Übermütter: Warum mir Mamas mit Missionsdrang unheimlich sind

Wenn Frauen Babys bekommen, ist das eine schöne Sache. Wenn sie sich deswegen für bessere Menschen halten, eine schwierige. Und spätestens, wenn sie sich selbst zu Mutter-Göttinnen erklären, finde ich: Mama, komm mal wieder runter! So habe ich es in der BRIGITTE im Rahmen der „Geht das nur mir so?“-Kolumne beschrieben – im Frühjahr 2017

 Am Anfang war das T-Shirt. Ich sah es zum ersten Mal vor einigen Jahren in einem besseren Hamburger Viertel, und ich hielt es für einen Witz. Einen von der feinen, selbstironischen Art. Das T-Shirt spannte sich über einem athletischen Schwangerschaftsbauch am Nebentisch im Café, und mitten drauf prangte das Wort „Göttin“. In Glitzerbuchstaben. Das fand ich lustig, denn das kannte ich auch: dass man als werdende Mutter in begeisterte Schnappatmung verfällt, wenn der eigene Körper auf einmal nicht nur Enzyme, Abluft und einen Zentimeter Haarlänge pro Monat produziert, sondern einen komplett neuen Menschen. Gleichzeitig ist der gelinde Schwangerschaft-Größenwahn ein bisschen albern. Als hätte man die Weltformel gefunden und nicht einfach nur ein Baby im Bauch. Was ich nicht ahnte bei meiner ersten Begegnung mit dem göttlichen T-Shirt: Die meinen das ernst. Und das war erst der Anfang.

Seitdem habe ich nämlich zunehmend das Gefühl: Frauen werden nicht einfach Mutter, sie erhöhen ihren Status. Und den muss man zelebrieren, kommunizieren und absichern. Eine „Baby Shower“, bei der die Freundinnen kurz vor der Geburt Geschenke vorbeibringen und alkoholfreien Prosecco servieren? Total Nuller Jahre. Mittlerweile gibt’s vorher noch die „Gender Reveal Party“, bei der vor der anwesenden Peergroup feierlich verkündet wird, ob’s ein Junge wird oder ein Mädchen. Mit Oh und Ah und farblich passenden Cupcakes. Andere Schwangere – wenn auch wenige – bringen ihre Kinder sprichwörtlich mutterseelenallein auf die Welt, ohne Arzt, ohne Hebamme, am liebsten im Wald und auf der Heide. Danach bloggen sie weltöffentlich von der göttlichen Kraft, die sie bei der „Alleingeburt“ durchströmt hat. Dass Mutter Natur es nicht immer nur gut meint? Kommt in den weiblichen Allmachtsphantasien eher nicht vor. Einen weiterer Höhepunkt war neulich auf Facebook & Co zu sehen: Kaum freuten sich Leute, dass das Jahr 2016 endlich vorbei ist, mit Terror und Katastrophen, hagelte es prompt Kritik von Frauen, die in dieser Zeitspanne ein Baby zur Welt gebracht hatten. Tenor: Wer 2016 am liebsten in die Tonne treten will, beleidigt damit mein Kind, vor allem aber mich und meinen Körper. „Weil der nämlich Großartiges geleistet hat!“ Zitat Ende.

Dabei hat der Hang zur Selbst-Vergöttlichung eigentlich einen positiven Hintergrund. Kind oder nicht Kind, das ist heute in erster Linie eine private Entscheidung. Der Körper kommt mit Special Features zur Fortpflanzung daher, aber ob man die nutzt oder nicht, ist grundsätzlich jedem selbst überlassen. Gut so. Ende der Geschichte. Oder auch nicht, denn da kommt ins Spiel, was Sozialwissenschaftler als „Kognitive Dissonanz“ bezeichnen: Wenn ein Schritt nicht selbstverständlich ist, sondern wählbar, dann sucht man umso dringender nach Bestätigung, wenn man ihn gegangen ist. Umgibt sich mit Menschen, die bestätigen, das Gras auf dieser Seite des Zaunes sei unzweifelhaft grüner und die Heiligenscheine leuchteten heller. Das ist menschlich und verständlich. Aber auf die Dauer nervt es. Wenn sich Mütter offensiv für bessere Menschen halten, werten sie damit andere ab, freiwillig oder unfreiwillig Kinderlose. Und wohin Narzissmus führt, sehen wir derzeit jeden Abend im TV an den Führungsfiguren der freien und weniger freien Welt. Vielleicht können wir uns auf folgendes einigen: Entweder Mütter sind doch keine Göttinnen, oder wir sind es alle. Wie Yoga-Jünger gerne zur Begrüßung sagen: „Das Göttliche in mir grüßt das Göttliche in dir“. Und nein: Damit ist in dem Fall kein Baby gemeint.

 

Die Ippenburg bei Osnabrück: eine märchenhafte Geschichte

Als junge Frau verliebte sich Viktoria von dem Bussche in einen Schlossherren, aber nicht in sein Schloss. Also entschied sie: Das muss zuwuchern. So begann die märchenhafte Geschichte der Gärten von Schloss Ippenburg – happy End inklusive. 2013 hat sie mir fürs MERIAN-Magazin ihre Lieblingsecken gezeigt – vor allem den Garten

 

Es war einmal ein Mägdelein, das wuchs auf in einem großen Garten. Dort säumten die Himbeeren den Weg zur Viehweide, die Erdbeeren standen in geraden Reihen, dass es eine Freude war, und manchmal, wenn ein leiser Wind über die Rabatten strich, dünkte es ihr, dass die Pflanzen mit ihr sprachen: die Löwenmäulchen und die Akelei, der Birnbaum und der Mohn. Als sie zur Frau erblüht war, geschah es, dass ein junger Freiherr um ihre Hand anhielt. Der war stattlich und charmant, doch seine Familie lebte in einem düsteren Schloss, wo rings umher nichts wuchs als Rasen und Rhododendron.

Klingt wie der Anfang eines Märchens, doch das alles gibt es wirklich. Den Mann, das Schloss, und selbstverständlich auch die Hauptfigur: Viktoria Freifrau von dem Bussche, Mutter von vier Kindern und sechs Enkeln. Eine attraktive, drahtige Erscheinung mit blitzenden grünen Augen, farblich passend zu Gummistiefeln und Steppweste. Aufgewachsen auf einem Gutshof in der Lüneburger Heide, seit bald vierzig Jahren verheiratet mit Philip vom dem Bussche, Freiherr zu Schloss Ippenburg. Ein neogotischer Prachtbau, ein norddeutsches Neuschwanstein, eine Art Kreuzung aus Edgar-Wallace-Filmkulisse und dem Harry-Potter-Internat Hogwarts.

Die Familiengeschichte der von dem Bussches ist nicht minder imposant, eine Art Who is Who mitteleuropäischer Geschichte. In der Chronik wimmelt es von Geheimräten, Kammerjunkern und Ministern, von Verbindungen zu den Königshäusern von Preußen und Hannover. Im Jahr 1390 kaufte Ritter Johann von dem Bussche eine Burg in der Hunte-Niederung und baute sie zu einer Festung aus. Im 18. Jahrhundert wurde das alte Gemäuer durch ein Barockschloss ersetzt, wieder 130 Jahre später durch den heutigen Bau mit seinen Türmchen und Erkern.

Das Drumherum interessierte die von dem Bussches über lange Zeit allerdings herzlich wenig. Gärten à la Sanssouci? Fehlanzeige. Gemüse- und Blumenbeete? Mal mehr, mal weniger. Denn die Schlossherren weilten häufig als Politiker in Berlin oder Generäle im Feld, und hatten anderes im Sinn als Dahlien und Borretsch. Viktoria vom dem Bussche erinnert sich, wie sie 1978 kurz vor der Geburt ihres zweiten Sohnes Viktor im Schloss einzog: „Das war mir alles zu grau, zu düster. Ich dachte: Das muss zuwuchern.“ Und so begann ihre persönliche Dornröschen-Geschichte, unter umgekehrten Vorzeichen.

Nicht nur das Gebäude selbst war einschüchternd für die junge Freifrau, auch die Nähe zur Familie ihres Mannes nicht ohne Probleme. „Wir lebten unter einem Dach mit meinen Schwiegereltern. Tolle Leute – aber anstrengend. Ich fühlte mich die ganze Zeit wie auf dem Präsentierteller.“ Dazu kam eine sportliche Familienplanung: vier Kinder in fünf Jahren. Schön, aber auch ganz schön stressig. Was lag näher für ein Landkind, als sich draußen ein eigenes Reich zu schaffen? „Der Garten war mein Druckausgleich“, sagt sie.

Dabei fielen die ersten Versuche eher bescheiden aus: mickrige Triebe, enttäuschende Rosenblüten. Doch so schnell gab sie nicht auf. Den magischsten Ort im Schlosspark entdeckte sie im Sommer nach Viktors Geburt: einen alten Obst- und Gemüsegarten, verborgen hinter mittelalterlichen Mauern. Das Glashaus war von Brennnesseln und Weinranken überwuchert, Tontöpfe zerbrochen, und hinter einer Tannenbaumschonung standen knorrige Pfirsichbäume. Auf dem Boden der Humus von 600 Jahren. Die ideale Grundlage für das Projekt „Küchengarten“. Fürstliches Taschengeld für die Kinder war ebenfalls auf Jahre gesichert. „Für eine Stunde Jäten oder Umgraben gab es 50 Pfennig“, erinnert sich Viktor von dem Bussche schmunzelnd.

Und so hätte sie weitergehen können, die Geschichte vom Landkind, das nie im Schloss leben wollte und sich stattdessen sein magisches Open-air-Reich schuf. Aber zu einem echten Märchen fehlt noch etwas: eine Krise, ein Kampf mit dem Drachen. Die Rolle des Drachen übernahm der Finanzberater der von dem Bussches. Der sagte eines Tages mahnend zu Philip: „Für das Geld, das Ihre Frau für Pflanzen ausgibt, können Sie ihr jede Woche ein Ticket nach Paris buchen. Dort kann sie sich ja einen Blumenstrauß kaufen.“ Aber da kannte er die rebellische Freifrau schlecht: „Ich wollte keinen Blumenstrauß aus Paris! Ich wollte meinen Garten!“ Die rettende Idee: ein Event für Besucher und Aussteller. Zur Vorbereitung sah sie sich Schauen in Großbritannien und den Niederlanden an, und lud schließlich im Sommer 1998 zum ersten „Ippenburger Schloss- und Gartenfestival“. Um ihre Leidenschaft weiter zu finanzieren, aber auch mit einer gehörigen Portion Besitzerstolz: „Wenn man etwas so Schönes geschaffen hat, muss man es auch zeigen!“ Dass gleich im ersten Jahr 10.000 Gäste kamen, damit hätte wohl keiner gerechnet. Schon gar nicht der Finanzberater.

15 Jahre später ist aus dem zarten Pflänzchen ein imposantes Gewächs geworden: ein großes, öffentliches Gartenfest im Sommer, mit Ablegern im Frühjahr und Herbst. Die bekannte Berliner Gartenbauarchitektin Cornelia Müller lud im Expo-Jahr 2000 zu einem Wettbewerb für Garten- und Landschaftskunst auf dem Gelände, Silvan Luth, Handwerker und Künstler aus dem nahen Ort Bad Essen, steuerte surreal-poetische Installationen für die Schauen bei. Sein einsamer Briefkasten auf einer Insel im Schlossgraben fällt sofort ins Auge, wenn man das Gelände betritt. 2010 war Ippenburg schließlich Teil der niedersächsischen Landesgartenschau. Woher kommt die große Anziehungskraft der Festivals? „Wir leben in einer virtuellen Welt“, sinniert Viktoria von dem Bussche, „die Menschen haben eine große Sehnsucht nach etwas Greifbarem, Haptischem, nach Sinnlichkeit.“ In Ippenburg heißt das: durch Labyrinthe irren, ins Rosarium hineinschnuppern, in historischen Schaugärten auf Zeitreise gehen, in der Wasserlandschaft Flöße bauen. Und dann ist da natürlich der prachtvolle Küchengarten: mit Pastinaken und Borretsch, eigenem Bienenstock, Dahlien und Zinnien, seltenen Gemüsesorten wie Kartoffeln vom Typ „Blue Kongo“ oder Rübchen vom Typ „Carotte blanche des Vosges.“

Hier ernten Spitzenköche wie Thomas Bühner vom Osnabrücker Drei-Sterne-Restaurant La Vie. Und hier hat auch Emma ihr eigenes Beet. Das ist die älteste Tochter von Viktor und seiner israelischen Frau Deborah. Anders als ihre Großmutter (genannt „Nonna“) ist sie nicht nur gerne Nachwuchs-Gärtnerin , sondern auch gerne Prinzessin, liebt selbst genähte Kleidchen und ihr Kinderzimmer mit den zartrosa Wänden. „Wenn ich fünf bin, ziehe ich in ein Schloss und bekomme einen Hund“, das hat sie ihren Kindergartenfreunden erzählt. Hat keiner geglaubt, aber genau so ist es gekommen. Seit Frühjahr 2013 wohnt die ganze Familie auf dem Schloss: Emma, ihre Eltern und Geschwister, und ein Parson Russell-Terrier namens Buddy. Nach einigen Jahren in Berlin hat Viktor von dem Bussche die schlosseigene Landwirtschaft übernommen, mit Schweinezucht, Mais, Zuckerrüben und Wald. Ein lässiger Großgrundbesitzer, von den locker geschnürten Boots und dem Lederflickenjackett bis zum trendigen Vollbart.

Im Lauf der nächsten Jahre sollen er und seine Frau außerdem in die Organisation der Gartenschauen einsteigen. „Ich habe das Festival geschaffen, aber was die Zukunft betrifft, bin ich komplett unsentimental“, beteuert Viktoria von dem Bussche. „Ich gebe die Organisation ab, wenn ich sicher bin, dass meine Nachfolger die Qualität der Veranstaltung garantieren können. Das kann ein paar Jahre dauern, beginnt aber sofort.“ „Meine Mutter arbeitet hart daran, loszulassen“, so sagt es der Sohn, „davor habe ich den größten Respekt.“

Dazu gehört auch, dass Viktoria und Philip aus dem Schloss auszogen, als die junge Familieb nennt sie das mit sympathischem Understatement. Währenddessen räumen Sohn und Schwiegertochter im Schloss mit den Bausünden der Vergangenheit auf: beige Wandfarbe aus den 20er Jahren und abgehängte Decken aus den 70ern entfernen, Deckenmalereien freilegen, die Sauna aus der Küche mit den Delfter Kacheln aus dem 16. Jahrhundert hinauswerfen.

Und Viktoria von dem Bussche hat jetzt einen neuen Lieblingsplatz. Wenn sie an der Glasfront ihrer neuen Terrasse steht, ist sie glücklich wie ein kleines Mädchen: „Jahrzehntelang habe ich aus jedem Fenster auf den Schlosspark geschaut. In meinem neuen Haus sehe ich endlich wieder Land – Trecker, Felder, Wiesen. Wie in meiner Kindheit.“

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann gärtnern sie noch heute.

Ahrenshoop: Leben mit der Kunst

Vor 120 Jahren entstand die Ahrenshooper Künstlerkolonie, zwischendrin fiel die Schöne auf dem Fischland vorübergehend in einen Dornröschenschlaf. Bis eine Reihe von Menschen mit Leidenschaft für Kunst und Kultur sie wieder wachküsste. 2014 war ich dort und habe für MERIAN diesen Text geschrieben

 Manchmal liegt das Paradies ganz nah. Manchmal muss man nur einen Hügel überqueren, um an den Ort zu kommen, an dem alles stimmt: die Farben, das Licht, die Inspiration. Manchmal muss man aufbrechen, um Heimat zu finden.

So etwa muss er gedacht haben, der Berliner Künstler Paul Müller-Kaempff, als er im Jahr 1889 mit einem Malerfreund von seinem Urlaubsort Wustrow zu einem Spaziergang am Ostsee-Hochufer aufbrach und ein paar Kilometer weiter nördlich, hinter einer Anhöhe, auf ein verwunschenes Fischerdorf stieß. Die See auf der einen, der Bodden, das salzärmere Binnengewässer, auf der anderen Seite der schmalen Halbinsel, wie zwei riesige Spiegel, die das Licht reflektierten. Dünen und bunte, schilfgedeckte Katen, knorrige, vom ständigen Wind geformte Bäume, großäugige Kühe, Fischer, die am Strand ihre Netze flickten – ein Ort wie geschaffen für den Kunst-Zeitgeist des späten 19. Jahrhunderts. Denn der hieß: Raus aus den Städten, rein in die Natur, mit Hilfe von Leinwand, Palette und Klappstaffelei das Licht einfangen. So wie es die französischen Kollegen im Dorf Barbizon vorgemacht hatten.

Ahrenshoop, das war die norddeutsche Antwort auf Barbizon. Zwar hatten schon Künstler vor Müller-Kaempff die besondere Stimmung des Ortes auf Gemälde gebannt. Aber er war es, der kam, sah und blieb. Geistes- und Geschäftsmann zugleich, gründete er die „Malschule St. Lucas“ („Vollpension und Malunterricht 100 Mark monatlich“), eröffnete die erste Pension, machte den Ort zum Anziehungspunkt sowohl für seine Künstlerfreunde als auch für Höhere Töchter mit kreativen Ambitionen. Und schuf damit eine Verbindung, die bis heute prägend ist für den schmucken Ort an der Grenze zwischen Fischland und dem Darß: Kunst und Tourismus. Ausstellungen und Auktionen locken ein gebildetes und gut betuchtes Publikum. Tendenz: Lieber Gucci als Gummistiefel, lieber „Trilogie vom Seefisch“ als Heringsbrötchen. Kenner kommen im Mai oder im milden Oktober, nicht im August, wenn sich Tagesgäste in solchen Massen über die Dorfstraße ergießen, als wär’s eine Mai-Parade in Ostberlin 1970.

Ziemlich genau dort, wo Müller-Kaempff vor mehr als einem Jahrhundert über den Hügel kam, entstand 2013 ein Bau, der an die Gründer erinnert, und alle, die nach ihnen kamen: Das Kunstmuseum Ahrenshoop, entworfen vom renommierten Berliner Architektenbüro Staab. Wie bei einem traditionellen Gehöft stehen hier fünf einzelne Häuser dicht zusammen, verbunden unter einem Flachdach, verkleidet mit Baubronze. Ein Material, das im Lauf der Jahre seinen Hochglanz verliert und nachdunkelt wie die Rohrdächer der Fischerkaten. Eine Mischung aus Bauhaus-Schlichtheit und Tradition, ein Kunst-Tempel, aber kein Denkmal der Vergangenheit, sagt die junge Museumschefin Katrin Arrieta: „Ahrenshoop hat immer einen lebendigen Bezug gehabt zu den Kunstströmungen Europas, von der Gründungszeit der Kolonie bis heute.“ In wechselnden Ausstellungen macht die Rostocker Kunsthistorikerin diese Verknüpfungen sichtbar: mal klassische Seestücke, kombiniert mit sperrigen Video-Installationen, mal ein sattfarbiges Strandbild der Expressionistin Marianne Werefkin im gleichen Saal wie die düsteren Meeres-Ansichten von Michael Morgner, einem Chemnitzer Künstler aus der DDR-Bürgerrechtsbewegung.

Überhaupt, die DDR. War nach dem ersten Weltkrieg der Ruhm der frühen Jahre etwas verblasst, besann sich 1946 Johannes R. Becher, der erste Kulturstaatsminister der jungen Republik, auf den inspirierenden Platz am Meer. Er machte die frühere Malschule des Künstlerkolonie-Mitbegründers Friedrich Wachenhusen zu seinem Sommerhaus und erklärte Ahrenshoop zum „Bad der Kulturschaffenden.“ Das ließen die sich nicht zwei Mal sagen: Alle waren sie hier, von der ostdeutschen Malerei-Ikone Willi Sitte bis zu Uwe Johnson, der seine mecklenburgische Heimat in sperrig-modernen Romanen feierte. Eine Ferienkolonie für Linientreue war das Dorf trotzdem nicht, glaubt der Mittsechziger Hans Götze, seit 1994 ehrenamtlicher Bürgermeister des Ortes: „Hier war einiges möglich, das woanders nicht ging. Abstrakte Kunst, Avantgarde.“ Vielleicht auch, weil das Dorf noch lange Zeit gefühlte Lichtjahre entfernt lag von allem. Die Straße wurde erst Mitte der 50er Jahre geteert, vorher war hinter dem Nachbarort Wustrow die Welt zu Ende.

Auch Götze, gebürtiger Sachse, kam erst einmal nicht weiter als Wustrow: Als junger Mann machte er eine Ausbildung zum Funkoffizier an der dortigen Seefahrtsschule. Allerdings stand nicht nur Navigation auf dem Stundenplan, sondern auch Malen und Zeichnen. Als Freizeitbeschäftigung, damit die jungen Kerle in den langen Tagen auf See etwas Sinnvolles mit sich anzufangen wussten. Bei Götze wurde mehr aus dem Flirt mit Farbe und Pinsel: Der drahtige Bartträger nimmt heute mit seinen Zeichnungen und Aquarellen an Ausstellungen teil und gibt Ferienkurse für Hobby-Maler. An Ahrenshoop sattsehen kann er sich noch immer nicht: „Es gibt so viele interessante Ecken hier, verschachtelte alte Katen, die Schichtungen von Himmel, Meer und Land – man muss nur die Augen offen halten.“ Klar, dass einer wie er auch als Bürgermeister die Kunst fördert, wo er kann. Nur wenn er selbst mit der Klappstaffelei unterwegs ist, wird Lokalpolitik zur Nebensache: „So lange ich male, kann neben mir das Dorf abbrennen, ohne dass ich etwas davon merke.“

Es sind Menschen wie Hans Götze, die mit ihrem Engagement nach der Wende dafür gesorgt haben, dass Ahrenshoop nicht zu einem angestaubten Freilichtmuseum verkam. Sondern zu einem Gesamtkunstwerk wurde, wo manchmal nur ein paar Schritte das Solide vom Surrealen trennen, das Avantgardistische vom rein Dekorativen. Hier die Verkaufsgalerie mit den zweitklassigen Stilleben, dort der verwunschene Skulpturengarten des „Neuen Kunsthauses“, wo wie von Zauberhand weißes Garn die Baumstämme umwebt und mannshohe Mikadostäbchen sich im Gras aneinander lehnen; auf der einen Straßenseite schnelle Strandaquarelle, auf der anderen der traditionsreiche „Kunstkaten“, erbaut 1909 auf Initiative von Paul Müller-Kaempff, in dem zwischen kühlen, grauen Stellwänden zeitgenössische Künstler präsentiert werden. Man kennt sich am Ort, man spricht Ausstellungsthemen ab, man schätzt sich. In Ahrenshoop entstehen Künstlerfreundschaften, gemeinsame Projekte, Ideen.

Und dann ist da, last but not least, auch noch die Liebe. Die hat Renate Löber von Berlin an die Ostseeküste gebracht. Ohne sie und ihren Mann Friedemann gäbe es wohl einen der schönsten Kunst-Treffpunkte nicht, das „Dornenhaus“. Ein Magnet, der alle gleichermaßen anzieht: Sammler wie Kunstbanausen, manchmal auch Kulturprominenz wie die Schauspieler Jan Josef Liefers und Henry Hübchen.

Zehn Jahre nach der Wende war es, als die Löbers gemeinsam die uralte Kate auf der Boddenseite kauften und damit vor dem Verfall bewahrten. Die beiden waren damals schon nicht mehr ganz jung, er verwitwet, sie geschieden, und wagten einen gemeinsamen Neuanfang in diesem Haus mit seiner beeindruckenden Geschichte: Ab dem 17. Jahrhundert Bauern-, Seefahrer und Zollhaus, zu DDR-Zeiten Feriendomizil für illustre Gäste wie Bert Brecht und Helene Weigel. Friedemann Löber, Sohn einer Künstler- und Keramikerfamilie, stellt in seinem Atelier im Gartenhaus die traditionsreiche Fischlandkeramik her. Teller, Tassen, Vasen mit ländlichen Motiven wie Fische, Vögelchen, Stechmücken, in aufwändiger Ritz-Mal-Technik gestaltet. Renate, eine charismatische Person mit grauer Lockenmähne und blitzenden Augen, ist die Seele des Hauses: Sie organisiert nicht nur wechselnde Ausstellungen von Künstlern mit Bezug zum Ort, sie bäckt auch selbst große Bleche mit Butterkuchen, Streuselkuchen und Schoko-Kirsch für die Vernissagen.

„Wir sind ein offenes Haus“, sagt sie, und sie meint das ernst. Im Sommer zieht der Skulpturengarten mit den Holzbänken Spaziergänger an, im Winter dürfen Gäste auch mal auf einer alten Kirchenbank in der Wohnküche Platz nehmen, zwischen Wänden voller Kunst und alter Kuchenformen. Dann erzählt Renate aus der langen, Löber’sche Familiensaga. Eine Geschichte wie von Thomas Mann erdacht, voller Leidenschaft und Betrug, Kunstsinn und Überlebenskampf. Mit bemerkenswerten Figuren wie Friedemanns Mutter Frida, die ihr Leben gern noch mehr der Kunst gewidmet hätte, wären da nicht die vier Söhne und die vier Töchter gewesen. „Die schönsten Porträts hat Frida Löber von ihren schlafenden Kindern gemacht“, sagt Renate Löber, „denn erst wenn die abends im Bett waren, hatte sie Zeit zum Malen.“

Ahrenshoop ist eben nicht nur ein Ort der Bilder, sondern auch ein Ort der Geschichten. Im heutigen „Künstlerhaus Lukas“, der ehemaligen Müller-Kaempff’schen Malschule, geben sich im Vier-Wochen-Takt Schriftsteller und Künstler, Komponisten und Choreographen aus Deutschland, Skandinavien und dem gesamten Ostseeraum die Klinke in die Hand. Hier, in dieser verwinkelten Villa mit den Holzdielen, den schönen alten Türbeschlägen und den Appartements von klösterlicher Schlichtheit, schlägt das kreative Herz der Ahrenshooper Gegenwart.

Die simple Beschwörung der Schönheit, um die geht es hier jedoch nur selten. 120 Jahre nach Gründung der Künstlerkolonie wird das Idyll lieber lustvoll gegen den Strich gebürstet. Etwa in den Montagen des Berliner Fotokünstlers Martin Tervoort, wo sich die Boddenlandschaft im Lack eines Autos spiegelt und der frühere Busfahrer des Ortes mit leeren Augen in die Kamera blickt. „Mich interessiert das Gebrochene, das Störende in der Schönheit“, erzählt Tervoort. Gemeinsam mit anderen Stipendiaten bereitet er gerade eine Ausstellung vor, der Titel bezieht sich auf Übervater Müller-Kaempff: „Wir sind Paul – oder das unperfekte Paradies.“

Doch selbst die Generation iPad tut sich mitunter nicht leicht mit der Kritik am Idyll. Und wird ganz weich angesichts von Himmel, Meer und Dünen. Die preisgekrönte Schriftstellerin und Lukas-Stipendiatin Judith Zander, Jahrgang 1980, bezeichnet Ahrenshoop als „pommer’sches Arkadien“, als „Anderland“, und wenn darin Ironie mitschwingt, dann kaum hörbar. „Was würde hier wohl ein Häuschen kosten?“, fragt sie sich bei einer Lesung, und verwirft den Gedanken gleich wieder: „Seine große Liebe heiratet man nicht.“ Genau so wenig, wie man das Paradies jemals ganz erreichen kann. Aber es gibt diese Orte und diese Momente, da ist es verdammt nah.

 

Irre entspannend: Warum mir DIY auf die Nerven geht

Deutschland ist DIY-Land. Jetzt sollen wir also auch noch Brotteig selbst kneten und zwirbelige Zopfmuster stricken, als wäre unser Alltag nicht vollgestopft genug. Denn selbermachen ist ja so gut für die Seele. Echt jetzt? Ich bezweifle das stark – und öffentlich im Winter 17 in der BARBARA

He, Sie da! Haben Sie mal einen Moment? Und könnten Sie mir vielleicht rasch einen Kuchen backen? Nein, nicht diese simple Marmorapfelstreuselnummer, sondern eine dreistöckige Schokotorte in Schiffsform, bitte. Ich schick Ihnen auch ein Youtube-Tutorial rüber. Der Mast und die Segel sind ein bisschen tricky, aber ich sag Ihnen, dieses selbstbestimmte Werkeln in der Küche, das ist ja wie Meditation, irgendwie. Es ist nämlich so, mein kleiner Sohn hat Geburtstag, der steht auf Schiffe, aber ich hab hier diese enorme To-Do-Liste: 148 Mails checken, drei Interviews anfragen, dann pünktlich zum Yoga. Und da ist auch noch dieser Text über Do-it-yourself-Stress, der muss fertig werden. Kennen Sie, oder? Ah, verstehe. Sie haben keine Kinder, aber trotzdem keine Zeit. Weil Sie nach dem 17-Uhr-Meeting das Flohmarktschränkchen abschleifen müssen und das Drachenfruchtkompott im Asia Style ansetzen, für das Brunch mit ihren 20 besten Freundinnen. Seit wann ist das ganze Gebastel, Gebacke und Gestricke eigentlich zur Messlatte für ausgefülltes Leben geworden? Obwohl unsere Tage immer stärker durchgetaktet sind, mit Arbeit, Familie, Freunden, Freizeitstress? Und finden Sie das irre entspannend, oder irre anstrengend?

Stopp, Einspruch!, höre ich Sie sagen. Ist doch ein selbstgemachtes Problem! Wenn die Alte zwei linke Hände hat oder keine Zeit oder beides, soll sie halt einen Fertigkuchen kaufen. Klar, ist nicht verboten. Ist auch nicht verboten, sein Wohnzimmer eins zu eins nach dem Vorbild des Ikea-Katalog-Covers einzurichten. Oder an hohen Feiertagen eingeschweißte Industriekäsescheiben auf den Frühstückstisch zu knallen. Kann man alles machen. Wenn man kein Problem damit hat, sich dabei wie Cindy aus Marzahn auf einer Society-Party in München-Grünwald zu fühlen. Billig, minderbemittelt, phantasielos.

Wo Muße zur Mangelware wird, wird sie zum Statussymbol. Und Selbstgemachtes ist ihre sichtbare Währung. Nimm hin den selbstgestrickten Schal, liebe Schwester, beiß hinein ins krokodilförmig geschnitzte Gurkenstück, liebes Kind, du bist es mir wert, dass ich meine kostbare Zeit für dich opfere. Manchmal kommt das ganz schön bitchy rüber: Ich backe, also bin ich (was besseres). Und jetzt liket gefälligst meine veganen Ingwerschnitten auf Instagram! Do-it-yourself als Egotrip und Social-Beauty-Contest. Denn auch die Mußestunden sind in einer – Achtung, Soziologensprech! – durchökonomisierten Gesellschaft ganz schön ergebnisorientiert. Runterkommen, ja bitte. Aber nicht, in dem man eine halbe Stunde die Wand anstarrt oder ein paar Containerschiffe auf der Elbe. Es soll schon etwas dabei rauskommen: selbstgezimmerte Gewürzkisten im Shabby Chic, selbstgeschneiderte Blusen. Wie praktisch, dass man sich Stoff, Garn und Schnittform im Netz ordern kann. Das spart Zeit, die man fürs Schultütendeko-Googeln braucht.

Sicher, natürlich geben handwerkliche Tätigkeiten auch Bodenhaftung in einer entfesselten Welt. Ein Signal an die Trumps und Erdogans des Planeten: Egal, welchen Wahnsinn ihr ausheckt, ich hab mein Leben im Griff und meine Cupcakes auch! Eine Message an alle Silicon-Valley-Startup-Nerds: Mir doch egal, wenn ihr 3-D-Drucker für Socken und Sonntagsbraten konstruiert, ich mach’s mir immer noch selbst. Dass man sich dabei leicht in die Tasche lügt, weil auch hinter dem Selfmade-Trend eine florierende Industriebranche steckt – geschenkt.

Ich soll mal halblang machen, weil das sonst heute nichts mehr wird mit der Drachenfruchtpampe fürs Brunch? Tschuldigung. Vielleicht habe ich auch einfach nur ein Basteltrauma. Meine schmallippige Handarbeitslehrerin aus der 3c und ihr bärtiger Kollege aus dem Werk-Unterricht mit seinem Fimmel für eine christliche Sekte tragen sicher eine Mitschuld daran, dass ich seit 1979 allergisch bin auf Stricknadeln und Laubsägen. Und besonders geschickt war ich noch nie. Aber Sie haben Recht, so ein Kuchen in Schiffsform, der kann eigentlich nicht schwer sein. Wissen Sie was? Wecken Sie mich einfach heute Nacht um drei. Da hätte ich noch ein Zeitfenster offen.

BRIGITTE-Kolumne: Guter Sex ist niemals niedlich

Eiscremefarbenes Liebes-Spielzeug, babyblaue Dessous: Sex im Jahr 2016 kommt in Pastellfarben daher. Unter der Rubrik „Geht das nur mir so?“ habe ich mich in der BRIGITTE gefragt: Ist das ganz schön verrucht, oder eher ganz hübsch spießig?

 Hach, allein, was sie mit ihren niedlichen Füßchen macht. Nackte Waden wippen wie bei der rhythmischen Sportgymnastik auf und ab, erst in der cremefarbenen Badewanne, dann auf dem puderfarbenen Bett. Wenn der Postmann zwei Mal klingelt, nimmt sie ihr Paket auf Zehenspitzen entgegen und lässt dabei mädchenhaft eine Ferse Richtung Popo schnellen. Ei, was mag da drin sein? Doppeldildochen, Liebeskügelchen, allerliebste Peitschlein. In diesem Werbefilm, seit Monaten auch eifrig im Netz geteilt, ist alles Pastell: Kleidchen, Lipgloss, der pseudo-französische Soundtrack („Es rappelt im Karton“), und die putzigen Sextoys natürlich auch. Eine Farbpalette, als hätte sich der Hersteller die Muster von einem Stramplerhersteller geborgt. Oder vom Hutmacher der Queen. Schaut man zu lang hin, droht akuter Zuckerschock.

Ich finde das nicht niedlich. Ich finde das fragwürdig.

Nach dem berühmten Bonmot von Woody Allen ist Sex ja durchaus eine schmutzige Sache – jedenfalls, wenn man es richtig macht. Und hätte er eine Farbe, wäre er eher rot und schwarz als altrosa und babyblau. Eine Angelegenheit zwischen erwachsenen Menschen, bei der es heftig im Karton rappelt. Mit oder ohne Spielzeug. Die Vibrator-Verkaufsassistentinnen aus der Werbung wirken aber nicht wie erwachsene Frauen, die stolz sind auf ihre Lust. Die fordern und wissen, was sie wollen. Sondern im Gegenteil: wie halbwüchsige Girlies, die kaum verstehen, wie ihnen geschieht. „Oh là là, großer böser Mann, was machst du mit mir? Und was ist das Ding in deiner ’ose?“ Im Online-Filmchen eines weiteren Liebes-Accessoire-Versenders lädt eine junge Frau ihre Freundinnen zur Verkaufsparty auf eine blütenweiße Couch, die man kaum mit körperlicher Liebe in Verbindung bringt. Ih, das macht doch Flecken. Dazu trägt sie ein roséfarbenes Hängerchen Marke britische Brautjungfer. Damit bloß keiner auf unanständige Gedanken kommt. Selbst die große alte Dame der Ehehygiene posiert als Sauberfrau: Der neue „Beate Uhse“-Schriftzug mit Herzchen und Schnörkeln sieht aus wie aus dem Poesiealbum. Unschuld als Schlüsselreiz. Ein bisschen Lolita, ein bisschen Schulmädchenreport, ein bisschen Manga. „50 Shades of Mint“ meets „50 Shades of Grey.“ A propos: Auch der erfolgreichste Rein-Raus-Roman der letzten Jahre hatte so eine Heldin wie aus dem Lore-Schmöker. Zu Beginn Jungfrau, später maßvoll verrucht, und im letzten Band wird geheiratet.

Ich frage mich: Bin ich vielleicht nur neidisch? Weil ich als Frau über 40 genau so wenig zu einem zuckergussfarbenen Sexspielzeug greifen würde wie zu einem Hello-Kitty-Shirt? Weil dieses Unschuld-vom-Lande-Ding nicht zusammengeht mit Kleidergröße M/L und zwei Kindern? Nein, das ist es nicht. Denn da wird ein Bild verbreitet, das keiner Frau steht. Egal wie alt, egal wie dick oder dünn. Und das schmeckt mir nicht. Damit mich keiner falsch versteht: Ich habe nichts gegen pinkfarbene Paartoys, ganz grundsätzlich. Und, ja: es kann auch aufregend sein, im Bett mal das naive Lämmchen zu spielen. Weil es auch einer selbstbewussten Macherin gut tut, gelegentlich die Kontrolle abzugeben. Ich würde nur gerne eines klarstellen: Guter Sex ist dreckig, überraschend, grenzüberschreitend. Manchmal sogar besser mit jemandem, den man nicht allzu sehr liebt. Er kann berauschend sein und lebensverändernd, auch zärtlich und rührend. Aber eines ist er nie, nie, nie: niedlich.

 

Mein Tipp: Mal die Suchwörter „Es rappelt im Karton“ und „Parodie“ googeln. Eine Düsseldorfer Werbeagentur hat den bekannten Spot nämlich mit dicklichen Herren in eiscremefarbenen Bademänteln nachgestellt. Sehr lustig!

Das! Ist! So! Ungerecht! – kommen Familien wirklich zu kurz?

Ob es um Reiswaffeln und den Platz auf Papas Schoß geht oder um Steuern und Kita-Plätze: Zu kurz kommen ist ein mieses Gefühl. Warum ist Gerechtigkeit gerade so ein großes Thema – und werden Familien in Deutschland tatsächlich benachteiligt? Dem bin ich im Sommer 2015 fürs ELTERN-Magazin nachgegangen

An einem kühlen Sommertag vor sieben Jahren kam Henri auf die Welt, und er kam nicht allein. Neben drei Kilo konzentrierter Niedlichkeit brachte mein zweites Kind auch etwas mit, das wir vorher in unserer kleinen Familie nicht kannten: ein Päckchen Ungerechtigkeit. Ihn nahm ich mit Leichtigkeit eine halbe Stunde nach der Entbindung auf den Arm, meine Zweieinhalbjährige konnte ich zum ersten Mal in ihrem Leben nicht vom Boden hochheben. Und als Helen verstand, dass sie diese Nacht bei ihrer Großmutter verbringen sollte, während das neue Baby zwischen uns im Doppelbett des Krankenhaus-Gästetraktes schnuffelte, da sah sie mich auf eine Weise an, bei der ich dachte: So etwa müssen die französischen Bürger dreingeblickt haben beim Sturm auf die Bastille. Wo der Adel seine Petits Fours schlemmte, während sie höchstens ein trockenes Baguette zu beißen hatten.

Ungerechtigkeit, das ist ein Thema, an dem keiner vorbeikommt – schon, wenn er das Wort noch nicht einmal aussprechen kann. Dass bereits die Jüngsten einen ausgeprägten Sinn dafür haben, wies kürzlich eine Studie des Leipziger Max-Planck-Instituts und der Uni Manchester nach: Bei einem Spiel, in dem Handpuppen willkürlich Gegenstände weggenommen und zugeteilt wurden, gingen schon Dreijährige engagiert dazwischen. Aber auch in der Erwachsenenwelt feiert die Frage nach der richtigen Verteilung ein stürmisches Comeback – von der Diskussion um Erbschaftssteuern bis zum Erzieher-Gehalt. „Das Thema steht je nach Zeitgeist immer wieder hoch im Kurs “, erklärt der Soziologe Stefan Liebig, der an der Uni Bielefeld dazu forscht. „Sieht man sich beispielsweise die Programme der politischen Parteien in den letzten zehn bis zwanzig Jahre durch, fällt auf, dass Gerechtigkeit deutlich häufiger genannt wird – rechts genau so wie links.“

Diese Sehnsucht hat mehrere Gründe. Zum einen ist unsere Gesellschaft tatsächlich ungleicher geworden, etwa bei der Verteilung von Einkommen und Vermögen. Zum anderen wird sie immer komplizierter – und damit auch die G-Frage. Denn was ist ungerechter: dass Erzieherinnen schlechter bezahlt werden als Grundschullehrerinnen – oder dass Familien die Folgen eines Kita-Streiks privat ausbaden müssen? Wenn ein Junge mit Down-Syndrom nicht aufs Gymnasium darf – oder wenn Lehrern ihren anderen Schülern Zeit entziehen, die sie für Inklusionskinder extra brauchen? Fast jede Klientel führt ihre eigene Debatte, hat ihre eigenen Vertreter. Und es geht noch eine Nummer größer: Homo-Ehe, Grexit, Flüchtlingskatastrophe – lässt sich alles auf den kleinsten gemeinsamen Nenner reduzieren.

„Gerechtigkeit ist ein Werkzeug, das uns erkennen hilft, ob wir in einer sozialen Gruppe, im Unternehmen oder der Gesellschaft als gleichwertiges Mitglied anerkannt und unsere Interessen angemessen berücksichtigt werden. Aber was wir darunter verstehen, unterscheidet sich je nach dem System, in dem wir uns bewegen“, erklärt Stefan Liebig. In der Familie verhandeln wir nach dem „Bedarfsprinzip“: Wenn der Sechsjährige einen zweiten Burger isst und die Zweijährige nur einen halben, ist das nicht unfair, sondern eine Frage von Hunger und Körpergewicht. Am Arbeitsplatz gilt dagegen das „Leistungsprinzip“: Völlig okay, dass die Chefin mehr verdient als ich, jedenfalls so lange, wie sie ihren Job gut macht. Nicht, weil sie unbedingt eine teurere Wohnung braucht als ich, sondern weil sie die anspruchsvollere Tätigkeit hat.

Ein gewisses Maß von Ungleichbehandlung finden wir also durchaus okay – aber das hat seine Grenzen. „Dass wir heute mehr über Gerechtigkeit diskutieren, ist ein Zeichen von zunehmender Sensibilität“, findet Liebig. Also absolut positiv. Und das nagende Gefühl von Unfairness ist ein guter Motor für Veränderung. Mit Wut im Bauch organisieren wir Rathaus-Sit-Ins oder starten Online-Petitionen. Häufig braucht es dafür aber eine Art Initialzündung – Menschen, die zum ersten Mal eine Ungerechtigkeit benennen, die andere achselzuckend hingenommen haben. „Kinder bekommen die Leute sowieso“, sagte Altbundeskanzler Konrad Adenauer noch in den 50er Jahren, und fand deshalb familienpolitische Leistungen eher überflüssig. Das hat sich gedreht, weiß Stefan Liebig: „Babys zu bekommen ist heute nicht mehr selbstverständlich, sondern Eltern verstehen sich auch als Leistungsträger, und erwarten eine Gegenleistung vom Staat.“ Der gerät dadurch in Zugzwang. Kindergeld, Elterngeld, subventionierte Kita-Plätze für unter 3jährige – noch vor 20 Jahren wäre man für solche Forderungen ausgelacht worden. Da gründeten berufstätige Eltern eher still und leise eine private Kita-Initiative, statt vor dem Rathaus zu demonstrieren.

Aber der „Yes, we can“-Elan hat auch eine Kehrseite. Denn wenn das „Alles-ist-so-fies“-Gefühl ständig an uns nagt, machen wir uns unglücklich. „Wir jammern manchmal auf hohem Niveau“, sagt auch Stefan Liebig, „in kaum einem anderen Staat wird mehr für Familienpolitik ausgegeben als in Deutschland.“ Stattdessen sehen wir gerne das sprichwörtliche grünere Gras auf der anderen Seite des Zaunes: familienfreundlichere Arbeitszeiten in Schweden, Krippenversorgung in Frankreich. Und fallen aus allen Wolken, wenn britische Bekannte unser eigenes Gras saftiger finden: Really, ihr habt Anrecht auf mehr als zwölf Monate bezahlten Eltern-Urlaub? Oder französische: Vraiment, Stillen in der Öffentlichkeit ist bei euch okay? Manchmal muss man einen Schritt zurückgehen, um das ganze Bild zu sehen.

An einem kühlen Sommertag im Jahr 2015 saß ich mit meinen beiden Kindern im Auto, und alles war voll ungerecht. Helen, 9, wollte lieber die ‚Revolverheld’-CD hören als ‚Fünf Freunde’: „Immer darf Henri bestimmen!“ Und Henri, 7, gefielen die Gesprächsthemen nicht: „Mit mir redest du immer nur über kleine Sachen! Und mit Helen über wichtiges!“ Wir hatten zwei Stunden Fahrt vor uns. Viel Zeit für eine Aussprache, nicht die erste und nicht die letzte. Und während wir mal wieder verhandelten, was man tun könnte gegen die gefühlte Ungerechtigkeit, dachte ich: Das schönste daran ist, dass sie uns zum Reden bringt. Dass sie ein Türöffner ist, der uns hilft, unsere Gefühle in Worte zu fassen. Auch wenn es selten eine ganz einfache Lösung gibt. Das einzusehen, gehört vielleicht zu den wichtigsten Aufgaben am Erwachsenwerden. Ich bin jetzt 45. Ich arbeite weiter daran.

Fies – oder?

Wir haben auf der ELTERN-Facebookseite nachgefragt, welche Ungerechtigkeiten euch am meisten nerven. Und herausgefunden, was wirklich dran ist.

1.) Geld: Zu wenig des Guten

Gefühlte Wahrheit: „Unser Steuer- und Sozialsystem bevorzugt Kinderlose gegenüber Familien, Elternpaare gegenüber Alleinerziehenden, Reichere gegenüber Ärmeren.“

 Reality Check:

Rund 200 Milliarden gibt der Staat jährlich für eine Vielzahl familienpolitischer Leistungen aus – kein Pappenstiel. Kinderlose tragen diese Ausgaben mit, und das ist auch gerecht, sagt Siegfried Stresing, Sprecher des Deutschen Familienverbandes: „Die Kita-Kinder von heute sind die Ärzte, Altenpfleger und Busfahrer von morgen – deshalb sollte auch Kinderlosen ihre Ausbildung heute etwas wert sein.“ Auch der Staat fördert nicht uneigennützig: Jedes heute geborene Kind spült nämlich später als Steuer- und Beitragszahler Geld in die Kassen, laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung allein 77.000 Euro Überschuss in der Rentenversicherung. So weit, so fair? Nein, findet Siegfried Stresing: „Erwerbstätige Eltern finanzieren heute sowohl die Renten der Älteren als auch die nachkommende Generation.“ Zuschläge zahlen Kinderlose aber nur bei der Pflegeversicherung. Deshalb fordert sein Verband Entlastung bei allen Sozialabgaben (mehr unter www.elternklagen.de). Reiner Holznagel, Präsident des Bundes der Steuerzahler, ist da anderer Meinung: „Bei Rentenansprüchen und über die beitragsfreie Familienversicherung unterstützt der Staat Familien heute schon.“ Ihm sind andere Punkte wichtig: steuerliche Entlastung mittlerer Einkommen, Anpassung der Tarife an die Preisentwicklung, höhere Grundfreibeträge für Kinder, eine Senkung der Grunderwerbs- und Verbrauchssteuern. Denn Abgaben auf Heizöl und Mehrwertsteuer auf Gummistiefel, Brotboxen und Spielzeug treffen Eltern überproportional. Ein wenig gerechter ist die Welt für Alleinerziehende geworden: Ihr jährlicher Entlastungsbeitrag wurde um 50 Prozent angehoben.

Ungerecht? Ja – aber wohl schwer zu ändern. Denn beim Werben um Wählerstimmen zählen andere Bevölkerungsteile mehr als junge Familien. Vor allem die wachsende Gruppe älterer Menschen. Es gibt aber immer wieder Teilerfolge: So hat die Bundesregierung beschlossen, ab 2016 die Steuerlast der Teuerungsrate anzugleichen.

2.) Wohnen: schwierig – aber nicht nur für Familien

Gefühlte Wahrheit: „Für Vermieter sind Kinder ein rotes Tuch. Familien finden schwerer eine Wohnung als Singles, und kaum kickt ein Zweijähriger einen Ball im Flur, steht die olle Nachbarin vor der Tür und wedelt mit der Hausordnung!“

 Reality Check:

  • „Familien werden bei der Wohnungssuche nicht grundsätzlich benachteiligt“, sagt Ulrich Ropertz, Sprecher des Deutschen Mieterbundes. „Andere Fakten spielen eine größere Rolle. Schlechte Karten hat, wer in unsicheren Arbeitsverhältnissen lebt und wenig Einkommen hat. Und Wohnungssucher mit ausländisch klingenden Namen haben es schwerer als solche mit deutsche – unabhängig von der Kinderzahl.“
  • Die Rechtssprechung ist generell kinderfreundlich. Sprich: Je kleiner ein Kind, desto selbstverständlicher müssen sich Nachbarn mit Lautstärke abfinden. Babys weinen nun mal auch nachts um drei, ein 14jähriger darf zur gleichen Zeit seine Musikanlage nicht voll aufdrehen. Ropertz rät: Schon bei der Wohnungssuche darauf achten, wer die anderen Mieter sind.
  • Wahr ist: Es gibt in Deutschland zu wenig bezahlbare Mietwohnungen. Die Bundesregierung geht davon aus, dass jährlich 272.000 neue gebaut werden müssten, der Mieterbund sogar von 400.000 – tatsächlich sind es nur 000. In begehrten Großstadtlagen sind die Quadratmeterpreise am höchsten, Eltern haben aber häufig keine andere Wahl: Die meisten Arbeitsplätze gibt’s nun mal in Ballungszentren, und täglich stundenlange Pendelei ist auch nicht familienfreundlich. Gute Nachricht für Häuslebauer: Laut einer aktuellen Studie der Postbank können sich auch Durchschnittsverdiener immerhin in drei Viertel aller deutschen Kommunen Wohneigentum leisten.

 Ungerecht? Geht so. Am schwersten auf dem Wohnungsmarkt haben es die, die auch sonst zu kämpfen haben: Alleinerziehende Mütter und Väter, aber genau so der deutschtürkische Single in einem prekären Arbeitsverhältnis.

3.) Kinderbetreuung: von Spitze bis mangelhaft

Gefühlte Wahrheit: „Ob ich einen Kita-Platz finde, was ich selbst dafür zahlen muss und wie gut die Betreuung ist, ist Glücksache – je nach Wohnort“

 Reality Check:

ELTERN: Frau Bock-Famulla, Sie beschäftigen sich für die Bertelsmann-Stiftung mit der Kita-Landschaft in Deutschland. Geht es da tatsächlich so ungerecht zu?

Kathrin Bock-Famulla: Doch, das würde ich unterschreiben. Wenn Sie einen Krippenplatz suchen, haben Sie beispielsweise in Sachsen-Anhalt deutlich bessere Karten als in Baden-Württemberg. In Sachen Qualität ist es aber genau anders herum: In den neuen Bundesländern ist zwar der Bedarf an Plätzen nahezu gedeckt, aber im Schnitt kommen doppelt so viele Kinder auf eine Fachkraft wie in den alten.

Und völlig unabhängig davon, wie gut die Betreuung ist, müssen Eltern dafür auch noch ganz unterschiedlich viel bezahlen….

Ja, das hat vor allem damit zu tun, wie viel die Länder bei der Kita-Finanzierung zuschießen. In Berlin tun sie das zum Beispiel zu 25 Prozent, in Mecklenburg-Vorpommern nur zu neun Prozent. Dazu kommt, dass oft nicht mal die Kommunen die Höhe der Elternbeiträge festlegen, sondern jeder Träger für sich, zum Beispiel in Niedersachsen.

Können sich Eltern wenigstens aussuchen, wie viele Stunden täglich sie buchen?

Auch nicht unbedingt. Aus Nordrhein-Westfalen wissen wir, dass viele Kitas grundsätzlich nur 8-Stunden-Plätze vergeben, um sich leichter finanzieren zu können. Natürlich wird keiner gezwungen, sein Kind bis um vier dort zu lassen – aber bezahlen muss man den vollen Satz trotzdem.

 

Ungerecht? Aber hallo! Blickt man allerdings über den Tellerrand, sieht das schon wieder anders aus: Immerhin hat Deutschland ein staatlich organisiertes Kinderbetreuungs-System – in den USA ist „Day Care“ Privatsache. Und in Skandinavien ist zwar immer alles besser, aber insgesamt sind deutsche Erzieher durch ihre Ausbildung höher qualifiziert als schwedische und norwegische.

4.) Arbeiten: Eine Frage der Perspektive

Gefühlte Wahrheit: „Mütter im Job? Totale Schikane. Meetings finden statt, wenn wir nicht mehr im Haus sind, Chefs nehmen uns nicht für voll, Kollegen mobben uns – dabei leisten wir oft mehr als Kinderlose, weil wir uns ständig beweisen müssen.“

 Reality Check:

PRO: Christine Finke aus Konstanz, 49, alleinerziehende Mutter von drei Kindern, ist gelernte Fach-Redakteurin und hat sich als Bloggerin und Autorin selbständig gemacht (www.mama-arbeitet.de): „Als Berufsanfängerin dachte ich häufig: Mütter, die am Arbeitsplatz ständig fehlen – wenn ich mal in der Situation bin, werde ich das anders handhaben. Und so war es auch: Über Jahre habe ich gearbeitet, als hätte ich keine Kinder, habe Unsummen für Kita plus Au-Pair plus Babysitting ausgegeben, und saß schon eine Woche nach den Geburten der Kinder wieder am Laptop. Was hat es mir genützt? Vor vier Jahren verlor ich meinen Job betriebsbedingt, und als Alleinerziehende mit drei Kindern über 40 fassen Personaler deine Bewerbung nur mit spitzen Fingern an. Ich kann das sogar verstehen: Mit Kinderkrankentagen und Urlaub könnte ich übers Jahr fast drei Monate fehlen. Über mein Blog schreiben mir häufig Mütter, die deshalb im Job schlecht behandelt werden: Es ist ein beliebter Trick, Frauen loszuwerden, in dem man ihnen nach der Babypause einen total inakzeptablen Arbeitsbereich zuweist und wartet, dass sie von selbst gehen.“

CONTRA: Edith Maack (Name geändert), 28, arbeitet im Marketing eines Reiseveranstalters in Frankfurt: „Meine Kolleginnen sind Mütter, meine Chefin hat Kinder – in meiner Branche ist Familie kein Karrierehindernis, und darüber freue ich mich auch. Aber: Wenn man die einzige in der Abteilung ist, die noch kein Baby hat, ist das oft hart. Bei mir bleibt nämlich immer alles liegen, auch wenn ich dann bis abends um sieben am Schreibtisch sitze, weil die Kolleginnen ja um drei losmüssen, ihre Kinder abholen. Die Chefin geht auch vor mir, und sieht deshalb nicht, wie ich für alle die Kohlen aus dem Feuer hole. Und als ich zu einem großen Familienfest im Hochsommer Urlaub beantragen wollte, wurde ich abgewiesen: Die Ferienzeiten sind für Kollegen mit Schulkindern reserviert.“

 Ungerecht? Mal so, mal so. Sicherlich haben Arbeitgeber noch einen weiten Weg zu einer familienfreundlicheren Arbeitswelt vor sich. Was den Alltag mit den kinderlosen Kollegen angeht: Reden und Blickwinkel wechseln hilft – auch von Elternseite.

5.) Am Wohnort: Mehr Grün für Omas und Enkel

Gefühlte Wahrheit: „Schmale Bürgersteige, zu wenig Grünflächen, U-Bahn-Stationen ohne Lift: Mit kleinen Kindern kann man sich in der Stadt nur schwer bewegen.“

 Reality Check: Christina Peterburs arbeitet im Planungsbüro „Stadtkinder“ in Dortmund und berät Kommunen und Wohnungsbauunternehmen und sagt: „Wenn es darum geht, neue Quartiere zu entwickeln oder alte zu modernisieren, muss man immer verschiedene Interessen unter einen Hut bringen – von Umweltbelangen bis zu den Bedürfnissen von Menschen mit Behinderungen. Allerdings gibt es viele Punkte, in denen die Interessen von Kindern und Familien mit denen anderer Gruppen zusammenfallen: etwa, wenn es um barrierefreies Bauen für Rollstuhlfahrer und Eltern mit Kinderwagen geht, was ja heute Standard ist, oder um sichere Straßenübergänge. In den 50er und 60er Jahren stand oft mehr die Frage im Vordergrund, ob eine Stadt autogerecht ist, als ob Kinder sich dort wohlfühlen. Mittlerweile setzen sich aber Ideen durch, die mehr auf Interessenausgleich setzen. Das klappt sogar in der Großstadt, und nicht nur in einzelnen Vorzeige-Vierteln wie etwa dem Freiburger Vauban-Quartier. In Mülheim an der Ruhr wurde dazu sogar extra ein Masterplan unter dem Motto „Spielen und Bewegen“ erarbeitet. Der Architekt Jan Gehl hat in Kopenhagen ein Verkehrskonzept entwickelt, das auf Radfahren und öffentlichen Nahverkehr setzt. So erhält der öffentliche Raum mehr Aufenthaltsqualität und Kinder können gefahrlos unterwegs sein. Ein neuer Trend sind auch Mehrgenerationen-Spielplätze: mit Geräten, an denen ältere Menschen Gymnastik machen können und Kinder klettern und toben.“

Ungerecht? Nein – Städte sind sogar familienfreundlicher als früher. Aber wenn uns Singles die Mutter-Kind-Parkplätze wegschnappen – das ist wirklich fies!

6.) Reisen: Mit ein paar Tricks klappt’s günstiger

Gefühlte Wahrheit: „Spätestens, wenn das älteste Kind in die Schule kommt, sind wir gekniffen: Müssen ausgerechnet dann verreisen, wenn es überall am vollsten, am teuersten und außerdem am heißesten ist!“

 Reality Check: Klar, in der Hauptsaison wird abkassiert. Tipps für smarten Urlaub:

– Es muss nicht immer Juli sein: In vielen Bundesländern dauern Herbstferien zwei Wochen. Super Zeitpunkt für Sommerverlängerung im Süden.

– Urlaubspauschalen sind je nach Ferienkalender in benachbarten Bundesländern unterschiedlich teuer – manchmal lohnt sich die längere Airport-Anfahrt.

– Sommerurlaub entweder ganz früh buchen (an der Ostsee machen viele schon im August die Ferienwohnung für den nächsten Sommer klar), oder ganz spät – früh hat man die größte Auswahl, Last-minute die größten Preisnachlässe.

– Mit Haus- und Wohnungstausch (z.B. www.homelink.de) gibt’s die Unterkunft auch im Hochsommer fast zum Nulltarif.

– Große Veranstalter wie TUI, Alltours und ITS bieten auch in der Hauptsaison günstige Kinder-Festpreise. Online vergleichen z.B. unter www.preiswertbuchen.de

Unfair? Ja, aber nicht sehr. Schließlich hat der Urlaub zur Stoßzeit auch Vorteile: mehr Programm am Urlaubsort, alle Restaurants geöffnet, gleichaltrige Spielkameraden, so weit der Strand reicht….

 

 

 

 

 

 

Männer und Kinderwunsch: Männer ticken anders

Bei Frauen ist es Biologie, bei Männern Statistik: Mit Mitte 40 geht die Wahrscheinlichkeit, noch eine Familie zu gründen, gegen Null. Woran liegt es, wenn Männer kinderlos bleiben – und wie setzen sie sich damit auseinander? Das wollte ich genauer wissen und habe im Sommer 2016 für ein ausführliches BRIGITTE-Dossier mit Menschen gesprochen, die es wissen müssen: Kinderwunschberaterinnen, Familiensoziologen, Demographen – und natürlich mit den Männern selbst.

Da steht er dann also, mitten im Leben. Irgendwo zwischen 20jähriger Abiturfeier und 50. Geburtstag. Hat einige Jobs gehabt, Beziehungen und Umzüge hinter sich, möglicherweise auch einen Baum gepflanzt und ein Haus gebaut. Aber dennoch ist da diese Lücke im Lebenslauf. Denn einen Sohn gezeugt, das hat er nicht. Und auch keine Tochter. Vielleicht, weil er nie die Frau getroffen hat, mit der er sich ins Abenteuer stürzen mochte. Vielleicht auch, weil er gewollt hätte, sie aber nicht. Und nun? Hört auch er eine innere Uhr ticken, vielleicht nicht die biologische, sondern die soziale? Weil seine Freunde schon die Abifotos ihrer Kinder auf Instagram stellen und er nicht der letzte Kerl im Sandkasten sein will? Sucht er auf Dating-Portalen nach einer jüngeren Partnerin mit Baby-Sehnsucht? Wie geht es überhaupt Männern, wenn sie realisieren: Vater werde ich nicht mehr?

Wer die Entscheidung für ein Kind immer wieder vor sich herschiebt, für den entscheidet irgendwann das Leben – und zwar abschlägig. Frauen ist das sehr bewusst: Die gelten ab Mitte, Ende 30 als angezählt, ein paar Jahre später als tragische Nietenzieher in der Babylotterie oder als eiskalte Karrierezicken, und ab Mitte 40 macht der Körper irgendwann nicht mehr mit. Egal, ob Schicksal, Biologie oder freiwillige Entscheidung – ganz kalt lässt die K-Frage keine. „Die Möglichkeit, schwanger zu werden, die Auseinandersetzung damit, ist tief im weiblichen Körper verankert“, sagt die Familientherapeutin Petra Thorn, „allein deshalb, weil Frauen durch die Menstruation regelmäßig daran erinnert werden. Dieses körperliche Bewusstsein haben Männer nicht.“ Ach, die Glücklichen. Können sich auch noch entscheiden, wenn sie schon auf Blutdruckpräparate und Gehhilfen angewiesen sind. Social Freezing für Spermien? Kaum ein Thema. Gala-Grazia-Bunte-Fotos von Beckenbauers und Sky Dumonts, die als grauschläfige Opas ihre Neugeborenen in eine Kamera halten, suggerieren: Macht euch keinen Kopf, Männer.

Das ist nicht ganz falsch, aber ein arg geschöntes Bild der Realität, sagt der Soziologe und Demograph Christian Schmitt von der Uni Rostock: „Die Wahrscheinlichkeit, als Mann mit über 42, 43 Jahren erstmals Vater zu werden, liegt bei unter fünf Prozent.“ Wer jetzt kein Kind hat, bekommt wohl keines mehr. Denn zum einen lässt auch die männliche Fruchtbarkeit etwa ab dem 40. Lebensjahr nach, zum anderen ist die Kombination Sugar Daddy und junge, fruchtbare Frau nicht halb so verbreitet, wie man meinen könnte: Der durchschnittliche Altersabstand in Beziehungen, ob mit Trauschein oder ohne, liegt etwa bei drei Jahren. Ex-Fußballer und Wirtschaftskapitäne, die ihre ergraute Ehefrau gegen ein gebärfreudiges Modell eintauschen, sind eine winzige Minderheit.

Auch bei Männern läuft also der Baby-Countdown, es ist ihnen nur weniger bewusst – auch, weil das Umfeld mit ihnen meist gnädiger umgeht als mit kinderlosen Frauen. „Der Wunsch nach Selbstbestimmung wird bei ihnen viel höher gewertet“, sagt die Berliner Autorin und Filmemacherin Sarah Diehl, die selbst keine Kinder hat und auch keine möchte. „Wenn Männer keine Familie gründen, gelten sie in erster Linie als coole, einsame Wölfe mit Mut zur Lücke, nicht als gescheiterte Existenzen.“ Vielleicht müssen sie sich mal einen Spruch anhören wie „Und meine Kinder sollen später deine Rente finanzieren?“ – mehr aber auch nicht. Für ihr Buch über freiwillige Kinderlosigkeit („Die Uhr, die nicht tickt“, Arche Verlag) suchte Sarah Diehl zunächst sowohl weibliche als auch männliche Gesprächspartner, aber die hatten zu dem Thema wenig zu sagen. Nicht nur, weil sie sich weniger rechtfertigen müssen, auch, weil sie glauben: Wenn ich mit 70 den Baby-Blues bekomme, kann ich immer noch.

Wenn also rund ein Viertel aller deutschen Männer dauerhaft kinderlos bleibt – haben die dann schlicht den richtigen Zeitpunkt verpasst? Oder sind das diese Zeugungsstreiker, diese Beziehungs- und Entscheidungsvermeider, die lieber die Golfbag packen als die Wickeltasche? Die Wirklichkeit ist komplizierter: eine Gemengelage aus Job-Gegebenheiten, Geld und Gefühl. Soziologen und Demographen haben zwei Gruppen von Männern ausgemacht, in denen es besonders viele Nicht-Väter gibt: die Abgehängten und die Aufschieber. Die erste Gruppe besteht aus schlecht ausgebildeten Geringverdienern, die wenig Chancen haben auf dem „Partnerschaftsmarkt“, so der kaltherzige Begriff der Sozialwissenschaftler. Der Paketzusteller, der sich von Drei-Monats-Vertrag zu Drei-Monats-Vertrag hangelt, fällt eben eher durchs Raster. Weil die Mehrheit der Frauen heute zwar keinen Familienernährer mehr sucht, aber umgekehrt auch keine Lust hat, die Verantwortung als Hauptverdienerin für Vater, Mutter, Kinder zu wuppen. Die zweite Gruppe entspricht mehr dem Klischee, sagt Familienforscher Martin Bujard vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB): karrierebewusst, individualistisch, großstädtisch, ultraflexibel. Mit allen Konsequenzen. Bujard: „Wer in der heißen Phase zwischen 30 und 40 weder partnerschaftlich noch beruflich abgesichert ist, für den ist der Zug irgendwann abgefahren. Sei es, weil der Job unsichere Perspektiven bietet oder häufige Ortswechsel erfordert, sei es, weil es so schwer fällt, sich festzulegen. Wer sich für ein Kind entscheidet, wählt damit in der Regel ja auch partnerschaftliche Treue. Oft fällt auch der Entschluss so spät, dass die Biologie einen Strich durch die Rechnung macht.“

Auf der Gefühlsseite spielt noch etwas anderes eine Rolle: In Sachen Baby-Sehnsucht ticken Männer und Frauen tatsächlich unterschiedlich. „Vereinfacht könnte man sagen: Frauen haben erst einen Kinderwunsch und suchen dann im entsprechenden Alter nach einem Partner, mit dem sie ihn verwirklichen können. Männer entwickeln oft erst einen konkreten Kinderwunsch, wenn sie eine Frau treffen, bei der sie merken: Die ist es, mit der könnte ich mir das vorstellen“, erklärt Claudia Zerle-Elsäßer, die als Soziologin am Deutschen Jugendinstitut zum Thema Familie forscht.

Kommt die Traumfrau und –mutter nicht zur rechten Zeit, kommt stattdessen ein Abschied auf Raten. Eigentlich eine gnädige Laune der Natur. Denn Gefühle wie Trauer, Zweifel und Reue lassen sich häppchenweise besser schlucken. Das brutale Aus durch die Menopause müssen Männer nicht verarbeiten. Angenehm? Ja – aber auch eine verpasste Chance, findet Björn Süfke, Männertherapeut und Autor (aktuell: „Männer! Erfindet! Euch! Neu!“, Mosaik): „Weil sie das Thema verdrängen und auf die lange Bank schieben, drücken sich kinderlose Männer häufig vor der inneren Auseinandersetzung, vor der Trauerarbeit.“ Das gilt auch für diejenigen, die nie sonderlich an Kindern interessiert waren, glaubt er: „Auch wenn der Schmerz von Mann zu Mann unterschiedlich groß ist: Jede Lebensmöglichkeit, die wir nicht verwirklichen, will betrauert werden.“ Und zwar nicht in kerniger Heldenmanier („Ich stelle mir ein Ultimatum bis 50, dann ist das Thema für mich durch!“), sondern als echte Auseinandersetzung mit Ängsten, Wünschen, Vorstellungen. Um damit abzuschließen und Raum für neues zu schaffen: Wenn ich das Projekt „Familie“ nicht verwirklicht habe – auf welche Weise möchte ich dann fruchtbar sein in meinem Leben? Alternativ-Projekte gibt es genügend: Landhaus renovieren, Buch schreiben, mit dem Kanu sämtliche masurischen Seen befahren. Eine Frage der Sinnstiftung, die übrigens irgendwann alle ereilt – Väter und Nicht-Väter, aber genau so Mütter und Nicht-Mütter. „Das Leben spielt sich immer zwischen den Gegensätzen Stagnation und Generativität ab“, sagt Süfke. „Ob nun jemand gar nicht erst Kinder bekommen hat oder ob einfach die Familienphase vorbei ist und die Kinder aus dem Haus, es stellt sich immer die Frage nach dem nächsten Projekt.“ Einem Projekt, das den Einzelnen ausfüllt, aber auch die Partnerschaft neu beleben kann. In dieser Lebensphase können sich Eltern manchmal sogar eine Scheibe von Kinderlosen abschneiden. Denn im besten Fall haben die schon ein paar Antworten auf Fragen, die sich Eltern erwachsener Kinder gerade erst stellen.

INTERVIEW:

„Die Passivität ist für Männer das Bitterste“

Das Herz sagt ja, die Partnerin sagt ja, der Körper sagt nein: Wie gehen Männer damit um, wenn sich ein Kinderwunsch aus medizinischen Gründen nicht erfüllt? Die Familientherapeutin Petra Thorn aus Mörfelden ist seit über 20 Jahren in der Kinderwunschberatung tätig und hat Bücher zum Thema geschrieben (www.pthorn.de). Sie sagt: Männer leiden nicht weniger als Frauen – sie drücken ihren Schmerz nur anders aus

 BRIGITTE: Manche Männer bleiben auch deshalb kinderlos, weil sie spät die passende Partnerin finden und mit zunehmendem Alter die Chancen auf eine Schwangerschaft sinken. Während die Gefühlslage ungewollt kinderloser Frauen aber gut erforscht ist, hat sich die Wissenschaft erst in den letzten Jahren für die beteiligten Männer interessiert. Warum?

Petra Thorn: Zum einen sind Frauen rein körperlich näher dran an den Themen Schwangerschaft und Geburt. Zum anderen dachte man lange Zeit, dass Männer weniger an einem unerfüllten Kinderwunsch leiden. Jüngste Forschungen zeigen aber, dass das nicht stimmt. Sie nehmen sich nur emotional zurück, um sich und ihre Partnerin zu schützen. Und sie haben andere, weniger offensichtliche Bewältigungsstrategien.

Zum Beispiel?

Die Autorinnen einer Studie erwähnen den Fall eines Paares, bei dem die Frau sich nach einer Fehlgeburt traurig in ihr Schlafzimmer zurückzieht, während der Mann anfängt, lautstark die Küche zu renovieren. Die Frau empfindet das als unsensibel, dabei ist es einfach nur ein Weg des Mannes, die Kontrolle über eine Situation zurückzugewinnen, in der er zu Passivität verdammt ist. Denn diese Hilflosigkeit quält Männer besonders. Solche Geschichten kenne ich auch aus meiner Beratungspraxis. Diese Art von Bewältigung ist völlig okay, so lange sie hilft und die Partnerin den Aktionismus nachvollziehen kann.

Während Frauen eher Redebedürfnis haben?

Ja, und damit können Männer häufig schlecht umgehen, weil die Gespräche sich ja oft im Kreis drehen. Ich schlage Paaren deshalb Kinderwunsch-Sprechzeiten vor: eine halbe Stunde, Stunde ist das Thema dran, danach wird das Gespräch beendet.

Gibt es Männer, die mehr unter Kinderlosigkeit leiden als andere?

Der Kulturkreis spielt eine große Rolle, das bestätigen auch aktuelle Studien. So haben Männer in traditionellen Gesellschaften wie Südafrika deutlich mehr daran zu knabbern, wenn sie nicht Vater werden, als in emanzipierten Gesellschaften wie Dänemark. Auch in Beratungsgesprächen bei Paaren mit türkischem Migrationshintergrund merke ich oft, dass dort das Thema stark tabuisiert wird, dass Männer sich sehr schämen und kaum darüber sprechen können.

Macht es einen Unterschied, ob die biologische Ursache beim Mann oder bei der Frau liegt?

Ja. Wenn ein Mann die Diagnose bekommt, dass er nicht zeugungsfähig ist, ist das ein Angriff auf sein eigenes Selbstverständnis. Die meisten holen sich in dem Fall eine zweite Meinung ein, weil sie es nicht glauben können. Denn ihre Sexualität funktioniert ja.

Eine Kinderwunschbehandlung kann die Beziehung sehr belasten. Wie verhindert man, dass die Lieber darunter leidet?

Ich rate: Auf Sicht fahren, immer wieder gemeinsam Grenzen definieren. Wie viele in-vitro-Versuche wollen wir machen? Denken wir über Alternativen wie Adoption nach? Gibt es einen Plan B? Schön ist, wenn Paare mit unerfülltem Kinderwunsch es schaffen, die schmerzliche Lücke anders zu füllen – in dem sie sich gemeinsam ein anderes Lebensprojekt suchen oder auch für andere engagieren. Und die Zeit ist auf ihrer Seite: Aus der Sozialforschung ist bekannt, dass Kinderlose langfristig nicht weniger zufrieden mit ihrem Leben.

 

NO, BABY: SECHS MÄNNER SPRECHEN KLARTEXT

 

DER AUFSCHIEBER: Björn, 41, Journalist, Single

Ich habe keine Kinder, weil sich das Thema in den letzten Jahren nicht ergeben hat. Meine Beziehungen waren eher kurz und wechselhaft, vielleicht habe ich mich auch das ein oder andere Mal selbst sabotiert. Denn ich mag das spontane Leben, ich mag meine Freiberuflichkeit, ich mag Abenteuer und Unberechenbarkeit – und das alles verträgt sich schlecht mit einer Familie.

Ich fühle mich dabei etwas unruhig. Vor allem, wenn mir Freunde überzeugend erklären, Vaterwerden sei die größte und schönste Erfahrung, die sie je gemacht haben. Trotz aller Einschränkungen, trotz durchwachter Nächte und kindlicher Wutanfälle. Das stimmt mich nachdenklich. Auch der Tod meines Vaters hat mich ins Grübeln gebracht: Obwohl unser Verhältnis zu Lebzeiten nicht immer einfach war, stand die Familie zusammen, als er starb. Wie wird das bei mir sein, wenn ich keine Kinder bekomme? Gleichzeitig merke ich, dass das Liebes- und Beziehungsleben nicht einfacher wird. Man wird eigener, lässt sich auch nicht mehr so leicht auf einen anderen Menschen ein wie früher. Aber ganz gezielt nach einer Frau mit Kinderwunsch suchen, vielleicht im Internet? Das fände ich entsetzlich unromantisch. Ehrlich, an diesem Punkt bin ich froh, dass ich ein Mann bin und deshalb noch ein bisschen mehr Zeit habe für eine endgültige Entscheidung. Ein Freund von mir ist gerade mit 46 zum ersten Mal begeisterter Papa geworden. Schlaflose Nächte bereitet das Thema mir also nicht – noch nicht.

Status: Vielleicht lieber morgen

 

DER PRAGMATIKER: Jens, 38, Krankenpfleger, in fester Partnerschaft

Ich habe keine Kinder, weil ich mir Sorgen machen würde um meine Partnerin. Denn in ihrer Familie gibt es eine schwere, genetisch bedingte psychische Erkrankung, und es besteht die Gefahr, dass diese bei einer Schwangerschaft ausbrechen könnte. Dazu kommt, dass sie die letzten Jahre sehr beschäftigt war mit dem Aufbau ihres kleinen Unternehmens. Und meine Arbeit im Schichtbetrieb eines Krankenhauses ist ebenfalls nicht familienfreundlich.

Ich fühle mich dabei die meiste Zeit wohl. Denn es war unsere gemeinsame Entscheidung, und jetzt, da meine Freundin 40 geworden ist, ist das Thema definitiv abgeschlossen. Nur selten habe ich einen melancholischen Moment. Dann schaue ich sie an und denke: Was wäre das wohl für ein Kind gewesen, das wir miteinander gehabt hätten? Ein Leben, wie wir es führen, hat aber auch viele Vorteile: Wir können reisen, unseren Hobbys nachgehen, intensiv Zeit miteinander verbringen. Und auch Phasen von Ruhe und Rückzug sind mir wichtig. Unser Leben ist ja nicht komplett kinderlos, es gibt Nichten, Neffen, den Nachwuchs von Freunden. Manchmal habe ich den Eindruck, für manche Menschen sind Kinder eher ein Programmpunkt im perfekten Lebenslauf, als dass sie ihnen wirklich gerecht werden. Wenn ich das sehe, tut mir das immer sehr Leid.

Status: kein unnötiges Risiko

 

DER TRAUERARBEITER: Theodor, 52, Agenturchef, verheiratet

Ich habe keine Kinder, weil meine Frau und ich nach mehreren Jahren Kinderwunschbehandlung beschlossen haben, es nicht weiter zu versuchen.

Ich fühle mich dabei manchmal immer noch traurig. Denn ich komme aus einer griechischen Großfamilie, und die Vorstellung von Kindern hat für mich immer ganz selbstverständlich zum Leben gehört. Für meine Frau auch, da waren wir uns sofort einig, als wir uns vor zwölf Jahren kennen und lieben lernten. Als feststand, dass sie auf natürlichem Wege nicht schwanger werden würde, kam das für uns völlig überraschend. Die Kinderwunschbehandlung hat uns beide sehr mitgenommen, auf unterschiedliche Weise. Die Eingriffe sind körperlich belastend, und für mich als Mann war es schwer, ihr das nicht abnehmen zu können. Was mich zusätzlich schockiert hat, war der oft kaltschnäuzige Ton der Fortpflanzungsmediziner. Das war keine Unterstützung. Meine eigene Trauer habe ich häufig mit mir allein abgemacht – typisch Mann. Schließlich haben wir gemeinsam dieses Kapitel abgeschlossen. Und sind als Paar gestärkt daraus hervorgegangen. Manchmal, wenn im Gespräch mit anderen die Frage nach Kindern auftaucht, merke ich, wie uns Leute verstohlen taxieren: An wem liegt’s? Ist er zu alt? Sie die solche egoistischen Konsumtrottel? Aber da stehen wir darüber. Wir genießen unser Leben heute wieder, weil wir frei und unabhängig sind und trotzdem Wege gefunden haben, wie unsere väterliche und mütterliche Seite nicht zu kurz kommt. In den letzten Jahren haben wir einen afghanischen Jungen intensiv begleitet, als Paten. Auch so kann man viel weitergeben

Status: Abschied auf Raten

 

DER FREIHEITSLIEBENDE: Christian, 54, Tourismusexperte, frisch verliebt

Ich habe keine Kinder, weil das nie zu meinem Lebensentwurf gepasst hat. Ich arbeite in der Tourismusbranche, auch, weil ich immer so unterwegs sein wollte: mit leichtem Gepäck, viel auf Reisen, immer wieder Neustarts. Das hält mich jung und lebendig.

Ich fühle mich dabei wohl. Denn ich habe mich nie wirklich als Vater gesehen. Als ich ganz jung war, hatte das eher ideologische Gründe: Das war die Zeit der Aufrüstungsdebatte in der frühen Achtzigern, und in diese Welt wollte ich kein Kind setzen. Später gab es durchaus romantische Momente, in denen ich dachte: Wow, das ist die Frau, mit der du mal eine Familie haben willst. Zum Beispiel in einer lauschigen Nacht auf einem Segelboot in Mexiko, vor 25 Jahren. Aber das hat nie zu Konsequenzen geführt. Später sind zwei Beziehungen daran gescheitert, dass Frauen sich ein Kind wünschten und ich mich nicht festlegen wollte, zumindest zu dem Zeitpunkt. Seit einiger Zeit bin ich glücklich mit einer Frau, die bereits einen erwachsenen Sohn hat und so alt ist wie ich, damit ist das Thema für mich auch endgültig durch. Wobei wir manchmal Gedankenspiele spielen: Was wäre gewesen, wenn wir uns vor 20 Jahren kennen gelernt hätten? Hätte ich für sie mein umtriebiges Leben aufgegeben? Denn eins bedauere ich schon: Es gibt Erlebnisse, die ich niemals haben werde. Zum Beispiel, dass ich nie mit meinen eigenen Kindern reisen und ihnen die schönsten Ecken der Welt zeigen kann.

Status: Immer unterwegs

 

DER ENTSPANNTE: Henning, 50, Jurist, verheiratet

Ich habe keine Kinder, weil es einfach nicht passiert ist – vielleicht auch, weil wir nicht mehr die jüngsten waren, als wir uns verliebten. In den ersten Jahren unserer Beziehung haben wir noch verhütet und erst nach unserer Hochzeit damit aufgehört, da war ich 40 und sie 37. Als meine Frau nicht schwanger wurde, haben wir uns aber nicht untersuchen lassen. Denn wir waren uns immer einig: Ein Kind ist herzlich willkommen, aber wenn keines kommt, ist unser Leben auch reich genug.

Ich fühle mich dabei mit mir im Reinen. Denn genau so hat es für uns gestimmt: Dem Schicksal weder auf die Sprünge helfen noch es aktiv vermeiden. Wenn es die Chance gar nicht gegeben hätte, dann würde ich heute vielleicht eher grübeln, ob wir etwas verpasst haben. Der Kinderwunsch stand bei uns aber nie an oberster Stelle, wir hatten immer auch andere Prioritäten. Unsere Berufe, die wir beide als sehr erfüllend und befriedigend empfinden, unsere Partnerschaft selbst. Da wir beide Geschwister mit Kindern haben, gab es auch keinen Druck seitens unserer eigenen Eltern. Enkel hatten sie ja bereits. Wenn meine Frau gegen jede Wahrscheinlichkeit jetzt noch schwanger werden würde, mit 47, dann würde mir das eher Angst machen. Schon allein wegen des medizinischen Risikos für Mutter und Kind. Ob wir befürchten, im Alter allein zu sein? Nicht wirklich. Die Gesellschaft hat sich ja stark verändert, Menschen bleiben länger fit und im Kopf flexibler, Netzwerke werden wichtiger, nicht nur familiäre. Vielleicht ziehen wir ja irgendwann in ein Mehrgenerationenhaus. Ich finde es nämlich sehr schön, Kinder um mich herum zu haben.

Status: Hat nicht sollen sein

 

DER BONUS-PAPA: Heinz-Willi, 45, Schlosser, verheiratet

Ich habe keine Kinder, weil die Frau, die ich liebe, bereits einen großen Sohn hatte, als wir uns vor 15 Jahren kennen lernten – sie ist sieben Jahre älter als ich und jung Mutter geworden. Wir hätten uns schon noch eigenen Nachwuchs gewünscht, aber da es bei der ersten Geburt große Komplikationen gegeben hatte, rieten die Ärzte ab.

Ich fühle mich dabei zufrieden. Denn es ist zwar traurig, dass unser gemeinsamer Wunsch nach einem Baby sich nicht erfüllt hat, aber trotzdem bin ich ja Vater, auf meine Weise. Das war nicht immer so. Als meine Frau und ich uns kennen lernten, war ihr Sohn in der Pubertät, hat viel Mist gebaut, war auf mich nicht gut zu sprechen. Er lebte auch nicht bei uns, sondern bei seinem Vater. Erst als er schon erwachsen war sind er und ich uns näher gekommen, über die Arbeit. Denn wir sind beide Handwerker, er Zimmermann, ich Schlosser. Nachdem wir gemeinsam zwei Wohnungen renoviert hatten, haben wir gelernt, uns zu schätzen, und gemerkt, dass wir ein gutes Team sein können. Zur gleichen Zeit ist seine Beziehung zu seinem leiblichen Vater ziemlich eingeschlafen. Heute sind wir uns so vertraut, dass es sich für uns beide anfühlt, als wären wir Vater und Sohn. Und die Geschichte geht ja weiter: Er ist mittlerweile Anfang 30 und hat selbst zwei Kinder, für die sind meine Frau und ich einfach die Großeltern. Wenn meine sechsjährige Enkelin zu Besuch kommt, auf mich zu rennt und „Opi, Opi!“ ruft, dann wird mir warm ums Herz – wenn sie mich anstrahlt, vergesse ich alles, was in unserem Familienleben auch schwer war.

Status: Vom Bonus-Papa zum Bonus-Opa

 

Elternrechte in den USA: ganz und gar nicht great

Zu wenig Elterngeld? Zu wenige Erzieher in der Krippe? Das sind Vereinbarkeitsprobleme, die Mütter und Väter in den USA gerne hätten. Elternzeit, Kündigungsschutz und bezahlbare Kitaplätze sind dort die große Ausnahme. Unter Präsident Trump könnte sich die Situation noch verschärfen. Im März 2017 habe ich fürs ELTERN-Magazin mit der Polit-Aktivistin, Autorin und Mutter Jessica Shortall darüber gesprochen

Ein Interview per Skype am Sonntag morgen um neun? Kein Problem. Denn erstens hat Jessica Shortall (38) zwei kleine Frühaufsteher zu Hause. Und zweitens kommt man dieser Tage ohnehin nicht zur Ruhe, wenn man in Amerika lebt und sich politisch engagiert. Kaum haben wir angefangen zu reden, flitzt Shortalls vierjährige Tochter Etta ins Arbeitszimmer und berichtet aufgeregt: „Mummy, Donald Trump ist gerade im Fernsehen!“ Auch unser Gespräch dreht sich immer wieder um den Mann in Orange – auch wenn wir eigentlich ein anderes Thema haben…

Wenn Sie den Mund aufmachen, hören Eltern gerne zu – nicht nur in Amerika. Ihr Vortrag über fehlenden Mutterschutz in den USA und Stillen im Job hat fast 50.000 Youtube-Hits, in ihrem aktuellen Buch* geben Sie Tipps, wie man Baby und Arbeit in Ihrem Heimatland einigermaßen jongliert. Persönliche Erfahrung?

Ursprünglich ja. Nach der Geburt meines Sohnes Otis vor sechs Jahren litt ich an einer postpartalen Angststörung, konnte nicht schlafen, machte mir übermäßige Sorgen um mein Kind. Ich tat mich sehr schwer mit der Rückkehr in den Job, obwohl ich nach amerikanischen Maßstäben das große Los gezogen hatte: Mein damaliger Arbeitgeber, ein Startup, gewährte mir acht Wochen bezahlten plus vier Wochen unbezahlten Mutterschutz. Ich konnte viel von Zuhause aus arbeiten und mir mit einer Nachbarin eine Nanny teilen. Aber es schien mir undenkbar, tagelang oder wochenlang allein auf Geschäftsreise zu gehen. Und das wäre erforderlich gewesen.

Zwölf Wochen Pause, das ist wirklich nicht viel….

Wissen Sie, die USA gehört zu einem kleinen, exklusiven Club industrialisierter Länder, in denen Auszeiten für frischgebackene Eltern fast ausschließlich eine freiwillige Leistung des Arbeitgebers sind. Die anderen Clubmitglieder sind im wesentlichen einige Südseeinseln – und gleich danach kommen wir, ein Land mit 320 Millionen Einwohnern. Fast 90 Prozent aller Mütter und Väter in den USA haben keinerlei Elternzeit.

Und die anderen zehn Prozent?

Entweder familienfreundliche Arbeitgeber, oder sie haben nach dem so genannten „Family and Medical Leave Act“ ein Anrecht auf bis zu drei Monate unbezahlte Auszeit. Die stehen Arbeitnehmern zu, wenn sie selbst ernsthaft krank werden, oder ein nahes Familienmitglied. Theoretisch auch nach einer Geburt. Aber das Gesetz greift nur in Firmen mit mindestens 50 Angestellten und gilt nur für Mitarbeiter mit mindestens einem Jahr Betriebszugehörigkeit. Vor allem muss man aber in der Zeit sowohl den eigenen Verdienstausfall überbrücken als auch den Arbeitgeberanteil zur Krankenversicherung mitbezahlen.

Schwer möglich, wenn man zu wenig verdient, um Rücklagen zu bilden.

Genau. Mütter sind die am schnellsten wachsende Gruppe von Arbeitnehmern in den USA, aber unter ihnen herrscht eine Zwei-Klassen-Gesellschaft. Natürlich wollen Arbeitgeber hochqualifizierte Mitarbeiterinnen nicht verlieren und machen ihnen deshalb die schnelle Rückkehr an den Arbeitsplatz schmackhaft. Nehmen wir den Konzern IBM: In der Stillzeit können weibliche Angestellte ihre Muttermilch von Geschäftsreisen kostenlos nach Hause schicken lassen. Ganz anders sieht es im unteren Spektrum des Arbeitsmarktes aus. Zwei Drittel aller Niedriglohnjobs sind in den Händen von Frauen, häufig Schwarze und Latinas, aber auch ärmere Weiße, die schlecht bezahlte Arbeit annehmen müssen, um sich und ihre Familie über Wasser zu halten. Viele als Haupt- oder Alleinverdienerinnen. Die Obama-Regierung hat wenigstens kleine Verbesserungen für bestimmte Berufsgruppen erreicht. Etwa, dass der Arbeitgeber stillenden Frauen Zeit geben muss, während der Arbeitszeit Milch abzupumpen. In einem angemessenen Raum, nicht im Auto auf dem Parkplatz. Aber das ist Teil des „Obamacare“-Paketes, und auch das will Präsident Trump ja wieder abschaffen.

Abgesehen vom Stillen, wie machen Frauen das denn überhaupt – direkt von der Entbindung zurück ins Büro oder an die Supermarktkasse?

Jede vierte geht spätestens zwei Wochen nach der Geburt wieder arbeiten – oft unter Schmerzen, körperlich wie seelisch. Ich habe mit einer Kellnerin gesprochen, die sechs Wochen nach einem Kaiserschnitt wieder schwer schleppte und stundenlang auf den Beinen war. Mit der Mitarbeiterin einer Haftanstalt, deren Kollegen sich über ihre „ausgedehnten Ferien“ lustig machten, weil sie acht Wochen weg war, und absichtlich die Toilettentür aufrissen, wenn sie dort mit der Milchpumpe hantierte. Eine der bittersten Geschichten erzählte die Mutter eines Frühchens. Ihr stand so wenig Elternzeit zu, dass sie sich entscheiden musste: Entweder eine Woche nach der Entbindung zurück an die Arbeit, um nach der Entlassung aus der Klinik Zeit für das Baby zu haben – oder bei ihrem Kind auf der Intensivstation sein, und es dann sofort nach der Entlassung in Tagesbetreuung geben. Davon rieten die Ärzte aber dringend ab. Das Immunsystem des Babys war so unausgereift, dass diese Umgebung es in Lebensgefahr gebracht hätte.

Hängen Mütter unter solchem Druck ihren Job eher ganz an den Nagel?

Genau, und mit weitreichenden Folgen: Sie machen sich abhängig vom Verdienst ihres Mannes, stehen im Fall einer Scheidung schlecht da, sind später bedroht von Altersarmut, weil sie nicht in die Rentenkasse einzahlen.

Gibt es denn vernünftige Kinderbetreuungsmöglichkeiten? Oder springt den arbeitenden Eltern eher die eigene Familie bei?

Wir sind eine sehr mobile Nation, wechseln häufig Wohnorte und Jobs – es ist ein seltenes Glück, wenn man Familie am gleichen Ort hat. Gute Kinderbetreuung ist deshalb auch wieder eine Frage des Geldbeutels: Kitas, von denen Kinder wirklich profitieren, kosten etwa zwischen 800 und 1500 Dollar monatlich pro Kind. Wer sich das nicht leisten kann, landet schnell bei Einrichtungen, in denen Kinder mehr schlecht als recht beaufsichtigt werden und die häufig nicht einmal wirklich kindersicher sind.

Die Rechte junger Eltern waren auch Thema im vergangenen Wahlkampf. Donald Trumps Tochter Ivanka hat sich dafür stark gemacht, sechs Wochen bezahlten Mutterschutz für alle einzuführen. Klingt ganz vernünftig, oder?

Ein Journalist hat Ivanka Trump einmal als „weaponized graciousness“ bezeichnet – Liebenswürdigkeit, die als Waffe eingesetzt wird. Trump benutzt seine Tochter, um sein Image aufzupolieren. Und selbst wenn das wirklich Ivankas Meinung entspricht: Der Vorschlag ist kurzsichtig, ich halte ihn sogar für einen Rückschritt!

Warum? Sechs Wochen wären ein Anfang.

Also, erstens diskriminiert der Vorschlag die Väter. Und auch den zweiten Elternteil in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften. Denn in dem Entwurf stehen die sechs Wochen ausschließlich der Frau zu, die das Kind geboren hat. Mir hat mal ein Vater erzählt, wie froh er war, dass sein Baby an einem Freitag zur Welt kam, damit er wenigstens das Wochenende mit Mutter und Kind verbringen konnte. Zwei Tage! Dabei weiß man doch, dass Erziehung partnerschaftlicher geteilt wird, wenn von Anfang an beide Elternteile involviert sind. Außerdem könnte diese Regelung auf die Frauen zurückfallen: Personalchefs könnten Bewerberinnen im gebärfähigen Alter benachteiligen, weil sie ein finanzielles Risiko für die Firma sind.

Weiß man denn, was aus dem Plan wird?

Keine Ahnung. Die Trump-Regierung hatte einen chaotischen Start und bleibt unberechenbar. Was mir Hoffnung macht, sind eher die Gesetze einzelner Staaten. Dort sind die Gesetzgeber oft wesentlich weiter als in Washington. In Kalifornien, New Jersey, Rhode Island und Connecticut gibt es gerade als Pilotprojekt ein solidarisches Versicherungsmodell, das bezahlte Elternzeit auch für kleinere Unternehmen finanziell möglich macht. Und zwar nicht nur für Mütter!

Was mir auffällt: Ihre Landsleute sind sehr kinderfreundlich, keine Politikerrede kommt ohne das Schlagwort „Familienwerte“ aus. Andererseits wird es jungen Eltern so schwer gemacht. Woher dieser Widerspruch?

Unsere Kultur ist zutiefst individualistisch. Von klein auf lernen wir: Wenn du nur hart genug arbeitest und dich anstrengst, kannst du alles schaffen. Im Umkehrschluss heißt das aber: Wenn es dir nicht gut geht, bist du selbst schuld, dann hast du nicht alles gegeben. Deshalb misstrauen hier so viele Leute Sozialleistungen, weil sie das Gefühl haben: Damit belohnt man Faulheit. Dabei rutschen gerade Mütter so eher in staatliche Abhängigkeit, als wenn man sie unterstützen würde. Und das ist nur einer von mehreren Widersprüchen. Auf der einen Seite extremer Individualismus, auf der anderen Seite der fast kindliche Glauben an den starken Mann, der sagt, wo’s langgeht.

Wie man jeden Tag in den Nachrichten sieht.

Ja, leider. Nur eines macht mir Hoffnung: Für viele Menschen in meiner Umgebung war die Wahl von Trump eine Art Weckruf, sie verstehen zum ersten Mal im Leben, dass es wichtig ist, ihr politisches Geschick selbst in die Hand zu nehmen. Meine Tochter hat mich heute morgen schon gefragt: Gehen wir heute wieder demonstrieren?

Und, gehen Sie?

Ausnahmsweise nicht. Ab und zu braucht man auch als Familie eine Auszeit.

 

Jessica Shortalls Plädoyer auf Youtube anschauen: https://www.youtube.com/watch?v=TdQ1eaZH-J8

 

„Kinder brauchen digitale Mischkost“ – ein Plädoyer für entspannten Medien-Umgang

Smartphones machen dumm und Computerspiele aggressiv – oder nicht? Der psychologische Psychotherapeut und Verhaltensbiologe Georg Milzner nahm im Frühjahr 2016 mit seinem Buch* pauschale Digital-Kritik aufs Korn und plädierte für einen entspannteren Umgang mit neuen Technologien. Für das Magazin ELTERN family habe ich mit ihm gesprochen

ELTERN family: Bei uns zu Hause gibt es klare Regeln – eigentlich: 30 Minuten „Fifa 15“ für meinen 7jährigen Sohn und „Minecraft“ für meine 10jährige Tochter sind pro Tag okay, danach werden elektronische Geräte weggelegt. Warum geht das nie ohne Diskussionen – weder bei uns, noch bei den meisten anderen?

Georg Milzner: Warum ist Ihnen die Zeitbeschränkung denn so wichtig?

Weil sonst anderes zu kurz kommt: lesen, sich bewegen, Lego bauen…

Erstmal ganz konkret: Diese Zeitbeschränkungen funktionieren nicht, weil Spiele nicht in Minuten aufgebaut sind, sondern in Aufgaben und Levels. Sie würden ja auch beim Vorlesen nicht per Stoppuhr mitten im Satz aufhören. Besser, Sie vereinbaren gemeinsam, was ein sinnvoller Zeitpunkt zum Schlussmachen ist. Ich würde auch einen Unterschied machen, ob ein Kind reglos vor dem Monitor sitzt oder sich davor austobt, zum Beispiel mit einer bewegungsgesteuerten Konsole. Bildschirm ist nicht gleich Bildschirm. Aber Ihre Skepsis, die Sie mit vielen Eltern teilen, hat sicher noch einen tiefer liegenden Grund.

Da bin ich aber gespannt.

Jeder Kulturwandel stößt erstmal auf Widerstand. Eltern früherer Generationen waren irritiert, wenn ihre Kinder Comics lasen, fernsahen oder Rockmusik hörten. Sogar das Lesen von Romanen galt im 19. Jahrhundert als schädliche Geistesverwirrung, vor allem für Jungen. Genau so befürchten heutige Eltern: Kinder werden durch Computerspiele dümmer, aggressiver, verlernen das phantasievolle Spielen, gehen nicht mehr raus….

Und Sie glauben das nicht?

Wenigstens nicht so pauschal. Eltern verklären rückblickend ihre eigene Kindheit, die ja noch wenig computerisiert war, jedenfalls bei Menschen ab 40, und kommen zum Schluss: Heute läuft da etwas falsch. Das führt zu einer merkwürdigen Spaltung: Einerseits möchte man den Umgang mit digitalen Medien fördern, um Kinder auf die spätere Arbeitswelt vorzubereiten, andererseits verteufelt man sie. Zu Hause wie in der Schule. Dabei findet ja jede Zeit und jede Kultur neue Formen, in denen Kindheit stattfindet. Auch weil Kinder heute tendenziell behüteter aufwachsen, weniger äußere Freiräume haben, erschließen sie sich neue Zonen – auch digitale.

Kinder haben die gleichen Bedürfnisse wie früher, leben sie nur anders aus?

Genau. Denken Sie an die Faszination von Märchen und Mythen: früher drei dicke Bände „Herr der Ringe“ lesen, heute eher „World of Warcraft“ spielen. Oder den Spaß an der Selbstdarstellung: früher nur auf der Schulbühne, heute mit Youtube-Filmchen. Manche Eltern projizieren sicherlich auch ihre eigenen Ängste vor dem technologischen Wandel auf ihre Kinder. Die haben eigentlich Angst, selbst nicht fit zu sein für die Welt von morgen, und sind vielleicht auch etwas neidisch auf die Leichtigkeit, mit der sich ihre Kinder darin bewegen.

Machen Sie es sich da nicht ein wenig einfach? Wenn ich sehe, wie manche Eltern sogar ihre Zwei- und Dreijährigen stundenlang mit Hilfe von Tablets ruhig stellen, frage ich mich schon, was Kinder sich dadurch für ein Bild von der Welt machen.

Bei so kleinen Kindern gebe ich Ihnen völlig recht, das hat fast etwas von unter Drogen setzen. Ein Tablet ist ein miserabler Babysitter, denn er macht kein Beziehungsangebot. Bei Kindern im Kita- und frühen Grundschulalter würde ich immer sagen: ruhig der kindlichen Neugier auf elektronische Spiele Raum geben, aber auch beizeiten ein Alternativangebot machen. Und sei es, in dem man das Bildschirm-Match mit echten Bällen nachspielt, oder das Flugzeug aus dem Spiel mit Lego nachbaut.

Das setzt wiederum voraus, dass Eltern immer ein Auge darauf haben, was die Kinder tun. Dabei ist es ja oft so praktisch, wenn der Nachwuchs beschäftigt ist, so dass man in Ruhe die Steuererklärung machen kann, oder ein Nickerchen…

Es hat ja auch keiner behauptet, dass Elternsein eine leichte Aufgabe ist! Je jünger das Kind, desto wichtiger, dass Sie es in der digitalen Welt nicht allein lassen, sondern immer wieder dabei sind. Zuschauen, darauf achten, dass das Kind nicht an Inhalte gerät, die es überfordern. Das Netz ist wie eine Buchhandlung, da finden Sie fast alles für fast jede Altersstufe, vom Trash bis zur Hochkultur.

Klar gibt es da nicht nur blutige Ego-Shooter und Youporn. In Ihrem Buch erwähnen Sie einige grafisch schön gemachte Rätselspiele, die ich mir selbst sofort herunterladen würde. Aber auch die sollten Siebenjährige wohl nicht stundenlang spielen

Auf einer langen Autofahrt kann das ein Segen sein! Aber davon abgesehen: Ihr Kind zeigt ihnen schon, wie viel digitales Spielen ihm bekommt, auch wenn es das selbst nicht spürt. Sie sehen ja, wie es sich danach benimmt, ob es extrem aufgekratzt ist oder abends schlecht schläft, wenn es zu spät am Computer war. Wenn meine Kinder vor dem Bildschirm zappelig wurden, als sie kleiner waren, habe ich ihnen zum Beispiel vorgeschlagen: „Ich sehe, dass deine Augen noch wollen, aber deine Beine was anderes brauchen – lass uns mal eine Runde Fußball spielen.“

Ich kann mir kaum vorstellen, dass sie auf Anhieb begeistert waren…

Sicher nicht immer, aber da muss man eben seine Funktion als Eltern wahrnehmen. Sie würden ja auch nicht zulassen, dass Ihr Kind ausschließlich Fischstäbchen mit Pommes isst. Ich bin für eine digitale Mischkost: Es spricht überhaupt nichts gegen Bildschirmspiele, wenn andere Lebensbereiche nicht zu kurz kommen. Übrigens frustriert es Kinder, wenn Eltern ihre digitalen Erfolge abwerten, weil sie die für minderwertig halten. Wir loben unser Kind für ein gelungenes Lego-Bauwerk, ein tolles Bild oder eine sportliche Leistung – Anerkennung hat es genau so verdient, wenn das Kind ein neues Level geschafft oder ein Rätsel geknackt hat.

Dennoch bleibt ein Problem: Digitale Spiele sprechen nicht alle Sinne an, und sie haben ein fest programmiertes Regelwerk – völlig anders, als wenn ich auf einen Baum klettere, oder mich mit meinen Freunden als Außerirdische verkleide….

Auch analoge Kinderspiele funktionieren nach Regeln. Egal ob „Fischer, wie tief ist das Wasser“ oder „Mensch ärgere dich nicht“! Aber es stimmt, der Spieloberfläche fehlt etwas, und das ist wiederum auch ganz gut so, weil die reale Welt dadurch für Kinder nicht an Reiz verliert. Ein digitales Kuscheltier kann ich nicht mit ins Bett mitnehmen, eine Banane aus Pixeln macht nicht satt. Das merken Kinder, deshalb verlieren sie nach einer Weile meistens ganz von allein die Lust. Sicher kann es Phasen geben, in denen der Computer das Leben sehr bestimmt, aber das finde ich nicht dramatisch. Das ist Leidenschaft, die ist ihrem Wesen nach radikal und exklusiv. Danach kommt vielleicht eine Phase, in der sich alles um Fußball oder Pferde dreht.

Viele Eltern sehen nicht gerne, wenn ihre Kinder am Bildschirm hängen, checken aber selbst im Minutentakt ihr Smartphone – auch ich ertappe mich manchmal dabei. Wie wichtig ist eigentlich unser elterliches Vorbild?

Sehr! Es gibt Wissenschaftler, die befürchten, Kinder lernten zu wenig Selbststeuerung, zu wenig Abwarten, weil viele Spiele einseitig die schnelle Reaktion trainieren – dabei sind es oft vor allem die Eltern, die ein Problem damit haben. Die hechten wie ein dressierter Affe zu ihrem Smartphone, sobald es ein Geräusch macht. Ich finde es wichtig, eine klare Hierarchie in der Kommunikation zu haben: Anwesende haben immer Vorrang, das heißt, mein Kind auf der Schaukel ist wichtiger als die Freundin, die gerade anruft. Noch besser, wenn man sich in der Familie auf bestimmte computer- und handyfreie Zeiten einigt, und die gelten dann für alle.

Zum Abschluss eine Prognose: Was glauben Sie, wie Computerspiele und Social-Media-Kommunikation unsere Kinder in ihrer Entwicklung beeinflussen werden?

Was sicherlich weniger wird ist die Fähigkeit, lange, komplexe Geschichten zu erzählen und zu erfassen. Dafür werden Menschen um so mehr in der Lage sein, komplexe Sachverhalte auf das Wesentlich herunterzubrechen, und ihre Problemlösungsfähigkeit, ihr strategisches Denken und ihre Reaktionsschnelligkeit werden hoch sein. Auch das räumliche Orientierungsvermögen und die visuelle Kreativität nehmen zu, außerdem die Fähigkeit zur Selbstdarstellung. Ich bin ganz zuversichtlich, dass Kinder dadurch ganz gut gerüstet sind für ihr zukünftiges Leben in der Digitalzeit.

 

*“Digitale Hysterie – warum Computer unsere Kinder weder dumm noch krank machen“, Georg Milzner, Beltz Verlag, 18,95 €

Interview mit Karoline Herfurth: „Macht Kinder stark für das Leben!“

Was für eine schöne Kinderbuchverfilmung: „Rico, Oscar und die Tieferschatten“ hob sich wirklich positiv vom grellen Marketing-Buhei anderer Kinderfilme ab. Zum Filmstart im Juli 2014 durfte ich dazu fürs ELTERN-Magazin Karoline Herfurth in einem Berliner Hotel treffen und war gleich zweifach fasziniert: zum einen von der fast unwirklichen Schönheit dieser Frau, und zum zweiten von ihrer Professionalität. Denn obwohl Karoline Herfurth kein Wort über ihr Privatleben verliert, hat sie doch einige Einblicke in ihre Seele gestattet. Schade, dass ich nur einen 45-Minuten-Slot hatte!

 ELTERN: In Ihrem neuen Film spielen Sie eine junge Alleinerziehende, die ihre Aufgabe ziemlich locker nimmt: Lässt den zehnjährigen Rico nachts allein, um in einem Striplokal zu arbeiten, schickt ihn zum Lebensmittel einkaufen und geht derweil mit einer Freundin shoppen. Ist Ihnen diese Frau eigentlich sympathisch?

Karoline Herfurth: Ich finde sie sehr erfrischend. Denn bei aller Lässigkeit merkt man, dass sie ihren Sohn wahnsinnig liebt. Sie traut ihm eine Menge zu, obwohl er nicht der Hellste ist, er bezeichnet sich ja selbst als „tiefbegabtes“ Kind. Und wenn es Schwierigkeiten gibt, stellt sie nie ihn in Frage, sondern immer die Welt um ihn herum. Da wird sie zur Löwenmutter. Dass sie sich dazu noch eigene Freiheiten nimmt, statt alles dem Kind unterzuordnen – das sind doch ganz gute Zutaten für eine Mama.

Hört sich fast so an, als würden Kinder heute zu sehr in Watte gepackt.

Eine sehr kluge Frau hat mal zu mir gesagt: „Man soll Kindern keine Lederstraße bauen, sondern ihnen Lederschuhe nähen“ – sie also nicht vor dem Leben da draußen beschützen, sondern im Gegenteil sie dafür ausrüsten und stark machen. Das finde ich sehr bedenkenswert. Außerdem ist die Mutter im Film zwar Single, aber nicht allein. Denn da ist auch noch die Hausgemeinschaft, Menschen, die alle zusammen ein Auge auf Rico haben. Wie ein Dorf, wie eine Großfamilie, die nicht nur aus Blutsverwandten besteht. Das erinnert mich an meine eigene Kindheit.

Erzählen Sie mal!

Ich bin selbst in einer großen Patchworkfamilie mit sieben Geschwistern aufgewachsen. Mein Vater hat nach dem Mauerfall in Ostberlin so ein altes Mietshaus saniert und selbst ausgebaut, das war sehr ähnlich wie das im Film. Unten im Haus haben sie einen Kinderladen gegründet, auf jedem Stockwerk gab es Spielkameraden, meine beste Freundin wohnte gegenüber. Da war so ein Gefühl: Wir gehören alle zusammen und passen aufeinander auf.

Aber nicht ständig und überall…

Nein, ich habe das Gefühl Kindern wurde damals mehr zugetraut. Ich hatte als Grundschülerin eine Stunde Schulweg mit der Straßenbahn, meine Freundin nahm ihre kleine Schwester mit in die erste Klasse, ohne dass jemand uns begleitet hätte. Das war völlig normal. Ich erinnere mich auch gut an die langen Nachmittage im Prenzlauer Berg, der ja damals überhaupt noch nicht schick war. Wir sind über die Plätze gestromert, auf Dächern herumgeklettert….

Da hat sich ja viel geändert, nicht nur im Prenzlauer Berg. Kinder werden heute sehr viel mehr beobachtet, stehen mehr im Mittelpunkt.

Ja, auf Müttern, auf Eltern generell, lastet heute ein großer Perfektionsdruck. Ein Leistungsanspruch. Dabei haben wir haben ja in Deutschland heute zum Großteil gute Voraussetzungen, um ein Kind gut großzuziehen. Ich glaube nicht an die perfekte Kindheit, wichtig ist nur, Kind sein zu dürfen und sich geliebt zu fühlen. Ich glaube, Kinder brauchen das gar nicht, so wahnsinnig beschützt zu werden. Viel wichtiger ist, dass sie spüren: Die Großen haben Vertrauen in meine Fähigkeiten.

Haben Eltern zu viel Angst?

Ich glaube, zu viel Angst lähmt die Kinder. Ich bin zum Beispiel ein Mensch, der keine Angst davor hat, Fehler zu machen. Wenn etwas schiefläuft, na und, dann probiere ich es eben noch mal. Das verdanke ich meinen Eltern, denn sie haben mir immer zugetraut, dass ich meinen Weg schon machen würde. Weniger feste Erwartungen an Kinder, aber auch an sich selbst – ich glaube das würde den meisten Menschen guttun. An zu vielen Idealbildern im Kopf kann man ja nur scheitern.

Was haben Sie für sich noch aus Ihrer Kindheit mitgenommen?

Das Leben war wild, bunt, chaotisch, und das hat mich gestärkt. Mir beigebracht, mich in immer neuen Situationen rasch zurechtzufinden. Vor allem aber ist mir eine ganz starke Gemeinschaft in Erinnerung geblieben. Diese große Selbstverständlichkeit, über die Familie hinaus enge Verbindungen zu knüpfen. Das gibt einem Kind eine ganz andere Kraft, weil sich die Last der Erziehung auf mehrere Schultern verteilt. Bis heute habe ich diesen großen, warmen Pool von Menschen, die mir nahe stehen. Das habe ich immer als sehr reich empfunden.

Aber es muss doch vieles stimmen, damit ein Kind in einer Patchworkfamilie so glücklich aufwächst. Zum Beispiel, dass die Eltern trotzdem gemeinsam Verantwortung übernehmen, dass es wenig Eifersucht gibt…

Na klar muss viel stimmen, damit alle glücklich sind – aber muss es das in der klassischen Otto-Normal-Familie nicht genau so? Man kann doch unterschiedliche Modelle bauen, die das Leben mit Kindern tragen. Das kann im Kleinen funktionieren wie im Großen.

Als Kind der 80er Jahre gehören Sie zur „Generation Scheidungskind“. Es gibt Wissenschaftler, die sagen: Die Sehnsucht nach Beständigkeit, nach eigener Familie, nach Verbindlichkeit, wächst wieder, weil Menschen um die 30 da ein Nachholbedürfnis haben. Glauben Sie das auch?

Ich finde das zu simpel, solche gesellschaftlichen Trends aus der Kindheit her zu erklären. Mein Gefühl ist eher: Früher wurde die Vielfalt der Lebensformen erkämpft, heute kann sich jeder aussuchen, was ihm passt. Mein Traum zur Zeit wäre ein Häuschen im Grünen, vielleicht ein alter Bauernhof, denn ich war als Kind auch jedes Wochenende auf dem Land. Als Ergänzung zum Großstadtleben in Berlin. Das wäre für mich das beste aus beiden Welten. So stellt sich jeder das eigene Lebensmodell zusammen.

Das heißt, die klassische Familie, in der Papa Vollzeit arbeitet und Mama erst einmal zu Hause bleibt, ist einfach eine Option unter vielen?

Genau, ein solches Leben ist ja heute nicht mehr unausweichlich, das wählt man. Obwohl die Strukturen in Politik und Gesellschaft das konservative Modell schon befördern. Zum Beispiel, dass Frauen länger in Elternzeit gehen, weil der Mann der Hauptverdiener ist und man auf dessen Gehalt schlecht verzichten kann. Oder, wenn man sich Studien anschaut, wie ungerecht Hausarbeit bei Paaren mit Kindern verteilt ist nach wie vor – das ist schon krass.

Wer ist da gefragt – die Politik, oder die Köpfe der Menschen?

Das ist ein Zusammenspiel von beiden. Vor allem wenn es um Vereinbarkeit von Familie und Beruf geht, finde ich: Das muss dringend eine Elterndiskussion werden, nicht nur eine Mütterdiskussion, es geht doch schließlich auch um die Männer. Häufig bin ich ganz vor den Kopf gestoßen, wie über dieses Thema öffentlich geredet wird, denn das kenne ich aus meiner DDR-Herkunft anders. Mein Vater war ganz selbstverständlich an Hausarbeit und Erziehung beteiligt!

Sie reden offen über Ihre eigene Kindheit, über Ihre Ansichten zum Familienleben, aber Ihr aktuelles Privatleben schirmen Sie konsequent ab. Das persönlichste, das man auf Ihrer Facebook-Seite zu sehen bekommt, ist ein Weihnachtsbraten im Ofen. Warum?

Wenn man als Schauspielerin in der Öffentlichkeit steht, hat man nur zwei Optionen: die Tür ganz auf machen, oder ganz zu lassen. Ich habe mich für die zweite Möglichkeit entschieden. Auch, weil ich vor der Kamera gerne immer wieder in neue Rollen schlüpfe und Projektionsfläche für andere bin. Dass der Privatmensch Karoline Herfurth dahinter verschwindet, ist mir nur recht.

Die Frage nach Öffentlichkeit wird heute ja auch für Normalos immer wichtiger: In Social Networks kann jeder versuchen, zum Star zu werden.

Ich glaube, viele Leute machen sich keinen Begriff davon, wie transparent sie sich machen. Und dass das Netz kein kuscheliger, wohliger Ort ist. Ich würde jedem empfehlen, mal an einen belebten Ort zu gehen, zum Beispiel an den Alexanderplatz oder auf den Kudamm, sich ein paar hundert Leute anschauen, die da vorbeikommen und überlegen: Will ich wirklich, dass diese Menschen mein Baby ohne Windeln sehen? Und komme ich mit dem Feedback klar? Wer damit kein Problem hat, soll das ruhig tun. Sonst kann man das ja ganz gut dosieren, im dem man private Einträge nur in geschlossenen Gruppen teilt.

Können Sie diesen Drang nach Öffentlichkeit eigentlich verstehen?

Ich glaube, dahinter steckt einfach die Sehnsucht, gesehen und wahrgenommen zu werden. Die kann ich nachfühlen. Aber das kann kein Social Network der Welt leisten.