Meine Kinderbücher und ich: zum Vorlesen und Selbst-Lesen

Als ich mein erstes Kinderbuch schrieb, hatte ich noch nicht einmal Kinder. Aber ich war schwanger und hatte Lust auf eine Geschichte, die etwas über Freundschaft erzählt und über Loyalität, und in der manchmal Väter Butterbrote schmieren und Mütter Nachtschichten schieben, und die gleichzeitig etwas märchenhaft ist und auch nicht frei von Konflikten. Genau genommen so, wie sich das Familienleben später wirklich darstellte – aber das wusste ich noch nicht, als ich Mein Freund, der Drache 2006 bei Thienemann veröffentlichte (illustriert von der tollen Cornelia Haas). Als ich zwei Jahre später das zweite Kind erwartete, wusste ich schon eher, warum ich mir mein Thema ausgesucht hatte: Eifersucht zwischen Geschwistern, am Beispiel eines Elefantenmädchens, das am liebsten möchte, dass sein winzig kleiner Bruder einfach wieder verschwindet. Titel: Max Klitzeklein, illustriert von Susanne Dinkel.

Weil man sich als Mutter, als Eltern, machmal so fühlt wie die Protagonisten einer endlosen Serie mit verschiedenen Staffeln, freute ich mich dann auch sehr über das Angebot, eine kleine Buchserie über eine Mädchenfreundschaft zu schreiben. So wurden Lilli und Leonie geboren, zwei Drittklässlerinnen, die so verschieden sind – hier Patchwork, dort Vater-Mutter-Kind; hier Fußball spielen und St. Pauli, dort rosa Einhörner; hier Draufgängertum, dort Schüchternheit – , und trotzdem beste Freundinnen sind. Nach vier Bänden (erschienen zwischen 2010 bis 2011) wurde die Serie eingestellt, die Mädchen mag ich bis heute. Weil ich finde, dass weder Pink stinkt noch Schwarz, weder katholische Ehe noch Regenbogenfamilie, sondern weil Familienleben bunt ist und jede Lebensform ihren Platz hat. Jedenfalls: haben sollte.

Und ausgerechnet, als meine Kinder dann größer wurden, fing ich an, nochmal für ganz, ganz Kleine zu schreiben. Gemeinsam mit der Illustratorin Anna Karina Birkenstock entstanden zwei Bände der „Lesebären“-Reihe bei Thienemann, Vorlesebücher für Kinder ab drei. Meine Helden: Die Zwillinge Linda und Linus mit ihrem kleinen Baby-Bruder Mattis. Keine Vorzeigefamilie, bei denen alles glatt läuft, sondern eine Familie mitten aus dem Leben: ein bisschen chaotisch, immer irgendwie am Durchwursteln, manchmal am Rand ihrer Kraft, aber immer voller Liebe. Hier geht es zu „Bei Linda und Linus ist was los„, hier zum zweiten Band „Sommerspaß mit Linus und Linda.“ Der erste Band erschien 2016, der zweite 2017.

Neues aus der Schreibwerkstatt

Im Moment – Sommer 2017 – schreibe ich an einem neuen Roman. Das hier ist der Anfang.

I

Am siebten Morgen fing es an. Das Abrutschen, Absacken, die fast unmerkliche Schieflage.

Zunächst dachte Anna sich nichts weiter dabei und schrieb ihr Schwindelgefühl dem Haus zu, einem alten Haus, hineingebaut in den Steilhang von Taormina. Die Schlafzimmer ihrer Ferienwohnung waren düster, fensterlos und dem Berg zugewandt, nur die Terrasse eröffnete einen Seitenblick aufs Mittelmeer. Dieser Blick, der ins Bodenlose stürzte, über Sträucher, Terrassen, weiter unten über einen ungepflegten Fußballplatz, bis er in der Tiefe auf blau schimmernde Unendlichkeit prallte, die sich horizontlos mit dem Morgenhimmel verband. Dazu dieses wild wuchernde Grün auf Balkonen und über Grundstücksgrenzen hinweg. So als wäre die Natur bereits dabei, stillschweigend wieder einzunehmen, was Menschen ihr abgetrotzt hatten. Als würde die Natur heimlich eine lebendige Stadt in eine überwucherte Ruinensiedlung verwandeln, Zentimeter für Zentimeter, nachts vielleicht, wenn alles schlief.

Und dann dieser Duft, jeder Atemzug eine Mischung aus scharfem Putzmittel, Knoblauch und überreifen Orangen, der Anna schon bei der Ankunft vor einer Woche hatte schwindlig werden lassen. Weil er sie in jenen Frühling vor zwölf Jahren zurückversetzte, in dem die Insel beim Landeanflug vor ihr gelegen hatte, rosa und weiß geschmückt wie eine Hochzeitstorte. Und noch weiter zurück, in die süße, sorglose Zeit, in der ihr Leben noch in einen Campingrucksack gepasst hatte und ihre übersichtliche Zukunft auf ein Busticket aus Pappe.

All das zusammen war Grund genug, um ein wenig aus dem Tritt zu kommen, beschloss Anna. Wenigstens für eine Frau ihres Alters. Und vielleicht auch das dritte Glas Nero d’Avola vom Vorabend.

Aber der Gedanke war kein Trost.

Sie nippte am lauwarmen Milchschaum in ihrem Glas und warf einen prüfenden Blick auf ihre Kinder. Bruno sägte konzentriert an einem Stück Käse, die Haare am Hinterkopf aufgestellt, in jeder Bewegung Bereitschaft, es mit dem neuen Tag aufzunehmen. Um so mehr schien Judith zu spüren, dass etwas Seltsames vor sich ging. Sie starrte mit offenem Mund und ölig schimmernden Augen auf die Mosaiksteinchen des Esstisches, die eine gelb leuchtende Sonne bildeten, knabberte lustlos an einem Panino, und forderte mit künstlicher Babystimme einen Platz auf dem Schoß ihres Vaters. Jo ließ es zu, mit diesem Blick, den er nur für seine Tochter reserviert hatte, für diese Momente, in denen sie ihre Kleinkinderkarte ausspielte, den Prinzessinnentrumpf. Genervte Liebe, liebevolle Genervtheit.

„Erinnerst du dich, was ich gestern erzählt habe? Weißt du noch, was ein Amphitheater ist?“, fragte er sie. Judith verweigerte die Antwort, schob schmollend die Unterlippe vor und versuchte sich auf seinem Schoß zusammenzurollen. Katzenhaft stieß sie ihr Köpfchen gegen Jo, als könnte er sich auf Befehl ausdehnen auf alte Größenverhältnisse, zu einem Vater werden, auf dessen behaartem Unterarm sie in voller Länge Platz fände, so wie als Neugeborenes.

Jo schwieg, insistierte weder auf einer Antwort noch führte er seinen Vorschlag weiter aus, und Anna wusste, warum. Wenn Judith in dieser Stimmung war, dann war sie für keinen der halbherzigen Tagespläne zu begeistern, die sie gestern abend besprochen hatten, nachdem Judith und ihr jüngerer Bruder schliefen. Keine griechischen Theater, keine Bootsfahrten, keine Bergdörfer.

Zehn Jahre war sie, bald elf. Ein kleines Mädchen mit einer großen Seele, die häufig mehrmals täglich zwischen den Extremen pendelte, sie mal beinahe zu einer jungen Frau mit eigenständigen Gedanken machte und mal zu einem Kleinkind. Vor allem in den Morgenstunden war sie klein, wenn sie zu ihren Eltern unter die Decke schlüpfte und mit ihren Füßen nach einem Nest in Jos oder Annas Kniekehlen suchte. Dieses Kind, das von früh an damit beschäftigt gewesen war, Welten zu entwerfen und zu bevölkern, und das manchmal erschöpft zu sein schien von der Stimmenvielfalt in seinem schmalen Schädel. Ein Kind, für das die Zahl fünf blau war und die Zahl zwei gelb, das sich nach Jahren an Aufschriften von Zuckertütchen in Ausflugscafés erinnerte, aber jeden Tag vergaß, was „die Rechnung, bitte“ auf italienisch hieß.

Noch immer ruckelte sie sich auf Jos Oberschenkeln zusammen, so eng, wie ihr Körper es zuließ, und wieder einmal bemerkte Anna erstaunt, wie kurvig sie schon wurde, wie rund ihr Po und ihre Hüften, wie schmal ihre Taille. Dabei war sie eine der kleinsten in ihrer Schulklasse, so, als könnte nicht nur ihr Geist, auch ihr Körper sich nicht entscheiden, was er sein wollte, Kind oder Frau. Ganz die Mutter, nur ohne die Spuren, die Jahre, Schwerkraft und Schwangerschaften hinterlassen hatten. Anna war beinahe sicher, dass auch Judith heute dieses innere Rutschen spürte und ähnlich daran litt wie sie selbst. Nur, dass sie es noch viel weniger hätte benennen können.

Vielleicht waren sich Mütter und Töchter immer ein wenig zu nah, Kontinente, deren Platten in der Tiefe aneinander schabten, sich verhakten, Gebirge aufwarfen, das innerste nach außen beförderten. An Tagen wie heute, das wusste Anna, zog Judith sich langsamer, schwerfälliger an. Brach in Tränen aus, weil ihr nichts zu gelingen schien. Starrte hungrig auf üppig gedeckte Frühstückstische und fand doch nichts, das ihr schmeckte.

Währenddessen hatte sich Bruno bereits mühsam zwei Stücke Käse abgeschnitten, schob sie sich in den Mund und zeigte beim Kauen unbekümmert seine neue Zahnlücke unten links. Sie beneidete ihren Sohn um diese leichte Unempfindlichkeit, die sein Leben vom ersten Tag an einfacher gemacht hatte als das ihrer Tochter und ihr eigenes.

„Ich bin wach“, das war einer seiner ersten kompletten Sätze gewesen, die er als Zweijähriger morgens erwartungsvoll in den langen Flur ihrer Hamburger Altbauwohnung gerufen hatte. Mehr Nestflüchter als Nestsucher, einer, der die Wärme besser speichern konnte als seine Schwester und sie in etwas eigenes, anderes verwandelte. Auch heute war Bruno immun gegen die vage weibliche Weinerlichkeit am Tisch, plapperte vor sich hin, sprang in seiner Erzählung von der letzten Klassenkonferenz zu einem Schnorchel, den er in einem Laden an der Uferstraße gesehen hatte, zwischen dem Imbiss, gegenüber dem Eingang zu einem exklusiven Strandclub, dessen Schild von verblasster Grandezza kündete. „Nur zehn Euro kostet der, der ist ganz toll, Mama, ich geb’s dir von meinem Taschengeld, ehrlich. Können wir bald los, Mama, ja?“

Anna wartete, dass der Espresso seine Wirkung tat, wartete vergeblich, und plötzlich wusste sie, dass sie und ihre Tochter sich heute besser aus dem Weg gehen würden, um sich nicht gegenseitig noch weiter den Boden unter den Füßen wegzugraben. Sie beide brauchten Rettung, und Anna wusste, wo die zu finden war. Judith brauchte ihren Vater. Sie, Anna, brauchte ihren Sohn.

Mit Bruno an den Strand gehen, an den billigen, öffentlichen Teil, zwei Sonnenliegen mieten, ein Wassereis kaufen, heimlich die operierten Brüste der Russin neben ihnen anstarren, die chinesischen Masseurinnen vertreiben, die die letzten Badegäste mit ihrem penetranten „Massagio!“-Angebot nervten, fahrende Marketenderinnen in einer globalisierten Welt. Der samtige Rücken eines Sechsjährigen, sein glucksendes Lachen, die Ernsthaftigkeit, mit der er alleine die Strandtasche bewachte, wenn sie, seine Mutter, auf dem Weg war zur Toilette in der Strandbar. Diese harmlose, leicht verstaubte Mischung aus Bildern mit dem Gelbstich alter Fotoabzüge und in die Jahre gekommener Kinokomödien würde sie heute zurückbringen auf festen Grund, während sich Jo besser Judiths seltsamer Stimmung annehmen konnte. Vielleicht, in dem er sie bei einem Bummel über den Corso in einen Buchladen führte oder einfach mit neuen Geschichten zudeckte. Den Abenteuern der Argonauten, der Herr-Der-Ringe-Saga, alles war recht, so lange es episch war und verschlungen.

Jo war die Art Mann, die an einem anderen Ort und zu einer anderen Zeit der Barde gewesen wäre, der fahrende Sänger. Er erzählte, so wie Musiker improvisierten, selbstvergessen, genussvoll, und nie zwei Mal mit den gleichen Formulierungen. Vor Jahren hatte er auch sie förmlich hineingequatscht in die Liebe. Aber seitdem die Kinder da waren, hatte er seine Worte umverteilt. Meistens war sie nur noch Zaungast seiner Erzählungen. Beide geizten sie mit ihrer Zeit, horteten sie eher jeder für sich als füreinander, als hätten die Jahre ihrer Ehe mehr davon verbraucht, als ihnen eigentlich zustand.

Anna und Jo tauschten einen Blick wortlosen Einverständnisses, und sie hob die Hand über dem Frühstückstisch, um ihrem Mann die behaarte Wange zu streicheln. Seitdem er sich einen Bart stehen ließ, sah er gleichzeitig jünger aus, so wie seine Agenturkollegen mit ihren extraschmalen Kinderjeans, und älter, wie ein moderner Homer mit wässrigen, kurzsichtigen Augen hinter der modischen schwarzen Brillenfassung. Sie fragte sich, ob dieser neue Bart Jos Eingeständnis von Angst war, oder seine Antwort darauf. Eine Demutsgeste vor den 30jährigen Neueinsteigern, die seine Söhne hätten sein können, theoretisch wenigstens, von denen er in der Hierarchie der Firma aber nicht weit genug entfernt war, um die Vaterrolle auszufüllen. Ob auch er das Gefühl kannte, wenn sich der Boden unter den eigenen Füßen unmerklich neigte. Sie nahm sich vor, ihn am Abend zu fragen, verwarf den Plan aber gleich wieder. Diese Blase, die sie beide ihr Leben nannten, und die aus Zwei-Jahres-Verträgen und mündlichen Zusagen bestand, dieser fragile Wohlstand war zu empfindlich, um daran zu rühren.

„Bist du denn schon im Bad fertig, Bruno?“, fragte sie.

Romane von Janna Hagedorn

Janna Hagedorn? Wer ist denn jetzt diese Janna Hagedorn? Das könnte man philosophisch beantworten: Ich ist ein anderer. Oder einfach ganz simpel: Verena Carl und Janna Hagedorn sind ein und dieselbe Person. Sie schreiben nur ganz unterschiedliche Bücher. Finden beide.

Wie das passieren konnte? Ganz einfach. Nachdem Verena Carl zwischenzeitlich ein wenig die Faxen dicke hatte von literarischem Anspruch, hatte sie eine Idee für einen richtig süffigen Chicklit-Roman nach dem Muster: Yoga meets Bridget Jones. Aber als „Mantramänner“ dann fertig war, stellte sie fest: nee. Die passen nicht zu diesem Namen. Da wohnt eine zweite Seele in meiner Brust, die anders denkt und anders schreibt. Die vielleicht lustiger, unbekümmerter und romantischer ist als die gute alte Verena. Was tun? So wurde Janna Hagedorn geboren – nicht ganz anders, aber doch nicht dieselbe. Aus Verenas zweitem Vornamen und Verenas Ehenachnamen (denn Carl heißt sie eigentlich seit 2004 schon gar nicht mehr).

Janna Hagedorn schrieb also eine Yoga-Romanze, erschienen 2011. Danach dann die Geschichte von zwei Frauen, die sich in einem abgewrackten Wellnesshotel an der Nordsee begegnen und nicht gemeinsam haben außer dem Alter – 40! – und, wie sich dann herausstellt….aber nein, kein Spoiler bei dieser Art von Roman. „Friesenherz“ (2014) ist jedenfalls eine Geschichte über ganz unterschiedliche Lebensentwürfe in der Lebensmitte, und wie man, verdammt noch mal, in seinem Garten bleiben und doch an das grünere Gras auf der anderen Seite des Zaunes kommen kann. Und dann, weil Janna (und Verena) das Wendland in Niedersachsen so lieben, folgte 2016 noch „Elbe aufwärts“  – da wird eine einigermaßen zynische Ex-Chefredakteurin in Zeiten der Print-Krise in die Wüste geschickt, versucht, ausgerechnt im Öko-Biotop ein Edel-Landrestaurant aufzumachen, scheitert natürlich krachend, aber findet möglicherweise die Liebe, oder auch nicht. Mehr wollen wir an dieser Stelle nicht verraten. All diese Romane sind im Diana Verlag erschienen.

Was Janna Hagedorn zur Zeit macht? Nichts. Schlafen. Vielleicht irgendwann wieder aufwachen – who knows? Im Moment hat gerade wieder Verena Carl übernommen. Aber, keine Sorge: Die beiden verstehen sich blendend.

Romane von Verena Carl

Mein Parallel-Leben als Schriftstellerin begann so etwa im Jahr 1997, als ich verdutzt eine Poetry Slam-Bühne in München hochstolperte, um mir eine Flasche Whisky abzuholen – der Hauptpreis für meinen 10-Minüter am Mikrofon, gemessen an der Lautstärke des Applauses. Den Inhalt habe ich verdrängt, irgendwas über starke Frauen und unerwiderte Liebe, was einen halt so umtreibt als 20-something. In diesen Jahren habe ich es einfach genossen, frei von „immer an den Leser denken“-Parolen und „Das versteht die Leserin nicht!“-Geboten meinem Spaß am Text und an schönen Worten freien Lauf zu lassen. Ein Gegenprogramm zu den Reise- und Frauenmagazinredaktionen, für die ich damals arbeitete. Gewonnen habe ich den Slam bei weiten nicht immer, manchmal wurde ich auch von der Bühne gebuht, aber bin dennoch immer wieder auf die Spielwiese zurückgekehrt neben meinem Job als Journalistin. Nachdem ich noch im alten Jahrtausend ein Jugendsachbuch über Flirten im Internet geschrieben hatte (es hatte den damals ungemein hippen Titel „Herzklopfen im Cyberspace“ und verstieg sich zur kühnen Behauptung, das Internet sei eh nur so eine Phase) ermunterte mich meine sympathische Lektorin bei dtv junior, es mal mit einem Jugendroman zu versuchen, der dann schließlich aus verschiedenen Gründen doch im Erwachsenenprogramm landete. „Lady Liberty“ war also streng genommen mein Debüt im Jahr 2001 – natürlich eine Liebesgeschichte, natürlich im Poetry Slam-Milieu – , und wurde später vom Thienemann Verlag in aktualisierter Fassung unter dem Titel „Der Himmel über New York“ erneut herausgebracht, diesmal tatsächlich in einer Jugendbuchreihe, in die es auch gehört.

Mein erstes Hardcover erschien 2002 unter dem Titel „Eine Nacht zu viel“ bei Marion von Schröder – die Geschichte einer lebensverändernden Begegnung zwischen einer schüchternen Studentin und einem abgehalfterten Reisejournalisten, die gemeinsam in einem Bergdorf eingeschneit werden und die Nacht Sheherazade-artig mit Reden, Erzählen und Geständnissen verbringen, die immer mehr an die Substanz gehen.

2007, zehn Jahre nach meinem ersten Poetry Slam, brachte Eichborn mein Roman „Irgendwie irgendwann“ heraus, die Geschichte einer Kindheit und Jugend im friedensbewegten und katastrophenängstlichen Freiburg der 80er Jahre – diese Kulisse ist autobiographisch, die obsessive Liebe einer 13jährigen, die nicht so richtig weiß, ob sie sich eigentlich nach einem Vater sehnt oder nach einem Liebhaber, ist es nicht. Weil mir die Kombi aus dem Geist eines Jahrzehntes und dem Geist eines Ortes so gut gefiel, wilderte ich zwei Jahre später nochmal in meiner eigenen Biographie, das Ergebnis war „Wer reinkommt, ist drin“ – diesmal die Geschichte zweier Studentinnen, die sich in den 90er Jahren in München eine WG teilen und sehr genaue Vorstellungen vom Leben haben. Nur, dass das Leben sich einen Spaß daraus macht, jeder genau das Gegenteil von dem zu schenken, das sie sich wünscht. Ein geplanter dritter Teil – angesiedelt in Hamburg in den Nuller Jahren – kam nie zustande, weil der Verlag damals nach turbulenten Monaten der Insolvenz verkauft wurde, was zu einigen Umstrukturierungen führte. Schade, ich hätte gerne einen Schuber mit drei Bänden gehabt. Stattdessen verlegte ich mich in den darauf folgenden Jahren zur Abwechslung auf rein unterhaltsame Frauentitel, bastelte mir aus meinem Ehe-Nachnamen und meinem Vornamen einen zweiten Autorennamen und versuchte mich – durchaus erfolgreich – im ChickLit-Genre, Unterabteilung „40-somethings.“

Bis ich merkte, dass ich mich zu alt fühlte für einfach Happy Ends und die Art von Konstruktion, die nicht die Welt im Innersten zusammenhält, sondern nur jeden beliebigen 90-Minüter im TV-Programm. Und alt genug für mehr: mehr Gedanken, mehr Genauigkeit, mehr Liebe zur Sprache. Was dann geschah? Was wohl: Ich begann mit einem neuen Roman. Fand einen wunderbaren, literarischen Verlag dafür. Dazu an dieser Stelle bald mehr – man soll ja immer beim Cliffhanger aufhören….

Was die Presse über meine Romane schreibt, können Sie hier nachlesen.

 

Referenzen – das waren und sind meine Auftraggeber

Im Laufe eines journalistischen Lebens, das nun schon über 20 Jahre währt, habe ich für so einige Magazine, CP-Projekte, Websites und Zeitungen geschrieben. Ein Überblick:

Gruner & Jahr:

ELTERN-Magazin

ELTERN family

Brigitte

Brigitte WOMAN

Barbara

NEON

NIDO

Jahreszeiten Verlag:

PETRA

Für Sie

MERIAN

VITAL

Bauer Verlag:

Alles für die Frau

Laura

MYWAY

Conde Nast:

MYSELF

Burda:

freundin

freundin DONNA

Fit for Fun (Milchstraße)

Tageszeitung:

Münchner Abendzeitung

Hamburger Abendblatt

Corporate Publishing/Fachmagazine:

Werben & Verkaufen

Rulebreaker Magazine

PASST! (Bauhaus)

Arlberg Magazin

Relais & Châteaux

Website:

Spiegel Online

 

 

 

 

Übermütter: Warum mir Mamas mit Missionsdrang unheimlich sind

Wenn Frauen Babys bekommen, ist das eine schöne Sache. Wenn sie sich deswegen für bessere Menschen halten, eine schwierige. Und spätestens, wenn sie sich selbst zu Mutter-Göttinnen erklären, finde ich: Mama, komm mal wieder runter! So habe ich es in der BRIGITTE im Rahmen der „Geht das nur mir so?“-Kolumne beschrieben – im Frühjahr 2017

 Am Anfang war das T-Shirt. Ich sah es zum ersten Mal vor einigen Jahren in einem besseren Hamburger Viertel, und ich hielt es für einen Witz. Einen von der feinen, selbstironischen Art. Das T-Shirt spannte sich über einem athletischen Schwangerschaftsbauch am Nebentisch im Café, und mitten drauf prangte das Wort „Göttin“. In Glitzerbuchstaben. Das fand ich lustig, denn das kannte ich auch: dass man als werdende Mutter in begeisterte Schnappatmung verfällt, wenn der eigene Körper auf einmal nicht nur Enzyme, Abluft und einen Zentimeter Haarlänge pro Monat produziert, sondern einen komplett neuen Menschen. Gleichzeitig ist der gelinde Schwangerschaft-Größenwahn ein bisschen albern. Als hätte man die Weltformel gefunden und nicht einfach nur ein Baby im Bauch. Was ich nicht ahnte bei meiner ersten Begegnung mit dem göttlichen T-Shirt: Die meinen das ernst. Und das war erst der Anfang.

Seitdem habe ich nämlich zunehmend das Gefühl: Frauen werden nicht einfach Mutter, sie erhöhen ihren Status. Und den muss man zelebrieren, kommunizieren und absichern. Eine „Baby Shower“, bei der die Freundinnen kurz vor der Geburt Geschenke vorbeibringen und alkoholfreien Prosecco servieren? Total Nuller Jahre. Mittlerweile gibt’s vorher noch die „Gender Reveal Party“, bei der vor der anwesenden Peergroup feierlich verkündet wird, ob’s ein Junge wird oder ein Mädchen. Mit Oh und Ah und farblich passenden Cupcakes. Andere Schwangere – wenn auch wenige – bringen ihre Kinder sprichwörtlich mutterseelenallein auf die Welt, ohne Arzt, ohne Hebamme, am liebsten im Wald und auf der Heide. Danach bloggen sie weltöffentlich von der göttlichen Kraft, die sie bei der „Alleingeburt“ durchströmt hat. Dass Mutter Natur es nicht immer nur gut meint? Kommt in den weiblichen Allmachtsphantasien eher nicht vor. Einen weiterer Höhepunkt war neulich auf Facebook & Co zu sehen: Kaum freuten sich Leute, dass das Jahr 2016 endlich vorbei ist, mit Terror und Katastrophen, hagelte es prompt Kritik von Frauen, die in dieser Zeitspanne ein Baby zur Welt gebracht hatten. Tenor: Wer 2016 am liebsten in die Tonne treten will, beleidigt damit mein Kind, vor allem aber mich und meinen Körper. „Weil der nämlich Großartiges geleistet hat!“ Zitat Ende.

Dabei hat der Hang zur Selbst-Vergöttlichung eigentlich einen positiven Hintergrund. Kind oder nicht Kind, das ist heute in erster Linie eine private Entscheidung. Der Körper kommt mit Special Features zur Fortpflanzung daher, aber ob man die nutzt oder nicht, ist grundsätzlich jedem selbst überlassen. Gut so. Ende der Geschichte. Oder auch nicht, denn da kommt ins Spiel, was Sozialwissenschaftler als „Kognitive Dissonanz“ bezeichnen: Wenn ein Schritt nicht selbstverständlich ist, sondern wählbar, dann sucht man umso dringender nach Bestätigung, wenn man ihn gegangen ist. Umgibt sich mit Menschen, die bestätigen, das Gras auf dieser Seite des Zaunes sei unzweifelhaft grüner und die Heiligenscheine leuchteten heller. Das ist menschlich und verständlich. Aber auf die Dauer nervt es. Wenn sich Mütter offensiv für bessere Menschen halten, werten sie damit andere ab, freiwillig oder unfreiwillig Kinderlose. Und wohin Narzissmus führt, sehen wir derzeit jeden Abend im TV an den Führungsfiguren der freien und weniger freien Welt. Vielleicht können wir uns auf folgendes einigen: Entweder Mütter sind doch keine Göttinnen, oder wir sind es alle. Wie Yoga-Jünger gerne zur Begrüßung sagen: „Das Göttliche in mir grüßt das Göttliche in dir“. Und nein: Damit ist in dem Fall kein Baby gemeint.

 

Die Ippenburg bei Osnabrück: eine märchenhafte Geschichte

Als junge Frau verliebte sich Viktoria von dem Bussche in einen Schlossherren, aber nicht in sein Schloss. Also entschied sie: Das muss zuwuchern. So begann die märchenhafte Geschichte der Gärten von Schloss Ippenburg – happy End inklusive. 2013 hat sie mir fürs MERIAN-Magazin ihre Lieblingsecken gezeigt – vor allem den Garten

 

Es war einmal ein Mägdelein, das wuchs auf in einem großen Garten. Dort säumten die Himbeeren den Weg zur Viehweide, die Erdbeeren standen in geraden Reihen, dass es eine Freude war, und manchmal, wenn ein leiser Wind über die Rabatten strich, dünkte es ihr, dass die Pflanzen mit ihr sprachen: die Löwenmäulchen und die Akelei, der Birnbaum und der Mohn. Als sie zur Frau erblüht war, geschah es, dass ein junger Freiherr um ihre Hand anhielt. Der war stattlich und charmant, doch seine Familie lebte in einem düsteren Schloss, wo rings umher nichts wuchs als Rasen und Rhododendron.

Klingt wie der Anfang eines Märchens, doch das alles gibt es wirklich. Den Mann, das Schloss, und selbstverständlich auch die Hauptfigur: Viktoria Freifrau von dem Bussche, Mutter von vier Kindern und sechs Enkeln. Eine attraktive, drahtige Erscheinung mit blitzenden grünen Augen, farblich passend zu Gummistiefeln und Steppweste. Aufgewachsen auf einem Gutshof in der Lüneburger Heide, seit bald vierzig Jahren verheiratet mit Philip vom dem Bussche, Freiherr zu Schloss Ippenburg. Ein neogotischer Prachtbau, ein norddeutsches Neuschwanstein, eine Art Kreuzung aus Edgar-Wallace-Filmkulisse und dem Harry-Potter-Internat Hogwarts.

Die Familiengeschichte der von dem Bussches ist nicht minder imposant, eine Art Who is Who mitteleuropäischer Geschichte. In der Chronik wimmelt es von Geheimräten, Kammerjunkern und Ministern, von Verbindungen zu den Königshäusern von Preußen und Hannover. Im Jahr 1390 kaufte Ritter Johann von dem Bussche eine Burg in der Hunte-Niederung und baute sie zu einer Festung aus. Im 18. Jahrhundert wurde das alte Gemäuer durch ein Barockschloss ersetzt, wieder 130 Jahre später durch den heutigen Bau mit seinen Türmchen und Erkern.

Das Drumherum interessierte die von dem Bussches über lange Zeit allerdings herzlich wenig. Gärten à la Sanssouci? Fehlanzeige. Gemüse- und Blumenbeete? Mal mehr, mal weniger. Denn die Schlossherren weilten häufig als Politiker in Berlin oder Generäle im Feld, und hatten anderes im Sinn als Dahlien und Borretsch. Viktoria vom dem Bussche erinnert sich, wie sie 1978 kurz vor der Geburt ihres zweiten Sohnes Viktor im Schloss einzog: „Das war mir alles zu grau, zu düster. Ich dachte: Das muss zuwuchern.“ Und so begann ihre persönliche Dornröschen-Geschichte, unter umgekehrten Vorzeichen.

Nicht nur das Gebäude selbst war einschüchternd für die junge Freifrau, auch die Nähe zur Familie ihres Mannes nicht ohne Probleme. „Wir lebten unter einem Dach mit meinen Schwiegereltern. Tolle Leute – aber anstrengend. Ich fühlte mich die ganze Zeit wie auf dem Präsentierteller.“ Dazu kam eine sportliche Familienplanung: vier Kinder in fünf Jahren. Schön, aber auch ganz schön stressig. Was lag näher für ein Landkind, als sich draußen ein eigenes Reich zu schaffen? „Der Garten war mein Druckausgleich“, sagt sie.

Dabei fielen die ersten Versuche eher bescheiden aus: mickrige Triebe, enttäuschende Rosenblüten. Doch so schnell gab sie nicht auf. Den magischsten Ort im Schlosspark entdeckte sie im Sommer nach Viktors Geburt: einen alten Obst- und Gemüsegarten, verborgen hinter mittelalterlichen Mauern. Das Glashaus war von Brennnesseln und Weinranken überwuchert, Tontöpfe zerbrochen, und hinter einer Tannenbaumschonung standen knorrige Pfirsichbäume. Auf dem Boden der Humus von 600 Jahren. Die ideale Grundlage für das Projekt „Küchengarten“. Fürstliches Taschengeld für die Kinder war ebenfalls auf Jahre gesichert. „Für eine Stunde Jäten oder Umgraben gab es 50 Pfennig“, erinnert sich Viktor von dem Bussche schmunzelnd.

Und so hätte sie weitergehen können, die Geschichte vom Landkind, das nie im Schloss leben wollte und sich stattdessen sein magisches Open-air-Reich schuf. Aber zu einem echten Märchen fehlt noch etwas: eine Krise, ein Kampf mit dem Drachen. Die Rolle des Drachen übernahm der Finanzberater der von dem Bussches. Der sagte eines Tages mahnend zu Philip: „Für das Geld, das Ihre Frau für Pflanzen ausgibt, können Sie ihr jede Woche ein Ticket nach Paris buchen. Dort kann sie sich ja einen Blumenstrauß kaufen.“ Aber da kannte er die rebellische Freifrau schlecht: „Ich wollte keinen Blumenstrauß aus Paris! Ich wollte meinen Garten!“ Die rettende Idee: ein Event für Besucher und Aussteller. Zur Vorbereitung sah sie sich Schauen in Großbritannien und den Niederlanden an, und lud schließlich im Sommer 1998 zum ersten „Ippenburger Schloss- und Gartenfestival“. Um ihre Leidenschaft weiter zu finanzieren, aber auch mit einer gehörigen Portion Besitzerstolz: „Wenn man etwas so Schönes geschaffen hat, muss man es auch zeigen!“ Dass gleich im ersten Jahr 10.000 Gäste kamen, damit hätte wohl keiner gerechnet. Schon gar nicht der Finanzberater.

15 Jahre später ist aus dem zarten Pflänzchen ein imposantes Gewächs geworden: ein großes, öffentliches Gartenfest im Sommer, mit Ablegern im Frühjahr und Herbst. Die bekannte Berliner Gartenbauarchitektin Cornelia Müller lud im Expo-Jahr 2000 zu einem Wettbewerb für Garten- und Landschaftskunst auf dem Gelände, Silvan Luth, Handwerker und Künstler aus dem nahen Ort Bad Essen, steuerte surreal-poetische Installationen für die Schauen bei. Sein einsamer Briefkasten auf einer Insel im Schlossgraben fällt sofort ins Auge, wenn man das Gelände betritt. 2010 war Ippenburg schließlich Teil der niedersächsischen Landesgartenschau. Woher kommt die große Anziehungskraft der Festivals? „Wir leben in einer virtuellen Welt“, sinniert Viktoria von dem Bussche, „die Menschen haben eine große Sehnsucht nach etwas Greifbarem, Haptischem, nach Sinnlichkeit.“ In Ippenburg heißt das: durch Labyrinthe irren, ins Rosarium hineinschnuppern, in historischen Schaugärten auf Zeitreise gehen, in der Wasserlandschaft Flöße bauen. Und dann ist da natürlich der prachtvolle Küchengarten: mit Pastinaken und Borretsch, eigenem Bienenstock, Dahlien und Zinnien, seltenen Gemüsesorten wie Kartoffeln vom Typ „Blue Kongo“ oder Rübchen vom Typ „Carotte blanche des Vosges.“

Hier ernten Spitzenköche wie Thomas Bühner vom Osnabrücker Drei-Sterne-Restaurant La Vie. Und hier hat auch Emma ihr eigenes Beet. Das ist die älteste Tochter von Viktor und seiner israelischen Frau Deborah. Anders als ihre Großmutter (genannt „Nonna“) ist sie nicht nur gerne Nachwuchs-Gärtnerin , sondern auch gerne Prinzessin, liebt selbst genähte Kleidchen und ihr Kinderzimmer mit den zartrosa Wänden. „Wenn ich fünf bin, ziehe ich in ein Schloss und bekomme einen Hund“, das hat sie ihren Kindergartenfreunden erzählt. Hat keiner geglaubt, aber genau so ist es gekommen. Seit Frühjahr 2013 wohnt die ganze Familie auf dem Schloss: Emma, ihre Eltern und Geschwister, und ein Parson Russell-Terrier namens Buddy. Nach einigen Jahren in Berlin hat Viktor von dem Bussche die schlosseigene Landwirtschaft übernommen, mit Schweinezucht, Mais, Zuckerrüben und Wald. Ein lässiger Großgrundbesitzer, von den locker geschnürten Boots und dem Lederflickenjackett bis zum trendigen Vollbart.

Im Lauf der nächsten Jahre sollen er und seine Frau außerdem in die Organisation der Gartenschauen einsteigen. „Ich habe das Festival geschaffen, aber was die Zukunft betrifft, bin ich komplett unsentimental“, beteuert Viktoria von dem Bussche. „Ich gebe die Organisation ab, wenn ich sicher bin, dass meine Nachfolger die Qualität der Veranstaltung garantieren können. Das kann ein paar Jahre dauern, beginnt aber sofort.“ „Meine Mutter arbeitet hart daran, loszulassen“, so sagt es der Sohn, „davor habe ich den größten Respekt.“

Dazu gehört auch, dass Viktoria und Philip aus dem Schloss auszogen, als die junge Familieb nennt sie das mit sympathischem Understatement. Währenddessen räumen Sohn und Schwiegertochter im Schloss mit den Bausünden der Vergangenheit auf: beige Wandfarbe aus den 20er Jahren und abgehängte Decken aus den 70ern entfernen, Deckenmalereien freilegen, die Sauna aus der Küche mit den Delfter Kacheln aus dem 16. Jahrhundert hinauswerfen.

Und Viktoria von dem Bussche hat jetzt einen neuen Lieblingsplatz. Wenn sie an der Glasfront ihrer neuen Terrasse steht, ist sie glücklich wie ein kleines Mädchen: „Jahrzehntelang habe ich aus jedem Fenster auf den Schlosspark geschaut. In meinem neuen Haus sehe ich endlich wieder Land – Trecker, Felder, Wiesen. Wie in meiner Kindheit.“

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann gärtnern sie noch heute.

Ahrenshoop: Leben mit der Kunst

Vor 120 Jahren entstand die Ahrenshooper Künstlerkolonie, zwischendrin fiel die Schöne auf dem Fischland vorübergehend in einen Dornröschenschlaf. Bis eine Reihe von Menschen mit Leidenschaft für Kunst und Kultur sie wieder wachküsste. 2014 war ich dort und habe für MERIAN diesen Text geschrieben

 Manchmal liegt das Paradies ganz nah. Manchmal muss man nur einen Hügel überqueren, um an den Ort zu kommen, an dem alles stimmt: die Farben, das Licht, die Inspiration. Manchmal muss man aufbrechen, um Heimat zu finden.

So etwa muss er gedacht haben, der Berliner Künstler Paul Müller-Kaempff, als er im Jahr 1889 mit einem Malerfreund von seinem Urlaubsort Wustrow zu einem Spaziergang am Ostsee-Hochufer aufbrach und ein paar Kilometer weiter nördlich, hinter einer Anhöhe, auf ein verwunschenes Fischerdorf stieß. Die See auf der einen, der Bodden, das salzärmere Binnengewässer, auf der anderen Seite der schmalen Halbinsel, wie zwei riesige Spiegel, die das Licht reflektierten. Dünen und bunte, schilfgedeckte Katen, knorrige, vom ständigen Wind geformte Bäume, großäugige Kühe, Fischer, die am Strand ihre Netze flickten – ein Ort wie geschaffen für den Kunst-Zeitgeist des späten 19. Jahrhunderts. Denn der hieß: Raus aus den Städten, rein in die Natur, mit Hilfe von Leinwand, Palette und Klappstaffelei das Licht einfangen. So wie es die französischen Kollegen im Dorf Barbizon vorgemacht hatten.

Ahrenshoop, das war die norddeutsche Antwort auf Barbizon. Zwar hatten schon Künstler vor Müller-Kaempff die besondere Stimmung des Ortes auf Gemälde gebannt. Aber er war es, der kam, sah und blieb. Geistes- und Geschäftsmann zugleich, gründete er die „Malschule St. Lucas“ („Vollpension und Malunterricht 100 Mark monatlich“), eröffnete die erste Pension, machte den Ort zum Anziehungspunkt sowohl für seine Künstlerfreunde als auch für Höhere Töchter mit kreativen Ambitionen. Und schuf damit eine Verbindung, die bis heute prägend ist für den schmucken Ort an der Grenze zwischen Fischland und dem Darß: Kunst und Tourismus. Ausstellungen und Auktionen locken ein gebildetes und gut betuchtes Publikum. Tendenz: Lieber Gucci als Gummistiefel, lieber „Trilogie vom Seefisch“ als Heringsbrötchen. Kenner kommen im Mai oder im milden Oktober, nicht im August, wenn sich Tagesgäste in solchen Massen über die Dorfstraße ergießen, als wär’s eine Mai-Parade in Ostberlin 1970.

Ziemlich genau dort, wo Müller-Kaempff vor mehr als einem Jahrhundert über den Hügel kam, entstand 2013 ein Bau, der an die Gründer erinnert, und alle, die nach ihnen kamen: Das Kunstmuseum Ahrenshoop, entworfen vom renommierten Berliner Architektenbüro Staab. Wie bei einem traditionellen Gehöft stehen hier fünf einzelne Häuser dicht zusammen, verbunden unter einem Flachdach, verkleidet mit Baubronze. Ein Material, das im Lauf der Jahre seinen Hochglanz verliert und nachdunkelt wie die Rohrdächer der Fischerkaten. Eine Mischung aus Bauhaus-Schlichtheit und Tradition, ein Kunst-Tempel, aber kein Denkmal der Vergangenheit, sagt die junge Museumschefin Katrin Arrieta: „Ahrenshoop hat immer einen lebendigen Bezug gehabt zu den Kunstströmungen Europas, von der Gründungszeit der Kolonie bis heute.“ In wechselnden Ausstellungen macht die Rostocker Kunsthistorikerin diese Verknüpfungen sichtbar: mal klassische Seestücke, kombiniert mit sperrigen Video-Installationen, mal ein sattfarbiges Strandbild der Expressionistin Marianne Werefkin im gleichen Saal wie die düsteren Meeres-Ansichten von Michael Morgner, einem Chemnitzer Künstler aus der DDR-Bürgerrechtsbewegung.

Überhaupt, die DDR. War nach dem ersten Weltkrieg der Ruhm der frühen Jahre etwas verblasst, besann sich 1946 Johannes R. Becher, der erste Kulturstaatsminister der jungen Republik, auf den inspirierenden Platz am Meer. Er machte die frühere Malschule des Künstlerkolonie-Mitbegründers Friedrich Wachenhusen zu seinem Sommerhaus und erklärte Ahrenshoop zum „Bad der Kulturschaffenden.“ Das ließen die sich nicht zwei Mal sagen: Alle waren sie hier, von der ostdeutschen Malerei-Ikone Willi Sitte bis zu Uwe Johnson, der seine mecklenburgische Heimat in sperrig-modernen Romanen feierte. Eine Ferienkolonie für Linientreue war das Dorf trotzdem nicht, glaubt der Mittsechziger Hans Götze, seit 1994 ehrenamtlicher Bürgermeister des Ortes: „Hier war einiges möglich, das woanders nicht ging. Abstrakte Kunst, Avantgarde.“ Vielleicht auch, weil das Dorf noch lange Zeit gefühlte Lichtjahre entfernt lag von allem. Die Straße wurde erst Mitte der 50er Jahre geteert, vorher war hinter dem Nachbarort Wustrow die Welt zu Ende.

Auch Götze, gebürtiger Sachse, kam erst einmal nicht weiter als Wustrow: Als junger Mann machte er eine Ausbildung zum Funkoffizier an der dortigen Seefahrtsschule. Allerdings stand nicht nur Navigation auf dem Stundenplan, sondern auch Malen und Zeichnen. Als Freizeitbeschäftigung, damit die jungen Kerle in den langen Tagen auf See etwas Sinnvolles mit sich anzufangen wussten. Bei Götze wurde mehr aus dem Flirt mit Farbe und Pinsel: Der drahtige Bartträger nimmt heute mit seinen Zeichnungen und Aquarellen an Ausstellungen teil und gibt Ferienkurse für Hobby-Maler. An Ahrenshoop sattsehen kann er sich noch immer nicht: „Es gibt so viele interessante Ecken hier, verschachtelte alte Katen, die Schichtungen von Himmel, Meer und Land – man muss nur die Augen offen halten.“ Klar, dass einer wie er auch als Bürgermeister die Kunst fördert, wo er kann. Nur wenn er selbst mit der Klappstaffelei unterwegs ist, wird Lokalpolitik zur Nebensache: „So lange ich male, kann neben mir das Dorf abbrennen, ohne dass ich etwas davon merke.“

Es sind Menschen wie Hans Götze, die mit ihrem Engagement nach der Wende dafür gesorgt haben, dass Ahrenshoop nicht zu einem angestaubten Freilichtmuseum verkam. Sondern zu einem Gesamtkunstwerk wurde, wo manchmal nur ein paar Schritte das Solide vom Surrealen trennen, das Avantgardistische vom rein Dekorativen. Hier die Verkaufsgalerie mit den zweitklassigen Stilleben, dort der verwunschene Skulpturengarten des „Neuen Kunsthauses“, wo wie von Zauberhand weißes Garn die Baumstämme umwebt und mannshohe Mikadostäbchen sich im Gras aneinander lehnen; auf der einen Straßenseite schnelle Strandaquarelle, auf der anderen der traditionsreiche „Kunstkaten“, erbaut 1909 auf Initiative von Paul Müller-Kaempff, in dem zwischen kühlen, grauen Stellwänden zeitgenössische Künstler präsentiert werden. Man kennt sich am Ort, man spricht Ausstellungsthemen ab, man schätzt sich. In Ahrenshoop entstehen Künstlerfreundschaften, gemeinsame Projekte, Ideen.

Und dann ist da, last but not least, auch noch die Liebe. Die hat Renate Löber von Berlin an die Ostseeküste gebracht. Ohne sie und ihren Mann Friedemann gäbe es wohl einen der schönsten Kunst-Treffpunkte nicht, das „Dornenhaus“. Ein Magnet, der alle gleichermaßen anzieht: Sammler wie Kunstbanausen, manchmal auch Kulturprominenz wie die Schauspieler Jan Josef Liefers und Henry Hübchen.

Zehn Jahre nach der Wende war es, als die Löbers gemeinsam die uralte Kate auf der Boddenseite kauften und damit vor dem Verfall bewahrten. Die beiden waren damals schon nicht mehr ganz jung, er verwitwet, sie geschieden, und wagten einen gemeinsamen Neuanfang in diesem Haus mit seiner beeindruckenden Geschichte: Ab dem 17. Jahrhundert Bauern-, Seefahrer und Zollhaus, zu DDR-Zeiten Feriendomizil für illustre Gäste wie Bert Brecht und Helene Weigel. Friedemann Löber, Sohn einer Künstler- und Keramikerfamilie, stellt in seinem Atelier im Gartenhaus die traditionsreiche Fischlandkeramik her. Teller, Tassen, Vasen mit ländlichen Motiven wie Fische, Vögelchen, Stechmücken, in aufwändiger Ritz-Mal-Technik gestaltet. Renate, eine charismatische Person mit grauer Lockenmähne und blitzenden Augen, ist die Seele des Hauses: Sie organisiert nicht nur wechselnde Ausstellungen von Künstlern mit Bezug zum Ort, sie bäckt auch selbst große Bleche mit Butterkuchen, Streuselkuchen und Schoko-Kirsch für die Vernissagen.

„Wir sind ein offenes Haus“, sagt sie, und sie meint das ernst. Im Sommer zieht der Skulpturengarten mit den Holzbänken Spaziergänger an, im Winter dürfen Gäste auch mal auf einer alten Kirchenbank in der Wohnküche Platz nehmen, zwischen Wänden voller Kunst und alter Kuchenformen. Dann erzählt Renate aus der langen, Löber’sche Familiensaga. Eine Geschichte wie von Thomas Mann erdacht, voller Leidenschaft und Betrug, Kunstsinn und Überlebenskampf. Mit bemerkenswerten Figuren wie Friedemanns Mutter Frida, die ihr Leben gern noch mehr der Kunst gewidmet hätte, wären da nicht die vier Söhne und die vier Töchter gewesen. „Die schönsten Porträts hat Frida Löber von ihren schlafenden Kindern gemacht“, sagt Renate Löber, „denn erst wenn die abends im Bett waren, hatte sie Zeit zum Malen.“

Ahrenshoop ist eben nicht nur ein Ort der Bilder, sondern auch ein Ort der Geschichten. Im heutigen „Künstlerhaus Lukas“, der ehemaligen Müller-Kaempff’schen Malschule, geben sich im Vier-Wochen-Takt Schriftsteller und Künstler, Komponisten und Choreographen aus Deutschland, Skandinavien und dem gesamten Ostseeraum die Klinke in die Hand. Hier, in dieser verwinkelten Villa mit den Holzdielen, den schönen alten Türbeschlägen und den Appartements von klösterlicher Schlichtheit, schlägt das kreative Herz der Ahrenshooper Gegenwart.

Die simple Beschwörung der Schönheit, um die geht es hier jedoch nur selten. 120 Jahre nach Gründung der Künstlerkolonie wird das Idyll lieber lustvoll gegen den Strich gebürstet. Etwa in den Montagen des Berliner Fotokünstlers Martin Tervoort, wo sich die Boddenlandschaft im Lack eines Autos spiegelt und der frühere Busfahrer des Ortes mit leeren Augen in die Kamera blickt. „Mich interessiert das Gebrochene, das Störende in der Schönheit“, erzählt Tervoort. Gemeinsam mit anderen Stipendiaten bereitet er gerade eine Ausstellung vor, der Titel bezieht sich auf Übervater Müller-Kaempff: „Wir sind Paul – oder das unperfekte Paradies.“

Doch selbst die Generation iPad tut sich mitunter nicht leicht mit der Kritik am Idyll. Und wird ganz weich angesichts von Himmel, Meer und Dünen. Die preisgekrönte Schriftstellerin und Lukas-Stipendiatin Judith Zander, Jahrgang 1980, bezeichnet Ahrenshoop als „pommer’sches Arkadien“, als „Anderland“, und wenn darin Ironie mitschwingt, dann kaum hörbar. „Was würde hier wohl ein Häuschen kosten?“, fragt sie sich bei einer Lesung, und verwirft den Gedanken gleich wieder: „Seine große Liebe heiratet man nicht.“ Genau so wenig, wie man das Paradies jemals ganz erreichen kann. Aber es gibt diese Orte und diese Momente, da ist es verdammt nah.

 

Irre entspannend: Warum mir DIY auf die Nerven geht

Deutschland ist DIY-Land. Jetzt sollen wir also auch noch Brotteig selbst kneten und zwirbelige Zopfmuster stricken, als wäre unser Alltag nicht vollgestopft genug. Denn selbermachen ist ja so gut für die Seele. Echt jetzt? Ich bezweifle das stark – und öffentlich im Winter 17 in der BARBARA

He, Sie da! Haben Sie mal einen Moment? Und könnten Sie mir vielleicht rasch einen Kuchen backen? Nein, nicht diese simple Marmorapfelstreuselnummer, sondern eine dreistöckige Schokotorte in Schiffsform, bitte. Ich schick Ihnen auch ein Youtube-Tutorial rüber. Der Mast und die Segel sind ein bisschen tricky, aber ich sag Ihnen, dieses selbstbestimmte Werkeln in der Küche, das ist ja wie Meditation, irgendwie. Es ist nämlich so, mein kleiner Sohn hat Geburtstag, der steht auf Schiffe, aber ich hab hier diese enorme To-Do-Liste: 148 Mails checken, drei Interviews anfragen, dann pünktlich zum Yoga. Und da ist auch noch dieser Text über Do-it-yourself-Stress, der muss fertig werden. Kennen Sie, oder? Ah, verstehe. Sie haben keine Kinder, aber trotzdem keine Zeit. Weil Sie nach dem 17-Uhr-Meeting das Flohmarktschränkchen abschleifen müssen und das Drachenfruchtkompott im Asia Style ansetzen, für das Brunch mit ihren 20 besten Freundinnen. Seit wann ist das ganze Gebastel, Gebacke und Gestricke eigentlich zur Messlatte für ausgefülltes Leben geworden? Obwohl unsere Tage immer stärker durchgetaktet sind, mit Arbeit, Familie, Freunden, Freizeitstress? Und finden Sie das irre entspannend, oder irre anstrengend?

Stopp, Einspruch!, höre ich Sie sagen. Ist doch ein selbstgemachtes Problem! Wenn die Alte zwei linke Hände hat oder keine Zeit oder beides, soll sie halt einen Fertigkuchen kaufen. Klar, ist nicht verboten. Ist auch nicht verboten, sein Wohnzimmer eins zu eins nach dem Vorbild des Ikea-Katalog-Covers einzurichten. Oder an hohen Feiertagen eingeschweißte Industriekäsescheiben auf den Frühstückstisch zu knallen. Kann man alles machen. Wenn man kein Problem damit hat, sich dabei wie Cindy aus Marzahn auf einer Society-Party in München-Grünwald zu fühlen. Billig, minderbemittelt, phantasielos.

Wo Muße zur Mangelware wird, wird sie zum Statussymbol. Und Selbstgemachtes ist ihre sichtbare Währung. Nimm hin den selbstgestrickten Schal, liebe Schwester, beiß hinein ins krokodilförmig geschnitzte Gurkenstück, liebes Kind, du bist es mir wert, dass ich meine kostbare Zeit für dich opfere. Manchmal kommt das ganz schön bitchy rüber: Ich backe, also bin ich (was besseres). Und jetzt liket gefälligst meine veganen Ingwerschnitten auf Instagram! Do-it-yourself als Egotrip und Social-Beauty-Contest. Denn auch die Mußestunden sind in einer – Achtung, Soziologensprech! – durchökonomisierten Gesellschaft ganz schön ergebnisorientiert. Runterkommen, ja bitte. Aber nicht, in dem man eine halbe Stunde die Wand anstarrt oder ein paar Containerschiffe auf der Elbe. Es soll schon etwas dabei rauskommen: selbstgezimmerte Gewürzkisten im Shabby Chic, selbstgeschneiderte Blusen. Wie praktisch, dass man sich Stoff, Garn und Schnittform im Netz ordern kann. Das spart Zeit, die man fürs Schultütendeko-Googeln braucht.

Sicher, natürlich geben handwerkliche Tätigkeiten auch Bodenhaftung in einer entfesselten Welt. Ein Signal an die Trumps und Erdogans des Planeten: Egal, welchen Wahnsinn ihr ausheckt, ich hab mein Leben im Griff und meine Cupcakes auch! Eine Message an alle Silicon-Valley-Startup-Nerds: Mir doch egal, wenn ihr 3-D-Drucker für Socken und Sonntagsbraten konstruiert, ich mach’s mir immer noch selbst. Dass man sich dabei leicht in die Tasche lügt, weil auch hinter dem Selfmade-Trend eine florierende Industriebranche steckt – geschenkt.

Ich soll mal halblang machen, weil das sonst heute nichts mehr wird mit der Drachenfruchtpampe fürs Brunch? Tschuldigung. Vielleicht habe ich auch einfach nur ein Basteltrauma. Meine schmallippige Handarbeitslehrerin aus der 3c und ihr bärtiger Kollege aus dem Werk-Unterricht mit seinem Fimmel für eine christliche Sekte tragen sicher eine Mitschuld daran, dass ich seit 1979 allergisch bin auf Stricknadeln und Laubsägen. Und besonders geschickt war ich noch nie. Aber Sie haben Recht, so ein Kuchen in Schiffsform, der kann eigentlich nicht schwer sein. Wissen Sie was? Wecken Sie mich einfach heute Nacht um drei. Da hätte ich noch ein Zeitfenster offen.

BRIGITTE-Kolumne: Guter Sex ist niemals niedlich

Eiscremefarbenes Liebes-Spielzeug, babyblaue Dessous: Sex im Jahr 2016 kommt in Pastellfarben daher. Unter der Rubrik „Geht das nur mir so?“ habe ich mich in der BRIGITTE gefragt: Ist das ganz schön verrucht, oder eher ganz hübsch spießig?

 Hach, allein, was sie mit ihren niedlichen Füßchen macht. Nackte Waden wippen wie bei der rhythmischen Sportgymnastik auf und ab, erst in der cremefarbenen Badewanne, dann auf dem puderfarbenen Bett. Wenn der Postmann zwei Mal klingelt, nimmt sie ihr Paket auf Zehenspitzen entgegen und lässt dabei mädchenhaft eine Ferse Richtung Popo schnellen. Ei, was mag da drin sein? Doppeldildochen, Liebeskügelchen, allerliebste Peitschlein. In diesem Werbefilm, seit Monaten auch eifrig im Netz geteilt, ist alles Pastell: Kleidchen, Lipgloss, der pseudo-französische Soundtrack („Es rappelt im Karton“), und die putzigen Sextoys natürlich auch. Eine Farbpalette, als hätte sich der Hersteller die Muster von einem Stramplerhersteller geborgt. Oder vom Hutmacher der Queen. Schaut man zu lang hin, droht akuter Zuckerschock.

Ich finde das nicht niedlich. Ich finde das fragwürdig.

Nach dem berühmten Bonmot von Woody Allen ist Sex ja durchaus eine schmutzige Sache – jedenfalls, wenn man es richtig macht. Und hätte er eine Farbe, wäre er eher rot und schwarz als altrosa und babyblau. Eine Angelegenheit zwischen erwachsenen Menschen, bei der es heftig im Karton rappelt. Mit oder ohne Spielzeug. Die Vibrator-Verkaufsassistentinnen aus der Werbung wirken aber nicht wie erwachsene Frauen, die stolz sind auf ihre Lust. Die fordern und wissen, was sie wollen. Sondern im Gegenteil: wie halbwüchsige Girlies, die kaum verstehen, wie ihnen geschieht. „Oh là là, großer böser Mann, was machst du mit mir? Und was ist das Ding in deiner ’ose?“ Im Online-Filmchen eines weiteren Liebes-Accessoire-Versenders lädt eine junge Frau ihre Freundinnen zur Verkaufsparty auf eine blütenweiße Couch, die man kaum mit körperlicher Liebe in Verbindung bringt. Ih, das macht doch Flecken. Dazu trägt sie ein roséfarbenes Hängerchen Marke britische Brautjungfer. Damit bloß keiner auf unanständige Gedanken kommt. Selbst die große alte Dame der Ehehygiene posiert als Sauberfrau: Der neue „Beate Uhse“-Schriftzug mit Herzchen und Schnörkeln sieht aus wie aus dem Poesiealbum. Unschuld als Schlüsselreiz. Ein bisschen Lolita, ein bisschen Schulmädchenreport, ein bisschen Manga. „50 Shades of Mint“ meets „50 Shades of Grey.“ A propos: Auch der erfolgreichste Rein-Raus-Roman der letzten Jahre hatte so eine Heldin wie aus dem Lore-Schmöker. Zu Beginn Jungfrau, später maßvoll verrucht, und im letzten Band wird geheiratet.

Ich frage mich: Bin ich vielleicht nur neidisch? Weil ich als Frau über 40 genau so wenig zu einem zuckergussfarbenen Sexspielzeug greifen würde wie zu einem Hello-Kitty-Shirt? Weil dieses Unschuld-vom-Lande-Ding nicht zusammengeht mit Kleidergröße M/L und zwei Kindern? Nein, das ist es nicht. Denn da wird ein Bild verbreitet, das keiner Frau steht. Egal wie alt, egal wie dick oder dünn. Und das schmeckt mir nicht. Damit mich keiner falsch versteht: Ich habe nichts gegen pinkfarbene Paartoys, ganz grundsätzlich. Und, ja: es kann auch aufregend sein, im Bett mal das naive Lämmchen zu spielen. Weil es auch einer selbstbewussten Macherin gut tut, gelegentlich die Kontrolle abzugeben. Ich würde nur gerne eines klarstellen: Guter Sex ist dreckig, überraschend, grenzüberschreitend. Manchmal sogar besser mit jemandem, den man nicht allzu sehr liebt. Er kann berauschend sein und lebensverändernd, auch zärtlich und rührend. Aber eines ist er nie, nie, nie: niedlich.

 

Mein Tipp: Mal die Suchwörter „Es rappelt im Karton“ und „Parodie“ googeln. Eine Düsseldorfer Werbeagentur hat den bekannten Spot nämlich mit dicklichen Herren in eiscremefarbenen Bademänteln nachgestellt. Sehr lustig!