„Wir sitzen im gleichen Boot und merken es nicht!“

Eltern und Kinderlose sind sich oft nicht grün – ob es um Lautstärke im Café geht oder um die nächste Gehaltsrunde. Susanne Garsoffky und Britta Sembach haben sich mit den tieferen Gründen für diese Spaltung beschäftigt: soziale Kälte, weniger Solidarität und politisches Versagen. Für ELTERN family habe ich im November 2017 mit Susanne Garsoffky gesprochen

 ELTERN FAMILY: Das Eingangskapitel Ihres neuen Buches trägt die Überschrift: Warum Kinder nicht glücklich machen und Kinderlosigkeit nicht frei. Das klingt nach: Wie man’s macht, ist’s falsch….

Susanne Garsoffky: Eine Frau im gebärfähigen Alter kann es niemandem recht machen, das stimmt. Mütter werden gefragt: Warum nur ein Kind? Warum so viele? Warum so spät im Leben oder so früh? Zusätzlich unterstellt man ihnen, dass sie ihre Kinder wahlweise zu viel oder zu wenig behüten. Kinderlose Frauen werden von Wildfremden nach ihren Motiven gefragt, das ist nicht minder übergriffig.

Sie und Ihre Ko-Autorin Britta Sembach sind beide Mütter. Stehen Sie in der Diskussion um Lebensentwürfe damit nicht automatisch auf Seite der Eltern?

Wir respektieren jeden und jede, und wir wollten weder ein Angriffsbuch auf Kinderlose schreiben, noch uns fürs Elternsein rechtfertigen. Es geht uns auch nicht darum, jemanden zum Kinderkriegen zu motivieren. Sondern um die Frage: Wie könnte man ein System schaffen, das für alle gerechter ist, wenn weniger Kinder geboren werden?

Sie schreiben, Politik und Wirtschaft würden Eltern und Kinderlose gegeneinander ausspielen. Das klingt, mit Verlaub, ein wenig nach Verschwörungstheorie….

Nein, es ist höchstens zugespitzt. Seit Ende der Neunziger erleben wir eine politische Neoliberalisierung. Unser Politik- und Wirtschaftssystem richtet sich in erster Linie nach den Bedürfnissen von Arbeitgebern und Unternehmern, und das treibt Menschen mit und ohne Sorgeverpflichtung in Konkurrenz. Die Blaupause für einen idealen Arbeitnehmer ist der von Sorgeverpflichtungen befreite, Vollzeit arbeitende Mann. Wer nicht in dieses Muster passt, wird zwar geduldet, aber eine Karriere ist so kaum möglich.

Und die machen dann Kinderlose auf dem Rücken der Eltern?

So einfach ist es nicht. Denn die Gewinne der letzten Jahre erzielen große Unternehmen in erster Linie durch Personalabbau. Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist aber im Gegenteil sehr personalintensiv. Denn einer muss ja auffangen, wenn Eltern Auszeiten nehmen oder kurzfristig ausfallen. Und diese Arbeit wird gleichzeitig auf immer weniger Schultern verteilt. Das trifft besonders die Kinderlosen.

Aber bemühen sich nicht Arbeitgeber in den letzten Jahren vermehrt um mehr Flexibilität für alle? Mit innovativen Arbeitszeitmodellen, Betriebs-Kitas…

In den meisten Fällen ist das nicht mehr als ein schönes Aushängeschild. Unternehmen geben sich modern und aufgeschlossen, aber gleichzeitig wird Angestellten das Gefühl vermittelt: Kinder haben, wunderbar – aber bitte möglichst geräuschlos und so, dass es unseren Betriebsablauf nicht stört. Diese Haltung bekommen übrigens auch Kinderlose zu spüren, etwa, wen sie alternde Eltern zu pflegen haben.

Wenn alle gleichzeitig Verlierer sind – warum begehren sie dann nicht gemeinsam gegen diesen Druck auf?

Der schleichende Verlust von Solidarität betrifft ja die Gesellschaft als Ganzes. Arbeitskämpfe gibt es kaum noch, Gewerkschaften verlieren laufend Mitglieder, weil wir das neoliberale Modell so verinnerlicht haben: Jeder ist nur für sich selbst und seinen Erfolg verantwortlich. Ganz im Interesse der Unternehmerseite. Denn Einzelne sind leichter zu handeln als eine Gruppe, die Forderungen stellt. Man speist Mitarbeiter mit Anti-Stress-Programmen ab, statt Arbeit gerechter zu verteilen.

Aber die Konflikte kochen öffentlich eher hoch, wenn es um Kinderwagenverbote in Cafés geht oder Fahrradanhänger, die den Bürgersteig versperren…

Das ist Symptom, nicht Ursache. Da entlädt sich eine gereizte Stimmung, weil alle ahnen, dass es noch schärfere Verteilungskämpfe geben wird – wenn die heute 50-jährigen in den Ruhestand gehen, wird ein Arbeitnehmer für einen Rentner zahlen müssen!

Es wäre Aufgabe des Gesetzgebers, für mehr Gerechtigkeit zu sorgen. Aber Sie sagen: Auch die Politik befeuert die Konkurrenz zwischen beiden Gruppen.

2003 prägte die damalige Familienministerin Renate Schmidt den Begriff der „nachhaltigen Familienpolitik“. Seither steht „Vereinbarkeit“ als politisches Ziel auf der Agenda, quer durch die Parteienlandschaft. Das bedeutete in der Praxis vor allem: Ausbau der Krippenbetreuung, um beide Elternteile möglichst schnell wieder in Arbeit zu bekommen. Aber das ist weder flächendeckend passiert, noch ist die Betreuung durchgehend von guter Qualität. Von Unternehmen hat die Politik viel zu wenige Zugeständnisse gefordert.

Ist das nicht Schwarzmalerei angesichts jährlich 130 Milliarden familienpolitischer Leistungen?

Das Geld wird nach Gießkannenprinzip verteilt und wiegt nicht auf, was Eltern investieren. Der Sozialrichter Jürgen Borchert hat es so formuliert: „Wir treiben den Familien die Sau vom Hof und geben ihnen nur die Koteletts zurück.“ Allein, wenn man die Energiekosten betrachtet und die Verbrauchssteuern: 19 Prozent Mehrwertsteuer auf Windeln, dafür nur sieben Prozent auf Tiernahrung! Familiengründung ist ein finanzielles Risiko, nicht nur für Alleinerziehende – wegen des Reallohnverlustes der letzten Jahre können selbst Doppelverdiener in manchen Großstädten kaum noch den Unterhalt für eine Familie aufbringen.

Dagegen argumentieren Kinderlose: Wir halten mit unseren höheren Steuerabgaben das System am Laufen.

Aber Familien sind ja nicht nur Leistungsempfänger, sie sind selbst Steuerzahler! Sie werden also doppelt zur Kasse gebeten.

Und dazu leisten sie gratis, was neudeutsch „Care-Arbeit“ genannt wird – Schulbrote schmieren, Anschwung geben beim Schaukeln. Trotzdem haben viele das Gefühl: Diese Tätigkeiten werden nicht gewürdigt, eher belächelt.

Richtig. Nachrichtenmagazine schreiben süffisant über die „Rückkehr der Hausfrau“ und bezeichnen es als Zeitverschwendung, wenn eine Mutter mit ihrem Baby auf dem Teppich spielt – eine Mutter, wohlgemerkt, die wöchentlich 20 Stunden arbeitet. Fürsorglichkeit ist doch ein Teil der menschlichen Existenz!

Auf der Suche nach den Ursachen für diese soziale Kälte werfen Sie auch einen Blick auf den Feminismus und zitieren die amerikanische Politikwissenschaftlerin Nancy Fraser: „Der Feminismus ist der Steigbügelhalter der neoliberalen Gesellschaftsordnung.“ Würden Sie denn lieber in den Fünfziger Jahren leben, als pudding-kochende Hausfrau?

Bloß nicht! Meine Ko-Autorin und ich sind wie alle Frauen unseres Alters geprägt durch die zweite Welle des Feminismus in den Sechziger, Siebziger Jahren. Da ging es um Selbstbestimmung, um gesellschaftliche Teilhabe durch Berufstätigkeit. Völlig richtige Forderungen in einer Zeit, in der Frauen um Erlaubnis fragen mussten, wenn sie einen Job annehmen wollten, und Vergewaltigung in der Ehe straflos blieb. Nur: Die Blaupause der Emanzipation war ein männlicher Lebensentwurf. Von Fürsorgepflichten befreit, unabhängig und erfolgreich. Müsste es heute nicht eher darum gehen, dass Frauen wie Männer beide Seiten leben dürfen, die erfolgsorientierte wie die fürsorgliche?

Das passiert ja, jedenfalls ist die heutige Vätergeneration deutlich engagierter als frühere. Trotzdem habe ich den Eindruck, dass sich Männer mit und ohne Kinder weniger als Konkurrenten fühlen. Sind die einfach entspannter als wir Frauen?

Ich würde eher sagen: Sie ducken sich ein bisschen weg. Das Leben der meisten Männer verändert sich doch deutlich weniger, wenn sie Vater werden – anders als bei Frauen. Oder sie schieben die Entscheidung für eine Familie endlos auf. Wenn Frauen nicht Mütter werden, liegt das ja oft auch an der fehlenden Bereitschaft des Partners, Verantwortung und Pflichten zu übernehmen. Das wird gerne übersehen. Stattdessen werden fast ausschließlich Frauen für sinkende Geburtenraten verantwortlich gemacht.

Sie haben zu Anfang von einem System gesprochen, das für Eltern und Kinderlose gleichermaßen gerecht ist. Wie müsste das aussehen?

Zum einen müsste das Modell der umlagefinanzierten Rente familiengerecht umgebaut werden, denn Eltern zahlen doppelt – als Arbeitnehmer für die jetzige Rentnergeneration sowie als Eltern für die Rentenzahler von morgen. Je nach Anzahl der Kinder sollte es eine deutliche Entlastung geben.

Wäre das bezahlbar?

Die gesetzliche Rente müsste stärker steuerfinanziert sein als heute, und man müsste mehr Menschen ins System mit aufnehmen. Auch Beamte und Freiberufler.

Gibt es dafür Mehrheiten, und wenn ja, in welcher Partei?

Die Gerechtigkeitslücke zwischen Menschen mit und ohne Kindern wird durchaus parteiübergreifend gesehen – aber keiner traut sich an das heiße Eisen heran. Weil man Angst hat, Kinderlose könnten das als Schikane erleben. Vor allem diejenigen, die sich nicht freiwillig für diese Lebensform entschieden haben.

Verständlich. Aber auch nicht besonders weitsichtig.

Das Problem der Politik ist, dass sie von älteren für ältere Menschen gemacht wird – schon allein, weil es mehr ältere Wähler gibt als jüngere. Die Lebenswirklichkeit von Familien wird in einer alternden Gesellschaft immer weniger berücksichtigt. Die Herabsetzung des Wahlalters wäre ein Schritt, um dem zumindest etwas entgegenzusetzen.

Und was wäre die Aufgabe der Wirtschaft? Einfach wieder Personal aufstocken klingt zwar schön, aber manches Unternehmen würde damit die eigene Existenzgrundlage gefährden.

Ich würde mir zumindest Ehrlichkeit wünschen. Dass Unternehmen offen zugeben: Wir bieten eigentlich keine Vereinbarkeit. Wer bei uns arbeiten will, muss die und die Bedingungen erfüllen. Dann wären zumindest die Spielregeln klar. Zweitens, und hilfreicher: Arbeitszeitmodelle, die verschiedene Lebensphasen berücksichtigen.

Würden Arbeitszeitkonten nicht einseitig Eltern bevorzugen?

Wenn man Kinder bekommt heißt das ja nicht, dass man die nächsten 40 Jahre nicht mehr belastbar ist. Personalpolitik müsste langfristiger denken: Man ermöglicht Mitarbeitern, zwischendrin Vollgas in der Familie zu geben, denn man weiß: Dann wird er oder sie leistungsbereiter, loyaler und zufriedener zurückkehren. Prioritäten verschieben sich ja laufend, wenn Kinder größer werden. Auch Menschen ohne Sorgeverpflichtung sind ja nicht ihr ganzes Leben lang gleichermaßen leistungsfähig. Vielleicht erwischt sie in der Lebensmitte eine Krise und sie brauchen eine Auszeit, um sich neu zu orientieren. Oder sie rutschen ins Burnout. Eine Personalpolitik, die das berücksichtigt, käme allen zugute. Eltern und Kinderlosen, Arbeitnehmern und Arbeitgebern.

Elternrechte in den USA: ganz und gar nicht great

Zu wenig Elterngeld? Zu wenige Erzieher in der Krippe? Das sind Vereinbarkeitsprobleme, die Mütter und Väter in den USA gerne hätten. Elternzeit, Kündigungsschutz und bezahlbare Kitaplätze sind dort die große Ausnahme. Unter Präsident Trump könnte sich die Situation noch verschärfen. Im März 2017 habe ich fürs ELTERN-Magazin mit der Polit-Aktivistin, Autorin und Mutter Jessica Shortall darüber gesprochen

Ein Interview per Skype am Sonntag morgen um neun? Kein Problem. Denn erstens hat Jessica Shortall (38) zwei kleine Frühaufsteher zu Hause. Und zweitens kommt man dieser Tage ohnehin nicht zur Ruhe, wenn man in Amerika lebt und sich politisch engagiert. Kaum haben wir angefangen zu reden, flitzt Shortalls vierjährige Tochter Etta ins Arbeitszimmer und berichtet aufgeregt: „Mummy, Donald Trump ist gerade im Fernsehen!“ Auch unser Gespräch dreht sich immer wieder um den Mann in Orange – auch wenn wir eigentlich ein anderes Thema haben…

Wenn Sie den Mund aufmachen, hören Eltern gerne zu – nicht nur in Amerika. Ihr Vortrag über fehlenden Mutterschutz in den USA und Stillen im Job hat fast 50.000 Youtube-Hits, in ihrem aktuellen Buch* geben Sie Tipps, wie man Baby und Arbeit in Ihrem Heimatland einigermaßen jongliert. Persönliche Erfahrung?

Ursprünglich ja. Nach der Geburt meines Sohnes Otis vor sechs Jahren litt ich an einer postpartalen Angststörung, konnte nicht schlafen, machte mir übermäßige Sorgen um mein Kind. Ich tat mich sehr schwer mit der Rückkehr in den Job, obwohl ich nach amerikanischen Maßstäben das große Los gezogen hatte: Mein damaliger Arbeitgeber, ein Startup, gewährte mir acht Wochen bezahlten plus vier Wochen unbezahlten Mutterschutz. Ich konnte viel von Zuhause aus arbeiten und mir mit einer Nachbarin eine Nanny teilen. Aber es schien mir undenkbar, tagelang oder wochenlang allein auf Geschäftsreise zu gehen. Und das wäre erforderlich gewesen.

Zwölf Wochen Pause, das ist wirklich nicht viel….

Wissen Sie, die USA gehört zu einem kleinen, exklusiven Club industrialisierter Länder, in denen Auszeiten für frischgebackene Eltern fast ausschließlich eine freiwillige Leistung des Arbeitgebers sind. Die anderen Clubmitglieder sind im wesentlichen einige Südseeinseln – und gleich danach kommen wir, ein Land mit 320 Millionen Einwohnern. Fast 90 Prozent aller Mütter und Väter in den USA haben keinerlei Elternzeit.

Und die anderen zehn Prozent?

Entweder familienfreundliche Arbeitgeber, oder sie haben nach dem so genannten „Family and Medical Leave Act“ ein Anrecht auf bis zu drei Monate unbezahlte Auszeit. Die stehen Arbeitnehmern zu, wenn sie selbst ernsthaft krank werden, oder ein nahes Familienmitglied. Theoretisch auch nach einer Geburt. Aber das Gesetz greift nur in Firmen mit mindestens 50 Angestellten und gilt nur für Mitarbeiter mit mindestens einem Jahr Betriebszugehörigkeit. Vor allem muss man aber in der Zeit sowohl den eigenen Verdienstausfall überbrücken als auch den Arbeitgeberanteil zur Krankenversicherung mitbezahlen.

Schwer möglich, wenn man zu wenig verdient, um Rücklagen zu bilden.

Genau. Mütter sind die am schnellsten wachsende Gruppe von Arbeitnehmern in den USA, aber unter ihnen herrscht eine Zwei-Klassen-Gesellschaft. Natürlich wollen Arbeitgeber hochqualifizierte Mitarbeiterinnen nicht verlieren und machen ihnen deshalb die schnelle Rückkehr an den Arbeitsplatz schmackhaft. Nehmen wir den Konzern IBM: In der Stillzeit können weibliche Angestellte ihre Muttermilch von Geschäftsreisen kostenlos nach Hause schicken lassen. Ganz anders sieht es im unteren Spektrum des Arbeitsmarktes aus. Zwei Drittel aller Niedriglohnjobs sind in den Händen von Frauen, häufig Schwarze und Latinas, aber auch ärmere Weiße, die schlecht bezahlte Arbeit annehmen müssen, um sich und ihre Familie über Wasser zu halten. Viele als Haupt- oder Alleinverdienerinnen. Die Obama-Regierung hat wenigstens kleine Verbesserungen für bestimmte Berufsgruppen erreicht. Etwa, dass der Arbeitgeber stillenden Frauen Zeit geben muss, während der Arbeitszeit Milch abzupumpen. In einem angemessenen Raum, nicht im Auto auf dem Parkplatz. Aber das ist Teil des „Obamacare“-Paketes, und auch das will Präsident Trump ja wieder abschaffen.

Abgesehen vom Stillen, wie machen Frauen das denn überhaupt – direkt von der Entbindung zurück ins Büro oder an die Supermarktkasse?

Jede vierte geht spätestens zwei Wochen nach der Geburt wieder arbeiten – oft unter Schmerzen, körperlich wie seelisch. Ich habe mit einer Kellnerin gesprochen, die sechs Wochen nach einem Kaiserschnitt wieder schwer schleppte und stundenlang auf den Beinen war. Mit der Mitarbeiterin einer Haftanstalt, deren Kollegen sich über ihre „ausgedehnten Ferien“ lustig machten, weil sie acht Wochen weg war, und absichtlich die Toilettentür aufrissen, wenn sie dort mit der Milchpumpe hantierte. Eine der bittersten Geschichten erzählte die Mutter eines Frühchens. Ihr stand so wenig Elternzeit zu, dass sie sich entscheiden musste: Entweder eine Woche nach der Entbindung zurück an die Arbeit, um nach der Entlassung aus der Klinik Zeit für das Baby zu haben – oder bei ihrem Kind auf der Intensivstation sein, und es dann sofort nach der Entlassung in Tagesbetreuung geben. Davon rieten die Ärzte aber dringend ab. Das Immunsystem des Babys war so unausgereift, dass diese Umgebung es in Lebensgefahr gebracht hätte.

Hängen Mütter unter solchem Druck ihren Job eher ganz an den Nagel?

Genau, und mit weitreichenden Folgen: Sie machen sich abhängig vom Verdienst ihres Mannes, stehen im Fall einer Scheidung schlecht da, sind später bedroht von Altersarmut, weil sie nicht in die Rentenkasse einzahlen.

Gibt es denn vernünftige Kinderbetreuungsmöglichkeiten? Oder springt den arbeitenden Eltern eher die eigene Familie bei?

Wir sind eine sehr mobile Nation, wechseln häufig Wohnorte und Jobs – es ist ein seltenes Glück, wenn man Familie am gleichen Ort hat. Gute Kinderbetreuung ist deshalb auch wieder eine Frage des Geldbeutels: Kitas, von denen Kinder wirklich profitieren, kosten etwa zwischen 800 und 1500 Dollar monatlich pro Kind. Wer sich das nicht leisten kann, landet schnell bei Einrichtungen, in denen Kinder mehr schlecht als recht beaufsichtigt werden und die häufig nicht einmal wirklich kindersicher sind.

Die Rechte junger Eltern waren auch Thema im vergangenen Wahlkampf. Donald Trumps Tochter Ivanka hat sich dafür stark gemacht, sechs Wochen bezahlten Mutterschutz für alle einzuführen. Klingt ganz vernünftig, oder?

Ein Journalist hat Ivanka Trump einmal als „weaponized graciousness“ bezeichnet – Liebenswürdigkeit, die als Waffe eingesetzt wird. Trump benutzt seine Tochter, um sein Image aufzupolieren. Und selbst wenn das wirklich Ivankas Meinung entspricht: Der Vorschlag ist kurzsichtig, ich halte ihn sogar für einen Rückschritt!

Warum? Sechs Wochen wären ein Anfang.

Also, erstens diskriminiert der Vorschlag die Väter. Und auch den zweiten Elternteil in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften. Denn in dem Entwurf stehen die sechs Wochen ausschließlich der Frau zu, die das Kind geboren hat. Mir hat mal ein Vater erzählt, wie froh er war, dass sein Baby an einem Freitag zur Welt kam, damit er wenigstens das Wochenende mit Mutter und Kind verbringen konnte. Zwei Tage! Dabei weiß man doch, dass Erziehung partnerschaftlicher geteilt wird, wenn von Anfang an beide Elternteile involviert sind. Außerdem könnte diese Regelung auf die Frauen zurückfallen: Personalchefs könnten Bewerberinnen im gebärfähigen Alter benachteiligen, weil sie ein finanzielles Risiko für die Firma sind.

Weiß man denn, was aus dem Plan wird?

Keine Ahnung. Die Trump-Regierung hatte einen chaotischen Start und bleibt unberechenbar. Was mir Hoffnung macht, sind eher die Gesetze einzelner Staaten. Dort sind die Gesetzgeber oft wesentlich weiter als in Washington. In Kalifornien, New Jersey, Rhode Island und Connecticut gibt es gerade als Pilotprojekt ein solidarisches Versicherungsmodell, das bezahlte Elternzeit auch für kleinere Unternehmen finanziell möglich macht. Und zwar nicht nur für Mütter!

Was mir auffällt: Ihre Landsleute sind sehr kinderfreundlich, keine Politikerrede kommt ohne das Schlagwort „Familienwerte“ aus. Andererseits wird es jungen Eltern so schwer gemacht. Woher dieser Widerspruch?

Unsere Kultur ist zutiefst individualistisch. Von klein auf lernen wir: Wenn du nur hart genug arbeitest und dich anstrengst, kannst du alles schaffen. Im Umkehrschluss heißt das aber: Wenn es dir nicht gut geht, bist du selbst schuld, dann hast du nicht alles gegeben. Deshalb misstrauen hier so viele Leute Sozialleistungen, weil sie das Gefühl haben: Damit belohnt man Faulheit. Dabei rutschen gerade Mütter so eher in staatliche Abhängigkeit, als wenn man sie unterstützen würde. Und das ist nur einer von mehreren Widersprüchen. Auf der einen Seite extremer Individualismus, auf der anderen Seite der fast kindliche Glauben an den starken Mann, der sagt, wo’s langgeht.

Wie man jeden Tag in den Nachrichten sieht.

Ja, leider. Nur eines macht mir Hoffnung: Für viele Menschen in meiner Umgebung war die Wahl von Trump eine Art Weckruf, sie verstehen zum ersten Mal im Leben, dass es wichtig ist, ihr politisches Geschick selbst in die Hand zu nehmen. Meine Tochter hat mich heute morgen schon gefragt: Gehen wir heute wieder demonstrieren?

Und, gehen Sie?

Ausnahmsweise nicht. Ab und zu braucht man auch als Familie eine Auszeit.

 

Jessica Shortalls Plädoyer auf Youtube anschauen: https://www.youtube.com/watch?v=TdQ1eaZH-J8

 

„Kinder brauchen digitale Mischkost“ – ein Plädoyer für entspannten Medien-Umgang

Smartphones machen dumm und Computerspiele aggressiv – oder nicht? Der psychologische Psychotherapeut und Verhaltensbiologe Georg Milzner nahm im Frühjahr 2016 mit seinem Buch* pauschale Digital-Kritik aufs Korn und plädierte für einen entspannteren Umgang mit neuen Technologien. Für das Magazin ELTERN family habe ich mit ihm gesprochen

ELTERN family: Bei uns zu Hause gibt es klare Regeln – eigentlich: 30 Minuten „Fifa 15“ für meinen 7jährigen Sohn und „Minecraft“ für meine 10jährige Tochter sind pro Tag okay, danach werden elektronische Geräte weggelegt. Warum geht das nie ohne Diskussionen – weder bei uns, noch bei den meisten anderen?

Georg Milzner: Warum ist Ihnen die Zeitbeschränkung denn so wichtig?

Weil sonst anderes zu kurz kommt: lesen, sich bewegen, Lego bauen…

Erstmal ganz konkret: Diese Zeitbeschränkungen funktionieren nicht, weil Spiele nicht in Minuten aufgebaut sind, sondern in Aufgaben und Levels. Sie würden ja auch beim Vorlesen nicht per Stoppuhr mitten im Satz aufhören. Besser, Sie vereinbaren gemeinsam, was ein sinnvoller Zeitpunkt zum Schlussmachen ist. Ich würde auch einen Unterschied machen, ob ein Kind reglos vor dem Monitor sitzt oder sich davor austobt, zum Beispiel mit einer bewegungsgesteuerten Konsole. Bildschirm ist nicht gleich Bildschirm. Aber Ihre Skepsis, die Sie mit vielen Eltern teilen, hat sicher noch einen tiefer liegenden Grund.

Da bin ich aber gespannt.

Jeder Kulturwandel stößt erstmal auf Widerstand. Eltern früherer Generationen waren irritiert, wenn ihre Kinder Comics lasen, fernsahen oder Rockmusik hörten. Sogar das Lesen von Romanen galt im 19. Jahrhundert als schädliche Geistesverwirrung, vor allem für Jungen. Genau so befürchten heutige Eltern: Kinder werden durch Computerspiele dümmer, aggressiver, verlernen das phantasievolle Spielen, gehen nicht mehr raus….

Und Sie glauben das nicht?

Wenigstens nicht so pauschal. Eltern verklären rückblickend ihre eigene Kindheit, die ja noch wenig computerisiert war, jedenfalls bei Menschen ab 40, und kommen zum Schluss: Heute läuft da etwas falsch. Das führt zu einer merkwürdigen Spaltung: Einerseits möchte man den Umgang mit digitalen Medien fördern, um Kinder auf die spätere Arbeitswelt vorzubereiten, andererseits verteufelt man sie. Zu Hause wie in der Schule. Dabei findet ja jede Zeit und jede Kultur neue Formen, in denen Kindheit stattfindet. Auch weil Kinder heute tendenziell behüteter aufwachsen, weniger äußere Freiräume haben, erschließen sie sich neue Zonen – auch digitale.

Kinder haben die gleichen Bedürfnisse wie früher, leben sie nur anders aus?

Genau. Denken Sie an die Faszination von Märchen und Mythen: früher drei dicke Bände „Herr der Ringe“ lesen, heute eher „World of Warcraft“ spielen. Oder den Spaß an der Selbstdarstellung: früher nur auf der Schulbühne, heute mit Youtube-Filmchen. Manche Eltern projizieren sicherlich auch ihre eigenen Ängste vor dem technologischen Wandel auf ihre Kinder. Die haben eigentlich Angst, selbst nicht fit zu sein für die Welt von morgen, und sind vielleicht auch etwas neidisch auf die Leichtigkeit, mit der sich ihre Kinder darin bewegen.

Machen Sie es sich da nicht ein wenig einfach? Wenn ich sehe, wie manche Eltern sogar ihre Zwei- und Dreijährigen stundenlang mit Hilfe von Tablets ruhig stellen, frage ich mich schon, was Kinder sich dadurch für ein Bild von der Welt machen.

Bei so kleinen Kindern gebe ich Ihnen völlig recht, das hat fast etwas von unter Drogen setzen. Ein Tablet ist ein miserabler Babysitter, denn er macht kein Beziehungsangebot. Bei Kindern im Kita- und frühen Grundschulalter würde ich immer sagen: ruhig der kindlichen Neugier auf elektronische Spiele Raum geben, aber auch beizeiten ein Alternativangebot machen. Und sei es, in dem man das Bildschirm-Match mit echten Bällen nachspielt, oder das Flugzeug aus dem Spiel mit Lego nachbaut.

Das setzt wiederum voraus, dass Eltern immer ein Auge darauf haben, was die Kinder tun. Dabei ist es ja oft so praktisch, wenn der Nachwuchs beschäftigt ist, so dass man in Ruhe die Steuererklärung machen kann, oder ein Nickerchen…

Es hat ja auch keiner behauptet, dass Elternsein eine leichte Aufgabe ist! Je jünger das Kind, desto wichtiger, dass Sie es in der digitalen Welt nicht allein lassen, sondern immer wieder dabei sind. Zuschauen, darauf achten, dass das Kind nicht an Inhalte gerät, die es überfordern. Das Netz ist wie eine Buchhandlung, da finden Sie fast alles für fast jede Altersstufe, vom Trash bis zur Hochkultur.

Klar gibt es da nicht nur blutige Ego-Shooter und Youporn. In Ihrem Buch erwähnen Sie einige grafisch schön gemachte Rätselspiele, die ich mir selbst sofort herunterladen würde. Aber auch die sollten Siebenjährige wohl nicht stundenlang spielen

Auf einer langen Autofahrt kann das ein Segen sein! Aber davon abgesehen: Ihr Kind zeigt ihnen schon, wie viel digitales Spielen ihm bekommt, auch wenn es das selbst nicht spürt. Sie sehen ja, wie es sich danach benimmt, ob es extrem aufgekratzt ist oder abends schlecht schläft, wenn es zu spät am Computer war. Wenn meine Kinder vor dem Bildschirm zappelig wurden, als sie kleiner waren, habe ich ihnen zum Beispiel vorgeschlagen: „Ich sehe, dass deine Augen noch wollen, aber deine Beine was anderes brauchen – lass uns mal eine Runde Fußball spielen.“

Ich kann mir kaum vorstellen, dass sie auf Anhieb begeistert waren…

Sicher nicht immer, aber da muss man eben seine Funktion als Eltern wahrnehmen. Sie würden ja auch nicht zulassen, dass Ihr Kind ausschließlich Fischstäbchen mit Pommes isst. Ich bin für eine digitale Mischkost: Es spricht überhaupt nichts gegen Bildschirmspiele, wenn andere Lebensbereiche nicht zu kurz kommen. Übrigens frustriert es Kinder, wenn Eltern ihre digitalen Erfolge abwerten, weil sie die für minderwertig halten. Wir loben unser Kind für ein gelungenes Lego-Bauwerk, ein tolles Bild oder eine sportliche Leistung – Anerkennung hat es genau so verdient, wenn das Kind ein neues Level geschafft oder ein Rätsel geknackt hat.

Dennoch bleibt ein Problem: Digitale Spiele sprechen nicht alle Sinne an, und sie haben ein fest programmiertes Regelwerk – völlig anders, als wenn ich auf einen Baum klettere, oder mich mit meinen Freunden als Außerirdische verkleide….

Auch analoge Kinderspiele funktionieren nach Regeln. Egal ob „Fischer, wie tief ist das Wasser“ oder „Mensch ärgere dich nicht“! Aber es stimmt, der Spieloberfläche fehlt etwas, und das ist wiederum auch ganz gut so, weil die reale Welt dadurch für Kinder nicht an Reiz verliert. Ein digitales Kuscheltier kann ich nicht mit ins Bett mitnehmen, eine Banane aus Pixeln macht nicht satt. Das merken Kinder, deshalb verlieren sie nach einer Weile meistens ganz von allein die Lust. Sicher kann es Phasen geben, in denen der Computer das Leben sehr bestimmt, aber das finde ich nicht dramatisch. Das ist Leidenschaft, die ist ihrem Wesen nach radikal und exklusiv. Danach kommt vielleicht eine Phase, in der sich alles um Fußball oder Pferde dreht.

Viele Eltern sehen nicht gerne, wenn ihre Kinder am Bildschirm hängen, checken aber selbst im Minutentakt ihr Smartphone – auch ich ertappe mich manchmal dabei. Wie wichtig ist eigentlich unser elterliches Vorbild?

Sehr! Es gibt Wissenschaftler, die befürchten, Kinder lernten zu wenig Selbststeuerung, zu wenig Abwarten, weil viele Spiele einseitig die schnelle Reaktion trainieren – dabei sind es oft vor allem die Eltern, die ein Problem damit haben. Die hechten wie ein dressierter Affe zu ihrem Smartphone, sobald es ein Geräusch macht. Ich finde es wichtig, eine klare Hierarchie in der Kommunikation zu haben: Anwesende haben immer Vorrang, das heißt, mein Kind auf der Schaukel ist wichtiger als die Freundin, die gerade anruft. Noch besser, wenn man sich in der Familie auf bestimmte computer- und handyfreie Zeiten einigt, und die gelten dann für alle.

Zum Abschluss eine Prognose: Was glauben Sie, wie Computerspiele und Social-Media-Kommunikation unsere Kinder in ihrer Entwicklung beeinflussen werden?

Was sicherlich weniger wird ist die Fähigkeit, lange, komplexe Geschichten zu erzählen und zu erfassen. Dafür werden Menschen um so mehr in der Lage sein, komplexe Sachverhalte auf das Wesentlich herunterzubrechen, und ihre Problemlösungsfähigkeit, ihr strategisches Denken und ihre Reaktionsschnelligkeit werden hoch sein. Auch das räumliche Orientierungsvermögen und die visuelle Kreativität nehmen zu, außerdem die Fähigkeit zur Selbstdarstellung. Ich bin ganz zuversichtlich, dass Kinder dadurch ganz gut gerüstet sind für ihr zukünftiges Leben in der Digitalzeit.

 

*“Digitale Hysterie – warum Computer unsere Kinder weder dumm noch krank machen“, Georg Milzner, Beltz Verlag, 18,95 €

Interview mit Karoline Herfurth: „Macht Kinder stark für das Leben!“

Was für eine schöne Kinderbuchverfilmung: „Rico, Oscar und die Tieferschatten“ hob sich wirklich positiv vom grellen Marketing-Buhei anderer Kinderfilme ab. Zum Filmstart im Juli 2014 durfte ich dazu fürs ELTERN-Magazin Karoline Herfurth in einem Berliner Hotel treffen und war gleich zweifach fasziniert: zum einen von der fast unwirklichen Schönheit dieser Frau, und zum zweiten von ihrer Professionalität. Denn obwohl Karoline Herfurth kein Wort über ihr Privatleben verliert, hat sie doch einige Einblicke in ihre Seele gestattet. Schade, dass ich nur einen 45-Minuten-Slot hatte!

 ELTERN: In Ihrem neuen Film spielen Sie eine junge Alleinerziehende, die ihre Aufgabe ziemlich locker nimmt: Lässt den zehnjährigen Rico nachts allein, um in einem Striplokal zu arbeiten, schickt ihn zum Lebensmittel einkaufen und geht derweil mit einer Freundin shoppen. Ist Ihnen diese Frau eigentlich sympathisch?

Karoline Herfurth: Ich finde sie sehr erfrischend. Denn bei aller Lässigkeit merkt man, dass sie ihren Sohn wahnsinnig liebt. Sie traut ihm eine Menge zu, obwohl er nicht der Hellste ist, er bezeichnet sich ja selbst als „tiefbegabtes“ Kind. Und wenn es Schwierigkeiten gibt, stellt sie nie ihn in Frage, sondern immer die Welt um ihn herum. Da wird sie zur Löwenmutter. Dass sie sich dazu noch eigene Freiheiten nimmt, statt alles dem Kind unterzuordnen – das sind doch ganz gute Zutaten für eine Mama.

Hört sich fast so an, als würden Kinder heute zu sehr in Watte gepackt.

Eine sehr kluge Frau hat mal zu mir gesagt: „Man soll Kindern keine Lederstraße bauen, sondern ihnen Lederschuhe nähen“ – sie also nicht vor dem Leben da draußen beschützen, sondern im Gegenteil sie dafür ausrüsten und stark machen. Das finde ich sehr bedenkenswert. Außerdem ist die Mutter im Film zwar Single, aber nicht allein. Denn da ist auch noch die Hausgemeinschaft, Menschen, die alle zusammen ein Auge auf Rico haben. Wie ein Dorf, wie eine Großfamilie, die nicht nur aus Blutsverwandten besteht. Das erinnert mich an meine eigene Kindheit.

Erzählen Sie mal!

Ich bin selbst in einer großen Patchworkfamilie mit sieben Geschwistern aufgewachsen. Mein Vater hat nach dem Mauerfall in Ostberlin so ein altes Mietshaus saniert und selbst ausgebaut, das war sehr ähnlich wie das im Film. Unten im Haus haben sie einen Kinderladen gegründet, auf jedem Stockwerk gab es Spielkameraden, meine beste Freundin wohnte gegenüber. Da war so ein Gefühl: Wir gehören alle zusammen und passen aufeinander auf.

Aber nicht ständig und überall…

Nein, ich habe das Gefühl Kindern wurde damals mehr zugetraut. Ich hatte als Grundschülerin eine Stunde Schulweg mit der Straßenbahn, meine Freundin nahm ihre kleine Schwester mit in die erste Klasse, ohne dass jemand uns begleitet hätte. Das war völlig normal. Ich erinnere mich auch gut an die langen Nachmittage im Prenzlauer Berg, der ja damals überhaupt noch nicht schick war. Wir sind über die Plätze gestromert, auf Dächern herumgeklettert….

Da hat sich ja viel geändert, nicht nur im Prenzlauer Berg. Kinder werden heute sehr viel mehr beobachtet, stehen mehr im Mittelpunkt.

Ja, auf Müttern, auf Eltern generell, lastet heute ein großer Perfektionsdruck. Ein Leistungsanspruch. Dabei haben wir haben ja in Deutschland heute zum Großteil gute Voraussetzungen, um ein Kind gut großzuziehen. Ich glaube nicht an die perfekte Kindheit, wichtig ist nur, Kind sein zu dürfen und sich geliebt zu fühlen. Ich glaube, Kinder brauchen das gar nicht, so wahnsinnig beschützt zu werden. Viel wichtiger ist, dass sie spüren: Die Großen haben Vertrauen in meine Fähigkeiten.

Haben Eltern zu viel Angst?

Ich glaube, zu viel Angst lähmt die Kinder. Ich bin zum Beispiel ein Mensch, der keine Angst davor hat, Fehler zu machen. Wenn etwas schiefläuft, na und, dann probiere ich es eben noch mal. Das verdanke ich meinen Eltern, denn sie haben mir immer zugetraut, dass ich meinen Weg schon machen würde. Weniger feste Erwartungen an Kinder, aber auch an sich selbst – ich glaube das würde den meisten Menschen guttun. An zu vielen Idealbildern im Kopf kann man ja nur scheitern.

Was haben Sie für sich noch aus Ihrer Kindheit mitgenommen?

Das Leben war wild, bunt, chaotisch, und das hat mich gestärkt. Mir beigebracht, mich in immer neuen Situationen rasch zurechtzufinden. Vor allem aber ist mir eine ganz starke Gemeinschaft in Erinnerung geblieben. Diese große Selbstverständlichkeit, über die Familie hinaus enge Verbindungen zu knüpfen. Das gibt einem Kind eine ganz andere Kraft, weil sich die Last der Erziehung auf mehrere Schultern verteilt. Bis heute habe ich diesen großen, warmen Pool von Menschen, die mir nahe stehen. Das habe ich immer als sehr reich empfunden.

Aber es muss doch vieles stimmen, damit ein Kind in einer Patchworkfamilie so glücklich aufwächst. Zum Beispiel, dass die Eltern trotzdem gemeinsam Verantwortung übernehmen, dass es wenig Eifersucht gibt…

Na klar muss viel stimmen, damit alle glücklich sind – aber muss es das in der klassischen Otto-Normal-Familie nicht genau so? Man kann doch unterschiedliche Modelle bauen, die das Leben mit Kindern tragen. Das kann im Kleinen funktionieren wie im Großen.

Als Kind der 80er Jahre gehören Sie zur „Generation Scheidungskind“. Es gibt Wissenschaftler, die sagen: Die Sehnsucht nach Beständigkeit, nach eigener Familie, nach Verbindlichkeit, wächst wieder, weil Menschen um die 30 da ein Nachholbedürfnis haben. Glauben Sie das auch?

Ich finde das zu simpel, solche gesellschaftlichen Trends aus der Kindheit her zu erklären. Mein Gefühl ist eher: Früher wurde die Vielfalt der Lebensformen erkämpft, heute kann sich jeder aussuchen, was ihm passt. Mein Traum zur Zeit wäre ein Häuschen im Grünen, vielleicht ein alter Bauernhof, denn ich war als Kind auch jedes Wochenende auf dem Land. Als Ergänzung zum Großstadtleben in Berlin. Das wäre für mich das beste aus beiden Welten. So stellt sich jeder das eigene Lebensmodell zusammen.

Das heißt, die klassische Familie, in der Papa Vollzeit arbeitet und Mama erst einmal zu Hause bleibt, ist einfach eine Option unter vielen?

Genau, ein solches Leben ist ja heute nicht mehr unausweichlich, das wählt man. Obwohl die Strukturen in Politik und Gesellschaft das konservative Modell schon befördern. Zum Beispiel, dass Frauen länger in Elternzeit gehen, weil der Mann der Hauptverdiener ist und man auf dessen Gehalt schlecht verzichten kann. Oder, wenn man sich Studien anschaut, wie ungerecht Hausarbeit bei Paaren mit Kindern verteilt ist nach wie vor – das ist schon krass.

Wer ist da gefragt – die Politik, oder die Köpfe der Menschen?

Das ist ein Zusammenspiel von beiden. Vor allem wenn es um Vereinbarkeit von Familie und Beruf geht, finde ich: Das muss dringend eine Elterndiskussion werden, nicht nur eine Mütterdiskussion, es geht doch schließlich auch um die Männer. Häufig bin ich ganz vor den Kopf gestoßen, wie über dieses Thema öffentlich geredet wird, denn das kenne ich aus meiner DDR-Herkunft anders. Mein Vater war ganz selbstverständlich an Hausarbeit und Erziehung beteiligt!

Sie reden offen über Ihre eigene Kindheit, über Ihre Ansichten zum Familienleben, aber Ihr aktuelles Privatleben schirmen Sie konsequent ab. Das persönlichste, das man auf Ihrer Facebook-Seite zu sehen bekommt, ist ein Weihnachtsbraten im Ofen. Warum?

Wenn man als Schauspielerin in der Öffentlichkeit steht, hat man nur zwei Optionen: die Tür ganz auf machen, oder ganz zu lassen. Ich habe mich für die zweite Möglichkeit entschieden. Auch, weil ich vor der Kamera gerne immer wieder in neue Rollen schlüpfe und Projektionsfläche für andere bin. Dass der Privatmensch Karoline Herfurth dahinter verschwindet, ist mir nur recht.

Die Frage nach Öffentlichkeit wird heute ja auch für Normalos immer wichtiger: In Social Networks kann jeder versuchen, zum Star zu werden.

Ich glaube, viele Leute machen sich keinen Begriff davon, wie transparent sie sich machen. Und dass das Netz kein kuscheliger, wohliger Ort ist. Ich würde jedem empfehlen, mal an einen belebten Ort zu gehen, zum Beispiel an den Alexanderplatz oder auf den Kudamm, sich ein paar hundert Leute anschauen, die da vorbeikommen und überlegen: Will ich wirklich, dass diese Menschen mein Baby ohne Windeln sehen? Und komme ich mit dem Feedback klar? Wer damit kein Problem hat, soll das ruhig tun. Sonst kann man das ja ganz gut dosieren, im dem man private Einträge nur in geschlossenen Gruppen teilt.

Können Sie diesen Drang nach Öffentlichkeit eigentlich verstehen?

Ich glaube, dahinter steckt einfach die Sehnsucht, gesehen und wahrgenommen zu werden. Die kann ich nachfühlen. Aber das kann kein Social Network der Welt leisten.