Neues aus der Schreibwerkstatt – Herbst 2018

„Oh, Lust des Beginnens“, schreibt Bert Brecht in einem seiner Gedichte.“Oh erste Seite des Buches des/Erwarteten, sehr überraschende! Lies/Langsam, allzuschnell/Wird der ungelesene Teil dir dünn!“ So ähnlich geht es mir auch als Autorin: Auch wenn der ungelesene und ungeschriebene Teil meines nächsten Romans noch in meinem eigenen Kopf auf mich wartet, die erste Seite überrascht mich oft selbst.

Das ist sie.

 

Wenn dieses Haus sprechen könnte, hast du einmal gesagt. Was würde es uns erzählen?

Zu der Zeit gingst du bei mir ein und aus wie ein Geist. Nie war ich sicher, wo du die Nacht verbringen würdest. Manchmal entdeckte ich dich in der Astgabel der Zierkirsche sitzend, mit von Rinde und Moos grün gefärbten Knien. Manchmal auf dem flachen Garagendach mit seinem Sommergeruch von Teerpappe. Aber meistens auf dem Dachboden, wo es fast immer zu heiß war oder zu kalt, je nach Jahreszeit.

Dort hattest du dir dein Lager errichtet. Militärdecken und alte Kissen auf Überseekoffern, die zwischen wurmstichigen Stützbalken standen. Der Anblick erinnerte mich an Abenteurer und Auswanderer. An ein Leben im Bauch eines Schiffes, das seine Passagiere verschluckte und an einem fernen Ort zurück in die Welt spie. Gleichgültig, ob der Empfang freundlich sein würde oder feindlich. Und ebenso gleichgültig, in welcher Absicht die Reisenden kamen.

Manchmal schliefst du, wenn ich dich fand, deinen Mund halb geöffnet, die Lippen weich und rosig wie die des kleinen Jungen, der du ein paar Jahre zuvor gewesen warst. Erst als du nicht mehr kamst, fand ich heraus, dass du in dem Koffer unter dir deine Schätze hortetest. Deine alte Schwimmbrille, porös geworden, die noch immer Chlorgestank ausdünstete. Einen aufziehbaren Plastikdelfin, den ich dir an der Nordsee gekauft hatte. Und den herzförmigen, hellen Stein, den dir deine Mutter geschenkt hat. Lange Jahre passte er genau in deine Kinderfaust, als wüchse er mit dir mit.

Vielleicht bin ich auch deshalb zurückgekehrt, Mo, weil deine Frage noch immer nicht beantwortet ist. Und weil es heute das letzte Mal ist, dass wir uns sehen. Das Haus und ich.

 

Romane von Janna Hagedorn

Janna Hagedorn? Wer ist denn jetzt diese Janna Hagedorn? Das könnte man philosophisch beantworten: Ich ist ein anderer. Oder einfach ganz simpel: Verena Carl und Janna Hagedorn sind ein und dieselbe Person. Sie schreiben nur ganz unterschiedliche Bücher. Finden beide.

Wie das passieren konnte? Ganz einfach. Nachdem Verena Carl zwischenzeitlich ein wenig die Faxen dicke hatte von literarischem Anspruch, hatte sie eine Idee für einen richtig süffigen Chicklit-Roman nach dem Muster: Yoga meets Bridget Jones. Aber als „Mantramänner“ dann fertig war, stellte sie fest: nee. Die passen nicht zu diesem Namen. Da wohnt eine zweite Seele in meiner Brust, die anders denkt und anders schreibt. Die vielleicht lustiger, unbekümmerter und romantischer ist als die gute alte Verena. Was tun? So wurde Janna Hagedorn geboren – nicht ganz anders, aber doch nicht dieselbe. Aus Verenas zweitem Vornamen und Verenas Ehenachnamen (denn Carl heißt sie eigentlich seit 2004 schon gar nicht mehr).

Janna Hagedorn schrieb also eine Yoga-Romanze, erschienen 2011. Danach dann die Geschichte von zwei Frauen, die sich in einem abgewrackten Wellnesshotel an der Nordsee begegnen und nicht gemeinsam haben außer dem Alter – 40! – und, wie sich dann herausstellt….aber nein, kein Spoiler bei dieser Art von Roman. „Friesenherz“ (2014) ist jedenfalls eine Geschichte über ganz unterschiedliche Lebensentwürfe in der Lebensmitte, und wie man, verdammt noch mal, in seinem Garten bleiben und doch an das grünere Gras auf der anderen Seite des Zaunes kommen kann. Und dann, weil Janna (und Verena) das Wendland in Niedersachsen so lieben, folgte 2016 noch „Elbe aufwärts“  – da wird eine einigermaßen zynische Ex-Chefredakteurin in Zeiten der Print-Krise in die Wüste geschickt, versucht, ausgerechnt im Öko-Biotop ein Edel-Landrestaurant aufzumachen, scheitert natürlich krachend, aber findet möglicherweise die Liebe, oder auch nicht. Mehr wollen wir an dieser Stelle nicht verraten. All diese Romane sind im Diana Verlag erschienen.

Und das nächste Projekt von Janna Hagedorn? Das wird ein erzählendes Sachbuch bei Eden Books. Titel steht noch nicht fest, aber der Inhalt schon: eine Bestandsaufnahme des Lebens als 40-something-Frau, also ein Reisebericht vom sonnigen Hochplateau des Lebens. Wann es erscheint, auch: Januar 2019.

Romane von Verena Carl

Mein Parallel-Leben als Schriftstellerin begann so etwa im Jahr 1997, als ich verdutzt eine Poetry Slam-Bühne in München hochstolperte, um mir eine Flasche Whisky abzuholen – der Hauptpreis für meinen 10-Minüter am Mikrofon, gemessen an der Lautstärke des Applauses. Den Inhalt habe ich verdrängt, irgendwas über starke Frauen und unerwiderte Liebe, was einen halt so umtreibt als 20-something. In diesen Jahren habe ich es einfach genossen, frei von „immer an den Leser denken“-Parolen und „Das versteht die Leserin nicht!“-Geboten meinem Spaß am Text und an schönen Worten freien Lauf zu lassen. Ein Gegenprogramm zu den Reise- und Frauenmagazinredaktionen, für die ich damals arbeitete. Gewonnen habe ich den Slam bei weiten nicht immer, manchmal wurde ich auch von der Bühne gebuht, aber bin dennoch immer wieder auf die Spielwiese zurückgekehrt neben meinem Job als Journalistin. Nachdem ich noch im alten Jahrtausend ein Jugendsachbuch über Flirten im Internet geschrieben hatte (es hatte den damals ungemein hippen Titel „Herzklopfen im Cyberspace“ und verstieg sich zur kühnen Behauptung, das Internet sei eh nur so eine Phase) ermunterte mich meine sympathische Lektorin bei dtv junior, es mal mit einem Jugendroman zu versuchen, der dann schließlich aus verschiedenen Gründen doch im Erwachsenenprogramm landete. „Lady Liberty“ war also streng genommen mein Debüt im Jahr 2001 – natürlich eine Liebesgeschichte, natürlich im Poetry Slam-Milieu – , und wurde später vom Thienemann Verlag in aktualisierter Fassung unter dem Titel „Der Himmel über New York“ erneut herausgebracht, diesmal tatsächlich in einer Jugendbuchreihe, in die es auch gehört.

Mein erstes Hardcover erschien 2002 unter dem Titel „Eine Nacht zu viel“ bei Marion von Schröder – die Geschichte einer lebensverändernden Begegnung zwischen einer schüchternen Studentin und einem abgehalfterten Reisejournalisten, die gemeinsam in einem Bergdorf eingeschneit werden und die Nacht Sheherazade-artig mit Reden, Erzählen und Geständnissen verbringen, die immer mehr an die Substanz gehen.

2007, zehn Jahre nach meinem ersten Poetry Slam, brachte Eichborn mein Roman „Irgendwie irgendwann“ heraus, die Geschichte einer Kindheit und Jugend im friedensbewegten und katastrophenängstlichen Freiburg der 80er Jahre – diese Kulisse ist autobiographisch, die obsessive Liebe einer 13jährigen, die nicht so richtig weiß, ob sie sich eigentlich nach einem Vater sehnt oder nach einem Liebhaber, ist es nicht. Weil mir die Kombi aus dem Geist eines Jahrzehntes und dem Geist eines Ortes so gut gefiel, wilderte ich zwei Jahre später nochmal in meiner eigenen Biographie, das Ergebnis war „Wer reinkommt, ist drin“ – diesmal die Geschichte zweier Studentinnen, die sich in den 90er Jahren in München eine WG teilen und sehr genaue Vorstellungen vom Leben haben. Nur, dass das Leben sich einen Spaß daraus macht, jeder genau das Gegenteil von dem zu schenken, das sie sich wünscht. Ein geplanter dritter Teil – angesiedelt in Hamburg in den Nuller Jahren – kam nie zustande, weil der Verlag damals nach turbulenten Monaten der Insolvenz verkauft wurde, was zu einigen Umstrukturierungen führte. Schade, ich hätte gerne einen Schuber mit drei Bänden gehabt. Stattdessen verlegte ich mich in den darauf folgenden Jahren zur Abwechslung auf rein unterhaltsame Frauentitel, bastelte mir aus meinem Ehe-Nachnamen und meinem Vornamen einen zweiten Autorennamen und versuchte mich – durchaus erfolgreich – im ChickLit-Genre, Unterabteilung „40-somethings.“

Bis ich merkte, dass ich mich zu alt fühlte für einfach Happy Ends und die Art von Konstruktion, die nicht die Welt im Innersten zusammenhält, sondern nur jeden beliebigen 90-Minüter im TV-Programm. Und alt genug für mehr: mehr Gedanken, mehr Genauigkeit, mehr Liebe zur Sprache. Was dann geschah? Was wohl: Ich schrieb einen neuen Roman. „Die Lichter unter uns“ erschien im Frühjahr 2018 bei S. Fischer und kam bei Lesern und Presse gut an: „Die Hamburger Autorin Verena Carl schreibt mit großem Gespür für die Innenwelten ihrer Figuren, für ihre Ängste, Hoffnungen und Sehnsüchte. Ein starker Roman“ (Norddeutscher Rundfunk/Bücherjournal, 13.06.2018).

Was die Presse sonst über meine Romane schreibt, können Sie hier nachlesen.