Heldinnen der Arbeit – ein Programm schafft Job-Perspektiven für junge Mütter

Jung, alleinerziehend und ohne Ausbildung: Das sind schwierige Startbedingungen für Mütter. Ein Förderprogramm macht sie fit für den Arbeitsmarkt und unabhängig von staatlicher Unterstützung. Aber der Weg dorthin ist oft hart – auch für die Kinder. Fürs ELTERN-Magazin habe ich im Dezember 2016 mehrere von ihnen besucht.

 Neulich, beim Abholen aus der Kita. „Mama?“ „Ja, Leon?“ „Mama, heute laufen wir ganz, ganz langsam nach Hause.“ „Bist du müde, mein Schatz?“ „Mama! Du bist müde.“ Mareike (25) lächelt gerührt, als sie von der Unterhaltung mit ihrem Sohn erzählt: „Leon spürt immer ganz genau, wie es mir geht. Und er sieht mir an, wenn ich nach der Arbeit kaputt bin.“ Bei einem schnellen Mittags-Cappuccino im Einkaufszentrum zeigt sie auf dem Smartphone Fotos von ihrem Dreieinhalbjährigen. Ein Blondschopf mit mehlverklebten Händchen beim Keksebacken. Idyllische Momentaufnahmen aus einem Alltag, der viel verlangt von Mutter und Kind. Aber der auch eine Erfolgsgeschichte erzählt. Die Geschichte einer neuen Chance.

Seit fünf Monaten ist Mareike Auszubildende beim Hamburger Malerbetrieb Antosch. Das heißt: morgens um viertel nach sechs zur Arbeit antreten, Decken verspachteln, über Kopf mit einer kiloschweren, motorbetriebenen Schleifmaschine hantieren, oder draußen bei Wind und Wetter Fassaden streichen. Ein Knochenjob für die zarte Erdbeerblonde mit den coolen Sneakers, die ihren Sohn allein erzieht. Aber auch eine Art Traumjob. „Ich mag es, wenn ich das Ergebnis meiner Arbeit sehen kann. Wenn ich am Ende des Tages sagen kann: Dieser olle Heizkörper, der jetzt wieder glänzt wie neu, das ist mein Werk.“ Für Leon heißt das: Frühstück mit der Tagesmutter, Kindergarten von sechs Uhr morgens bis sechs Uhr abends, fünf Tage pro Woche. Es heißt aber auch: eine Mutter, auf die man verdammt stolz sein kann. „Immer, wenn wir auf einer Baustelle Handwerker sehen, zupft er aufgeregt an meinem Ärmel: Mama, sowas machst du doch auch!“ Mareikes Fernziel: der Meisterbrief. Und die wenige gemeinsame Zeit mit ihrem Kind? „Klar, das ist schon manchmal hart“, sagt sie. „Aber dafür genießen wir die Wochenenden jetzt doppelt, unternehmen viel. Früher hatte ich mehr Zeit, aber war auch antriebsloser.“

Es gibt viele solche Frauen. Mit niedrigen Schulabschlüssen, jung auf das Abenteuer Kind eingelassen, häufig wieder Single, mit schlechten Karten auf dem Arbeitsmarkt. Mareike hatte nach einem Hauptschulabschluss gerade eine Ausbildung in einer Bäckerei abgebrochen („arbeiten war einfach nicht meins“), als sie von ihrem damaligen Freund schwanger wurde. Aber von solchen Frauen ist selten die Rede, wenn es um das Thema „Kinder und Karriere“ geht, in Talkshows, Konferenzen oder Leitartikeln. Da wird über Home-office-Lösungen für Eltern diskutiert, oder die Frage, ob ein Baby Karriereschritte verzögert. Mittelstandsprobleme.

Anders ist das bei der deutschlandweite Initiative „Joblinge“, die Mareike bei ihrem Neustart unterstützt. Ein Startup, vor zehn Jahren gegründet, um Jugendarbeitslosigkeit zu bekämpfen. Hier finden junge Männer und Frauen Hilfe, die bisher keinen Zugang zu regulären Jobs gefunden haben: etwa, weil das eigene, kaputte Elternhaus nicht den nötigen Rückhalt bietet, oder weil andere Wendungen im Leben bisher alle Energie in Anspruch genommen haben – etwa die Geburt eines Babys. Wer bei den „Joblingen“ landet – meist auf Vermittlung des Jobcenters – , bekommt hier eine neue Chance: einen Vorbereitungskurs mit Bewerbungstraining, Auffrischungskurse in Kernfächern wie Rechtschreibung und Rechnen, Unterstützung bei der Suche nach Praktika und einer Lehrstelle. Für sieben von zehn Teilnehmern eine Geschichte mit Happy End, sie bekommen am Ende einen Ausbildungsvertrag.

Ein Drittel der so Geförderten sind Frauen, und fast in jedem der Vorbereitungskurse sitzen auch ein, zwei Mütter wie Mareike, meistens alleinerziehende. Doppelt schwer vermittelbar? Simon Busch und Helen Dähne aus der Hamburger Niederlassung sehen’s positiv: „Mütter sind meist sehr viel focussierter, strukturierter, wissen genau, was sie wollen.“ Denn ein Leben mit Kind erfordert Organisations-Qualitäten: U-Untersuchungen planen, Kitaplatz beantragen, neue Gummistiefel kaufen. Wer so gefragt ist, verdaddelt seine Tage kaum mit Online-Games auf dem Sofa. Die wenigsten Frauen in „Joblinge“-Maßnahmen haben ihre Kinder geplant – aber Wunschkinder sind sie dennoch. „Eine eigene Familie, ein Zuhause, ein Stück heile Welt, davon träumen fast alle unsere Schützlinge. Aber es ist ihnen auch wichtig, auf eigenen Beinen zu stehen. Dabei sind sie hochmotiviert, weil sie nicht nur für sich kämpfen, sondern auch für ihren Nachwuchs“, erzählt Busch. Haben sie eine Ausbildung, ziehen sie die auch durch.

Dieser Drive macht sie zu exzellenten Bewerberinnen für Handwerk, Einzelhandel oder Büro-Management – eigentlich. Das sehen aber längst nicht alle Arbeitgeber so. Auch Malerlehrling Mareike musste um ihren regulären Ausbildungsplatz kämpfen – ihr Chef hätte lieber nochmal das unbezahlte Praktikum verlängert. „Er hat mich richtiggehend getestet“, erzählt sie. „Einmal hat er mir absichtlich kurzfristig einen Nachmittagstermin gegeben um zu sehen, wie ich das von jetzt auf gleich mit Leon organisiere.“ Spontan sprang Mareikes Mutter ein, Meister Antosch war beeindruckt: „Kurz danach hatte ich seine Zusage.“ Und die Kollegen? „Es gibt solche und solche. Manche bewundern mich für mein Durchhaltevermögen. Von anderen kommen auch mal Sprüche wie: ‚Selbst schuld, dass du so früh schwanger geworden bist, deshalb hast du hier keine Sonderrechte.“ Mareike zuckt mit den Achseln: „Das ist halt so auf der Baustelle, da geht es mal unter die Gürtellinie. Da brauchst du als Frau ein dickes Fell.“

Das weiß auch Jennifer (24). Sie ist nach Mareike zu den „Joblingen“ gestoßen, besucht im Moment noch die Vorbereitungsgruppe und schreibt Praktikumsbewerbungen. An einem Montag vormittag sitzt sie im Seminarraum in einem Eckbüro in Hamburg-Hammerbrook mit Blick auf eine S-Bahn-Trasse, und erzählt ihre Geschichte. Eine Geschichte von geplatzten Träumen, aber auch von Mut und Zuversicht. Die Kurzversion: knapp am Fachabitur gescheitert, auf Reisen gewesen, gejobbt, verliebt, plötzlich der positive Schwangerschaftstest. „Ich wusste genau, was das für mein Leben heißt, aber mir war auch klar: Ich stelle mich dieser Verantwortung, und ich bin auch bereit, auf einiges zu verzichten.“ Ausgehen, shoppen, persönliche Freiheit. Jetzt ist ihr Sohn zwei, die Liebe hat nicht gehalten, aber immerhin hat Luis-Aslan einen engagierten Vater. Und Großeltern, die sich mit um ihn kümmern.

Jennifer würde gerne eine Ausbildung zur Sozialversicherungsfachangestellten machen, oder bei der Polizei. Den nötigen Realschulabschluss hat sie, aber dennoch landen ihre Bewerbungen immer wieder ganz unten auf dem Stapel: „Wenn Arbeitgeber erfahren, dass man ein Kind hat, läuten bei denen gleich die Alarmglocken.“ Laut sagt das aber keiner, erzählt Jennifer. „Ich habe mal einen Personaler angerufen und ihm ins Gesicht gesagt: Ich nehmen Ihnen die Gründe für die Ablehung nicht ab. Der hat schließlich zugegeben: Allein die 20 Krankentage fürs Kind, die mir als Single-Mutter pro Jahr zustehen, würden ihn abschrecken.“ Susanne Linardatos, die das Vorbereitungsseminar leitet, ärgert sich über solche Geschichten: „Ich würde mir mehr Solidarität wünschen gegenüber Müttern, auch von Seiten der Arbeitgeber. Stattdessen wird die Verantwortung einseitig den Frauen zugeschoben, als wäre ein Kind eine reine Privatangelegenheit. So wie ein exotisches Hobby.“ Nur in wenigen Branchen werden weibliche Azubis mit Nachwuchs gern genommen, etwa in Pflegeberufen. Weil sie ein Plus an Empathie und Verantwortungsbereitschaft mitbringen – aber eben auch, weil dort händeringend Nachwuchs gesucht wird, der bereit ist, einen schlecht bezahlten, körperlich wie seeelisch belastenden Job anzutreten.

Wichtig für die jungen Mütter sind nicht nur Arbeitgeber, die bereit sind, ein Stück gesellschaftliche Verantwortung, sondern auch ein gutes Netzwerk, weiß Joblinge-Mitarbeiter Simon Busch: „Wenn die eigene Familie mit am gleichen Strang zieht, ist das schon die halbe Miete.“ Die Realität sieht oft anders aus, sagt er: „Häufig ist da einen Oma im Hintergrund, die verständnislos reagiert: Du musst doch für dein Kind da sein, was willst du mit einer Ausbildung?“ Manchmal scheitert der Job-Einstieg auch an eigener Zerrissenheit: Da lehnt schon mal eine Kandidatin einen Ausbildungsplatz ab, weil sie im Schichtdienst ihr Kind nicht mehr jeden Abend selbst ins Bett bringen könnte. Schlimmstenfalls kämpfen die Teilnehmerinnen an drei Fronten: Mit den eigenen Eltern, dem Ex-Partner und dem Arbeitgeber.

So gesehen hat Anna (24) doppelt Glück gehabt. Ihre Eltern und ihre Schwester sind für sie da, ihre Beziehung ist nach einer Zeit der Trennung jetzt wieder intakt. Annas Freund ist Busfahrer, so dass die beiden sich Job und Familienarbeit meistens gut aufteilen können – er im Schichtdienst bei den Hamburger Verkehrsbetrieben, sie seit einigen Monaten als Azubi in Teilzeit bei der Drogeriemarktkette Budni. Allerdings haben er und Anna auch doppelt zu tun: Sie sind Eltern von Zwillingen, Jeremias Noel und Jayden Elias, vier Jahre alt. Noch ein Doppel-Glück, und einer der Gründe, warum es mit einer Lehrstelle nicht gleich nach dem Schulabschluss geklappt hat. Sabine Schuldt, Annas Ausbilderin in der Volksdorfer Filiale, hat das bei der Bewerbung nicht abgeschreckt: „Schon als Anna bei uns ihr Praktikum machte, haben wir gemerkt: Das ist eine junge Frau, auf die man sich hundertprozentig verlassen kann. Das hat uns überzeugt.“ Und wenn Anna mal am Limit ist, die Kinder krank sind, die Nacht kurz war? „Dann nehme ich sie beiseite, suche ihr eine weniger anstrengende Aufgabe, setze sie zum Beispiel an die Kasse, wenn nicht viel los ist. Dafür weiß ich: Wenn viel zu tun ist, packt sie auch extra mit an. Das ist ein Geben und Nehmen.“

Annas freundliche und mütterliche Art kommt gut an. Einfühlsam hilft sie einer älteren Dame mit Rollator an der Kasse, berät eine andere beim Handcremekauf, räumt zwischendrin ein Regal um. Aber hinter der sanften Fassade steckt auch eine Person mit neuem Stolz und Selbstbewusstsein: „Freunde sagen zu mir: Wir erkennen dich gar nicht wieder, du warst immer so schüchtern, jetzt haust du auch mal richtig auf den Tisch! In der Lehre habe ich gelernt, zu verhandeln und mich durchzusetzen. Schon, weil ich sonst zu oft auf den unbeliebten Abendschichten sitzen geblieben wäre.“

Eine harte Schule. Dabei könnte es Anna leichter haben: das Gehalt ihres Freundes plus 450-Euro-Job, damit würde die Familie klarkommen. Dann könnte sie jeden Abend den Kinder vorlesen, müsste morgens nicht aus dem Haus, wenn eines krank ist. Verlockend? Ja, aber, sagt Anna: „Ohne Ausbildung erreicht man nichts im Leben, und ich möchte nicht abhängig sein. Weder vom Staat, noch von einem Mann.“ Eine Frau mit klaren Zielen: Ausbildung abschließen, ein fester Job, ein Vorbild sein für ihre Kinder. Die Hilfe der „Joblinge“ wird sie bald nicht mehr brauchen.

 

Wer sind die „Joblinge“?

Aus dem Integrations-Projekt einer Stiftung und einer großen Unternehmensberatung entstand 2007 ein Startup, das heute über ein breites Unterstützer-Netzwerk mit 1500 Partnerunternehmen und 1300 ehrenamtlichen Mitarbeitern verfügt. Finanziert werden die Förderprogramme von der öffentlichen Hand und aus Spendengeldern, deutschlandweit gibt es derzeit 23 Niederlassungen. Info: www.joblinge.de

Mütter und Bildung: mehr Durchstarter, mehr Abgehängte

Wir werden immer schlauer – wenigstens auf den ersten Blick. Während vor 20 Jahren knapp über die Hälfte der Frauen in Deutschland (mit und ohne Kinder) einen Hauptschulabschluss hatte und nur 14 Prozent Abitur, erreichen heute 23,5 Prozent die Hochschulreife und nur 37,2 den niedrigsten Abschluss. Dafür hat sich die Quote der Frauen ganz ohne Abschluss in der gleichen Zeit fast verdoppelt: von 2,7 auf 4,3 Prozent.

Single-Väter: die Belastung kommt von innen

Später Jobeinstieg und Kinder – nur ein Thema für Mütter? Nein, sagt Simon Busch von den Hamburger „Joblingen“: „Immer wieder sind auch junge Väter in unseren Gruppen, aber deren Belastung ist eher eine psychische als eine praktische – häufig fließt viel Zeit und Energie in Sorgerechts- und Unterhalts-Streitigkeiten. Den Alltag der Kinder müssen sie in der Regel aber nicht organisieren, das wird an die Mütter delegiert.“

 

 

 

 

 

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