Neues aus der Schreibwerkstatt

Im Moment – Sommer 2017 – schreibe ich an einem neuen Roman. Das hier ist der Anfang.

I

Am siebten Morgen fing es an. Das Abrutschen, Absacken, die fast unmerkliche Schieflage.

Zunächst dachte Anna sich nichts weiter dabei und schrieb ihr Schwindelgefühl dem Haus zu, einem alten Haus, hineingebaut in den Steilhang von Taormina. Die Schlafzimmer ihrer Ferienwohnung waren düster, fensterlos und dem Berg zugewandt, nur die Terrasse eröffnete einen Seitenblick aufs Mittelmeer. Dieser Blick, der ins Bodenlose stürzte, über Sträucher, Terrassen, weiter unten über einen ungepflegten Fußballplatz, bis er in der Tiefe auf blau schimmernde Unendlichkeit prallte, die sich horizontlos mit dem Morgenhimmel verband. Dazu dieses wild wuchernde Grün auf Balkonen und über Grundstücksgrenzen hinweg. So als wäre die Natur bereits dabei, stillschweigend wieder einzunehmen, was Menschen ihr abgetrotzt hatten. Als würde die Natur heimlich eine lebendige Stadt in eine überwucherte Ruinensiedlung verwandeln, Zentimeter für Zentimeter, nachts vielleicht, wenn alles schlief.

Und dann dieser Duft, jeder Atemzug eine Mischung aus scharfem Putzmittel, Knoblauch und überreifen Orangen, der Anna schon bei der Ankunft vor einer Woche hatte schwindlig werden lassen. Weil er sie in jenen Frühling vor zwölf Jahren zurückversetzte, in dem die Insel beim Landeanflug vor ihr gelegen hatte, rosa und weiß geschmückt wie eine Hochzeitstorte. Und noch weiter zurück, in die süße, sorglose Zeit, in der ihr Leben noch in einen Campingrucksack gepasst hatte und ihre übersichtliche Zukunft auf ein Busticket aus Pappe.

All das zusammen war Grund genug, um ein wenig aus dem Tritt zu kommen, beschloss Anna. Wenigstens für eine Frau ihres Alters. Und vielleicht auch das dritte Glas Nero d’Avola vom Vorabend.

Aber der Gedanke war kein Trost.

Sie nippte am lauwarmen Milchschaum in ihrem Glas und warf einen prüfenden Blick auf ihre Kinder. Bruno sägte konzentriert an einem Stück Käse, die Haare am Hinterkopf aufgestellt, in jeder Bewegung Bereitschaft, es mit dem neuen Tag aufzunehmen. Um so mehr schien Judith zu spüren, dass etwas Seltsames vor sich ging. Sie starrte mit offenem Mund und ölig schimmernden Augen auf die Mosaiksteinchen des Esstisches, die eine gelb leuchtende Sonne bildeten, knabberte lustlos an einem Panino, und forderte mit künstlicher Babystimme einen Platz auf dem Schoß ihres Vaters. Jo ließ es zu, mit diesem Blick, den er nur für seine Tochter reserviert hatte, für diese Momente, in denen sie ihre Kleinkinderkarte ausspielte, den Prinzessinnentrumpf. Genervte Liebe, liebevolle Genervtheit.

„Erinnerst du dich, was ich gestern erzählt habe? Weißt du noch, was ein Amphitheater ist?“, fragte er sie. Judith verweigerte die Antwort, schob schmollend die Unterlippe vor und versuchte sich auf seinem Schoß zusammenzurollen. Katzenhaft stieß sie ihr Köpfchen gegen Jo, als könnte er sich auf Befehl ausdehnen auf alte Größenverhältnisse, zu einem Vater werden, auf dessen behaartem Unterarm sie in voller Länge Platz fände, so wie als Neugeborenes.

Jo schwieg, insistierte weder auf einer Antwort noch führte er seinen Vorschlag weiter aus, und Anna wusste, warum. Wenn Judith in dieser Stimmung war, dann war sie für keinen der halbherzigen Tagespläne zu begeistern, die sie gestern abend besprochen hatten, nachdem Judith und ihr jüngerer Bruder schliefen. Keine griechischen Theater, keine Bootsfahrten, keine Bergdörfer.

Zehn Jahre war sie, bald elf. Ein kleines Mädchen mit einer großen Seele, die häufig mehrmals täglich zwischen den Extremen pendelte, sie mal beinahe zu einer jungen Frau mit eigenständigen Gedanken machte und mal zu einem Kleinkind. Vor allem in den Morgenstunden war sie klein, wenn sie zu ihren Eltern unter die Decke schlüpfte und mit ihren Füßen nach einem Nest in Jos oder Annas Kniekehlen suchte. Dieses Kind, das von früh an damit beschäftigt gewesen war, Welten zu entwerfen und zu bevölkern, und das manchmal erschöpft zu sein schien von der Stimmenvielfalt in seinem schmalen Schädel. Ein Kind, für das die Zahl fünf blau war und die Zahl zwei gelb, das sich nach Jahren an Aufschriften von Zuckertütchen in Ausflugscafés erinnerte, aber jeden Tag vergaß, was „die Rechnung, bitte“ auf italienisch hieß.

Noch immer ruckelte sie sich auf Jos Oberschenkeln zusammen, so eng, wie ihr Körper es zuließ, und wieder einmal bemerkte Anna erstaunt, wie kurvig sie schon wurde, wie rund ihr Po und ihre Hüften, wie schmal ihre Taille. Dabei war sie eine der kleinsten in ihrer Schulklasse, so, als könnte nicht nur ihr Geist, auch ihr Körper sich nicht entscheiden, was er sein wollte, Kind oder Frau. Ganz die Mutter, nur ohne die Spuren, die Jahre, Schwerkraft und Schwangerschaften hinterlassen hatten. Anna war beinahe sicher, dass auch Judith heute dieses innere Rutschen spürte und ähnlich daran litt wie sie selbst. Nur, dass sie es noch viel weniger hätte benennen können.

Vielleicht waren sich Mütter und Töchter immer ein wenig zu nah, Kontinente, deren Platten in der Tiefe aneinander schabten, sich verhakten, Gebirge aufwarfen, das innerste nach außen beförderten. An Tagen wie heute, das wusste Anna, zog Judith sich langsamer, schwerfälliger an. Brach in Tränen aus, weil ihr nichts zu gelingen schien. Starrte hungrig auf üppig gedeckte Frühstückstische und fand doch nichts, das ihr schmeckte.

Währenddessen hatte sich Bruno bereits mühsam zwei Stücke Käse abgeschnitten, schob sie sich in den Mund und zeigte beim Kauen unbekümmert seine neue Zahnlücke unten links. Sie beneidete ihren Sohn um diese leichte Unempfindlichkeit, die sein Leben vom ersten Tag an einfacher gemacht hatte als das ihrer Tochter und ihr eigenes.

„Ich bin wach“, das war einer seiner ersten kompletten Sätze gewesen, die er als Zweijähriger morgens erwartungsvoll in den langen Flur ihrer Hamburger Altbauwohnung gerufen hatte. Mehr Nestflüchter als Nestsucher, einer, der die Wärme besser speichern konnte als seine Schwester und sie in etwas eigenes, anderes verwandelte. Auch heute war Bruno immun gegen die vage weibliche Weinerlichkeit am Tisch, plapperte vor sich hin, sprang in seiner Erzählung von der letzten Klassenkonferenz zu einem Schnorchel, den er in einem Laden an der Uferstraße gesehen hatte, zwischen dem Imbiss, gegenüber dem Eingang zu einem exklusiven Strandclub, dessen Schild von verblasster Grandezza kündete. „Nur zehn Euro kostet der, der ist ganz toll, Mama, ich geb’s dir von meinem Taschengeld, ehrlich. Können wir bald los, Mama, ja?“

Anna wartete, dass der Espresso seine Wirkung tat, wartete vergeblich, und plötzlich wusste sie, dass sie und ihre Tochter sich heute besser aus dem Weg gehen würden, um sich nicht gegenseitig noch weiter den Boden unter den Füßen wegzugraben. Sie beide brauchten Rettung, und Anna wusste, wo die zu finden war. Judith brauchte ihren Vater. Sie, Anna, brauchte ihren Sohn.

Mit Bruno an den Strand gehen, an den billigen, öffentlichen Teil, zwei Sonnenliegen mieten, ein Wassereis kaufen, heimlich die operierten Brüste der Russin neben ihnen anstarren, die chinesischen Masseurinnen vertreiben, die die letzten Badegäste mit ihrem penetranten „Massagio!“-Angebot nervten, fahrende Marketenderinnen in einer globalisierten Welt. Der samtige Rücken eines Sechsjährigen, sein glucksendes Lachen, die Ernsthaftigkeit, mit der er alleine die Strandtasche bewachte, wenn sie, seine Mutter, auf dem Weg war zur Toilette in der Strandbar. Diese harmlose, leicht verstaubte Mischung aus Bildern mit dem Gelbstich alter Fotoabzüge und in die Jahre gekommener Kinokomödien würde sie heute zurückbringen auf festen Grund, während sich Jo besser Judiths seltsamer Stimmung annehmen konnte. Vielleicht, in dem er sie bei einem Bummel über den Corso in einen Buchladen führte oder einfach mit neuen Geschichten zudeckte. Den Abenteuern der Argonauten, der Herr-Der-Ringe-Saga, alles war recht, so lange es episch war und verschlungen.

Jo war die Art Mann, die an einem anderen Ort und zu einer anderen Zeit der Barde gewesen wäre, der fahrende Sänger. Er erzählte, so wie Musiker improvisierten, selbstvergessen, genussvoll, und nie zwei Mal mit den gleichen Formulierungen. Vor Jahren hatte er auch sie förmlich hineingequatscht in die Liebe. Aber seitdem die Kinder da waren, hatte er seine Worte umverteilt. Meistens war sie nur noch Zaungast seiner Erzählungen. Beide geizten sie mit ihrer Zeit, horteten sie eher jeder für sich als füreinander, als hätten die Jahre ihrer Ehe mehr davon verbraucht, als ihnen eigentlich zustand.

Anna und Jo tauschten einen Blick wortlosen Einverständnisses, und sie hob die Hand über dem Frühstückstisch, um ihrem Mann die behaarte Wange zu streicheln. Seitdem er sich einen Bart stehen ließ, sah er gleichzeitig jünger aus, so wie seine Agenturkollegen mit ihren extraschmalen Kinderjeans, und älter, wie ein moderner Homer mit wässrigen, kurzsichtigen Augen hinter der modischen schwarzen Brillenfassung. Sie fragte sich, ob dieser neue Bart Jos Eingeständnis von Angst war, oder seine Antwort darauf. Eine Demutsgeste vor den 30jährigen Neueinsteigern, die seine Söhne hätten sein können, theoretisch wenigstens, von denen er in der Hierarchie der Firma aber nicht weit genug entfernt war, um die Vaterrolle auszufüllen. Ob auch er das Gefühl kannte, wenn sich der Boden unter den eigenen Füßen unmerklich neigte. Sie nahm sich vor, ihn am Abend zu fragen, verwarf den Plan aber gleich wieder. Diese Blase, die sie beide ihr Leben nannten, und die aus Zwei-Jahres-Verträgen und mündlichen Zusagen bestand, dieser fragile Wohlstand war zu empfindlich, um daran zu rühren.

„Bist du denn schon im Bad fertig, Bruno?“, fragte sie.

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