Gewaltig, ey: Rezo und die Demokratie

Das Deutsche Historische Museum hat mich kürzlich eingeladen, an einer Blogparade zum Thema Demokratie teilzunehmen. Mach ich gern, schrieb ich zurück, und fragte mich gleichzeitig, ob ich dafür die Richtige bin – schließlich gehört Politik nur am Rande zu den Themen, mit denen ich mich als Journalistin beschäftige. Dann kamen Rezo und sein vielgeklicktes, viel diskutiertes Video, und plötzlich hatte ich mein Thema. Als Journalistin, als politisch interessierter Mensch, und als Mutter. Denn: In einer Medienlanschaft im dramatischen Umbruch braucht es auch neue Formate für die demokratische Willensbildung.

#DHMDemokratie

Mit kleinen Kinder über Demokratie zu sprechen, ist ganz einfach. Sie wissen im besten Fall genau, wie das läuft: unterschiedliche Bedürfnisse artikulieren, Kompromisse aushandeln, Mehrheiten organisieren. Ob sie in der Kita über ein Ausflugsziel abstimmen oder im Familienurlaub abwechselnd mit Eltern und Geschwistern „der Bestimmer“ sein dürfen – oder, natürlich, die Bestimmerin – , das vermittelt ihnen von klein auf eine Ahnung, wie dieses System auch im Großen funktioniert. Sie erleben es, wenn es gut läuft, am eigenen Leib.

Später, wenn die Kreise größer werden, kommen Medien als Welterklärer dazu: Meine Kinder, jetzt zehn und dreizehn, haben jahrelang ihr politisches Wissen aus den animierten Infografiken der „Logo“-Kindernachrichten bezogen. Und ich saß manchmal dabei und war klammheimlich froh, wenn man mir auch noch mal die Welt erklärte, als sei ich fünf. Weil es auch für arbeitende Eltern von kleinen Kindern Zeiten gibt, in denen sie beim besten Willen nicht jedes politische Thema in all seiner Komplexität durchdringen können, allein schon aus Zeitmangel. So behielt ich wenigstens halbwegs den Überblick.

Aber dann werden Kinder größer, und auf einmal tut sich ein Loch auf. Ein Loch, das in Zeiten von veränderter Mediennutzung immer tiefer klafft. Denn wenn aus Kindern Teenager werden, werden Kindermagazine und Kinder-TV uninteressant, ohne, dass die Infoquellen der Eltern ihnen deshalb näher rücken, im Gegenteil. Zwar lesen Kinder nach wie vor Bücher (hier ein Überblick über aktuelle Mediennutzungs-Studien), aber Tageszeitungen, Nachrichtenmagazine und selbst längere Texte auf Online-Nachrichtenseiten wirken auf viele wie Überbleibsel aus einer analogen Steinzeit. Kann ich ganz unempirisch bestätigen, ist bei uns zu Hause genau so. Ganz abgesehen von meiner eigenen Parteilichkeit – als Printjournalistin lässt es mich natürlich nicht kalt, wenn meine eigenen Kinder mich für ein Fossil halten – habe ich mich da schon manchmal gefragt: Wie soll so die Meinungsbildung funktionieren? Wo bleibt die vielzitierte „vierte Gewalt im Staat“, wenn die klassischen Kanäle die 13-, 15-, 17jährigen weiträumig umfließen?

Auftritt Rezo. Als ich vor ein paar Tagen von der ebenso aufgeregten wie unsouveränen Reaktion der CDU-Spitze auf diesen Tour-de-force-Ritt durch drängende Fragen der Gegenwart erfuhr, waren meine maulfaulen Kinder sofort gesprächsbereit, und, Überraschung!, sie hatten das Video längst gesehen. Meine ältere Tochter in voller Länge. Wie das? Augenrollen: „Mama, weil wir den abonniert haben.“ Völlig klar, dass ich das schleunigst nachgeholt habe – zu dem Zeitpunkt war ich schon eine von sieben Millionen. Während ich am Sonntag, den 26. Mai diese Zeilen schreibe, sind es beinahe elf.

Ich möchte an dieser Stelle gar nicht weiteres Fact-Checking betreiben, das haben andere bereits ausführlich getan, etwa hier. Ich teile auch Rezos Schlussfolgerungen nicht in jedem Punkt, allein schon deshalb, weil mir vieles zu vereinfacht und zu verkürzt dargestellt ist. Aber darum geht es gar nicht: Ich bin vor allem verdammt froh, dass sich hier jemand hinstellt und dieses mediale Loch, diese Kluft zwischen Heranwachsenden und Älteren schließt. Weil er Gesprächsgrundlage und Diskussionsstoff in einem Format liefert, das für jeden zugänglich ist, und das sehr substantiell. Ob man den Slang dabei mag, ist völlig zweitrangig. Lieber „fuck“ als „fuck politics“.

Ich habe in den letzten Tagen so viel wie noch nie mit meinen Kindern über Politik gesprochen und über die Mühsal demokratischer Prozesse. Warum radikale Forderungen wichtig sind und Kompromisse dann häufig so zäh und unbefriedigend, vor allem, wenn sie über eine kommunale und nationale Ebene hinausgehen und internationale Bündnisse betreffen. Warum es trotzdem keine wünschenswerte Alternative gibt zu diesem mühseligen Geschäft, weil es heute schwerer denn je ist, einen Interessensausgleich zu schaffen in den immer stärker zersplitterten und polarisierten Gesellschaften der westlichen Industrieländer.

Um so verdienstvoller, wenn da ein Typ mit blau gefärbten Haaren daher kommt und mal ein großes Fass aufmacht. Empörung, verdammt gut unterfüttert. Man mag das einseitig finden – aber auch vor zwanzig, dreißig Jahren war es dem eigenen Weltbild schon ganz zuträglich, wenn man nicht nur FAZ, sondern auch TAZ las. Die Auseinandersetzung lohnt sich auf jeden Fall. Und dass der Begriff „Journalist/Journalistin“ nicht geschützt ist, sondern jeder und jede das Recht hat, zu recherchieren, nachzufragen, Fakten wie – innerhalb eines gesetzlichen Rahmens – Meinungen zu präsentieren, das ist kein Versäumnis, sondern eine Konsequenz der gesetzlich verankerten Meinungsfreiheit. Dass so jemand sich ebenso harte Kritik gefallen lassen muss wie ein Profi im politischen Journalismus, gehört natürlich auch dazu. Kann schon passieren, dass es einem auf den Kopf regnet, wenn man sich aus dem Fenster lehnt. Ach ja: Da wäre noch die Kritik, dass Rezo gar nicht der nette Nachbarsjunge ist, der sich ganz allein durch hunderte von Quellen geklickt hat. Sondern ein gut verdienender Social-Media-Profi ist, der dazu ein Team hinter sich stehen hat. Überraschung: Auch klassische Medien beschäftigen Teams, und auch klasssische Medien finanzieren sich über Werbung (die Rezo für dieses Video ausgeschaltet hat, wie es der Youtuber-Ehrenkodex für Themen dieser Art gebührt.)

Den alten weißen Männern von Athen reichte ihre Agora als Versammlungsplatz, um dort ihre städtischen Angelegenheiten zu besprechen. Zweieinhalbtausend Jahre später, als ich im Alter meiner Kinder war, gab es noch den Lagerfeuereffekt dreier Fernsehprogramme: Das Selbstgespräch der Gesellschaft fand auf wenigen, klar definierten Kanälen statt, und zum Internationalen Frühschoppen gab es Wein um zwölf Uhr mittags. Heute ist dank Formaten wie Youtube jeder Sender und Empfänger zugleich, mit all den Vorteilen und Risiken, die so etwas mit sich bringt. Es braucht nicht einmal staatlich gelenkte Presse wie in Ungarn, um den Beitrag zur Demokratie zu unterminieren – wenn sich ganze Bevölkerungsgruppen in den USA nur noch über Breitbart News informieren, blenden sie damit, bewusst oder nicht, riesige Teile von Informationen aus. Kritik an der Trump-Administration erreicht sie schlicht nicht. Und so mancher Autokrat lacht sich ins Fäustchen, wenn er über entsprechende Kanäle direkt senden kann, ohne lästige Hinterfrager, wie es Journalisten ja qua Definition sind.

Mich würde es freuen, wenn das Rezo-Video mit seiner extremen Reichweite keine Eintagsfliege wäre, sondern der Beginn eines Trends, einer neuen Debattenkultur: neue Lagerfeuer, an denen sich Jüngere und Ältere treffen. Dann könnte Social Media auch endlich wieder das Versprechen einlösen, das viele in den Anfängen dieser Technologie erhofft haben: Diversität nicht nur bedienen, sondern auch miteinander ins Gespräch kommen und austauschen. Filterblasen platzen lassen, streiten, über die Einordnung von Fakten genau so wie über den Ton, den wir uns für Debatten wünschen. Es sind nicht die einzigen Zutaten für eine funktionierende Demokratie, klar. Aber, ja lol ey: ganz schön wichtige.

Waschen und geben

1946 will eine 16jährige Rheinländerin ihre langen Zöpfe loswerden. 72 Jahre später verliert eine Studentin aus Norddeutschland bei einem Unfall Haare und Kopfhaut. In einer Hamburger Werkstatt werden beide Frauenschicksale miteinander verknüpft – Reportage aus BARBARA, April 2019

Köln, im ersten Jahr nach Kriegsende. Gerda Dübbers ist 16 Jahre alt und aufgeregt. Heute ist der Tag, an dem sie erwachsen werden will. Am Morgen fährt sie mit dem Zug aus ihrem Eifeldorf in die Stadt, von der kaum noch etwas steht außer dem Dom. Sie trägt ein Säckchen Briketts und ein Handtuch bei sich, so hat es der Friseur verlangt. Denn Heizmaterial ist 1946 genau so knapp wie Frottierstoff. Die Mutter hat ihr Geld zugesteckt, nach vielen Diskussionen: Lange Haare kosten nichts, halblang mit Dauerwelle schon! Aber jetzt ist Schluss mit Affenschaukeln und Schnecken. Ab heute ist Gerda kein kleines Mädchen mehr, sondern eine Dame. Auf der Rückfahrt, den ungewohnten Luftzug im Nacken, wird sie etwas anderes bei sich tragen: siebzig Zentimeter lange, rötlichblonde Zöpfe, zusammengelegt in einer kleinen Tüte.

Flensburg, im Mai 2018. Julina Engert ist 20 Jahre alt und hat keinen Grund, aufgeregt zu sein. Dazu macht sie ihren Job schon zu lang und zu routiniert: den Eissalon aufschließen, Waffeln über die Theke reichen, kassieren. Sie und ihr Freund sind ein eingespieltes Team, auch beim Arbeiten. Noch ein bisschen Geld verdienen, bis im Herbst das erste Semester an der Uni beginnt. Ihre langen dunkelblonden Haare trägt sie im Pferdeschwanz. Praktisch, hygienisch, und hilft auch gegen Bad Hair Days.

Aber an diesem Morgen passiert etwas, das niemals hätte passieren dürfen: Als Julina eine eingeschaltete Eismaschine reinigt, beugt sie sich zu weit in den Kessel hinein. Schon verfängt sich der Zopf in der rotierenden Metallspirale im Inneren, erst nur ein Büschel, dann immer mehr. Sie versucht sich zu befreien, sie schreit, ein fürchterlicher Schmerz, es geht sekundenschnell. Ihr Freund stürzt herbei, will sie losschneiden, erst mit einer Schere, dann mit einem Messer, aber da ist es schon passiert. Mit ungeheurer Kraft reißt die Maschine das Haar mitsamt Kopfhaut los. Am Abend, nach einer zwölfstündigen Operation, wird sie aus Ohnmacht und Narkose erwachen und erst Wochen danach das Krankenhaus verlassen, nach vielen weiteren Eingriffen und einer Hauttransplantation. Die Ärzte haben alles gegeben. Aber auf mehr als der Hälfte ihrer Kopfoberfläche wird nie wieder etwas wachsen.

Zwei Frauen, beide jung, beide lebenslustig, und zwei Geschichten, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Um sie miteinander zu verflechten wie die Stränge eines Zopfes, über Kilometer und Jahre hinweg, braucht es noch eine dritte. Diese handelt von den Hamburger Maskenbildnerinnen Ann-Katrin Guballa und Jasmin Soufi, beide 49, die vor einigen Jahren beschlossen: Haarteile für Musicaldarsteller und Filmschauspielerinnen herstellen, okay, aber das kann noch nicht alles im Leben gewesen sein. So gründeten die beiden eine Werkstatt für Echthaar-Perücken mit dem strahlenden Namen „Königinnen“. Jetzt arbeiten sie für Menschen, die nicht in eine Rolle schlüpfen wollen. Sondern am liebsten sie selbst bleiben möchten. Krebspatientinnen, Frauen mit Haarausfall, Unfallopfer. Haare kosten nichts? Nicht, wenn man sie hat. Verliert man sie, kosten sie einen viel: Würde, Selbstbewusstsein, Zuversicht.

„Ich las in einer Illustrierten davon und dachte: Jetzt weißt du endlich, warum du all die Jahre die Zöpfe mit dir herumgeschleppt hast!“, erinnert sich Gerda Dübbers. Sie sitzt an ihrem Küchentisch, Frühlingssonne scheint durch das Fenster, und erinnert sich. Wie sie das Tütchen immer wieder in Umzugskisten ein- und ausgepackt hat, nach ihrer Hochzeit, als sie mit ihrer eigenen Familie in ein größeres Haus zog, beim Wechsel in eine Etagenwohnung. Mit dem unbestimmten Gefühl: Eines Tages wird das für etwas gut sein. „Es macht mich so froh, dass ich helfen konnte!“

Für Ann-Katrin Guballa und Jasmin Soufi sind alte Zöpfe in der Post ein Geschenk. Denn Haar lässt sich fast endlos aufbewahren und verarbeiten, wenn es gesund ist, naturbelassen und nicht von Motten oder Feuchtigkeit angegriffen wird. Das meiste in ihrem Lager hat einen unspektakulären Hintergrund – Langhaarträgerin mit Lust auf Typveränderung – , aber es stecken auch Geschichten dahinter, die unter die Haut gehen. Kleine Mädchen, die ihre Haare opfern, weil die Lieblingstante Krebs hat. Oder ein Zopf mit einem sauber beschrifteten Zettel, datiert auf Sommer 45. Von einer Berlinerin, die fürchtete, von Soldaten der anrückenden Roten Armee vergewaltigt zu werden. Viele versuchten, sich und ihre Töchter zu schützen, in dem sie sich kahl schoren. Haare sind Lockstoff, Weiblichkeit, Ausstrahlung – das ist in manchen Zeiten Fluch statt Segen.

Julina Engert betritt im Sommer 2018 zum ersten Mal den freundlichen Souterrain-Laden in Hamburg-Eimsbüttel. Als norddeutsches Pferdemädchen weiß sie, was man tut, wenn es einen aus dem Sattel schleudert: aufstehen und wieder aufsitzen. Sogar im Eisladen hat sie schon wieder gearbeitet, um die schlimmen Erinnerungen nicht so stehen zu lassen. Aber sie ist es Leid, mit Kopftuch vor die Tür zu gehen und fragend angeschaut zu werden. Lieber wäre sie wieder eine von vielen, auf der Straße, beim Ausgehen. Als sie die Kölner Zöpfe in der Hand hält, weiß sie: die oder keine.

Jetzt beginnt der handwerkliche Teil. Ansätze entschuppen, waschen, schließlich noch ein paar Strähnchen aus anderen Beständen dazu nehmen, damit das Ergebnis so aussieht wie natürlich gewachsen. Mit unterschiedlichen Farbnuancen, unterschiedlichen Längen. Dann wird Haar für Haar mit einer Art Häkelnadel auf ein feines Netz geknüpft, das genau der Kopfform angepasst ist. 80 Arbeitsstunden dauert es, bis so ein Kunstwerk fertig ist. Im September begrüßt Julina ihr neues Ich im Spiegel. Haare, länger und leuchtender denn je. „Ich wollte bewusst nicht genau so aussehen wie vorher.“ Wie ein Memo an sich selbst: Dieses Erlebnis ist nicht spurlos an mir vorbei gegangen. Aber ich lasse mich davon nicht unterkriegen.

Sie besitzt noch eine Alltagsperücke, nicht ganz so kunstvoll gemacht und kürzer. Es ist ein weiterer Schritt zurück ins Leben, wenn man von einem Tag auf den anderen anders aussieht, und Mitstudenten verwundert nachhaken: Hast du Extensions? Warst du beim Friseur? Wer fragt, bekommt eine Antwort. Manchmal sieht Julina ihre tägliche Kopfbedeckung ganz pragmatisch: „Ich muss nur noch alle sechs Wochen Haare waschen. Und ich kann ohne Spiegel kontrollieren, ob hinten auch alles sitzt.“

Was sie nervös macht: Wenn Bekannte sie umarmen, dabei versehentlich an den langen Strähnen ziehen und das Netz ins Rutschen kommt. Wenn sich auf der Tanzfläche in der Disco jemand darin verfängt. Die kommende Studienfahrt, vor der sie ihren Mitstudentinnen erklären muss: Nicht erschrecken, wenn ich zum Schlafen die Haare ablege. Was ihr keine Angst macht: die Vorstellung, ihr Freund könnte sie nicht mehr schön finden. Am Anfang hat er kämpfen müssen, gegen die Bilder in seinem Kopf, vom Unfalltag. Das ist vorbei. Wenn sie mit ihm allein zu Hause ist, lässt sie die Perücke weg. Liebe heißt, sich nackt zu zeigen. Nicht nur von der Schokoladenseite.

Gerda Dübbers hat fast sieben Jahrzehnte lang die Frisur getragen, von der sie 1946 geträumt hat. Halblang und Dauerwelle. Erst vor ein paar Jahren hat sie diese gegen einen Kurzhaarschnitt getauscht. Sie kann ihre Arme nur noch unter Schmerzen heben, da fällt das Frisieren schwer. Auch Altwerden ist ein Schicksal, mit dem man fertig werden muss. „Ich bin jetzt 88, ich hab nicht mehr lang“, sagt sie trocken. Und grinst sofort spitzbübisch. „Aber meine Haare, die werden noch spazieren getragen, wenn ich nicht mehr bin. Wer kann das schon von sich sagen?“

„Mit der Schultüte in der Hand schon verloren“

Können bereits Kitas für Chancengerechtigkeit sorgen – in Zeiten, in denen es immer stärker vom Elternhaus abhängt, welche Bildungskarriere Kinder einschlagen? Dieser Frage bin ich im Januar 2019 für das Corporate-Magazin „Enkelfähig“ nachgegangen, am Beispiel meiner Heimatstadt Hamburg.

Was wir uns angeschaut haben: Hamburg ist eine vielfach gespaltene Stadt. Im wohlhabenden Nienstedten liegt das Durchschnittseinkommen bei 120.000 Euro im Jahr, den Bewohnern der Elbinsel Veddel stehen nur 16.000 Euro zur Verfügung. Fast jedes zweite Kind in Hamburg hat einen Migrationshintergrund, dazu kamen seit 2015 50.000 Geflüchtete. Die Forschung weiß: Ob soziale Durchlässigkeit gelingt, dafür werden entscheidende Weichen schon in Kita und Vorschule gestellt. Klappt das hier?

Das sagt der Experte:

„Manche Kinder haben mit der Schultüte in der Hand schon verloren“

Martin Peters ist Fachreferent für Frühe Bildung, Betreuung und Erziehung beim Paritätischen Wohlfahrtsverband, der 350 Kitas vertritt

Kitas legen Grundlagen für spätere Schulabschlüsse und damit für Lebenschancen. Unterstützt die Stadt Einrichtungen, die besonders viel Aufholarbeit leisten müssen?

Seit 2013 gibt es das „Plus-Programm“, durch das Kitas in sozial belasteten Vierteln ein zusätzliches Budget für Mitarbeiter bekommen. Das ist ein guter Schritt. Andere Ungerechtigkeiten können Sie mit Geld allein nicht ausgleichen.

Und zwar?

Wir haben Kitas, in denen 90 Prozent der Kinder eine andere Muttersprache haben als deutsch. Deutschsprachige Eltern meiden diese häufig, so bleiben diese Gruppen um so mehr unter sich. Aber Wortschatz und Grammatik sind das A und O für spätere Bildung – sonst haben Kinder mit der Schultüte in der Hand schon verloren. Seit einiger Zeit versucht die Stadt, mit einem neuen Sprachförderprogramm gegenzusteuern. Das zeigt auch messbare Erfolge.

Es gibt auch andere Gründe, warum Eltern ihre Kinder weniger gut unterstützen können – Gesundheitsprobleme, Geldsorgen…

Das Platzvergabesystem belohnt Erwerbstätigkeit. Mehr als fünf Kita-Stunden pro Tag bekommen nur Familien, in denen beide Eltern arbeiten. Dabei bräuchten häufig gerade die Kinder aus Familien, in denen einer oder beide Eltern erwerbslos sind, mehr Förderung. Und dann gibt es noch Communities, die erreichen wir mit dem Kita-Angebot einfach nicht, die melden ihre Kinder nicht an.

Welche sind das?

Vor allem Familien mit afrikanischem und arabischem Hintergrund. Dort wird häufig die individuelle Bildung weniger wichtig genommen, ein Kind soll sich eher für die Gemeinschaft nützlich machen. Ab kommendem Jahr wollen wir gemeinsam mit der Sozialbehörde Tagesmütter ausbilden, die selbst aus diesen Kreisen stammen und zwischen den Kulturen vermitteln. Möglicherweise wird das besser angenommen.

Betrifft das vor allem Geflüchtete?

Nein, da hat die Stadt vieles richtig gemacht! Anders als andere hat sie nicht in den Sammelunterkünften für Betreuung gesorgt, sondern die Kinder zügig auf die Einrichtungen der jeweiligen Umgebung verteilt. Da funktioniert Integration.

Das sagt die Erzieherin:

„Bindung ist das Problem, nicht nur Bildung“

Bei Claudia Brillinger wäre man gerne Kind. Eine herzliche blonde Frau in Jeans und Blümchen-Sneakers, die wirkt, als könnte sie einiges schultern. Seit 22 Jahren arbeitet sie in einer Kita im Bezirk Bergedorf-Neuallermöhe. Der Flachbau liegt zwischen Genossenschafts-Hochhäusern und bescheidenen zweistöckigen Klinkerbauten, in einem Viertel, das wie ein Brennglas die Widersprüche der Hansestadt bündelt. Weder Ghetto noch Wohlstands-Oase, sondern eine Mischung aus Ethnien, Gehaltsklassen, Lebensstilen. Die Namen an den niedrig hängenden Garderobenhaken verraten: Hier toben, essen, basteln und malen Cheyenne und Emil, Murat und Jewegenija*. 170 Kinder vom Baby bis zum Sechsjährigen, vom Arztsohn bis zur Tochter einer Teenager-Mutter aus einem Hartz-IV-Haushalt. Wie reagiert man als Erzieherin auf so unterschiedliche Startbedingungen?

Grundsätzlich findet Claudia Brillinger: Nicht mangelnde Bildung ist das Hauptproblem, eher mangelnde Bindung. Quer durch alle Milieus. „Viele Eltern sind heute stark verunsichert, was ihre eigene Rolle angeht – und das überträgt sich auf die Kinder.“ Die Folge: Mädchen und Jungen, denen das nötige Grundvertrauen ins Leben fehlt. Die so mit sich selbst beschäftigt sind, dass sie gar nicht in der Lage sind, neugierige Fragen zu stellen oder sich die Zahlen bis zehn zu merken. Auch Sprache, die Grundlage allen Lernens, ist nicht nur in bildungsfernen Zuwandererfamilien ein Handicap, findet Brillinger: „Mütter und Väter reden einfach zu wenig mit ihren Kindern.“ Als Notwehrmaßnahme haben die Kita-Erzieher jetzt ein Handy-Verbotsschild über dem Eingang aufgehängt: „Mama, sprich mit mir, nicht mit deinem Telefon.“

Man muss sich Claudia Brillingers Beruf vorstellen wie den eines Kapitäns, dem ständig von einer anderen Seite der Wind ins Gesicht weht. Hier leistungshungrige Eltern, denen es nicht früh genug losgehen kann mit Schreiben, Rechnen und Leistungssport – auf der anderen die, in deren Haushalt der Angebots-Zettel vom Discounter der einzige Lesestoff ist. Dabei kann die Kita durchaus Zusatznahrung bieten. Nicht nur, wenn Kinder beim Frühstück Gurken und Sellerie knabbern, die sonst eher Fast Food kennen. Auch wenn die eloquenteren ihren Spielkameraden helfen, einen Streit mit Worten zu schlichten. Oder wenn Eltern zur Abendgruppe zusammenkommen und sich mit Brillinger und ihren Kollegen über Erziehungsfragen austauschen. „Das ist eine Frage des Vertrauens. Weil sie sich nicht verurteilt fühlen, sondern angenommen.“ Oft leistet sie auch Alltagshilfe: etwa, wenn sie mit Müttern oder Vätern den Antrag für das „Bildungs- und Teilhabepaket“ ausfüllen, das sozial Schwächeren kostenlosen Eintritt für Kindertheater, Schwimmbad oder Sportverein ermöglicht – jedes dritte Kind in ihrer Kita profitiert davon.

Manchmal sieht Brillinger erst viele Jahre später, ob die Mühe sich gelohnt hat. Wie bei dem jungen Mann aus schwierigen Verhältnissen, den sie als Kind begleitet hat und der jetzt mit beiden Beinen im Leben steht: Ausbildung zum Mechatroniker, Weiterbildung zum Autolackierer. „Er sagte mir: Als ich klein war, habt ihr mir Struktur gegeben, habt mir beigebracht, was falsch und richtig ist. Davon zehre ich immer noch.“ Erfolgserlebnisse, die vieles aufwiegen. Aber nicht alles. Denn die tägliche Arbeit ist nicht nur psychisch und geistig, sondern auch körperlich belastend. Der Lärmpegel, das Heben, Tragen und Bücken. Zwar sind Erzieher in der teuren Stadt per Tarifvertrag höher eingruppiert als in anderen Bundesländern, aber das reicht nicht, findet Brillinger: „Die Zeiten für Vor- und Nachbereitung, die Elternarbeit, Feedbackgespräche mit Praktikanten – die zahlt uns keiner!“ Deshalb engagiert sie sich in der Volksinitiative „Kita-Netzwerk Hamburg“, die seit Monaten mit dem Senat über bessere Rahmenbedingungen verhandelt. „Ich liebe meinen Job, weil er Sinn ergibt“, sagt Claudia Brillinger. „Weil ich jedem Kind vermitteln kann: Es ist schön, dass du da bist.“ Aber so wie der Arbeitsalltag heute aussieht, fürchtet sie, könnten in Zukunft noch weniger Schulabgänger dafür zu begeistern sein. Ausbaden müssten das Cheyenne und Emil, Murat und Jewgenija. Und eines steht fest: Es träfe sie unterschiedlich hart.

*Namen der Kinder geändert

Das sagt die Politik:

„Bildung darf nicht vom Geldbeutel abhängen“

Uwe Lohmann, familienpolitischer Sprecher der Regierungspartei SPD:

„Seit 2014 ist das Kita-Basisangebot – fünf Stunden Betreuung plus Mittagessen – für alle Hamburger Eltern gratis. Freie Bildung für alle Schichten, von der Kita bis zur Uni, gehört zu den Grundsätzen sozialdemokratischer Politik. In einer wachsenden Stadt mit jährlich 15000 bis 30000 Neubürgern haben wir in den letzten Jahren massiv den Krippen- und Kita-Ausbau voran getrieben, jetzt steuern wir nach bei der Qualität: Bis 2020 wollen wir 2700 zusätzliche Fachkräfte gewinnen, davon allein 2100 im Krippenbereich. Das bedeutet auch Nachwuchsförderung: Unbezahlte Praktika wird es nicht mehr geben, und mittelfristig sollen Erzieher ein Ausbildungsgehalt bekommen. Kitas können aber soziale Härten nicht alleine auffangen. Dazu braucht es eine gute Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Institutionen, etwa der Jugendhilfe.“

„Chancengerechtigkeit heißt nicht Abi für alle“

Philipp Heißner, familienpolitischer Sprecher der CDU

„Die Abschaffung der Kita-Gebühr war ein reines Wahlkampfgeschenk des ehemaligen ersten Bürgermeisters Olaf Scholz. Die falsche Entscheidung in einer Zeit, in der Experten wie die Bertelsmann-Stiftung Hamburg massiven Nachholbedarf beim Krippenpersonal nachweisen, also ausgerechnet bei den Jüngsten. Es wäre sinnvoller gewesen, die Gebühren schrittweise zurückzunehmen, und auch später. Dazu kommt: Die Qualität der Kitas wird nicht von staatlicher Seite überprüft, obwohl es dazu eine gesetzliche Grundlage gibt. In eher gutbürgerlichen Stadtteilen organisieren sich Eltern und protestieren, wenn es nicht rund läuft, in sozial schwächeren Quartieren wird das eher so hingenommen. Das ist doppelt ungerecht. Soziale Durchlässigkeit heißt aber nicht, dass jedes Kita-Kind später Abitur machen muss: Wir brauchen Menschen mit allen Bildungsabschlüssen, nicht nur Akademiker!“

Das sagt die Mutter:

„Ich hatte Angst um meine Töchter“

Nach der Kita-Zeit hören die Schwierigkeiten nicht auf – die Spaltung nimmt eher noch zu. Sabine Dreher* lebt in einer Gegend, in der soziale Gegensätze besonders sichtbar sind: Auf der einen Seite ihrer Neubauwohnung liegt das grün-bürgerliche Ottensen, auf der anderen Seite St. Pauli mit seinem hohen Anteil an Transferleistungs-Empfängern und Migranten. Dort befindet sich auch die zuständige Grundschule. Ihre sechsjährigen Zwillingstöchter hat sie aber auf einer Privatschule angemeldet, zahlt Schulgeld und nimmt einen weiteren Weg in Kauf. Warum?

„Ich kenne niemanden in unserer Nachbarschaft, der sein Kind in St. Pauli eingeschult hätte. Da alle Kinder mit viereinhalb Jahren an der zuständigen Grundschule vorgestellt werden müssen, haben auch wir sie uns angesehen, wussten aber gleich, dass sie nicht in Frage kommt – schon den Umgangston empfanden wir als rau und lieblos. Manche Familien ziehen weg, wenn ihre Kinder ins Schulalter kommen, viele melden ihre Kinder an der Grundschule in Ottensen an. Dafür gibt es aber keine Garantie, weil Plätze nach Zuständigkeit vergeben werden. Manche denken deshalb darüber nach, zum Schein den Wohnsitz zu wechseln.

Weil ich selbst im sozialen Bereich arbeite, kenne ich viele schwierige Familienverhältnisse, und ich habe großes Mitgefühl mit den Kindern, die so aufwachsen. Ich verstehe auch, dass manche davon profitieren würden, wenn die Klassen gemischter wären. Und vielleicht bin ich auch Opfer meiner Vorurteile. Aber wenn ich meine Kinder anschaue, denke ich:  Die beiden sind noch so klein – ich möchte nicht, dass sie dort untergehen. Oder jeden zweiten Tag mit einen blauen Auge heimkommen. Die harte Lebenswirklichkeit lernen sie noch früh genug kennen.“

Und was heißt das jetzt? Wenn Kitas Chancengerechtigkeit fördern sollen, braucht es zwei Bausteine. Der eine ist simpel: Geld und nachhaltige Planung. Mehr Erzieherstellen, attraktivere Bedingungen für Berufseinsteiger, Fortbildungen, angemessene Vergütung auch für Aufgaben jenseits des Normalbetriebs – etwa für die Arbeit an pädagogischen Konzepten. Der zweite Baustein kostet nichts, ist aber komplexer: Einfühlungsvermögen und Kommunikationstalent. Damit Förderung für alle greift, müsste man auch alle Eltern mit ins Boot holen. Solche, die selbst Unterstützung und Beratung brauchen. Und auch solche, die sich aus Sorge um ihre Kinder dem staatlichen Bildungssystem entziehen – und dadurch soziale Gräben noch vertiefen.

Facts and Figures:

  • Für das laufende Haushaltsjahr sind in Hamburg 822 Millionen für Kitas eingeplant, damit haben sich die Ausgaben gegenüber 2010 mehr als verdoppelt. Die Milliardengrenze wird voraussichtlich 2020 erreicht.
  • In Hamburg werden vergleichsweise viele Kinder in einer Kita betreut: 44,7 Prozent der unter Dreijährigen, fast 100 Prozent der Drei- bis Sechsjährigen
  • Besonderen Nachholbedarf für Hamburg sieht die Bertelsmann-Stiftung bei der Betreuung der unter Dreijährigen: Auf eine Erzieherin kommen im Schnitt 5,2 Kinder, empfohlen wird ein Schlüssel von 1 :4. Bei den Drei- bis Sechsjährigen liegt er mit 1 : 8,4 Kindern im bundesdeutschen Durchschnitt, empfehlenswert wäre ein Verhältnis von 1 : 7,5.
  • Laut Bertelsmann-Stiftung wären rund 3850 neue Erzieherstellen notwendig, um in Hamburg gute pädagogische Arbeit zu leisten – also deutlich mehr als die angekündigten 2700.
  • Laut dem „Gute-Kita-Gesetz“ der Bundesregierung werden bis 2020 5,5 Milliarden Bundesgelder für Kita-Ausbau und Qualitätsverbesserung bereit gestellt. Wie sie die Mittel einsetzen, entscheiden die Länder selbst.
  • Erzieher und Erzieherinnen sind eine Hochrisikogruppe für Burnout und andere durch Stress verursachte Erkrankungen, so eine Studie der katholischen Hochschule Aachen. Hauptgrund: der Personalmangel in den Einrichtungen.
  • „Eine gute Kita mit mehr Erziehern würde ich mir auch etwas kosten lassen“ – diesen Satz unterschreiben laut einer Bertelsmann-Studie mehr als die Hälfte aller Eltern. Das gilt sogar für Familien, die unterhalb der Armutsgrenze leben.

Mein Andersmädchen

Für die „Barbara“, Ausgabe Februar 19, habe ich über die Frage geschrieben: Warum sehen eigentlich alle 13jährigen Mädchen heutzutage gleich aus – bis auf meine Tochter? Und wie finde ich das?

Manchmal, wenn ich sehr junge Mädchen sehe, denke ich an einen sehr alten Sketch von Loriot. Darin steht eine Gruppe identisch gekleideter Herren am Flughafengepäckband und versucht, aus einer Reihe völlig gleicher Koffer den richtigen herauszufischen. Danach folgt gleich die nächste Herausforderung: Am Ausgang wartet ein Grüppchen ebenso gleichförmiger Ehefrauen mit Föhnwelle und Seidentuch. Was das mit 13jährigen im Jahr 2019 zu tun hat? Nun: Wenn Pubertät ein Ringen um die eigene Identität ist, kloppen sich gerade alle um dasselbe Modell. Langhaarfrisur, Lama-Shirt, Lack-Kunst am Nagel. Da fragt man sich auch manchmal, wie die sich gegenseitig auseinanderhalten. Nur eine sticht heraus: meine Tochter. Nicht nur, weil sie fast immer die Kleinste ist, auch wegen Grunge-Boots, Kurzhaarschnitt und Karohemd. Ihre Fingernägel sind nur deshalb lang, weil sie vergisst, sie zu schneiden, als Handy-Hintergrundbild trägt sie die LGBT-Flagge, „weil’s cool ist“, und auf ihrer Playlist steht Mittelalter-Musik statt Cro & Co. Meistens bin ich stolz auf mein Andersmädchen. Aber manchmal auch verstört.

„Früher war mehr Lametta“, spricht Loriot. Als ich ein Teenager war, in den Achtzigern, gab es diverse Gruppen und Untergrüppchen: Ob man pastellfarbene Pullover über dem Blouson geknotet trug, Schnallenschuhe zum langen schwarzen Mantel oder barfuß zu Batik, war ein Statement. Manche Mädchenfrisuren sahen aus wie aus dem „Denver Clan“, andere wie von der Bundeswehr. Heute ist Artenvielfalt out. Vielleicht, weil die 13-jährigen von damals die Erwachsenen von heute sind, und gegen die lässt es sich schlecht rebellieren. Jedenfalls nicht mit Klamotten und Playlists. Dann wiederum: Vielleicht war dieses ganze Punk-Pop-Psych-Ding auch damals mehr Attitüde als echte Individualität. Genau so wenig rebellisch wie ein 60-jähriger, der in einem gebügelten „Wild & Free“-T-Shirt zum Rockfestival fährt und dort alkoholfreies Pils kippt. Und ob man Gruftie oder Softie wurde, hatte oft weniger mit Überzeugung zu tun als mit der Frage, ob man zufällig in der 8b war oder in der 8a.

Meine Tochter steht da drüber, und das bleibt nicht ohne Folgen. Nicht, dass sie gemobbt wird, weil sie nicht „Bibi’s Beauty Palace“ auf YouTube folgt. Aber zur coolen Clique gehört sie auch nicht, und es gibt Tage, da versinkt sie in ihren schlammfarbenen Rollis wie eine kleine Schildkröte, die den Kopf einzieht. In solchen Momenten steht auf meiner linken Schulter ein Engelchen in Regenbogen-Tunika und reckt die Faust: Gegen den Strom schwimmen gibt Muckis! Lamas sind eh uncool! Und wenn sie sich später tatsächlich in Emily verliebt und nicht in Emil: so what? Auf meiner rechten Schulter sitzt ein Teufelchen im Paillettentop, macht sich die Nägel und stichelt: Was ist bloß aus deiner pinkfarbenen Prinzessin vom Kita-Fasching geworden? Hättest du nicht lieber so ein kleines Mini-Me, dem du einen Lockenstab zum Geburtstag schenken kannst?

Manchmal gewinnt das Teufelchen. Dann suche ich morgens im Schrank meiner Tochter das einzige Oberteil, das mehr nach Bluse als nach Hemd aussieht, hänge es nach vorn und hoffe, sie greift danach. Aber es gibt auch die guten Tage. An denen pappe ich dem Pailletten-Heini mit Kleber aus dem Nail-Art-Set den Mund zu und schaue mir entspannt an, wie mein Andersmädchen T-Shirts aus der Jungs-Abteilung in die Umkleidekabine schleppt. „Ich bin halt so’n bisschen genderfluid“, sagt sie dann halb entschuldigend, halb kokett, und ich finde das vor allem eins: ganz schön mutig. Denn anders sein, wenn alle anderen genau so anders sind, das ist für Anfänger. Ich habe übrigens auch noch einen Sohn, der Fußball spielt, sich eine Playstation wünscht und Mädchen doof findet. Seine Schwester allerdings nicht immer. Extrem normal halt. Er ist allerdings erst zehn. Vielleicht wird das noch.

Relotius und ich

Die Affäre um gefälschte Reportagen beim „Spiegel“ treibt mich um. Ich bin wütend, weil ein solches Verhalten das ohnehin schwer angeknackste Vertrauen in klassische Medien weiter untergräbt, ich bin aber auch aus ganz persönlichen Gründen wütend. Um es im „Spiegel“-Pathos zu sagen: Ich fühle mich in meiner Berufsehre gekränkt, und das gilt auch für viele meiner KollegInnen. Heruntergezogen von einem, der mit hohem Einsatz ein schmutziges Spiel gespielt hat. Ich fürchte mich vor steigendem Misstrauen, vor einer weiteren Entfremdung zwischen Journalisten und Lesern. Was ich dagegentun kann? Genau dasselbe, das der „Spiegel“ tut, nur mit meinen eigenen Mitteln: Ich habe aufgeschrieben, wie ich arbeite. Wie ich Protagonisten suche, wie mühsam das sein kann und wie enorm beglückend. Auch wenn mein Maßstab, meine Ansprüche andere sind. Warum es mich ärgert, wenn man meinen Auftraggebern, Frauen- und Familienmagazinen, so oft Unredlichkeit vorwirft. Und wo ich den entthronten Kollegen sogar zähneknirschend verstehen kann.

1.) Der „Geile-Geschichte“-Reflex: Wo ich ähnlich ticke wie Claas Relotius

Jede Journalistin, jeder Journalist braucht ein Quäntchen Reporterglück. Auch ich hatte und habe in meinem Berufsleben immer wieder diese Momente, in denen ich denke: Das ist jetzt zu schön, zu perfekt oder schlicht zu passend, um wahr zu sein. Solche Momente gibt es immer und überall. Sehr nah: Als mir eine Mutter in der Kita-Garderobe von ihrer Hebamme erzählte, die Hunderte von Geburten begleitet hat und gerade mit 42 zum ersten Mal ein Baby erwartet. Sehr fern: Als ich in einem Klamottenladen in einem südindischen Dorf von einer Frau mit blonden Rastalocken und norddeutschem Slang begrüßt wurde, die es der Liebe wegen dort hin verschlagen hatte. Als ich im spanischen Cadaqués den alten Schreiner kennen lernte, der Salvador Dalí ein Bett gebaut hat. Oder im digitalen Raum: als ich für ein Themenheft „Sport“ einfach mal googelte,  ob ich für ein Porträt eine Sporttrainerin mit Behinderung finde und auf der Seite einer Zumba-Lehrerin mit Querschnittslähmung landete. Das sind Geschichten, die berühren, neugierig machen, die gelesen und geschrieben werden wollen.

Manchmal entdeckt man die Nadel im Heuhaufen nach langer Fahndung, und manchmal findet man etwas im Heu, das man gar nicht gesucht hat. So ähnlich höre ich es von vielen Kolleginnen, die ein ähnliches Themenfeld beackern, wir sind in der Regel kollegial und helfen uns häufig gegenseitig mit Kontakten und Tipps aus. Zugegeben: Das ist nicht die Liga „Ich finde den einzigen Abtreibungsarzt von Missouri/ den Jungen, der den Syrienkrieg ausgelöst hat/ den größten Hillbilly im Mittleren Westen.“ Aber die bescheidenen Beispiele aus meinem Berufsumfeld haben einen gewissen Charme: Sie sind nicht erfunden. Anders als eine ganze Reihe von besonders spektakulären Protagonisten in den Texten von Claas Relotius.

 Menschen interessieren sich für Menschen – dieser Grundsatz gilt immer und überall. Geschichten, Texte, Themen werden anschaulicher, wenn es jemanden gibt, der sie verkörpert. Manchmal ist die Biographie allein auch schon Thema genug, steht für etwas Größeres. Seit 25 Jahren arbeite ich als Journalistin, und ich habe es immer als einen besonders schönen, herausfordernden, aber manchmal auch mühseligen Teil meiner Arbeit gesehen, solche Menschen zu finden. Als ich in den Neunzigern anfing, lief das noch per Telefonkette – kennst du jemanden, der jemanden kennt, der…? – , später über Mails („gerne weiterleiten“), seit einigen Jahren hilft ein gut gepflegtes Social Media-Netzwerk bei der Kontaktanbahnung. Und noch immer gibt es die gute alte Reporter-Methode: rausgehen, mit Leuten ins Gespräch kommen, Vertrauen gewinnen. Manchmal nicht locker lassen. Manchmal auch loslassen.

Lange nicht jeder Mensch, der eine interessante Geschichte zu erzählen hat, möchte sie öffentlich machen, völlig berechtigt. Und es hat auch Themen gegeben, die mich an den Rand der Verzweiflung gebracht haben. Vor allem, wenn die Vorgabe der Redaktion ist, dass die Interviewpartner mit Namen genannt werden und für Fotos zur Verfügung stehen müssen. Oft war ich dabei verblüfft, wie viele Menschen davon ausgehen, dass gerade in Frauen- und Familienmagazinen ein Großteil dieser Geschichten „fake“ sei – „Die denkt ihr euch doch aus!“ Nein, tun wir nicht, jedenfalls weder ich noch die Kollegen und Kolleginnen, mit denen ich zusammenarbeite, bei „Brigitte“ und „Barbara“, „Eltern“, „Myself“ und wie sie alle heißen.

Um mit einem weiteren Vorurteil aufzuräumen: Es gibt – jedenfalls in meinem Arbeitsumfeld – keine Gagen dafür, wenn sich jemand interviewen und/oder fotografieren lässt. Allenfalls eine kleine Aufwandsentschädigung, wenn Menschen beispielsweise von weiter weg extra für eine Fotoproduktion im Studio anreisen. Die monetäre Ausbeute ist jedenfalls mager und dürfte in den seltensten Fällen der Grund sein, mit einer Journalistin/einem Journalisten zu sprechen.

Ob es nicht doch auch in meinem Umfeld schwarze Schafe gibt, die erfinden, umschreiben, faken? Möglich. Wahrscheinlich. Auch wenn ich es nicht erlebt habe. Nochmal zu Claas Relotius: Ich kann schon nachvollziehen, wie man der Versuchung erliegen kann, sich einfach den perfekten Protagonisten zu stricken, wenn keiner hinschaut. Weil das betroffene Land so weit weg ist, weil dort ohnehin kaum einer den „Spiegel“ auf deutsch liest. Trotzdem erstaunlich, dass jemand in einer so klein gewordenen Welt glaubt, er käme damit auf die Dauer durch. Vielleicht ist das so, vielleicht hält man sich für unverwundbar, wenn man mit Anfang 30 als Shooting-Star der Reporterszene gehandelt wird. Ich weiß es nicht, ich war nie annähernd in der gleichen Situation.

2.) Der schmale Grat zwischen Distanz, Respekt und Mitgefühl

Von vielen schier unglaublichen Fälschungen, die dem Reporter bislang nachgewiesen worden sind, hat mich eine besonders unangenehm berührt: die von Fergus Falls. Eine Kleinstadt in den USA, in der sich Relotius für einige Zeit eingemietet hatte, um dort dem Zeitgeist der Trump-Ära nachzuspüren. Er hat dort tatsächlich mit Menschen gesprochen und sie auch namentlich zitiert – er hat dabei aber, so schreiben es die Bewohner von Fergus Falls in einer ausführlichen Stellungnahme, realen Personen schier unglaubliche Attribute angehängt, so diffamierend wie unwahr. Ein junger Mann, der „noch nie eine Frau hatte“ und„noch nie den Ozean gesehen hat“, wird in diesem sehr lesenswerten Beitrag gezeigt – mit seiner Freundin, am, haha: Strand.

Nun wäre es sicherlich blauäugig, jede dieser Gegendarstellungen ihrerseits kritiklos und ungeprüft einfach so hinzunehmen. Und natürlich setzen sich Leute zur Wehr, wenn sie sich ungerecht dargestellt sehen. Worauf ich hinaus will: Es ist immer wieder eine Herausforderung, Gesprächspartner nicht nur ernst zu nehmen, sondern die richtige Mischung zu finden aus „mein Gesprächspartner hat die Kontrolle, was von ihm veröffentlicht wird und was nicht“ und „ich habe die Deutungshoheit und bestimme die Dramaturgie eines Textes.“ Ja: Interviewpartner müssen damit leben, dass wir Journalisten auswählen, kuratieren, zusammenstellen und auch werten. Journalisten sind keine Pressesprecher und keine Ghostwriter. Wir dürfen aber beispielsweise nicht Zitate unzulässig zuspitzenoder gar aus dem Zusammenhang reißen, wie es uns gefällt. Dass wir nicht einfach erfinden und behaupten dürfen – nun, das wird nicht in der Journalistenschule gelehrt, schlicht, weil es so selbstverständlich ist.

 Gerade bei wenig medienerfahrenen Menschen empfinde ich es in meinem Berufsalltag auch als meine Aufgabe, gemeinsam auszuwählen. Notfalls auch mal einen Gesprächspartner vor sich selbst zu schützen, der mir private Dinge erzählt und vielleicht nicht die Konsequenzen überblickt, wenn das so in die Welt gelangt. Ich erlebe es häufig als ein gemeinsames Ringen um Wahrheit, wenn ich Protagonisten ihre Protokolle oder Zitate nochmal zuschicke und beide Seiten um Formulierungen kämpfen. Die deutsche Sprache? Google Translate ist mittlerweile immerhin weit genug, dass auch englischsprachige Gesprächspartner, die ich gelegentlich habe, meine deutschen Interviews bzw. Passagen aus Texten gegenlesen können.

Einen weiteren schmalen Grat möchte ich nur kurz miterwähnen: den zwischen Gesehenem, Erlebtem und Gehörtem. Mancher wird sich an eine Diskussion erinnern, die ebenfalls beim „Spiegel“ stattfand und in der es um eine Modelleisenbahn in Horst Seehofers Keller ging. Der Autor wusste vom Hörensagen, dass es sie gab, beschrieb sie aber, als sei er persönlich mit in den Keller gestiegen, um Seehofer beim Weichenstellen zuzusehen. Das kostete ihn einen Journalistenpreis. Schwieriges Thema. Ich erinnere mich an eine eigene Reportage über eine Extrem-Fallschirmspringerin, in der ich – natürlich – während des Sprungs aus 10.000 m Höhe nicht dabei war, mir aber im Nachhinein minutiös habe erzählen lassen, wie sie sich gefühlt hat, was sie gesehen, gerochen, gehört hat, und das dann realitätsnah aufgeschrieben habe. Ich habe dabei aber nicht bewusst klar gemacht: Achtung, das habe ich nicht mit eigenen Augen gesehen. Ich war eher stolz darauf, wie plastisch die Textpassage trotzdem wurde. Sicherlich ein Punkt, bei dem ich nochmal mein eigenes Tun reflektieren sollte.

3.) Die Kontrollmechanismen: ein Netz mit (zu) weiten Maschen

Kontrollieren mich meine Auftraggeber, ob meine Interviewpartner real sind, ob die Fakten stimmen? Nicht direkt, es gibt auch in den meisten Häusern nicht mehr die minutiöse Dokumentation, die sich der „Spiegel“ noch leistet, meist gar keine mehr. Keine Redakteurin, kein Redakteur hätte in personell extrem eng besetzten Teams heute überhaupt die Muße, auch nur Stichproben zu machen à la: Lass mich auch mal mit dem telefonieren. Das ist in den meisten Fällen allerdings schon von daher nicht nötig, als dass die Protagonisten meiner Geschichten meistens (a) fotografiert werden – dann geht eine Mail mit ihren Kontaktdaten an die Fotoredaktion -, oder (b) aufgefordert werden, eigene Fotos zu schicken, und/oder (c) ihre Textpassagen nochmals von mir zur Abnahme bekommen. Weshalb es immer nochmal eine Korrekturschleife gibt, bei mir gottlob meistens mit einem Mail-Betreff wie „Mini-Änderungen xy“.

Generell stellt sich aber nach der Causa Relotius eine Grundsatzfrage: Müssen die Redaktionen wirklich misstrauischer sein gegenüber Festen wie Freien? Stichproben machen? Nicht mehr gutgläubig erwarten, dass ihnen verdiente Mitarbeiter keine haarsträubenden Lügengebäude auftischen, aus Ruhmsucht, aus der Versuchung, schnell mit wenig Aufwand ein wenig Kohle zu machen? Oder stimmt vielleicht im Gesamtsystem was nicht?

4.) Drinnen und draußen: wozu die ökonomischen Rahmenbedingungen uns treiben

Es gibt ein wunderbares Netz-Video meines geschätzten Kollegen Jakob Vicari von den Freischreibern, das vor einigen Jahren gedreht wurde, um auf die oft miserablen Arbeitsbedingungen freier Journalisten hinzuweisen. Darin fährt er auf einem klapperigen Herrenrad am Elbdeich entlang und sucht nach Al-Qaida.

Es ist irre lustig und zum Heulen. Denn: Ja, es gibt leider gute Gründe, warum die Situation so ist wie ist – den Verlagen geht es schlecht, die Printmedienkrise trifft alle, und wenn man das Pech hat, in einem sehr teuren Land auf Reportage geschickt zu werden, wird das magere Honorar oft fast von den Lebenshaltungskosten aufgefressen, ganz wörtlich. Denn Verpflegungsspesen gibt’s für Freie schon lang keine mehr, jedenfalls mehrheitlich.

Ich schreibe diese altbekannte Tatsache hier nochmal so ausführlich auf, denn wenn ich von den Arbeitsbedingungen der fest angestellten „Spiegel“-Kollegen lese, dann, ich gestehe: packt mich spontan der Sozialneid. Wochenlang vor Ort recherchieren dürfen und notfalls auch mal nach Hause kommen und sagen: sorry, war nix, gab keine Geschichte? Könnte man sich, so schreibt es jedenfalls Chefredakteur Ullrich Fichtner, auch mal leisten, ohne danach Ärger zu bekommen. Okay: Mal abgesehen vom Verlust von Ruhm und Ehre, und dass man sich dann möglicherweise eine Weile mit einem Schlappschwanz-Image herumschlägt. Aber immerhin: Es wäre kein Kündigungsgrund.

Bei uns da draußen, auf dem freien Markt, sieht das anders aus: Kein Text heißt kein Honorar (vielleicht auch keine Folgeaufträge), keine Protagonisten heißt kein Honorar (dito!), und wenn der Redaktion die vorgeschlagenen Protagonisten nicht gefallen, dann heißt es eben neu suchen, für, na? genau: kein zusätzliches Honorar.

Das ist schon in Ordnung, dazu sind wir Freiberufler, wir tragen unser Risiko selbst, wenn auch nicht alle von uns freiwillig (ich schon). Aber da kommt wieder der Moment, in dem sich die Systemfrage stellt, und zwar in mehrere Richtungen. Zum einen in Sachen Selbstverständnis: Müsste nicht neben dem Reporter-Ehrgeiz auch der Mut gefördert werden, eine Niederlage einzugestehen? Statt eine dünne Faktenlage so aufzublasen, dass doch noch was draus wird? Auf der anderen Seite: Sägen nicht viele durchaus seriöse Blätter an dem Ast auf dem sie sitzen, wenn sie Freie bei der Qualität genau auf denselben Mindeststandard drücken, auf dem die Bezahlung angekommen ist? Ja, ich finde auch: Viele Geschichten – inklusive manche meiner eigenen – könnte man besser machen, mit einer zusätzlichen Umdrehung Recherche, mit einer noch intensiveren Fallsuche, mit mehr Gegenchecks und Hintergrundgesprächen. Allein, es hängt, woran es so oft hängt: am Geld. Money, Macht und Eitelkeit – danach sollten wir fragen. Jede und jeder für sich, aber auch in den Redaktionen.

Neues aus meinem Kopf, Teil 1: Von fiesen Zwergen und dicken Riesen

Am Anfang war das Wort? Von wegen: Am Anfang war der Selbstzweifel. Warum wir Schreiber alle so einen Quälgeist mit uns herumschleppen, was gegen ihn hilft, und warum Männer ihn anders nennen als Frauen

Ich habe eine gute Freundin, die hat einen eigenen Zwerg. Ja, »hat« ist hier das richtige Wort, denn sie besitzt ihn nicht, eher besitzt er sie, jedenfalls gelegentlich. Manchmal bleibt er über Wochen und Monate weg, wo er sich dann rumtreibt, ist unklar, aber kaum lässt sie ihren Rechner hochfahren, um an ihrem Romanprojekt weiterzuschreiben, ist er in Nullkommanix zur Stelle. Er steht so rum und guckt, und sie weiß schon, was kommt, ehe er den Mund aufmacht.

»So«, hämt er schließlich drauf los, »wir wollen wohl Schriftstellerin werden, wenn wir groß sind, was? Wir glauben wohl allen Ernstes, die Welt hätte auf uns gewartet und wir was zu sagen, was? Wir halten uns wohl für total gelungen, was?« Manchmal hält sie sich dann die Ohren zu, manchmal pampt sie zurück, wahrscheinlich singt sie manchmal lautstark vier Strophen vom »Hamburger Veermaster« auf Plattdeutsch, um sein Gestänker nicht mehr hören zu müssen. Aber es nützt nichts, allein sein Anblick macht jedes Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zunichte. Wenn’s gut läuft. Wenn’s schlecht läuft, fängt sie gar nicht erst an zu schreiben.

Ich habe auch so einen Zwerg, auch wenn er sich bei mir selten in dieser Daseinsform materialisiert. Sondern abstrakter. Eine giftgrüne Brille, die ich manchmal aufhabe, wenn ich zwei, drei Tage später lese, was ich zuletzt geschrieben habe. Und die ich einfach nicht absetzen kann. Durch sie sehe ich einen Friedhof schiefer Bilder, eine Ansammlungen von Sätzen, die mangelnde Substanz durch Schwatzhaftigkeit wettmachen, Dialoge, die weder kunstvoll sind noch realistisch. Und zwar ausnahmslos. Dann denke ich: Kein Wunder, dass die Anzahl der absoluten Nichtleser in Deutschland bei mittlerweile 25 Prozent liegt. Warum sollten die ein Buch in die Hand nehmen, oder gar meins?

Früher hatte ich einen Trick, aus solchen Talentkrisen unbeschadet rauszukommen: Ich bin in eine Buchhandlung gegangen und habe aufs Geratewohl zwei Titel vom Stapel gezogen, maximal drei, vier, und beim Reinlesen immer die gleiche Erfahrung gemacht. Ein Teil davon war so, dass ich wusste, unter dieser Latte konnte ich erhobenen Hauptes durchmarschieren, denn die würde ich niemals überspringen. Ein anderer aber auch so, dass ich mich ernsthaft wunderte: Weshalb hat jemand gerade diesen Wörtern in gerade dieser Reihenfolge ein Zuhause zwischen Buchdeckeln gegeben? Danach ging’s mir besser. Aber im Lauf der Jahre hat sich das abgenutzt, und gleichzeitig sind meine Ansprüche an mich selbst gewachsen.

Was ich mich manchmal frage: Geht’ s eigentlich den männlichen Kollegen ähnlich, oder ist das mal wieder so ein mieses fieses Frauending? Die Selbstzweifel weiblicher Autorinnen, selbst derer, die darüber wirklich erhaben sein sollten, sind fast ein eigenes literarisches Genre. Ingeborg Bachmann, zum Beispiel, soll wie ein Tier gelitten haben, wenn sie Tag für Tag die gleichmäßigen Tastenanschläge aus Max Frisch’ Arbeitszimmer hörte, ratt-tatt-tatt, während sie sich an einem Gedicht abarbeitete, das einfach nicht zur Welt kommen wollte. Und die Autorin Inger-Maria Mahlke, immerhin gerade auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises, erzählte letzte Woche einem Spiegel-Reporter, dass sie jeden Morgen eine Stunde weinend am Schreibtisch sitzt, ehe sie sich überwindet und weiterschreibt.

Nun kann man sich fragen, ob das nicht ein wenig larmoyante Selbststilisierung ist – hallo, ich bin die Heilige Schmerzensmutter der Literatur! –, aber es fällt schon auf: von den männlichen Kollegen hört man in dieser Hinsicht nichts. Beziehungsweise: Man hört schon was, aber das heißt dann markig »Schreibblockade«. Das klingt nach einer ernstzunehmenden Diagnose und zugleich nach höherer Gewalt – kann man nix machen, da hilft auch kein Orthopäde, tut aber sauweh. In anderen Berufsständen kennt man das nicht so. Schon mal von einem Klempner mit Rohrverlegungsblockade, oder einer Erzieherin mit Erziehungsblockade gehört?

Ich war schon am Überlegen, ob ich mir vielleicht auch so eine handliche Schreibblockade zulege, quasi als Profi-Äquivalent zur grünen Missgunstbrille. Und meiner Freundin gleich eine mitbesorge, die gibt es vielleicht günstiger im Doppelpack. Bis uns dann eine weitere, schreibende Bekannte auf eine viel bessere Idee brachte. Die erzählte, dass sie auch so einen Quengelzwerg hat. Und dass sie sich deshalb dazu so einen großen, dicken, gemütlichen und wortkargen Obelix angeschafft hat, der beim Schreiben hinter ihr steht. Taucht der Zwerg auf, hört sich Obelix sein Gezeter eine Weile an, klopft sich dann – tock-tock-tock – an die Stirn und gibt dem Zwerg wortlos einen auf die Rübe. Das hat er beim Römerverhauen geübt. So einen will ich  auch.

Er dürfte nicht schwer zu bekommen sein: Alles was wir brauchen, erfinden wir uns einfach. Wir sind Schriftstellerinnen. Wir dürfen das.

»Lesen und Schreiben« – mein neues Blogprojekt

Und was machen Sie so beruflich? Auf diese Smalltalkfrage antworte ich gerne mit »Lesen und Schreiben«, auch wenn das natürlich nicht ganz richtig ist – man telefoniert ja auch mal oder spricht persönlich mit Interviewpartnern, einer Lektorin oder Redakteurin. Es ist aber auch ein treffendes Motto für mein neues Blogprojekt: Wie fast alle Autorinnen und Autoren bin ich gleichzeitig passionierte Leserin. »Writers are readers who have spilled over« lautet ein Bonmot, dessen Urheber ich nie habe ermitteln können (wenn’s jemand weiß, bitte Bescheid sagen!), und genau darüber möchte ich künftig bloggen: Leseerlebnisse, die Umstände meines eigenen Schreibens, und was das eine mit dem anderen zu tun hat. Ab Herbst 2018 in losen Abständen hier auf meiner Website.

„Menschen werden immer füreinander einstehen“

Für das Corporate-Magazin „Enkelfähig“ habe ich im April 2018 eine Gesprächsrunde moderiert zum Thema „Zukunft der Familie“. Eine spannende, auch kontroverse Diskussion!

 

Die Diskussionsteilnehmer:

Ines Imdahl, 51, ist Diplompsychologin und Gründerin des „Rheingold Salon“, eines Unternehmens mit dem Schwerpunkt Kultur- und Frauenforschung. Mit ihrem Mann hat sie vier Kinder und lebt in Köln.

Sarah Diehl, 39, ist Aktivistin und Schriftstellerin. Sie setzt sich mit der Organisation Ciocia Basia für ungewollt schwangere Frauen in Ländern ein, in denen Abbrüche gesetzlich verboten sind; 2015 veröffentlichte sie das Sachbuch „Die Uhr, die nicht tickt – kinderlos glücklich“ (Arche). Sarah Diehl lebt in Berlin in einer WG.

Andreas Rödder, 51, ist Professor für neueste deutsche Geschichte an der Uni Mainz. Seine Bücher (zuletzt: „21.0 – eine kurze Geschichte der Gegenwart“, C.H. Beck) richten sich an ein breiteres Publikum. Er ist Mitglied der CDU, verheiratet und Vater dreier Töchter.

Verena Carl: Ehe für alle, Patchwork, Regenbogen-Paare – historisch gesehen scheinen Familienformen immer bunter und vielfältiger zu werden. Oder, Herr Rödder?

Rödder: Ja und nein. Gerade für die alte Bundesrepublik haben wir ein Modell im Kopf, das wir für eine Art Normalnull halten: die Fünfziger und Sechziger Jahre, mit der klassischen Familie aus Vater, Mutter, Kindern, wie im Rama-Werbespot. Dabei ist das die historische Ausnahme. Familie ist zwar eine Konstante, schon immer haben Menschen ihr Leben miteinander geteilt. Aber die Form wandelt sich ständig: etwa von der ländlich-agrarischen Großfamilie zur bürgerlichen Kleinfamilie. Verwitwete, Wiederverheiratete, Alleinerziehende, das gab es immer. Neu ist die Pluralität von Lebensformen im Sinne von Wahlfreiheit.

Diehl: Ich frage mich dabei immer: Warum haben wir solche Angst, uns innerlich vom klassischen Konzept der Familie freizumachen?

Mann und Frau verlieben sich, bekommen Nachwuchs – was stört Sie daran?

Diehl: Nichts, das soll jeder halten wie er will! Was mich stört, sind diese pseudo-biologischen Argumente – was ist vermeintlich „natürlich“, was ist „weiblich“? Gehört ein Kinderwunsch zum Frausein? Ich denke, dass das Mutterideal eine geschlechtliche Arbeitsteilung zementieren soll, damit Frauen unbezahlte Fürsorgearbeit machen, unsere ganze Ökonomie basiert darauf. Gleichberechtigung ist nicht erreicht, nur weil Frauen in die Männerbereiche wie Lohnarbeit vorgedrungen sind.

Sie haben sich gegen leibliche Kinder entschieden und leben in einer Gemeinschaft mit Freunden. Müssen Sie sich dafür rechtfertigen?

Diehl: Nicht in meinem Umfeld, das habe ich mir ja selbst gesucht. Aber dennoch begegnet mir die Unterstellung, meine innere Uhr müsse ticken. Häufiger von Männern als von Frauen. Darüber kann ich nur noch lachen.

Imdahl: Mit Ihrer Lebensplanung sind Sie die Ausnahme. Der Trend geht in eine andere Richtung. Wir haben für den Rheingold-Salon gerade 19- bis 29jährige nach Kinderwunsch und Familienplanung befragt. Auch wenn sie noch so tolerant sind gegenüber anderen Lebensentwürfen, 80 Prozent der Befragten wünschen sich eine klassische Familie. Frauen wie Männer. In der Werteskala steht die Familie sogar über der Liebe zu Partner, übrigens auch die Freundschaft. Ein echter „Game Change“, den ich in 25 Jahren als Psychologin nicht erlebt habe.

Obwohl sicherlich viele dieser jungen Leute aus eigener Erfahrung wissen, dass Familien zerbrechen können….

Imdahl: Gerade deshalb! Die Sehnsucht nach Stabilität erwächst aus Kontrollverlusten. Nicht nur die Herkunftsfamilie kann sich als brüchig erweisen, auch die Gesellschaft gibt keinen oder wenig Halt. In den letzten 15 Jahren haben Kinder so sprechen gelernt: Mama, Papa, Krise. Ob Migration oder Finanzmärkte, immer tun sich neue Unsicherheiten auf. Darauf reagieren junge Menschen mit dem Versuch, die Kontrolle zurück zu gewinnen: Sie gehen extrem diszipliniert mit dem eigenen Körper um, kleiden sich konservativ, tun alles dafür, dass die eigene Familie heil bleibt.

Klingt nach ziemlich viel Druck.

Imdahl: Mehr Freiheit bedeutet immer auch mehr Druck. Studieren, eine Familie gründen, dabei auch noch gut aussehen – das sind ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr Optionen, sondern Pflichten. Dann kommen die Fragen: Wieso hast du kein Kind? Du brauchst doch keinen Mann dafür, geht doch heute auch anders. Oder nach einer Geburt: Wieso ist der Bauch nicht weg nach drei Monaten?

Rödder: Diese Zunahme an Maximen und Imperativen ist typisch für die Moderne! Die bürgerliche Familie ist ihr Produkt, ihr Spiegel, und gleichzeitig ihr Gegenentwurf. Denn die industrielle Gesellschaft ist geprägt von Markt, Arbeitswelt, Mobilität. Die Familie ist der Ort der Emotion, der Geborgenheit, Zugehörigkeit, jedenfalls in ihrer idealen Ausprägung. Und die Frage ist immer, was man wie bewertet. Bis in die Fünfziger galt es als Privileg, wenn Mutti kein Geld mehr verdienen musste. Dann hatte die Arbeiterfamilie es geschafft. Heute nehmen wir das im Zusammenhang mit patriarchalischen Geschlechterverhältnissen wahr.

Diehl: Ich habe den Eindruck, Mutterschaft ist Teil der Leistungsgesellschaft geworden. Frauen machen einander Konkurrenz, weil sie immer noch mehr Anerkennung im Privatleben bekommen als im Beruf: Wer gibt sich selbst am stärksten auf in der Erziehung? Wer macht sein Kind am besten fit für die moderne Arbeitswelt?

Imdahl: …und Männer haben sich da elegant rausgehalten. Die neue Norm bei jungen Familien ist: Er 40 Stunden, sie Zuverdienerin. Hausarbeit und Kinderbetreuung bleiben zum Großteil an ihr hängen.

Diehl: Gleichberechtigung kann aber nur funktionieren, wenn Männer auch die Arbeit machen, die von Frauen erwartet wird.

Aber haben sich familiäre Rollen nicht doch nachdrücklich verändert, wenn heute vermehrt junge Väter Auszeiten nehmen und sich Babys im Tragetuch vor die Brust binden?

Rödder: Ganz offenkundig. Sowohl die Beziehungen zwischen Partnern als auch zwischen Eltern und Kindern sind ganz andere als bis in die Sechziger, als Kinder eher Befehlsempfänger waren als gleichwertige Familienmitglieder. Gleichzeitig sind die Verantwortlichkeiten für Lebensbereiche doch sehr konstant geblieben.

Imdahl: Ich bin ja dafür, dass Frauen wie Männer sich frei entscheiden können, wie sie ihr Leben gestalten. Aber wenn eine Mutter freiwillig zu Hause bleibt, führt das zu negativen Konsequenzen für Unterhaltsansprüche, Altersabsicherung und so fort.

Rödder: Es hat oft ungeahnte Folgen, wenn man einen Entwurf aufwertet – so wie die Politik der letzten 15 Jahre den der berufstätigen Mutter – und dagegen einen anderen abwertet. Setzen wir einseitig Anreize für eine paritätische Aufgabenverteilung zwischen Müttern und Vätern, und übergehen damit individuelle Entscheidungen? Das ist die Gratwanderung einer liberalen Gesellschaft.

Könnte das auch der Grund sein für jene erzkonservative Gegenbewegung, die sich in Gruppierungen wie der AfD oder den „Besorgten Eltern“ formiert?

 Rödder: Ja, es kommt zu einer Polarisierung von Leitbildern. Wenn die Familienministerin keine Partei mehr für die Vollzeitmutter ergreift, dann ist diese vielleicht froh, wenn eine konservative Publizistin wie Birgit Kelle das tut. Weil sonst ihre Erfahrung in der öffentlichen Wahrnehmung kaum noch vorkommt.

Frau Diehl, bei einer freiwillig kinderlosen Frau wie Ihnen denken sicherlich viele Menschen: Beruf und Karriere waren ihr wohl wichtiger.

 Diehl: Ein Vorurteil. Auch von Frauen, die ich für mein Buch interviewt habe, habe ich gehört: Wenn ich mich diesem Mutterideal ausliefere, dann muss ich mich immer daran abarbeiten. Das will ich nicht. Ein weiteres Vorurteil ist: Kinderlose sind egoistisch. Dabei kann ich mich viel stärker gesellschaftlich engagieren, wenn ich nicht in der Kleinfamilie eingebunden bin. Ich bin eine heiße Verfechterin von sozialer Elternschaft und würde gern Familie nicht nur biologisch definieren, sondern als Netzwerk von Menschen, die aus freien Stücken verbunden sind und sich umeinander kümmern.

Aber wie belastbar ist das – in Krisenzeiten und Notsituationen?

Diehl: Gegenfrage: Wie belastbar sind Ehen? Ich glaube eher, in der typischen Konstellation sind tendenziell viele überfordert. In Kanada gibt es seit vier Jahren das „Social Guardianship“-Gesetz, da können bis zu vier Personen mit den gleichen Rechten und Pflichten für ein Kind da sein. Zum Beispiel ein alleinerziehender Elternteil, der kinderlose Freunde mit hineinnimmt in die Verantwortung. Das finde ich zukunftsweisend.

Ist es überhaupt nötig, dass der moderne Staat neuen Beziehungsformen einen rechtlichen Rahmen gibt?

Rödder: Im Grunde könnte man sagen: alles Privatsache. Ich halte den staatlichen Eingriff aber aus zwei Gründen für gerechtfertigt: Zum einen das Kindeswohl, weil ein Kind sich nicht schützen kann; zum anderen das Gemeinwohl, im Sinne der Bereitschaft, füreinander einzustehen. Das müsste aber nicht auf Ehe oder biologischer Elternschaft beruhen.

Diehl: Sage ich doch! Deshalb halte ich es auch für eine Sackgasse, dass wir so sehr an der Idee leiblicher Elternschaft hängen. Etwa wenn ich daran denke, was Frauen sich und einander antun, um auf medizinischem Wege ein Kind zu bekommen. Ich finde es recht tragisch, wenn Menschen glauben, dass sie ihr Bedürfnis nach Liebe und Gemeinschaft nur über biologische Nachkommenschaft herstellen können und damit ziemlich gewaltsame Strukturen etablieren. Leihmutterschaft und Eizellenspende sind zu einem brutalen Millionengeschäft geworden. In der dritten Welt wird die ökonomische Not ausgebeutet, in den westlichen Ländern unterziehen sich Frauen quälenden Hormonbehandlungen und medizinischen Eingriffen.

… weil sie sich nun einmal sehnlichst ein Kind wünschen.

Diehl: Das kritisiere ich nicht, auch nicht die Technologie an sich. Ich würde nur die Frage stellen: Warum müssen es die eigenen Gene sein? Was ist daran so wichtig?

Imdahl: Der medizinische Fortschritt führt dazu, dass wir uns nicht mehr damit abfinden müssen, wie wir geboren sind – ob unsere Nase schief ist oder unsere Fruchtbarkeit eingeschränkt. Was die Ausbeutung angeht, bin ich ganz bei Ihnen, Frau Diehl. Aber die neuen Technologien schaffen auch Freiheitsgrade. Junge Frauen sagen: Wenn der Traumprinz nicht kommt, dann lasse ich meine Eizellen einfrieren. Oder ich fahre nach Holland und lasse mich künstlich befruchten. Und parallel suche ich mir online jede Woche einen neuen Sexpartner.

Rödder: Im Grunde sehen wir auch hier, wie sich die moderne Gesellschaft immer weiter ausdifferenziert: Sexualität und Reproduktion werden voneinander abgekoppelt. In die eine Richtung gibt es das schon lange, durch sichere Schwangerschaftsverhütung. Dass umgekehrt Fortpflanzung ohne Sexualität möglich ist, das ist historisch neu.

Ist das ein Gewinn oder eine Bedrohung?

 Rödder: Das lässt sich nicht seriös beantworten. Allerdings: Häufig stellt sich erst mit großer Verzögerung heraus, welche Folgen Entwicklungen haben. Denken Sie daran, dass Teile der Grünen in den Achtzigern Sex mit Minderjährigen legalisieren wollten….

Imdahl: Die katholische Kirche hat es leider Jahrhunderte lang im Verborgenen gemacht!

Rödder: Schlimm genug. Ich frage mich dennoch, von welchen aktuellen Entwicklungen Psychologen in 25 Jahren sagen werden: Was habt ihr den Kindern angetan? Beim Thema Kindeswohl bin ich besonders konservativ. Auch, wenn es um die „Ehe für alle“ geht: So lange erwachsene Partner sich dazu entscheiden, kein Einwand, wenn Kinder involviert sind, wäre ich viel vorsichtiger.

Schwierige psychische Umstände gibt es doch gerade auch in der klassischen Kernfamilie – bis zu Gewalt und Missbrauch. Während nach Studienlage Kinder in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften geborgen aufwachsen können.

Rödder: Alles richtig. Ich habe ja nicht behauptet, man müsste alles beim Alten belassen. Ich würde eine solche Gesetzesentscheidung nur nicht übers Knie brechen.

Diehl: Mit diesem Argument kann man jede progressive Idee im Keim ersticken. Das wichtigste ist doch, dass Kinder stabile Bezugspersonen haben. Warum nicht zwei Männer, zwei Frauen oder eben mehrere Erwachsene? Mir hat auf einer Lesung einmal eine ältere Frau erzählt, dass sie auf dem Bauernhof aufgewachsen ist und ihre Kindheit sehr schön empfand, weil es viele verschiedene Leute gab, die sich um sie kümmerten. Die Isolierung in der Kleinfamilie empfand sie als historischen Unfall.

Blicken wir noch nach vorne: Wie sehen Familien in 20 Jahren aus? Und welchen Anteil haben die Themen unserer Gegenwart daran?

Imdahl: Digitalisierung verändert, wie Menschen zusammen finden. Man spricht ja heute schon von Tinder-Babys und Tinder-Hochzeiten, nach dem Namen einer Dating-App. Das ist ähnlich beim Thema medizinische Eingriffe, das wird so schnell voranschreiten, dass Gesetzgebung, gesellschaftliche Regeln und Normen kaum hinterher kommen. Neue Technologien sind ein mächtiger Treiber für gesellschaftliche Veränderungen.

Ein weiterer Aspekt: Wird sich Deutschland verändern, wenn Migranten ihre eigenen Vorstellungen von Familie und Geschlechterbeziehungen mitbringen?

Imdahl: Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Ich bin meilenweit von AfD-Positionen entfernt und sehe das individuelle Leid von Flüchtlingen. Ich denke aber schon, dass das Familienbild einiger weniger uns gesellschaftlich zurückwerfen kann. Ich möchte hier keine Männer haben, die Frauen begrabschen, schlagen, ihnen das Rad- und Autofahren verbieten oder ihren achtjährigen Töchtern ein Kopftuch vorschreiben.

Diehl: Ich will diese Ängste nicht wegwischen, Frau Imdahl. Aber liegt das nicht auch am schweren Stand der Migranten? Wird die vermeintliche Ehre der Frau nicht auch deshalb so hochgehalten, weil sie das Einzige ist, an dem sie sozialen Status darstellen können? Ich finde die AfD bedrohlicher für meine Freiheit als Frau.

Rödder: Wir erleben eine zweifache Doppelmoral: Auf der einen Seite geben sich Menschen plötzlich als Frauenrechtler, die damit nur ihre eigene Islamophobie ummänteln. Auf der anderen sind jene, die einer biodeutschen Vollzeitmutter ihr Lebensmodell absprechen, aber bei einer vollverschleierten, nicht erwerbstätigen Muslima sagen: Das ist kulturelle Diversität. Da stimme ich Frau Imdahl zu, die Schwierigkeiten würde ich nicht unterschätzen. Als Historiker ist mir eines wichtig: Offenheit im Blick auf die Zukunft. Sowohl für Risiken als auch für Chancen.

Und die wären?

Rödder: Meine Prognose ist: Punkt a, die Zukunft wird anders als die Gegenwart. Punkt b, sie wird auch anders, als wir sie uns vorstellen. Weil zu allen Zeiten unvorhergesehene Ereignisse den Gang der Geschichte verändern. Aber eines wird wohl nicht verschwinden: dass Menschen, in welcher Form auch immer, gemeinsam leben und füreinander einstehen. Familie wandelt sich permanent ­– und bleibt.

 

Mehrere kurze Videoclips der Teilnehmer gibt’s in der Online-Version des Magazins hier zu sehen.

 

 

 

 

 

Tanzen auf Rädern

Conny Runge (40) trägt gern neonfarbene Shirts, hat eine imposante Tattoo-Sammlung und arbeitet neben ihrem Job auch als Zumba-Trainerin. War da noch was? Ach ja: Sie sitzt dabei im Rollstuhl. Das hat mich beeindruckt und ich habe mich gefreut, dass ich ein Porträt über sie für die BARBARA schreiben durfte – veröffentlicht im Mai 2018

Es gibt Orte, an denen ist man sofort per du. Dort, wo das Leben zu leicht ist für Förmlichkeit: Ferienclub, Fitnessstudio. Oder dort, wo es zu schwer ist, um Distanz zu wahren: Selbsthilfegruppe, Notaufnahme. In der Zumba-Stunde der Rehaklinik „Godeshöhe“ in Bonn gilt beides.

Ein Donnerstag im Frühling, 11.15 Uhr. „Geht’s euch allen gut?“, ruft Trainerin Conny Runge. Blonder Zopf zum neonfarbenen Shirt, breites Lächeln, leicht sächsischer Zungenschlag. Der Hallenboden ist grün, durch die Fenster dringt blasses Licht ins Souterrain. Salsa-Bläsersätze plärren aus dem Lautsprecher. Hände bewegen sich durch die Luft, mal zaghaft, mal gekonnt. Schultern rotieren rhythmisch. Als könnten die Teilnehmer jeden Moment aufspringen und tanzen. Aber das wird nicht geschehen. Die fünf Männer und die drei Frauen werden ihre Beine wohl nie wieder bewegen können. Sie sitzen im Rollstuhl. Genau wie ihre Trainerin.

„Man behauptet ja gern mal unbedacht: Wenn ich querschnittsgelähmt wäre, ich würde mich umbringen.“ Conny schüttelt amüsiert den Kopf, wenn sie an ihr eigenes, früheres Ich denkt. 19 war sie, schwang im Karnevalsverein ihrer Lausitzer Heimat als „Funkemariechen“ die Beine, studierte Sport, war zum ersten Mal ernsthaft verliebt. Ein Leben in Bewegung, bis zur Vollbremsung: eine Party, das Fenster offen, sie auf dem Sims, ein Bekannter, der sie erschreckte, so dass sie das Gleichgewicht verlor. Vier Meter tiefer prallte sie mit dem Rückgrat auf einen Betonpfeiler, in Höhe des siebten Brustwirbels. Als ihre Freunde gelaufen kamen, bat sie: Nehmt mal meine Beine auf den Boden, die stehen so komisch hoch. Die anderen sahen sie entsetzt an: Conny, die sind doch unten! „Da wusste ich instinktiv: Ich werde nie wieder laufen.“

Aber, ernsthaft: sich umbringen? Keine Frage für die Tochter eines Sportlehrerpaars. „Ich hab von meinem Vater den Kampfgeist, von meiner Mutter das Gefühlvolle. Ich wollte einfach nur leben.“ Auch wenn sie sich von vielem verabschieden musste: bauchfreie Shirts, 15 Kilo an Beinmuskulatur, sogar von ihrer ersten großen Liebe: „Ich habe ihn regelrecht weggestoßen, habe gesagt: Schau mich an, was willst du noch mit mir?“ Die Grenzen ihrer Welt verliefen jetzt anders. Zwischen „Rollis“ und „Fußgängern“. Zwischen vorher und nachher.

Nun steht wieder alles auf Anfang. Conny sattelt um auf ein Maschinenbaustudium, besorgt sich ein Auto mit Handgas, lässt sich von ihren Freunden zu Party und Picknick schieben, trainiert ihr neues Leben, als wär’s eine olympische Disziplin. Und noch etwas treibt sie an: der Sport. Sie fährt einen Liegebike-Marathon auf Lanzarote mit, singt beim Kundalini-Yoga Mantras, spielt Basketball. Spaß macht ihr vieles, ganz das Richtige ist es nie. Das Bike braucht zu viel Platz, vom Basketball tun ihr Schultern und Handgelenk weh. Yoga? Nichts für eine quirlige Frau, die spricht und gestikuliert, als käme sie aus Palermo statt aus Sachsen. Dann freundet sie sich mit der Physiotherapeutin Jacqueline an, die Zumba-Kurse für Neurologie-Patienten gibt. Und Conny dazu einlädt. Bämm – Volltreffer. „Die Musik, die Lebensfreude, und dann noch ein Sport, den man immer und überall machen kann – ich war sofort angefixt. Sofort habe ich mir eigene Choreographien ausgedacht, für die man nur Arme und Schultern braucht.“

Es bleibt nicht beim Mitmachen. Conny möchte selbst Kurse leiten, neben ihrem Job bei einer Firma für Rehatechnik. Aber in Deutschland hat alles seine Ordnung, sogar Fitness-Funsport. Wer als Zumba-Trainerin arbeiten will, braucht einen Schein. Und so steht sie an einem Spätsommertag vor zwei Jahren mit ihrem Rollstuhl vor einer Trainingshalle. Davor ein paar Stufen, aber keine Rampe. „Ich da unten, und 40 Fußgänger, die auf mich herunterschauten. Alle die gleiche Frage im Blick: Was macht die hier? Das habe ich mich in dem Moment auch gefragt.“ Aber wenn man Conny Runge heißt, scheitert man nicht so schnell. Schon gar nicht an einer Treppe. Zwei Tage darauf hat sie ihr Zertifikat, kurz darauf veranstaltet sie mit Freundin Jacqueline die erste Zumba-Inklusions-Party Deutschlands: Tanzschritte für die Fußgänger, Arm-Choreographie für die Rollifahrer, brasilianische Cocktails und Käsebällchen für alle.

11.45 Uhr. Conny ballt die Fäuste, boxt im Rhythmus der Musik in die Luft: „Ja, lasst es raus! Gegen alles, das wütend macht!“ Dass oft die alltäglichsten Wünsche unerfüllbar sind, zum Beispiel. Ein Tag ohne Blasenkatheter, ein Nachmittag am Strand, das Handtuch ausbreiten, in die Wellen laufen. Wenn sie den linken Arm hoch wirft, sieht man unter ihrer Achsel ein Vogelkopf-Tattoo. Ein Phönix, der aus der Asche steil nach oben steigt. Den hat eine andere Freundin entworfen, Grafikdesignerin, ebenfalls Rollstuhlfahrerin. Boxt Conny mit rechts, entblößt sie dabei das Bild eines Speers aus dem Film „Avatar“. Die Heldengeschichte eines gelähmten Ex-Soldaten, der in einer Parallelwelt Abenteuer besteht. Starke Message, starke Bilder – und ganz schön sexy. Das findet auch ihr Freund Rainer. Mit ihm macht sie Witze über ihre „Schlenkerbeine“, ihre „Trommelstöcke“, denn sie weiß: Er liebt sie von Kopf bis Fuß. Als ganze Frau. Kann sie Sex genießen? Und wie: „Nacken, Hals, Brust, der ganze Oberkörper wird zur erogenen Zone. Und ist nicht das wichtigste Körperteil dabei sowieso der Kopf?“

Auf die „Godeshöhe“ kam Conny Runge ursprünglich als Patientin, ein paar Monate ist das her. Und sie ging als Trainerin. Während eines Kur-Aufenthaltes brachte sie den Therapeuten ihre Lieblings-Fitness näher. Genau das, was die suchten: Neue, coole Sportangebote, die nicht nur den Körper, sondern auch der Seele in Schwung bringen. Bewegung ist wichtig für die Reha-Patienten, weil sie den Kreislauf und die Verdauung anregt, Druckstellen auf der Haut vorbeugt, Verspannungen abbaut. Vor allem aber ist sie das beste Anti-Depressivum. Chemiefrei und ohne Nebenwirkungen. Das kennen Gesunde ja auch. Dem Liebeskummer davon joggen, den Job-Frust an einem Boxsack auslassen. „Beim Zumba ist es manchmal für Momente, als würde ich meine Beine wieder spüren. Ich merke richtig die Nervenimpulse“, erklärt Conny. Wenn fehlende Gliedmaßen weh zu tun scheinen, spricht man von Phantomschmerz – vielleicht gibt es ja auch das Gegenteil. Phantomfreude.

Krankheit ist ein großer Gleichmacher, Sport auch. Die 40-something-Frau mit den pinken Schnürsenkeln, die junge Muslima mit Kopftuch, der ältere Herr mit Seidenschal und pastellfarbenem V-Ausschnitt-Pulli – Körper, die sich gemeinsam zurück ins Leben kämpfen, mal mehr, mal weniger geschickt. Da spielt es keine Rolle, was einer verdient, an was einer glaubt, was auf seiner Visitenkarte steht. Gleichzeitig empfindet Conny ihr Schicksal als etwas Besonderes. Als Aufgabe, aber auch als Chance. „Ohne meinen Unfall hätte ich weiter Sport studiert und wäre jetzt vielleicht eine von vielen. So bin ich die Frau, die den Rollstuhl-Zumba nach Deutschland gebracht hat.“ Und das ist ja erst der Anfang: Warum nicht auch Stunden für Kinder und Jugendliche anbieten? Trainer im Ausland ausbilden?

12 Uhr, Cooldown. „Das war besser als acht Wochen Reha“, sagt eine Frau mit graublonden Strähnen. „What a wonderful world“ , steht auf ihrem T-Shirt. Aus den Boxen klingen noch immer fröhliche Posaunen, Trompeten und Bongos. Aber wenn man auf den spanischen Text hört, sind die Worte tieftraurig: „Ach, lass mich diesen Schmerz vergessen, der mich zum Weinen bringt!“ Das Leichte und das Schwere – sie passen nicht nur in der Musik gut zusammen. Sondern auch im Leben.

Ich muss gar nichts!

„Ich muss gar nichts“ hieß das Dossier, das die BRIGITTE im Juli 2018 veröffentlichte. Das fand ich gut, da hatte ich auch etwas beizutragen: Warum bei einem Rennen mitlaufen, das man ohnehin nicht gewinnen kann? Hier ist mein Beitrag, den die BRIGITTE in einer leicht gekürzten Version veröffentlichte.

Mein Gesicht kann etwas Neues. Letzte Woche habe ich es entdeckt, vor dem Badezimmerspiegel im Büro: Wenn ich lache, wirft die Haut unter meiner Nase eine Querfalte. Die war da vorher nicht. Mein Mann amüsiert sich: Schau lieber zu Hause in den Spiegel, der ist schlechter beleuchtet! Dabei macht die Falte mich eher neugierig: Körper, alter Freund, was hast du noch für Tricks auf Lager? Nächstes Jahr werde ich 50, da feiern mein Körper und ich goldene Hochzeit. Eine Zweckverbindung – wir können nun mal nicht ohne einander leben -, aber liebevoller denn je. Das ist eine schlechte Nachricht für den Fachverband der ästhetisch-plastischen-Chirurgie und für die Entwickler von „zehn Kilo in drei Tagen“-Apps. Für mich ist es eine gute.

Ich war mal jünger, dünner und faltenfreier, klar. Aber ausgerechnet damals war das anders. Da blickte ich in den Spiegel, als stände ich vor dem Türsteher eines hippen Clubs. Bin ich schön? Mein innerer Berghain-Mannes rollte ironisch mit den Augen: Ernsthaft? Du glaubst doch nicht, dass ich dich hier reinlasse! Ich dachte damals, ich muss mich nur genügend bemühen, dann geht irgendwann die Tür auf. Und dahinter spielt das wahre Leben. Weil schönere Menschen das Anrecht haben auf größere Gefühle, Leidenschaft, Drama. Weil sie sogar dann besser aussehen, wenn sie am Küchentisch weinen. Dafür strampelte ich mich ab, in jeder Hinsicht: mit Sport, der mir keinen Spaß machte, Fastenkuren, die mich langsam im Kopf machten, Frisuren, für die ich morgens eine Stunde früher aufstehen musste. Das fraß so viel Energie, dass ich ansonsten auf kleinerer Flamme kochte: ein Leben mit handlichen Gefühlen, erreichbaren Träumen, lauwarmen Beziehungen.

Aber Beauty ist ein Biest, Schönheit ist relativ. Egal wie man sich bemüht, irgendwo ist immer jemand mit einem strafferen Bauch und längeren Beinen, mit mehr Haar und größeren Augen. Daneben ich: Mittelgroß, mittelschlank, mittelblond. Hübscher Mund, hässliche Füße. So weit, so normal. Keine Frau, die Blicke auf sich zieht, wenn sie den Raum betritt. Ein Rennen, das ich nicht gewinnen konnte. Irgendwann dachte ich mir: Was für eine gigantische Verschwendung. Ich hatte vergeblich versucht, mich fremden Bildern anzupassen. Von da an machte ich mir die Bilder passend. Ließ meine Haare an der Luft trocknen, verlangte von Klamotten, dass sie mich auch in Größe 40/42 gut aussehen ließen, ging nur noch zum Sport, wenn ich Lust hatte. Sah meinen Körper nicht mehr als ewigen Low-Performer, sondern als prima Wohnung für mich und meine Gedanken. Plötzlich, zack, ging die Tür auf und machte Platz für das, was mir wichtig war. Bücher schreiben, eine Zeitlang im Ausland leben, große Liebesgeschichten, eine eigene Familie. Mein Schminktäschchen behielt ich. Aber das angestrengte Schaulaufen anderer betrachtete ich künftig, wie ich heute manchmal Model-Castingshows sehe: als seltsames Spiel, bei dem ich weder mitspielen muss noch will.

Manchmal kommt das Gute, wenn man aufhört, zu warten. Pickel bis Mitte 20, dafür vergleichsweise glatte Gesichtshaut mit Ende 40. Feine Haare, die früher nicht für Big Hair-Frisuren taugten, aber heute noch kaum grau sind. Danke, nettes Geschenk, aber wäre nicht nötig gewesen. Ich bin ja raus aus dem Rennen. Dagegen beobachte ich, wie Freundinnen und Kolleginnen an die Startblöcke gehen: plötzlich nur noch Low-Carb oder Clean Eating, antrainieren gegen die Schwerkraft, oder sogar anoperieren. Ist ja heute alles minimalinvasiv und unblutig: Fadenlifting, Mikrodermabrasion, Mikroneedling. Kann man machen. Tut mir aber Leid. Dieser verzweifelte Versuch, an einem Oldtimer herumzuschrauben, bis er fast aussieht wie ein Sportflitzer. Aber eben nur fast. Letztlich sind wir doch alle gleich, egal, welches Los uns die Gen-Lotterie zuteilt, ob wir eher früher oder eher später die Nase vorn haben: Wir enden als alte Frauen, mit dünnem Haar und hängender Haut. Das Rennen kann keine gewinnen. Irgendwann ist die längste Partynacht vorbei und der Club zu. Wäre es nicht schön, wenn wir dann in der Morgensonne lachend am Kantstein sitzen, Nasenfalten vergleichen und dann so richtig einen losmachen? Platz dafür ist ja genug.