibt es immer etwas Tolles zu tun. Die Füllung für „Tirtlan“ anrühren, das typische Südtiroler Schmalzgebäck. Oder aus der hofeigenen Milch kleine Käsestücke in Herzform herstellen. Oder, besonders verantwortungsvoll: einen Namen finden für ein neugeborenes Kälbchen. Während unserer Urlaubstage kommen gleich zwei zur Welt, und Helen nimmt die Aufgabe ähnlich ernst wie werdende Elternpaare. Schließlich wird der kleine gescheckte Stier John genannt, die braune Minikuh Ada. Dass die meisten Hühner und Kühe heißen wie aus der aktuellen Top-Ten-Liste der Kindervornamen, ist übrigens kein Wunder: Lotta, Emma und Lisa haben gleichnamige Taufpatinnen.

Schon bald bekommt Helens Urlaubsliebe jedoch harte Konkurrenz. Er heißt Stefan, hat ein freundliches sonnengegerbtes Gesicht und ist, jawoll: Skilehrer. Noch dazu ein ganz exklusiver: Für kleine Greenhorns wie unsere Tochter kann man in der Skischule vom Nachbardorf St. Magdalena den Chef persönlich für eine Schnupperstunde mieten. Und so kurvt Helen bald im Schneepflug ihre ersten Meter Hang hinunter und juchzt halb begeistert, halb ängstlich, wenn sich Stefan erst seine Schülerin und dann den Teller des altmodischen Liftes zwischen die Beine klemmt. Bei dem Anblick muss ich an meine eigenen ersten Schwungversuche in den 70er Jahren im Schwarzwald denken. St. Magdalena, das ist: ein einziger Hang, ein einziger Lift, und direkt neben dem Skischulbüro am Fuße des Hügels kräht ein Langschläferhahn auf dem Mist. Sehr zu Henris Freude. Währenddessen bringe ich auf dem Übungshang meine eingerosteten Oberschenkel wieder in Schwung. Auf halber Strecke saust eine Armada von bunt gekleideten Zwergen an mir vorbei, die aussehen, als hätten sie das Carven vor dem Laufen gelernt. Haben sie wahrscheinlich auch. Wer hier groß wird, kennt schon im Kindergarten jeden Berg beim Vornamen.

Damit Papa Dierk nicht noch einen zweiten Tag mit Henri Hühner am Hang jagen muss, haben unsere Bauersleute eine Überraschung in petto: Wintersport für Skiverweigerer! Auf unserer Wandertour am nächsten Tag werden die Schneeschuhe eingepackt, und los geht’s ab dem Lift in St. Magdalena, einen gewundenen Weg bergauf durch den Winterwald. Die Kinder dürfen auf dem Schlitten sitzen, nur an den steilsten Stellen müssen sie ein paar Meter laufen. Aber Agatha weiß, wie man meckernde Flachlandtiroler bei Laune hält: mit Märchen. Von der Superhenne Mina, die bunt sein wollte wie ein Blumenstrauß, und von dem Königssohn und der Mondprinzessin, die erst miteinander leben konnten, als die Dolomiten ihre bleiche Mondlichtfarbe bekamen. Dass der Weg sich gelohnt hat, darüber sind wir uns spätestens einig, als wir auf fast 2000 Metern an der sonnendurchwärmten Holzwand der „Ascht-Alm“-Terrasse sitzen und Hubi vor uns steht. Der Hüttenwirt sieht beinahe aus wie eines der männlichen Models aus der Fremdenverkehrswerbung, und kochen kann er auch noch: Polenta oder Speckknödelsuppe, Hollerschorle oder Helles, man kann sich kaum entscheiden. Irgendwann kommt Töchterchen Laura (3) aus der Wirtsstube gestapft, ganz cool im Fleecepullover, und zeigt ihr Kinder-Karaoke-Set. Während sie mit Henri und Helen die Hütten-Hits der nächsten Saison einübt, bereiten Dierk und ich uns seelisch auf die Schlittenpartie ins Tal vor und genießen den Bergblick vor der Nase. Den haben wir zu Hause in Hamburg eher nicht so.

Was wir auch nicht haben, sind Burgen. Sehr zum Leidwesen meines Liebsten, der seit seiner Grundschulzeit vom Mittelalter-Virus befallen ist. Ich hab’s zwar nicht so mit Rittern & Co., aber mit diesem Ausflugsziel kann Dierk uns alle ködern: Die Kleinstadt Bruneck, mit dem 2011 eröffneten „Messner Mountain Museum“ in der Burganlage aus dem 13. Jahrhundert. Der Südtiroler Ausnahmebergsteiger Reinhold Messner hat dort eine überwältigende Sammlung zusammengetragen, die das Leben von Bergvölkern aus aller Welt dokumentiert: von der bulgarischen Hochzeitstracht bis zum Tiroler Butterstempel, von der Wasserschale aus dem Wadi Rum bis zur Götterfigur aus dem Himalaja. Und zwar nicht hinter Glas und Absperrseilen ausgestellt, sondern zum Erleben und nah Rangehen. In Nullkommanix haben Helen und Henri eine mongolische Jurte erobert, während ich mich wundere, wie gut buddhistische Gebetsfahnen und trutzige Burgmauern zusammen aussehen.

Und noch etwas hat Bruneck: eine schnuckelige Flaniermeile mit südländischem Flair, gesäumt von zwei mittelalterlichen Stadttoren. In den Bars sitzen blondierte Frauen vor ihrem Nachmittags-Prosecco, in den Boutiquen gibt’s italienische Wintermode von Stefanel und Max & Co, und auf einmal spürt man, dass Südtirol genau so nah an Venedig ist wie am Brenner. Jetzt eine wagenradgroße Angebersonnenbrille aufsetzen und ab ins Straßencafé! Aber daraus wird leider nichts. Helen und Henri haben noch ein Date: Um 17 Uhr im Kuhstall, mit Bauer Peter, zum Melken. Und vielleicht auch noch mal eine Runde mit dem Rutschbike auf den Schlittenhang, und dann muss ja auch noch mal jemand nach den Hühnern sehen. Tja. So ist das eben, wenn man im Urlaub alles haben kann.

 

Tipp: Der Mudlerhof (www.mudlerhof.it, Tel. **39/0474/978446) gehört zur Südtiroler Urlaubs-Bauernhofsvereinigung „Roter Hahn“ (www.roterhahn.it) und ist dort als besonders kinderfreundlich ausgezeichnet. Ferienwohnungen für 4-5 Personen, auf Wunsch auch mit Frühstück buchbar.

 

 

 

Referenzen – das waren und sind meine Auftraggeber

Im Laufe eines journalistischen Lebens, das nun schon über 20 Jahre währt, habe ich für so einige Magazine, CP-Projekte, Websites und Zeitungen geschrieben. Ein Überblick:

Gruner & Jahr:

ELTERN-Magazin

ELTERN family

Brigitte

Brigitte WOMAN

Barbara

NEON

NIDO

Jahreszeiten Verlag:

PETRA

Für Sie

MERIAN

VITAL

Bauer Verlag:

Alles für die Frau

Laura

MYWAY

Conde Nast:

MYSELF

Burda:

freundin

freundin DONNA

Fit for Fun (Milchstraße)

Tageszeitung:

Münchner Abendzeitung

Hamburger Abendblatt

Corporate Publishing/Fachmagazine:

Werben & Verkaufen

Rulebreaker Magazine

PASST! (Bauhaus)

Arlberg Magazin

Relais & Châteaux

Enkelfähig (Haniel)

Website:

Spiegel Online

 

 

 

 

Übermütter: Warum mir Mamas mit Missionsdrang unheimlich sind

Wenn Frauen Babys bekommen, ist das eine schöne Sache. Wenn sie sich deswegen für bessere Menschen halten, eine schwierige. Und spätestens, wenn sie sich selbst zu Mutter-Göttinnen erklären, finde ich: Mama, komm mal wieder runter! So habe ich es in der BRIGITTE im Rahmen der „Geht das nur mir so?“-Kolumne beschrieben – im Frühjahr 2017

 Am Anfang war das T-Shirt. Ich sah es zum ersten Mal vor einigen Jahren in einem besseren Hamburger Viertel, und ich hielt es für einen Witz. Einen von der feinen, selbstironischen Art. Das T-Shirt spannte sich über einem athletischen Schwangerschaftsbauch am Nebentisch im Café, und mitten drauf prangte das Wort „Göttin“. In Glitzerbuchstaben. Das fand ich lustig, denn das kannte ich auch: dass man als werdende Mutter in begeisterte Schnappatmung verfällt, wenn der eigene Körper auf einmal nicht nur Enzyme, Abluft und einen Zentimeter Haarlänge pro Monat produziert, sondern einen komplett neuen Menschen. Gleichzeitig ist der gelinde Schwangerschaft-Größenwahn ein bisschen albern. Als hätte man die Weltformel gefunden und nicht einfach nur ein Baby im Bauch. Was ich nicht ahnte bei meiner ersten Begegnung mit dem göttlichen T-Shirt: Die meinen das ernst. Und das war erst der Anfang.

Seitdem habe ich nämlich zunehmend das Gefühl: Frauen werden nicht einfach Mutter, sie erhöhen ihren Status. Und den muss man zelebrieren, kommunizieren und absichern. Eine „Baby Shower“, bei der die Freundinnen kurz vor der Geburt Geschenke vorbeibringen und alkoholfreien Prosecco servieren? Total Nuller Jahre. Mittlerweile gibt’s vorher noch die „Gender Reveal Party“, bei der vor der anwesenden Peergroup feierlich verkündet wird, ob’s ein Junge wird oder ein Mädchen. Mit Oh und Ah und farblich passenden Cupcakes. Andere Schwangere – wenn auch wenige – bringen ihre Kinder sprichwörtlich mutterseelenallein auf die Welt, ohne Arzt, ohne Hebamme, am liebsten im Wald und auf der Heide. Danach bloggen sie weltöffentlich von der göttlichen Kraft, die sie bei der „Alleingeburt“ durchströmt hat. Dass Mutter Natur es nicht immer nur gut meint? Kommt in den weiblichen Allmachtsphantasien eher nicht vor. Einen weiterer Höhepunkt war neulich auf Facebook & Co zu sehen: Kaum freuten sich Leute, dass das Jahr 2016 endlich vorbei ist, mit Terror und Katastrophen, hagelte es prompt Kritik von Frauen, die in dieser Zeitspanne ein Baby zur Welt gebracht hatten. Tenor: Wer 2016 am liebsten in die Tonne treten will, beleidigt damit mein Kind, vor allem aber mich und meinen Körper. „Weil der nämlich Großartiges geleistet hat!“ Zitat Ende.

Dabei hat der Hang zur Selbst-Vergöttlichung eigentlich einen positiven Hintergrund. Kind oder nicht Kind, das ist heute in erster Linie eine private Entscheidung. Der Körper kommt mit Special Features zur Fortpflanzung daher, aber ob man die nutzt oder nicht, ist grundsätzlich jedem selbst überlassen. Gut so. Ende der Geschichte. Oder auch nicht, denn da kommt ins Spiel, was Sozialwissenschaftler als „Kognitive Dissonanz“ bezeichnen: Wenn ein Schritt nicht selbstverständlich ist, sondern wählbar, dann sucht man umso dringender nach Bestätigung, wenn man ihn gegangen ist. Umgibt sich mit Menschen, die bestätigen, das Gras auf dieser Seite des Zaunes sei unzweifelhaft grüner und die Heiligenscheine leuchteten heller. Das ist menschlich und verständlich. Aber auf die Dauer nervt es. Wenn sich Mütter offensiv für bessere Menschen halten, werten sie damit andere ab, freiwillig oder unfreiwillig Kinderlose. Und wohin Narzissmus führt, sehen wir derzeit jeden Abend im TV an den Führungsfiguren der freien und weniger freien Welt. Vielleicht können wir uns auf folgendes einigen: Entweder Mütter sind doch keine Göttinnen, oder wir sind es alle. Wie Yoga-Jünger gerne zur Begrüßung sagen: „Das Göttliche in mir grüßt das Göttliche in dir“. Und nein: Damit ist in dem Fall kein Baby gemeint.

 

Die Ippenburg bei Osnabrück: eine märchenhafte Geschichte

Als junge Frau verliebte sich Viktoria von dem Bussche in einen Schlossherren, aber nicht in sein Schloss. Also entschied sie: Das muss zuwuchern. So begann die märchenhafte Geschichte der Gärten von Schloss Ippenburg – happy End inklusive. 2013 hat sie mir fürs MERIAN-Magazin ihre Lieblingsecken gezeigt – vor allem den Garten

 

Es war einmal ein Mägdelein, das wuchs auf in einem großen Garten. Dort säumten die Himbeeren den Weg zur Viehweide, die Erdbeeren standen in geraden Reihen, dass es eine Freude war, und manchmal, wenn ein leiser Wind über die Rabatten strich, dünkte es ihr, dass die Pflanzen mit ihr sprachen: die Löwenmäulchen und die Akelei, der Birnbaum und der Mohn. Als sie zur Frau erblüht war, geschah es, dass ein junger Freiherr um ihre Hand anhielt. Der war stattlich und charmant, doch seine Familie lebte in einem düsteren Schloss, wo rings umher nichts wuchs als Rasen und Rhododendron.

Klingt wie der Anfang eines Märchens, doch das alles gibt es wirklich. Den Mann, das Schloss, und selbstverständlich auch die Hauptfigur: Viktoria Freifrau von dem Bussche, Mutter von vier Kindern und sechs Enkeln. Eine attraktive, drahtige Erscheinung mit blitzenden grünen Augen, farblich passend zu Gummistiefeln und Steppweste. Aufgewachsen auf einem Gutshof in der Lüneburger Heide, seit bald vierzig Jahren verheiratet mit Philip vom dem Bussche, Freiherr zu Schloss Ippenburg. Ein neogotischer Prachtbau, ein norddeutsches Neuschwanstein, eine Art Kreuzung aus Edgar-Wallace-Filmkulisse und dem Harry-Potter-Internat Hogwarts.

Die Familiengeschichte der von dem Bussches ist nicht minder imposant, eine Art Who is Who mitteleuropäischer Geschichte. In der Chronik wimmelt es von Geheimräten, Kammerjunkern und Ministern, von Verbindungen zu den Königshäusern von Preußen und Hannover. Im Jahr 1390 kaufte Ritter Johann von dem Bussche eine Burg in der Hunte-Niederung und baute sie zu einer Festung aus. Im 18. Jahrhundert wurde das alte Gemäuer durch ein Barockschloss ersetzt, wieder 130 Jahre später durch den heutigen Bau mit seinen Türmchen und Erkern.

Das Drumherum interessierte die von dem Bussches über lange Zeit allerdings herzlich wenig. Gärten à la Sanssouci? Fehlanzeige. Gemüse- und Blumenbeete? Mal mehr, mal weniger. Denn die Schlossherren weilten häufig als Politiker in Berlin oder Generäle im Feld, und hatten anderes im Sinn als Dahlien und Borretsch. Viktoria vom dem Bussche erinnert sich, wie sie 1978 kurz vor der Geburt ihres zweiten Sohnes Viktor im Schloss einzog: „Das war mir alles zu grau, zu düster. Ich dachte: Das muss zuwuchern.“ Und so begann ihre persönliche Dornröschen-Geschichte, unter umgekehrten Vorzeichen.

Nicht nur das Gebäude selbst war einschüchternd für die junge Freifrau, auch die Nähe zur Familie ihres Mannes nicht ohne Probleme. „Wir lebten unter einem Dach mit meinen Schwiegereltern. Tolle Leute – aber anstrengend. Ich fühlte mich die ganze Zeit wie auf dem Präsentierteller.“ Dazu kam eine sportliche Familienplanung: vier Kinder in fünf Jahren. Schön, aber auch ganz schön stressig. Was lag näher für ein Landkind, als sich draußen ein eigenes Reich zu schaffen? „Der Garten war mein Druckausgleich“, sagt sie.

Dabei fielen die ersten Versuche eher bescheiden aus: mickrige Triebe, enttäuschende Rosenblüten. Doch so schnell gab sie nicht auf. Den magischsten Ort im Schlosspark entdeckte sie im Sommer nach Viktors Geburt: einen alten Obst- und Gemüsegarten, verborgen hinter mittelalterlichen Mauern. Das Glashaus war von Brennnesseln und Weinranken überwuchert, Tontöpfe zerbrochen, und hinter einer Tannenbaumschonung standen knorrige Pfirsichbäume. Auf dem Boden der Humus von 600 Jahren. Die ideale Grundlage für das Projekt „Küchengarten“. Fürstliches Taschengeld für die Kinder war ebenfalls auf Jahre gesichert. „Für eine Stunde Jäten oder Umgraben gab es 50 Pfennig“, erinnert sich Viktor von dem Bussche schmunzelnd.

Und so hätte sie weitergehen können, die Geschichte vom Landkind, das nie im Schloss leben wollte und sich stattdessen sein magisches Open-air-Reich schuf. Aber zu einem echten Märchen fehlt noch etwas: eine Krise, ein Kampf mit dem Drachen. Die Rolle des Drachen übernahm der Finanzberater der von dem Bussches. Der sagte eines Tages mahnend zu Philip: „Für das Geld, das Ihre Frau für Pflanzen ausgibt, können Sie ihr jede Woche ein Ticket nach Paris buchen. Dort kann sie sich ja einen Blumenstrauß kaufen.“ Aber da kannte er die rebellische Freifrau schlecht: „Ich wollte keinen Blumenstrauß aus Paris! Ich wollte meinen Garten!“ Die rettende Idee: ein Event für Besucher und Aussteller. Zur Vorbereitung sah sie sich Schauen in Großbritannien und den Niederlanden an, und lud schließlich im Sommer 1998 zum ersten „Ippenburger Schloss- und Gartenfestival“. Um ihre Leidenschaft weiter zu finanzieren, aber auch mit einer gehörigen Portion Besitzerstolz: „Wenn man etwas so Schönes geschaffen hat, muss man es auch zeigen!“ Dass gleich im ersten Jahr 10.000 Gäste kamen, damit hätte wohl keiner gerechnet. Schon gar nicht der Finanzberater.

15 Jahre später ist aus dem zarten Pflänzchen ein imposantes Gewächs geworden: ein großes, öffentliches Gartenfest im Sommer, mit Ablegern im Frühjahr und Herbst. Die bekannte Berliner Gartenbauarchitektin Cornelia Müller lud im Expo-Jahr 2000 zu einem Wettbewerb für Garten- und Landschaftskunst auf dem Gelände, Silvan Luth, Handwerker und Künstler aus dem nahen Ort Bad Essen, steuerte surreal-poetische Installationen für die Schauen bei. Sein einsamer Briefkasten auf einer Insel im Schlossgraben fällt sofort ins Auge, wenn man das Gelände betritt. 2010 war Ippenburg schließlich Teil der niedersächsischen Landesgartenschau. Woher kommt die große Anziehungskraft der Festivals? „Wir leben in einer virtuellen Welt“, sinniert Viktoria von dem Bussche, „die Menschen haben eine große Sehnsucht nach etwas Greifbarem, Haptischem, nach Sinnlichkeit.“ In Ippenburg heißt das: durch Labyrinthe irren, ins Rosarium hineinschnuppern, in historischen Schaugärten auf Zeitreise gehen, in der Wasserlandschaft Flöße bauen. Und dann ist da natürlich der prachtvolle Küchengarten: mit Pastinaken und Borretsch, eigenem Bienenstock, Dahlien und Zinnien, seltenen Gemüsesorten wie Kartoffeln vom Typ „Blue Kongo“ oder Rübchen vom Typ „Carotte blanche des Vosges.“

Hier ernten Spitzenköche wie Thomas Bühner vom Osnabrücker Drei-Sterne-Restaurant La Vie. Und hier hat auch Emma ihr eigenes Beet. Das ist die älteste Tochter von Viktor und seiner israelischen Frau Deborah. Anders als ihre Großmutter (genannt „Nonna“) ist sie nicht nur gerne Nachwuchs-Gärtnerin , sondern auch gerne Prinzessin, liebt selbst genähte Kleidchen und ihr Kinderzimmer mit den zartrosa Wänden. „Wenn ich fünf bin, ziehe ich in ein Schloss und bekomme einen Hund“, das hat sie ihren Kindergartenfreunden erzählt. Hat keiner geglaubt, aber genau so ist es gekommen. Seit Frühjahr 2013 wohnt die ganze Familie auf dem Schloss: Emma, ihre Eltern und Geschwister, und ein Parson Russell-Terrier namens Buddy. Nach einigen Jahren in Berlin hat Viktor von dem Bussche die schlosseigene Landwirtschaft übernommen, mit Schweinezucht, Mais, Zuckerrüben und Wald. Ein lässiger Großgrundbesitzer, von den locker geschnürten Boots und dem Lederflickenjackett bis zum trendigen Vollbart.

Im Lauf der nächsten Jahre sollen er und seine Frau außerdem in die Organisation der Gartenschauen einsteigen. „Ich habe das Festival geschaffen, aber was die Zukunft betrifft, bin ich komplett unsentimental“, beteuert Viktoria von dem Bussche. „Ich gebe die Organisation ab, wenn ich sicher bin, dass meine Nachfolger die Qualität der Veranstaltung garantieren können. Das kann ein paar Jahre dauern, beginnt aber sofort.“ „Meine Mutter arbeitet hart daran, loszulassen“, so sagt es der Sohn, „davor habe ich den größten Respekt.“

Dazu gehört auch, dass Viktoria und Philip aus dem Schloss auszogen, als die junge Familieb nennt sie das mit sympathischem Understatement. Währenddessen räumen Sohn und Schwiegertochter im Schloss mit den Bausünden der Vergangenheit auf: beige Wandfarbe aus den 20er Jahren und abgehängte Decken aus den 70ern entfernen, Deckenmalereien freilegen, die Sauna aus der Küche mit den Delfter Kacheln aus dem 16. Jahrhundert hinauswerfen.

Und Viktoria von dem Bussche hat jetzt einen neuen Lieblingsplatz. Wenn sie an der Glasfront ihrer neuen Terrasse steht, ist sie glücklich wie ein kleines Mädchen: „Jahrzehntelang habe ich aus jedem Fenster auf den Schlosspark geschaut. In meinem neuen Haus sehe ich endlich wieder Land – Trecker, Felder, Wiesen. Wie in meiner Kindheit.“

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann gärtnern sie noch heute.