Neues aus meinem Kopf, Teil 1: Von fiesen Zwergen und dicken Riesen

Am Anfang war das Wort? Von wegen: Am Anfang war der Selbstzweifel. Warum wir Schreiber alle so einen Quälgeist mit uns herumschleppen, was gegen ihn hilft, und warum Männer ihn anders nennen als Frauen

Ich habe eine gute Freundin, die hat einen eigenen Zwerg. Ja, »hat« ist hier das richtige Wort, denn sie besitzt ihn nicht, eher besitzt er sie, jedenfalls gelegentlich. Manchmal bleibt er über Wochen und Monate weg, wo er sich dann rumtreibt, ist unklar, aber kaum lässt sie ihren Rechner hochfahren, um an ihrem Romanprojekt weiterzuschreiben, ist er in Nullkommanix zur Stelle. Er steht so rum und guckt, und sie weiß schon, was kommt, ehe er den Mund aufmacht.

»So«, hämt er schließlich drauf los, »wir wollen wohl Schriftstellerin werden, wenn wir groß sind, was? Wir glauben wohl allen Ernstes, die Welt hätte auf uns gewartet und wir was zu sagen, was? Wir halten uns wohl für total gelungen, was?« Manchmal hält sie sich dann die Ohren zu, manchmal pampt sie zurück, wahrscheinlich singt sie manchmal lautstark vier Strophen vom »Hamburger Veermaster« auf Plattdeutsch, um sein Gestänker nicht mehr hören zu müssen. Aber es nützt nichts, allein sein Anblick macht jedes Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zunichte. Wenn’s gut läuft. Wenn’s schlecht läuft, fängt sie gar nicht erst an zu schreiben.

Ich habe auch so einen Zwerg, auch wenn er sich bei mir selten in dieser Daseinsform materialisiert. Sondern abstrakter. Eine giftgrüne Brille, die ich manchmal aufhabe, wenn ich zwei, drei Tage später lese, was ich zuletzt geschrieben habe. Und die ich einfach nicht absetzen kann. Durch sie sehe ich einen Friedhof schiefer Bilder, eine Ansammlungen von Sätzen, die mangelnde Substanz durch Schwatzhaftigkeit wettmachen, Dialoge, die weder kunstvoll sind noch realistisch. Und zwar ausnahmslos. Dann denke ich: Kein Wunder, dass die Anzahl der absoluten Nichtleser in Deutschland bei mittlerweile 25 Prozent liegt. Warum sollten die ein Buch in die Hand nehmen, oder gar meins?

Früher hatte ich einen Trick, aus solchen Talentkrisen unbeschadet rauszukommen: Ich bin in eine Buchhandlung gegangen und habe aufs Geratewohl zwei Titel vom Stapel gezogen, maximal drei, vier, und beim Reinlesen immer die gleiche Erfahrung gemacht. Ein Teil davon war so, dass ich wusste, unter dieser Latte konnte ich erhobenen Hauptes durchmarschieren, denn die würde ich niemals überspringen. Ein anderer aber auch so, dass ich mich ernsthaft wunderte: Weshalb hat jemand gerade diesen Wörtern in gerade dieser Reihenfolge ein Zuhause zwischen Buchdeckeln gegeben? Danach ging’s mir besser. Aber im Lauf der Jahre hat sich das abgenutzt, und gleichzeitig sind meine Ansprüche an mich selbst gewachsen.

Was ich mich manchmal frage: Geht’ s eigentlich den männlichen Kollegen ähnlich, oder ist das mal wieder so ein mieses fieses Frauending? Die Selbstzweifel weiblicher Autorinnen, selbst derer, die darüber wirklich erhaben sein sollten, sind fast ein eigenes literarisches Genre. Ingeborg Bachmann, zum Beispiel, soll wie ein Tier gelitten haben, wenn sie Tag für Tag die gleichmäßigen Tastenanschläge aus Max Frisch’ Arbeitszimmer hörte, ratt-tatt-tatt, während sie sich an einem Gedicht abarbeitete, das einfach nicht zur Welt kommen wollte. Und die Autorin Inger-Maria Mahlke, immerhin gerade auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises, erzählte letzte Woche einem Spiegel-Reporter, dass sie jeden Morgen eine Stunde weinend am Schreibtisch sitzt, ehe sie sich überwindet und weiterschreibt.

Nun kann man sich fragen, ob das nicht ein wenig larmoyante Selbststilisierung ist – hallo, ich bin die Heilige Schmerzensmutter der Literatur! –, aber es fällt schon auf: von den männlichen Kollegen hört man in dieser Hinsicht nichts. Beziehungsweise: Man hört schon was, aber das heißt dann markig »Schreibblockade«. Das klingt nach einer ernstzunehmenden Diagnose und zugleich nach höherer Gewalt – kann man nix machen, da hilft auch kein Orthopäde, tut aber sauweh. In anderen Berufsständen kennt man das nicht so. Schon mal von einem Klempner mit Rohrverlegungsblockade, oder einer Erzieherin mit Erziehungsblockade gehört?

Ich war schon am Überlegen, ob ich mir vielleicht auch so eine handliche Schreibblockade zulege, quasi als Profi-Äquivalent zur grünen Missgunstbrille. Und meiner Freundin gleich eine mitbesorge, die gibt es vielleicht günstiger im Doppelpack. Bis uns dann eine weitere, schreibende Bekannte auf eine viel bessere Idee brachte. Die erzählte, dass sie auch so einen Quengelzwerg hat. Und dass sie sich deshalb dazu so einen großen, dicken, gemütlichen und wortkargen Obelix angeschafft hat, der beim Schreiben hinter ihr steht. Taucht der Zwerg auf, hört sich Obelix sein Gezeter eine Weile an, klopft sich dann – tock-tock-tock – an die Stirn und gibt dem Zwerg wortlos einen auf die Rübe. Das hat er beim Römerverhauen geübt. So einen will ich  auch.

Er dürfte nicht schwer zu bekommen sein: Alles was wir brauchen, erfinden wir uns einfach. Wir sind Schriftstellerinnen. Wir dürfen das.